Karlsson vom Dach

Astrid Lindgren ist zweifellos eine der größten Kinderbuchautorinnen aller Zeiten und nach ihrem Tod Opfer einer neuen Sprachmoral geworden. Aber darum soll es heute nicht gehen.

Sprechen wir lieber über eine ihrer Hauptfiguren, die vielleicht nicht so populär ist wie Pippi Langstrumpf, aber nicht weniger geheimnisvoll: Karlsson. Dabei handelt es sich um eine Trilogie von Kinderbüchern der schwedischen Autorin Astrid Lindgren. (Karlsson auf dem Dach, Karlsson fliegt wieder und Der beste Karlsson der Welt), deren Hauptfigur „Lillebror“ ist, das jüngste von drei Kindern einer ganz normalen Familie, die in einer Wohnung in Stockholm lebt. Seine Familie wird immer wieder als völlig gewöhnlich beschrieben – Mutter und Vater arbeiten beide, die große Schwester Betty ist in alle Klischees der Pubertät verstrickt, der große Bruder Birger spielt Gitarre und ist schlecht in der Schule, und Lillebror, der ein paar Jahre jünger ist als seine Geschwister, verbringt viel Zeit allein… zumindest bis er eines Tages einen ganz besonderen Freund findet: den titelgebenden Karlsson auf dem Dach.

Der unsichtbare Dicke

Karlsson ist ein kleiner, dicker und sehr selbstbewusster „Mann in den besten Jahren“, der in einem Häuschen auf dem Dach des Wohnhauses lebt. Er kommt und geht, wie es ihm gefällt, dank eines Propellers auf seinem Rücken, der durch einen Knopf auf seinem Bauch betätigt wird und ihm die Fähigkeit zu fliegen verleiht, und er ist oft mehr als glücklich, aufzutauchen, wenn Lillebror sich einsam fühlt und einen Freund braucht – obwohl er nicht immer ein einfacher Freund ist, mit seiner oft egoistischen und egozentrischen Einstellung und seiner Tendenz, Ärger zu machen und dann wegzufliegen, um anderen die Schuld zu geben. Dennoch hat er viel Charme und bringt viel Spaß und Spannung in Lillebrors etwas eintöniges Leben, auch wenn Lillebrors Familie während des größten Teils des ersten Buches glaubt, dass Karlsson nur ein imaginärer Freund ist, den sich Lillebror als bequemen Sündenbock ausgedacht hat.

Denn Lillebror wünscht sich nichts sehnlicher als einen Hund, aber seine Eltern sind von dieser Idee nicht begeistert. Am Ende des ersten Buches geben sie jedoch nach, auch weil sie glauben, dass Lillebror mit einem Hund nicht mehr ständig Geschichten über Karlsson erfinden wird. Erst als Lillebror seinen neuen Hund bekommt, lernt die Familie Karlsson richtig kennen. Der Hund bleibt auch in den beiden folgenden Büchern Lillebrors treues Haustier, auch wenn er nie der Ersatz für Karlsson wird, den sich Lillebrors Eltern erhofft hatten – obwohl er und Karlsson sich meistens gut verstehen.

Lillebror und Karlsson müssen sich aber nicht nur mit ungläubigen Eltern herumschlagen, sondern im Laufe der Bücher auch mit einer strengen und hysterischen Haushälterin namens Fräulein Bock, Lillebrors altem, schrulligen Onkel Julius, zwei Einbrechern namens Fille und Rulle, die zu immer wiederkehrenden Gegenspielern werden, und sogar mit der Gefahr der Entdeckung und Entlarvung durch die Öffentlichkeit, als die Zeitungen Bilder eines fliegenden Karlsson abzudrucken beginnen und spekulieren, ob er ein UFO oder ein geheimer ausländischer Spionagesatellit ist.

Herr Lilienstengel wird missmutig

Karlsson könnte als eine weitere Fantasiegestalt – ähnlich wie Pippi Langstrumpf – auch so hingenommen werden, aber es gibt Gerüchte darüber, dass er gar kein Mensch ist. Es wäre falsch zu sagen, dass Karlsson keine Moral hat, es ist nur so, dass sich sein Sinn für Moral meistens auf das konzentriert, was ihm gerade nützt. Die Figur selbst ist eine seltsame Weiterentwicklung von Herrn Lijonkvast (Lilienstengel), ebenfalls ein kleiner Mann, der fliegen konnte und einen kleinen Jungen auf Abenteuer mitnahm – allerdings nur in der Stunde der Dämmerung, wenn die Welt anders war. Lindgren hat beschrieben, wie sie einige Jahre später zu dieser Figur zurückkehrte, nur um festzustellen, dass er im Laufe der Jahre seinen „perfekten Freund und Gefährten“ verloren hatte und sich in einen mürrischen, egoistischen Zeitgenossen verwandelt hatte – die Figur, die also dann zu Karlsson auf dem Dach wurde.

Ist Karlsson überhaupt ein Mensch?

Es gibt die Theorie, dass Karlsson eine modernisierte städtische Fee sein könnte. In der Tat geht es in einigen von Lindgrens anderen Werken um Begegnungen zwischen Kindern und Wesen, die am besten als Feen, Elfen und dergleichen beschrieben werden können, so dass dieses Thema ihr sicherlich nicht fremd war. Das würde unter anderem Karlssons spitzbübische Ader und das vage Alter erklären. Es sei angemerkt, dass Karlsson für menschliche Verhältnisse zweifellos als schwierig anzusehen ist, aber für eine Fee ist er eigentlich recht nett. Die Frage, ob Karlsson überhaupt ein Mensch ist, resultiert unter anderem aus dem absichtlich unklar gehaltenen Alter. Ist er nun ein Kind oder ein sehr kleiner, sehr kindlicher Erwachsener? Karlsson antwortet auf die Frage nach seinem Alter einfach, dass er „ein Mann im besten Alter“ sei. In der Realverfilmung von 1974 wird dies noch verstärkt, indem Karlsson von einem kleinen Jungen gespielt wird, der allerdings mit der Stimme eines erwachsenen Mannes synchronisiert wird und eine Frisur trägt, die vorsichtig auf eine vorzeitige Glatze hinweist.

Es bleibe Fragen offen. Würden sie Kinder stellen? Vielleicht nicht, weil ihnen die Sphäre, in der sich Karlsson bewegt, keineswegs so ungeheuerlich erscheint wie einem Entwachsenen.

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    Szene vom Originalcover; Algonquin Young Readers

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    Myrtle, Originalcover
    Szene vom Originalcover; Algonquin Young Readers

    Bunce recherchiert ihre Hintergründe stets sehr gut, und wenn man ihren kleinen Zusatz am Ende des Buches liest, dürfte es sich wie ein heimliches Vergnügen anfühlen, all die historischen Details zu kennen. Die Fußnoten, in denen die Etymologie bestimmter Wörter erklärt wird, geben dem Leser einen Einblick in Myrtles Denken und bilden ihn ebenso weiter wie die lateinischen Überschriften der Kapitel.

    Inspiriert von dem in der Realität verschollenen Schiff Mary Celeste, das sich zum Zeitpunkt der Veröffentlichung von Eine Schiffahrt, die ist tödlich zum 150. Mal jährte, hat Elizabeth in ihren Krimi ein verschollenes Schiff namens Persephone eingebaut, eine britische Brigantine, deren kleine zehnköpfige Besatzung zusammen mit dem Rettungsboot des Kapitäns verschwindet, darunter auch die junge Tochter des Kapitäns, eben genau wie damals bei der Mary Celeste.

    Das aufzudeckende Geheimnis in diesem Buch ist, wie in den anderen Myrtle-Bücher auch, recht vielschichtig. Es ist auch diesmal gar nicht so einfach, vor Myrtle herauszufinden, was genau vor sich geht. Das ist bei Krimis, die sich an Erwachsene richten, wesentlich einfacher. Ein befriedigendes Rätsel allerdings ist heutzutage ein wahrer Schatz. Und auch das macht dieses Buch zu etwas Besonderem, auch wenn ich zugeben muss, dass es nicht mein Lieblingsabenteuer der Reihe ist. Aber das sind eher Fragen des Geschmacks und keine der Qualität.

    Myrtles Vater, Staatsanwalt von Swinbourne, ist in einen heiklen neuen Fall verwickelt, und Myrtle und Miss Judson werden gebraucht, weil es hierbei um ein junges Mädchen geht, deren Nöte erst einmal verstanden werden müssen. Vor etwa 10 Jahren verschwand das Schiff Persephone auf dem Weg nach Australien, und an Bord des Schiffes befanden sich Kapitän Snowcroft, seine Frau Audrina und seine kleine Tochter Ethel. Mr. Hardcastle wurde gebeten, sich um den Nachlass von Viscount Snowcroft zu kümmern, der ohne Erben starb – es sei denn, Mrs. Snowcroft oder die kleine Ethel werden irgendwie doch noch gefunden. Wenn nicht, will die Eisenbahn das Land haben und die Suche nach Erben könnte Jahre dauern.

    Bunce greift hier im kleinen auf ein Motiv aus Charles Dickens Bleak House zurück, wo im Fall Jarndyce gegen Jarndyce genau das passiert und das Erbe schließlich von den Anwaltskosten aufgezehrt wurde.

    In unserem Fall wurde ein Mädchen namens Sally Cooke, das der vermissten Ethel sehr ähnlich sieht, ausfindig gemacht. Sally behauptet, keine Erinnerungen an das Schiff zu haben, sondern nur, dass sie als Kaufmannstochter in Australien aufgewachsen ist, aber wenn sie beweisen kann, dass sie tatsächlich Ethel ist, wird sie ein Vermögen erben.

    Während ihr Vater außer Gefecht gesetzt ist, will Myrtle genau das herausfinden. Eine schlimme Mandelentzündung und eine Operation bringen Mr. Hardcastle ins Krankenhaus, wo er kurz darauf behauptet, Zeuge eines Mordes gewesen zu sein. Die Krankenschwestern und der Arzt schieben das als Halluzination aufgrund des Morphiums, das er gegen die Schmerzen bekommt, beiseite.

    Diesmal ist es an Myrtle, die verantwortungsvolle Erwachsene zu sein und ihren Vater vor Schaden zu bewahren. Die Frage ist: Können sie und Miss Judson das Rätsel lösen und ihren Vater beschützen? Kann sie beweisen, dass Sally in Wirklichkeit Ethel ist? Gibt es einen Zusammenhang zwischen den beiden Fällen und was haben die Broschüren für die Internatsschule in Vaters Schreibtisch zu suchen?

    Dies ist ein weiteres unterhaltsames Myrtle-Abenteuer, auch wenn es etwas zögerlich beginnt. Erst nach der Hälfte des Buches gibt es tatsächlich eine Leiche. Es dauert sogar noch länger, bis man die Identität des Opfers und das Motiv für den Mord herausfindet.

    Myrtle macht in ihrer altklugen Weise erneut richtig Vergnügen. Diesmal verzichtet sie auf kindisches Verhalten, das in den letzten Büchern ihre Glaubwürdigkeit durchaus untermauern konnte. Schließlich ist sie ja ein Kind.

    Diesmal wird der Spieß jedoch umgedreht und Myrtle ist gezwungen, sich wie die Erwachsene in der Familie zu verhalten. Ihr Vater ist derjenige, der sich diesmal kindisch verhält, Wutanfälle bekommt und darauf besteht, dass er Zeuge eines Mordes geworden ist, obwohl erst einmal nichts darauf hindeutet. Dann aber wendet sich das Blatt und es liegt an Myrtle, ihren Vater in Sicherheit zu bringen, bevor der Mörder es auf ihn abgesehen hat.

    Myrtles Gouvernante Miss Judson steht auch diesmal mit ihrem gewohnt gesunden Menschenverstand an ihrer Seite. Köchin ist diesmal ebenfalls in die Detektivarbeit involviert und sie ist wirklich gut darin. Sie ist es, die die Leiche an einem sehr ungewöhnlichen Ort findet. Tante Helena ist erneut so formidabel wie früher. Sie ist besessen von der möglichen Snowcroft-Erbin und himmelt das Mädchen an. Caroline Munjal spielt kaum eine Rolle in der Geschichte, aber Mr. Blakeney ist wieder dabei, um Mr. Hardcastle bei seiner Arbeit zu helfen und die Damen ebenfalls bei ihrer Detektivarbeit zu unterstützen. Die Reporterin Genie führt ihre eigenen Ermittlungen über die richtigen Nachrichtenkanäle durch, hat aber ansonsten nicht viel beizutragen.

    Die Bände erscheinen bei Knesebeck.

  • Lamb (2021)

    (c) Koch Films

    Valdimar Jóhannssons Regiedebüt „Lamb“ ist ein atmosphärisches Kammerspiel, das sich – ganz im Stil des modernen Horrorkinos – den Konventionen des Genres entzieht und stattdessen eine beunruhigende Parabel über Verlust, Sehnsucht und die Grenzen menschlicher Kontrolle über die Natur erzählt. Der Film bewegt sich zwischen folkloristischem Horror und psychologischem Drama und schafft dabei eine einzigartige, verstörende Atmosphäre.

    Das kinderlose Ehepaar María und Ingvar lebt auf einer abgeschiedenen Schafsfarm in den isländischen Hochlanden. Als eines ihrer Schafe ein außergewöhnliches Lamm zur Welt bringt – halb Mensch, halb Schaf – entscheiden sie sich, das Wesen als ihr eigenes Kind aufzuziehen und nennen es Ada. Während María und Ingvar in ihrer neuen Elternschaft aufblühen, deutet sich durch subtile Zeichen an, dass die Natur ihr Kind zurückfordern wird.

    Der Film ist in Kapitel unterteilt und folgt einem langsamen, meditativen Rhythmus. Jóhannsson nimmt sich Zeit für seine Geschichte und setzt auf atmosphärische Dichte statt auf schnelle Wendungen. Die Struktur erinnert an ein Märchen mit düsterer Grundstimmung.

    Die Bildsprache von „Lamb“ ist bemerkenswert zurückhaltend und bedrohlich zugleich. Kameramann Eli Arenson nutzt die karge, nebelverhangene isländische Landschaft als eigenständigen Charakter. Die weiten Einstellungen betonen die Isolation der Protagonisten, während die Natur omnipräsent und undurchdringlich erscheint.

    Die Farbpalette bewegt sich in Grau-, Grün- und Brauntönen, die die emotionale Kälte und Trostlosigkeit unterstreichen. Das Licht ist meist diffus, was der gesamten Erzählung etwas Unwirkliches verleiht. Jóhannsson vermeidet grelle Schockmomente und setzt stattdessen auf eine schleichende, unbehagliche Spannung.

    (c) Koch Films
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    VVitch

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