Vorbereiten auf den Winter

Wenn der Winter kommt, wird es kühl. Obwohl es auch manchmal kühl ist, wenn der Winter nicht vor der Tür steht, ist die kühle Luft doch eines der Markenzeichen des Winters, vorausgesetzt, es handelt sich nicht um einen milden Winter, der dem vorzeitigen Frühling ähnelt. Dann mag es durchaus ebenfalls kühl sein, man spricht dann aber doch besser von Milde. In der Milde strickt man Pullover, die man in der Kühle trägt. Die Frage, die uns hier beschäftigen soll, ist diese: Wann wäscht man diese Dinger? Der Sommer würde sich am Besten dafür eignen, denn da strickt man nicht und trägt auch nicht. Nun kann man aber nicht den ganzen Sommer lang Pullover waschen, und sie im Winter dann tragen. Es müsste mehr Abwechslung zwischen den Momenten des Waschens und des Tragens geben. Ich habe herausgefunden, dass sich ein zweites Exemplar als Lösung anbietet.

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    Turmzimmer zu Karstenfels (Re-up mit Bild)

    Ich muß erneut eingeschlafen sein. So viele Schlafe, da mag ein Schlaf getrost kein Schlaf sein. Schlaff natürlich wird der Körper, daher kommt’s; aufstehen, erschlaffen und so fort. Ich stecke im Hotelzimmer meiner Chimären fest, das vorzeitige Erwachen betrifft nur meine doppelte Existenz. Jede der beiden will die Oberhand gewinnen. Das könnte sich als wichtig erweisen, wenn es einmal darum geht, wer ich bin, wer ich heute bin, wer ich gestern war. Der Ausschluß anderer Existenzen ist der konsequente Wegfall vieler alternativer Möglichkeiten, aber die Existenz selbst ist so schwammig, daß jedes Philosophieren darüber nur ein weiteres Spiel bleibt, ein Zeitvertreib; jeder Gedanke an ein anderes Leben ein Schatten, der nie wirklich da ist, aber auch niemals ganz verschwunden; mauvaise foi.

    Unter verklebten Lidern befindet sich noch ein Rest der wirklichen Umgebung, eine dampfende Laterne, von Faltern umschwärmt. Da ist keine Erinnerung, nur eine trockene Kehle. Körperfunktionen halten inne, der Puls ist ein kleinwüchsiges Klopfen, die Säfte sind erstarrt, tief ins Gewebe zurückgezogen; die letzten Inseln lauernder Funktionslosigkeit. Bilder kehren mit dem Blut zurück zum Herzen, reisen mit Transferrin im Eisenbahnwaggon, Schubtore geschlossen, damit während der Langsamfahrt niemand aufspringen kann, Rucksack in die Ecke, Guitarre raus (ein Hobo!). Nichts gegen den King Of The Delta Blues Singers oder Steve Earle, wir aber reden hier von Gedanken, von Geschehnissen. Das ist kein Swamp-Soundtrack, das ist eine Geige, die sich Ritzen sucht. Da fällt durch, was sie ausscheidet, klagende, kratzende Diarrhoe.

    Das Licht spielt, wie es von jeher mit der Welt spielte. Planetenstaub, angebumst von koronalen Massenauswürfen, Tiktaalik rosea, der dann Affe wurde. Bettzeug, das nach barocken Liebeslagern muffelt. Die Zunge der Zeit hat hier mit fetten Zotten den frischen Geschmack in den Rachen befördert. Der Eindruck ist nur noch ein finsteres, oxidierendes Relief. Wo bin ich? Ich will nur meine Stimme hören, die mir der Katzenjammer zugesteht. Es gibt Märchen, da antwortet der Teekessel überschwappend der magischen Brühe : »Rauss mitt diiir, bevor man die Prinsesssin skalpiert!«

    Und ein Pferd tritt ein (Ah! es ist ein Friesenhengst, mit Hafer in den Ganaschen!), der junge Held von burlesker, ganymed’scher Schönheit tränkt seinen Körper im jetzt golden dahinfunkelnden Sonnenschein, der durch die Risse der garstigen Schwiegermutterscheiben taumelt. Dann ein recht merkwürdiger Name, sagen wir, Behroka, sagen wir, Behroka Espenlauba, die zitternd mit noch blonder Mähne im Turmzimmer zu Karstenfels ganz oben unterm Dach dem Einen harrt, der eine sehr, sehr durstige Kehle hat. Das Märchen beschreibt das runde, zugige, und von außen abgeriegelte Zimmer mit ein, zwei romantischen Paradesätzen, verschweigt die Bettpfanne, den stinkenden Essenstrog, erwähnt allerdings die Unmöglichkeit, das Gemäuer zu erklimmen. Viele haben’s schon versucht, hört man da, alle sind sie schauerlich deformiert und zerbreit an ihrem Leib ins Geisterreich gefahren.

  • Etwas schleicht in Schleifen

    Es kann verbunden werden, das Geschehen nicht verkleistert, sondern
    In einem Rutsch auf das Ziel zugesteuert, das mag im Dunkel liegen,
    Mag sich sogar dem Einsatz entziehen, hat aber eine große Geltung
    Wenn es darum geht, zu bleiben wie man ist. Die Bewegung treibt sich
    Um das fokussierte Etwas herum, schleicht in Schleifen davon, kehrt
    Bei mangelndem Licht zurück, um etwas Körperloses zu sagen.

  • Edith

    Ich kann nicht sagen, wie viele Hände ins große Spargelfeld meiner
    zweiten Mutter gesickert sind, und ob sie dort noch liegen.
    Ich erinnere nur das:

    Stets zur Mittagszeit refelten sich feinflechtig, an vier schwebenden
    Stühlen aufgespannt, zwei rote Beine auf.
    Ich blieb, um zu sehen, wie sie sich verflüchtigten.
    Konvex blieb um mich herum der Wald als große Lungenblase
    berstend gegen die Ortschaft stehen.
    Es dauerte bis in den Abend hinein bis die Spannung seiner
    Oberfläche einen Riss bekam, und er mir so sein dunkles Nadelmeer vor Augen spülte.

    Es war wie eine gewaltige Traube, die barst.
    Ich fand mich unter den Rücken der Tannen wieder.
    Von Weitem rief Edith nach mir.
    Ich lief zu ihr.
    Sie nahm mich an ihre rechte Hand, einen schwarzen
    Eimer, gefüllt mit Spargeln, in der linken.
    Mich mit ihren durch die dickwandigen Gläser, die sie trug, stark
    vergrößerten Augen anschauend, nahm sie mich mit sich.

  • Mistsudel

    Neben den Bachrunsen biegen sich bucklig die Zweige der Lärchen mit ihrem Säbelwuchs. Sie bedecken mit ihrer Dachung das Blattgefieder, vernähen anhand ihrer grünen Nadeln den blauen Himmel mit dem Ende ihres dreckigen Saums. Und der Ort erscheint mir wie mit Schritten abgemessen, zurückgelassen für ein anderes Ziel vor Ewigkeiten. Für das Ziel, zu bleiben. Endet der Horizont, weicht man aus in ein nächtliches Dasein, beendet den Mistsudel der Realität mit der einfachen Gabe, sich ausknipsen zu können.

  • Ich bin die Nacht: 6 Schnackelhupfer

    Der Jüngere hatte nicht nur physisch zu Helmut aufgesehen, langhaarig, schmutzig, es hatte Roland auch nicht sehr bekümmert, dass Helmut, das Denk- und Sprachrohr, gern ein anderes Rohr in seinen Mund steckte, während Roland ihm Äste in sein Zweitloch, wie er es nannte, stecken sollte, Zweigerl am Astl, Astl am Ast; Helmut sah dabei wie ein Beamter auf seine Armbanduhr, sachliche, aufgeräumte Geräusche von sich gebend, ein Experiment im Schatten der Jugend, man nimmt, was man bekommen kann. Aus Meidlin machten sie sich nichts, prahlten sie sich gegenseitig vor (auch wenn das nicht stimmte und nur ihr Ungeschick und Unverständnis dem anderen Geschlecht gegenüber kaschieren sollte). Was waren das für Wesen?

    »Die sind nicht zu verstehen, und zu allem Unglück beginnen sie, schrecklich zu bluten, wenn man ihnen etwas zwischen den Beinen herumfummelt, wo es nichts sonst zu finden gibt. Scharm-Lippen, versteht du?«

    Roland hatte das noch nicht gesehen, aber er vertraute Helmut, wenn er von seinen jüngeren Schwestern sprach, wie ihnen ständig die Wunde wieder aufriss und sogar nachts das Bett mit Blut tränkte, die sich dann einen Lappen in die Unterhose legten, oder eine von Luckis alten Baumwollwindeln. Ihre Väter würden sich der Sache annehmen, sagte er – und meinte damit auch Rolands alten Meister, der sich häufig bei den Finners herumtrieb, um sich die Sache mit dem Blut anzusehen. Einmal hatte Roland Helmut gefragt, ob er das nicht auch einmal sehen dürfe, aber Helmut ließ gynäkophobisch keinen Zweifel daran, dass er sich vor seinen Schwestern ekelte und er unmöglich mit jemandem befreundet sein konnte, der sich dafür ernsthaft interessierte.

    Es war einmal ein guter Tag, um baden zu gehen, die Sonne brannte das Blau aus dem Himmel heraus, grillte die wenigen Schäfchen, die da oben herumlungerten und sich nicht von der Stelle bewegten. Auf dem Feld hinter der Fabrik, wo die ruinenhaften und gespenstischen Wasserbassins mit all den ertrunkenen Ratten standen, ratterte der Unimog des Schäfers Herold (seinen wirklichen Namen hörte man nie) über die trockenen Stoppeln und wendete das Heu, dessen Geruch wie Getreidedunst über Wendenschuchs Mühle lag. Die Vögel kreischten und tschilpten heute besonders laut. Die Nacht schien keinen Einfluss auf diese gleißend hellen Sommertage zu haben, an denen selbst die Schatten wie helle Oasen wirkten. Aber sie war da. Sie beobachtete. Sie spähte aus Kellern, hockte in versteckten Winkeln der Dachkammern, der Brutstätte von Spinnen und Käfern herum, lauernd und aufmerksam.

    Adam stand am alten Apfelbaum, den Unimog, in dem er oft mit über die Felder fuhr, hatte er verpasst, als Roland, Helmut und Lucki hinter dem langgezogenen, leichengelben Hausklotz hervorkamen.

    »Kommst du mit?«, rief Helmut schon von weitem. (Es wäre ein Leichtes gewesen, die Stimme als lauernd zu erkennen, nur: wie will man angemessen reagieren, wenn der ganze Kosmos speit?)

    Der Badeweiher: eigentlich kein zum Plantschen angelegter Tümpel, sondern einer der drei Fischteiche der Kaländers, ein richtiges Biotop mit meterhohem Schlamm, Libellen, die unentwegt über die Spiegelfläche propellerten, mit Fröschen und natürlich mit schleimigen Fischen: Karpfen und Hechte. Man musste sich überwinden, vom seichten Rand aus ins Wasser zu gleiten, loste die zu opfernde Extremität aus, wedelte Entengrütze und Wasserläufer plantschend hinfort, aber war man erst einmal drin, war das Wasser schlammig frisch und ölig angenehm. Richtig warm wurde es allerdings nicht einmal im Hochsommer. Die anderen Teiche kamen erst gar nicht in Frage. Man hätte sich selbst bis zu den Knien (und noch weiter) im Morast versenkt, bevor man dem Wasser auch nur nahe gekommen wäre. Außerdem lauerten Hände im Schlamm, die einen nicht mehr los ließen. Grünblaue, aufgedunsene Finger mit langen Krallen. Der Schlamm war ja überhaupt die eigentliche Bestie, ein Torwächter zu noch tieferen Regionen. Wer wusste schon, was sich wirklich in der Erde abspielte? Nichts kam hier ohne Geschichten aus. Die einen nannten das Wesen, das hier herumschlich, und dem die zahlreichen Schlammhände am Grund der Fischteiche gehörten, den ›Hägelmoo‹ oder den ›Nachtkrapp‹. Das war die mystische Variante, die auf den Geschichten vom Schwarzen Mann beruhte, die den Kindern erzählt wurden, wenn sie nicht schlafen wollten. Ganz abgesehen davon, dass man im Turnunterricht ein gleichnamiges Spiel spielte. Ein wildes Durcheinander, bei dem manche sich in der Menge versteckten, um nicht erwischt zu werden. Es gab jene, die den Schwarzen Mann neckten, ihn mit Grimassen aufforderten, sich an ihnen zu versuchen. War der Fänger ein guter Fänger, ließ er sich von nichts und niemandem beeindrucken, hatte sich sein Ziel schon bevor das Spiel begann ausgesucht, und jagte nur den Einen, egal, ob er sich versteckte oder ihn herausfordern wollte. Nur der Eine war wichtig – und den würde er hetzten, bis er ihn hatte.

    Die andere Geschichte nannte sich die vom ›Schnackelhupfer‹, und die entstammte keiner archaischen Resteverwertung. Vielleicht war sie einst wesentlich harmloser als das Märchen vom Hägelmoo gewesen, zumindest aber war sie realer. Und sie spielte um den Badeweiher herum. Nackt, nur mit Gummistiefeln an den weißen dürren Beinen, hieß es, tanzte dort ein alter, ekelhafter Schmerbauch herum, sobald sich Kinder sehen ließen, knetete seinen riesengroßen Sack und schlenkerte sein Gemächt durch die Luft. Er meckerte wie ein Ziegenbock und roch wie verdorbene saure Sahne. Aber wirklich gesehen hatte ihn niemand – und das war das Schlimmste an der Geschichte. Es blieb der eigenen Phantasie überlassen, was aus ihm geworden war und wo er jetzt wohl stecken mochte.