Anton Reisers Auffinden

Es spukt in manchen Häusern mit einer ganz besonderen Kraft. Ich weiß nicht, welche Meinung ich hatte als der französische Germanist Robert Mindler ein Exemplar des Anton Reiser im Pferdekarren eines Antiquariats fand. In die Seite des Polsters gerutscht. Im Dorf fanden Beschneidungsrituale statt, Hochzeitsfeste, die Erste Nacht, Götzenanbetung. Die Saftpresse musste ihre Arbeit streng verrichten. Anstelle einer Zitrusfrucht wurde dort ein Mensch gemalmt. Es gab Musik, denn der Zauber der Musik ist, wie der Zauber der Liebe, voller Wunder und Symbole.Wer das eine nicht hat, kann das andere nicht finden.

Was bringst du mir heute, Erzähler,von der Welt bei, die du entwirfst und die ich nirgendwo finden kann? Die Augen sind schon seit dem frühen Morgen geöffnet, eine Falltür in den Tag hinein, der eindringt, sobald die Standuhr kurz innehält. Oft denke ich mir, ich kann, indem ich den Atem anhalte, damit auch die Sekunden verzögern, aber ich spüre, wie das Herz weiterwill. Die Bühne der Mime braucht Licht, nur ein Traum wirft seine Holographie in das Finster (terra finestre).

Die Depeschen stecken pünktlich im Briefkasten, um 9 klingelt es an der Tür, aber aufgrund einer Erektion kann ich nicht öffnen, und ankleiden möchte ich mich nicht. Wir leben hier auf einem absonderlich lauten Schachfeld.

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    K: Du bist die Frau, mit der Oliverio fliegen kann, stimmt’s? 

    F: Ja. Woher weißt du das? 

    K: Er hat vorhin gelächelt als er dich gesehen hat. Da war ich bei ihm. Hat mitten im Satz aufgehört zu sprechen. Und dann schaute er ganz traurig. Hat auch nicht wieder angefangen. Ist einfach weitergelaufen. 

    F: Und da kommst du zu mir? 

    K: Ja! Weil ich von dir wissen will, wieso er dort ist und du hier? Versteckt ihr euch voreinander?

    F: Nein, das tun wir nicht. Aber das ist auch nicht so einfach zu erklären. Oliverio und ich, wir beide brauchen Asyl, sind sehr schutzbedürftig, und auch nur, weil wir das bemerkt haben. 

    K: Versteckt ihr euch vor ihr, dem Tod? 

    F: Ja, das kann man wohl so sagen. Du musst wissen, wir haben beide vom langen Vergessen getrunken und uns erinnert. Zwei, das macht eine ganze Welt aus, weißt du. Auch du verstehst das einmal. Irgendwann. Ganz sicher. 

    K: Ich weiß, er hat gesagt, ihr müsst euch wie Hunde auf der Straße herumtreiben. Das ist traurig. Habt nichts als den Himmel über euch. Er sagt, das ist grauenhaft. Flucht auch sehr viel deswegen. Ich mag das nicht. Er erzählt auch immer irgendwas von einer Unverborgenheit. 

    F: Ja, das ist leider so! Wir sind unverborgen. Sind nicht geborgen. Immer dann, wenn wir zusammen sind. Alle sehen uns das an. Obwohl wir etwas sehen. A-létheia. Etwas, das den Spross will. Etwas, das die Blüten beleckt, ihre Farben, sie mit roten Fingerkuppen der Sonne öffnet. Es ist ein Blick. Einer, den man hat, wenn man im Herzen glücklich ist. 

    K: Deswegen schaut Oliverio immer so komisch! Das will er also sehen? 

    F: Das hat er längst. 

    K: Malst du mir meine Fingerkuppen rot? 

    F: Du willst wieder zu ihm, nicht wahr? 

    K: Ja! Ich will meine Hände wie ein Dach über ihn halten. 

    F: Ja dann …

    (K: Kind; F: Frau, mit der Oliverio fliegen kann)

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