Über einen Autor, der dem amerikanischen Superheldencomic eine neue Sprache lehrte, die so prägend war, dass sie das Medium beinahe verschluckt hätte.
Cleveland und der Weg durch den Noir

Brian Michael Bendis wurde 1967 in Cleveland, Ohio, geboren, einer Stadt, die in der amerikanischen Kultur eine besondere Rolle spielt. Die älteste Industrieregion der USA, Nachkriegsverfall, das langsame Verschwinden wirtschaftlcher Gewissheiten, und gleichzeitig eine jüdische Gemeinschaft, deren Kulturleben eine eigene Dichte und Wärme besitzt. Man erkennt diese Herkunft in Bendis‘ Werk, genauso wie man sie in Stan Lees Tonfall oder Garth Ennis‘ nüchterner Art erkennt. Sie zeigt sich in der Bodenhaftung, im Sinn für das Konkrete und in der Abneigung gegen das Abstrakt-Heroische. All das hat Bendis‘ Zugang zum Superhelden-Genre von Beginn an geprägt.
Bevor Bendis zum Marvel-Mainstream gelangte, schrieb und zeichnete er in den frühen und mittleren 1990ern eine Reihe von Noir-Comics in Schwarzweiß, die in ihrer Qualität weit über das hinausgehen, was man als Frühwerk eines späteren Mainstream-Stars erwarten würde. Fire, Jinx, Goldfish und vor allem Torso (1998–2000, mit Marc Andreyko), eine dokumentarische Rekonstruktion des Eliot-Ness-Falls um den Mad Butcher of Kingsbury Run, einen Serienmörder im Cleveland der 1930er. Es handelt sich um Werke, die in der Tradition des amerikanischen Crime-Noir stehen, und sie zeigen, dass Bendis‘ späteres Handwerk auf einer ernsthaften Auseinandersetzung mit dem Krimigenre und seiner Bildsprache beruht.

Der Einfluss von David Mamet prägt diese frühen Werke am stärksten: Der amerikanische Dramatiker und Drehbuchautor veränderte mit seiner abgehackten, überlappenden, sich selbst unterbrechenden Dialogsprache eine ganze Generation von amerikanischen Erzählern. Mamet hat gezeigt, dass Menschen selten das sagen, was sie meinen, und selten zu Ende bringen, was sie anfangen. Der eigentliche Inhalt eines Gesprächs liegt demnach in den Pausen, den Abschweifungen und den halbfertigen Sätzen. Bendis hat das so gut verstanden, dass man alles, was er später geschrieben hat, als ein einziges Experiment in Mamet’scher Dialektik lesen kann.
Ultimate Spider-Man — Die Neuerfindung eines legendären Anfangs

Ultimate Spider-Man (Marvel, ab 2000, gezeichnet von Mark Bagley) ist das Werk, mit dem Bendis sich einen Namen im Comic-Mainstream machte, und es ist in seiner Ausführung eine der klügsten Entscheidungen, die ein Autor in den frühen 2000ern treffen konnte. Im Jahr 2000 hat Marvel das Ultimate-Universe gestartet. Damit wollte man den Ballast der veralteten Geschichten des Hauptuniversums loswerden. Stattdessen wollte man die bekanntesten Figuren in ein neues Zeitalter führen. Eine Neufassung für eine Generation von Lesern, die keine Lust mehr auf die vielen verschachtelten Comichandlungen der letzten Jahrzehnten hatte.
Bendis nutzte die Gelegenheit und erzählte mit viel Sorgfalt und Geduld. Das war für Superheldencomics der frühen 2000er noch ungewöhnlich. Während Stan Lee und Steve Ditko die Ursprungsgeschichte von Peter Parker in einer einzigen Ausgabe unterbrachten, nahm sich Bendis dafür ganze sieben Hefte Zeit. Dieser Verlangsamung lag eine Methode zugrunde. Sie erlaubte es Bendis, Peter Parker als Heranwachsenden glaubhaft zu entwickeln. Er konnte dessen innere Realität – die Unsicherheit, der soziale Ausschluss, die Hilflosigkeit bei gleichzeitiger Brillanz – mit einer emotionalen Genauigkeit zeigen, die das Original nie angestrebt hatte. Stan Lee schrieb den Mythos. Bendis schrieb das Erwachsenwerden der Figur.
Die Zusammenarbeit von Mark Bagley und Brian Michael Bendis ist einzigartig. Gemeinsam produzierten sie 111 Hefte nacheinander. Das ist bis heute unübertroffen. Beide profitieren davon. Bagley hat einen hervorragenden Stil, wenn es darum geht, wie Spider-Man sich bewegt, ohne die Panels vollzustopfen. Für Bendis‘ Texte ist das ein Vorteil, weil er diesen Platz braucht, um seine vielen Dialoge überhaupt unterzubringen.
Ultimate Spider-Man lief mit wechselnden Zeichnern bis 2011. Sein Abschluss, in dem Peter Parker stirbt und durch Miles Morales ersetzt wird, ist ein bedeutsamer kulturgeschichtlicher Augenblick: die erste große, dauerhaft angelegte Übernahme einer ikonischen Superheldenidentität durch eine nicht-weiße Figur im amerikanischen Mainstream-Comic. Dies wurde mit einer Würde vollzogen, die das Symbolische und das Erzählerische gleichermaßen bediente.
Daredevil, Alias und der Weg zum Erwachsenen-Comic

Parallel zu Ultimate Spider-Man arbeitete Bendis an Daredevil (Marvel, 2001–2006, mit verschiedenen Zeichnern, am häufigsten Alex Maleev), ein „Run“, der in der Fachkritik einhellig als einer der stärksten in der Geschichte des Titels gilt und bei dem Bendis seine Fähigkeiten als Erzähler moralisch komplexer Geschichten unter Beweis stellte. Bendis‘ Daredevil ist weniger ein Actionheld als ein Mann, der in einer Spirale von Konsequenzen gefangen ist: Jede Entscheidung zieht die nächste nach sich und jeder Versuch, Kontrolle herzustellen, erzeugt neue Unordnung.
Die Enthüllung von Matt Murdocks Geheimidentität war ein erzählerisches Wagnis von erheblichem Ausmaß und das zentrale Sujet des Runs: Im Superheldencomic ist die Geheimidentität eine gängige Schutzzone, ein erzählerischer Reset-Knopf, der immer wieder betätigt werden kann. Bendis machte die Enthüllung jedoch permanent und zog dabei alle Register: rechtliche Verfolgung, soziale Isolation und das Bröckeln der Grenze zwischen dem Helden und seinen Feinden. Das ist Bendis‘ Methode. Er greift Genre-Tropen auf, nimmt sie ernst und lässt sie dann so lange nicht mehr los, bis alle Konsequenzen ausgeschöpft sind.
Zur Frage des Dialogs
Bendis‘ Dialoge sind das Wichtigste an seinem Stil. Sie sind das, was er am besten kann, aber auch das, was ihn am meisten wackeln lässt. Wenn er gut ist, wirkt es so, als wären die Figuren echte Menschen: Sie reden wie Menschen, die denken, während sie sprechen; sie widersprechen sich; sie schweigen; sie sagen nicht, was sie meinen. Wenn er schlecht ist, wirkt es so, als würde er sich selbst in den Mittelpunkt stellen und die Geschichte nicht weiterentwickeln. Diese Spannung muss man bei seinen Werken immer selbst erspüren. Man muss fähig sein, zu unterscheiden, auf welchen Seiten der Dialog echt wirkt und auf welchen nicht.

Alias(Marvel/MAX, 2001–2004, gezeichnet von Michael Gaydos) ist Bendis’ eigenständigstes und in seiner Konsequenz mutigstes Werk dieser Phase. Die Serie erzählt die Geschichte der pensionierten Superheldin Jessica Jones, die als Privatdetektivin arbeitet und mit einer traumatischen Vergangenheit kämpft. Alias erschien im MAX-Imprint, Marvels Label für Erwachsene, und nutzte diese Freiheit für eine Sprache und eine inhaltliche Direktheit, die im Hauptuniversum nicht möglich gewesen wären. Jessica Jones ist Bendis‘ tiefgründigste Schöpfung. Sie ist ein Mensch, der die Konsequenzen von Gewalt und Kontrollverlust trägt, ohne im eigentlichen Sinne eine Heldin zu sein. Gaydos‘ Zeichenstil hier ist düster und in einer Farbpalette gehalten, die an den Film Noir erinnert. Damit liefert er die ideale visuelle Entsprechung für eine Geschichte, die im Schatten des Genres spielt.
New Avengers und die Umgestaltung des Marvel-Universums
Mit Avengers Disassembled (2004) und der nachfolgenden New Avengers-Serie (ab 2004) übernahm Bendis eine Rolle, die in der Geschichte des amerikanischen Comics selten vergeben wird und die selten gut ausgeht, nämlich die des Verantwortlichen eines Verlagsimperiums. Als Chefautor der Marvel-Veröffentlichungen prägte er von 2004 bis 2012 die Struktur des Marvel-Universums mit den großen Event-Serien House of M, Civil War (in Zusammenarbeit mit Mark Millar), Secret Invasion, Dark Reign und Siege.
Diese Phase ist die schwierigste in Bendis‘ Karriere, was mit der Natur der Aufgabe zusammenhängt. Das Event-Comic bietet an sich keinen Raum für Charaktertiefe, große Dialoge oder einen erzählerischen Aufbau, also nichts von dem, was Ultimate Spider-Man und Alias auszeichnen. Es ist ein rein industrielles Produkt, dessen Hauptfunktion die Koordination von mehreren Titeln ist und das sich zuallererst verkaufen soll. Dafür braucht man zwar Kompetenz, aber künstlerische Exzellenz ist hier nicht gefragt.
Zur Spannung zwischen Bendis‘ Ambitionen und der Logik von Event-Comics
Bendis in seinen Event-Jahren ist wie ein Jazzmusiker, dem man eine Marschkapelle hingestellt hat. Er kann die Noten spielen, aber die Instrumente lassen das Wesentliche nicht zu.

Das bedeutet jetzt nicht automatisch, dass diese Phase ohne Verdienste wäre. Die frühen Ausgaben der New Avengers waren ein einmaliges Lesevergnügen. Das lag an der Neuaufstellung des Avengers-Teams mit unerwarteten Mitgliedern, Witz und der Dynamik der Figuren untereinander. Außerdem wurde das Team als dysfunktionale Familie statt als reibungslos funktionierende Einheit behandelt. Bendis hat Figuren wie Luke Cage und Spider-Woman so gestaltet, dass sie hier lebendiger und tiefer sind als sie es vorher waren. Secret Invasion ist ein Event-Comic, der eine paranoide Idee verfolgt: Was, wenn die Feinde schon seit Jahren unter euch sind und ihr sie nie erkannt habt?
Während dieser Events wurde der von den Kritikern eingeführte Begriff des Bendis-Speak von einer Beschreibung für seinen charakteristischen Stil zu einem Vorwurf. Wenn ein Stil so weit verbreitet ist, dass er den Tonfall eines ganzen Verlags prägt, dann verliert er seine Kraft als individueller Ausdruck. Er wird dann zu einem bloßen Rauschen im Hintergrund. Das ist das paradoxe Problem des Erfolgs im Comic-Business. Je einflussreicher ein Autor ist, desto schwächer wird sein Einfluss, weil er eben so allgegenwärtig ist.
Der Wechsel zu DC und die Frage der Erneuerung
2017 vollzog Bendis einen Schritt, der in der Branche für Schlagzeilen sorgte. Nach fast zwei Jahrzehnten bei Marvel wechselte er zu DC. Der von beiden Seiten als Sensation angekündigte Exklusivvertrag war damals ein Novum. Derartige Wechsel zwischen den beiden großen amerikanischen Comicverlagen sind selten, da beide Verlage ihre Starautoren mit Exklusivverträgen binden. Zudem sind die Erwartungen, die damit verbunden sind, kaum einlösbar.
Bendis‘ DC-Phase, in der er zunächst Action Comics und Superman übernahm und dann das Event Leviathan koordinierte, verlief nicht so gut wie seine Marvel-Jahre. Er schrieb zwar nicht schlechter, aber der Wechsel setzte Erwartungen frei, die ein solcher Neuanfang eigentlich immer erzeugt. Zudem stellt Superman andere Anforderungen als Spider-Man oder Jessica Jones. Superman ist Mythologie im besten Sinne. Er verlangt eine gewisse Haltung zur Welt und eine positive Sicht auf die Menschen, die mit Bendis‘ fundamentaler Einstellung nicht zusammenpasst, nämlich dem Scheitern und dem Hang zum Unvollständigen.
Kontext – Die DC-Phase
Superman ist nicht Bendis‘ bestes DC-Werk. Dieser Pokal geht an Naomi (2019, mit David F. Walker und Jamal Campbell) – die neu eingeführte Figur eines Teenagers aus einer Kleinstadt, die entdeckt, dass sie eine Außerirdische ist. Naomi ist Bendis in Bestform: Coming-of-Age als Superhelden-Erzählung. Es besitzt die emotionale Unmittelbarkeit des frühen Ultimate Spider-Man, weil auch hier eine Figur von innen entwickelt wird. Das Werk zeigt ganz deutlich, dass Bendis immer dann am stärksten ist, wenn er eine neue Figur erschafft und alles an ihr von Grund auf aufbauen kann. Am schwächsten ist er, wenn er bereits ikonisch verdichtete Figuren übernimmt und mit seiner Sprache zu füllen versucht.
2021 ging Bendis zu Marvel zurück. Das war ein Schritt, der seine DC-Phase als kurze Irritation markiert. Bendis ist ein Autor, dessen Stil so prägend geworden ist, dass er das Publikum sowohl anzieht als auch abstößt. Die Frage, wie man sich in diesem Fall erneuert, ist bei ihm noch nicht beantwortet. Unter den Autoren dieser Essay-Reihe ist er der einzige, dessen Karriere sich noch in einem Suchprozess befindet.
Sprache als Demokratie
Bendis ist der Auffassung, dass jede Figur eine eigene Stimme verdient, dass der Dialog das Wichtigste im Superhelden-Comic ist, und ein authentischer Dialog das menschliche Gespräch in all seiner Unaufgeräumtheit abbilden muss. Diese Überzeugung entspringt einer tiefen Wertschätzung für das Gewöhnliche. Bendis ist kein Kosmologe wie Grant Morrison, kein Moralist wie Garth Ennis, und auch kein Romantiker wie Scott Snyder. Er ist ein Beobachter des alltäglichen menschlichen Miteinanders, und seine Superhelden sind am interessantesten, wenn sie aufhören, mythologisch zu sein, und anfangen, wie echte Menschen zu reden.
Diese Überzeugung hat definitiv kulturgeschichtliche Konsequenzen, die weit über das Medium Comic hinausreichen. Bendis hat zusammen mit Brian K. Vaughan dem amerikanischen Superheldencomic der frühen 2000er eine eigene Sprache gegeben. Und die orientiert sich an der Filmsprache, aber kopiert sie nicht einfach. In dieser Sprache tragen Timing, Tonfall und das Ungesagte ebenso viel wie das Gesagte. Diese Sprache hat die Comics der letzten zwei Jahrzehnte stärker beeinflusst als jedes einzelne Werk. Sie hat eine Generation von Autoren hervorgebracht, die alle ein bisschen wie Bendis klingen. Das ist einerseits seine Stärke, andererseits aber auch seine Bürde.
Die Dimension seines Werkes, die Freude am Argument, an der Frage und am unabgeschlossenen Gespräch, ist überall spürbar. Bendis‘ Figuren lösen Probleme nicht allein durch Handeln. Sie diskutieren sie, umkreisen sie und nähern sich ihnen aus verschiedenen Perspektiven. Diese Gesprächskultur ist eine Weltanschauung. Es ist seine Überzeugung, dass das Gespräch selbst der eine Punkt ist, an dem Wahrheit entsteht.
Eine bleibende Sprache
Das Erbe von Brian Michael Bendis ist nicht leicht zu benennen. Es ist nicht in einem Kanon von Meisterwerken zu finden, sondern in einer spezifischen Sprache. Er hat dem amerikanischen Superheldencomic das Sprechen gelehrt. Und zwar mit einer Geduld für den Dialog und einer Würde für das Gewöhnliche, wie sie in diesem Genre zuvor kaum zu finden war. Diese Leistung ist inzwischen so selbstverständlich geworden, dass sie kaum noch wahrgenommen wird. Wie jede Sprache, die man gelernt hat, ohne es zu merken.
Zu den Werken, die in Erinnerung bleiben werden, zählen Ultimate Spider-Man, wo er als Pionier des Coming-of-Age-Superhelden agierte, Alias als die kompromissloseste Erkundung des Traumas im Superheldenkontext, und Daredevil als Beweis, dass Konsequenz – das unerbittliche Aufzeigen von Handlungsfolgen – im Superheldencomic nicht nur möglich, sondern zwingend nötig sein kann. Hinzu kommt Miles Morales als kulturgeschichtlich bedeutsame Schöpfung, deren Relevanz längst über Comics hinaus geht.
Was nicht bleibt (oder zumindest nicht ohne kritischen Vorbehalt) ist seine Event-Phase. Jene Jahre, in denen Bendis‘ Stimme die Marvel-Welt so vollständig ausfüllte, dass sie aufhörte, individuell zu sein und zu einem institutionellen Tonfall wurde. Das ist das Schicksal mancher großer Talente. Bendis hat dieses Schicksal mit einer bezeichnenden Produktivität akzeptiert. Er hat nie aufgehört zu schreiben und zu suchen, und tatsächlich sucht er noch immer.