Scott Snyder und die Mythologie des Schreckens

New York und Literatur

Scott Snyder wurde 1976 in New York City geboren und wuchs in einer Umgebung auf, die ihn zu einem der literarisch versiertesten Comicautoren seiner Generation machen sollte. Er studierte Kreatives Schreiben an der Brown University und der Columbia University und gab mehrere Jahre lang selbst Schreibkurse. Diese akademische Laufbahn ist in der Biografie seiner Vorgänger nicht zu finden und prägt sein Werk auf eine für das Genre ungewöhnliche Weise. Snyder denkt theoretisch über das Schreiben nach, und bringt diese Reflexion in seine Comics ein, ohne dass sie je akademisch kalt wirkt.

Scott Snyder

Seine literarischen Einflüsse sind klar erkennbar und werden von ihm selbst großzügig benannt. Vor allem Stephen King, aber auch Shirley Jackson und die amerikanische Gothic-Literatur. Diese Literatur behandelt das Böse nicht als Fremdkörper in einer an sich guten Welt, sondern als etwas, das in der Erde, der Geschichte und der DNA des Ortes verwurzelt ist. Snyder interessiert sich sehr dafür, wie das Böse sich in bestimmten Orten und Zeiten entwickelt. Das ist der Grund, warum seine Comic-Geschichten, auch wenn sie in der DC-Welt spielen, immer echt und gefährlich wirken.

Snyders Einstieg ins Comic-Universum erfolgte über den DC-Imprint Vertigo mit der Horrorserie American Vampire (ab 2010, gezeichnet von Rafael Albuquerque), einem Werk über die Geschichte amerikanischer Vampire vom Goldrausch bis ins 20. Jahrhundert. Was wie eine Genre-Übung aussieht, ist in Wirklichkeit eine anspruchsvolle Kulturgeschichte. Snyder benutzt den Vampirmythos, um den amerikanischen Traum zu beschreiben – seine Gewalt, seine Gier, aber auch seine Fähigkeit zur Erneuerung. Stephen King hat die ersten Ausgaben mitgeschrieben. Damit hatte er seine Anerkennung von einem Autor, dem Snyder mehr verdankt als jedem anderen.

Batman – Die Stadt als Monster

DC

Snyders Arbeit an Batman (DC Comics, 2011–2016, hauptsächlich gezeichnet von Greg Capullo) ist der kommerziell und kritisch erfolgreichste Batman-Comic seit Frank Millers Dark Knight Returns. Miller stellt Batman als autoritären Rächer dar, der die Dunkelheit mit überlegener Gewalt bezwingt. Snyder stellt sich hingegen die Frage, was die Dunkelheit überhaupt ist, ob man sie erkennen kann und was mit einem Menschen passiert, der glaubt, sie zu kennen, und sich dabei irrt.

Die erste große Geschichte des „Runs“, The Court of Owls (2011–2012), ist ein Meisterwerk der psychologischen Horrorliteratur im Comicformat. Der Rat der Eulen ist eine geheime Gruppe von Schurken, die Gotham seit Jahrhunderten im Verborgenen regiert. Sie zeugen von der großartigsten Idee eines Schurkenkonzepts, die das Batman-Universum seit Jahrzehnten hervorgebracht hat, weil ihre Existenz Batmans Überzeugung zerstört, dass er Gotham vollständig kennt. Batman hat als Kind jeden Winkel der Stadt durchsucht, auf der Suche nach Beweisen für eine geheime Gesellschaft, und nie etwas gefunden. Jetzt stellt sich heraus: Sie war immer da gewesen. Er hat schlicht nicht tief genug geschaut.

Zur konzeptionellen Struktur von The Court of Owls, 2011–2012

Die Idee ist für die Comicgeschichte bemerkenswert. Batman ist in den Katakomben des Owls-Labyrinths gefangen. Diese Geschichte entfaltet sich auf einigen wenigen Seiten und das Raster aus neun Bildern ändert sich langsam. Die Leser müssen das Heft drehen, um der Handlung folgen zu können. Das soll zur Verwirrung beitragen, denn sie fühlen, was der Protagonist fühlt. Das ist die beste Beschreibung der psychologischen Situation in Snyders „Run“. Er denkt also mit dem Medium Comic, das in seinen besten Momenten eben kein bebilderter Text ist.

Zur Zusammenarbeit

Der zweite große Handlungsbogen, Death of the Family (Tod der Familie 2012–2013), bringt den Joker zurück. Snyders Konzeption des Jokers ist die interessanteste seit The Killing Joke von Alan Moore, dessen Joker ein philosophischer Nihilist ist. Snyders Joker ist etwas Älteres, Irrationales. Er glaubt, Batmans wahre Familie zu sein und stellt sich damit als tiefer und ehrlicher dar als Batmans leibliche Geschwister und Verbündete. Die Idee, dass der Feind der Einzige ist, der einen wirklich kennt, ist erschütternd präzise. Sie fügt der Mythologie dieser Feindschaft eine psychologische Dimension hinzu und erweitert sie statt sie nur zu wiederholen.

Die Horrorliteratur als Heimat

Um Snyders Werk zu verstehen, muss man seine Einstellung zum Genre ernst nehmen, die er in Interviews immer wieder erläutert hat. Für ihn ist Horrorliteratur keine Form des Eskapismus, sondern die direkteste Form der Wahrheit. Das Grauen in guter Horrorliteratur zeigt die Angst aus dem Unbewussten heraus. Diese Überzeugung teilt er mit Stephen King, von dem er sie vermutlich auch übernommen hat. Sie erklärt auch, warum seine besten Werke besonders gut sind, wenn Superhelden und Horror am engsten miteinander verbunden sind.

Image Comics

Snyder konstruiert die Schurken in Comics so, dass sie eine wichtige Rolle einnehmen. In den schwächsten Comics sind Schurken nur Mittel zum Zweck, um Konflikte zu erzeugen. In Snyders besten Werken sind Schurken ein Spiegel der größten Angst des Helden. Sie stehen für Dinge, die er noch nicht über sich selbst weiß. Der Rat der Eulen steht für Batmans Angst, nicht allwissend zu sein. Der Joker in Der Tod der Familie steht für Batmans Angst, dass sein Heldentum eine Form von Selbstbetrug ist. Diese Psychologisierung des Gegners ist nichts Neues, aber Snyder führt das sehr konsequent aus.

Wytches (Image Comics, 2014–2015, gezeichnet von Jock) ist Snyders unmittelbarster Horrortitel außerhalb des Superhelden-Genres und zeigt seine schriftstellerischen Möglichkeiten am unverblümtesten. Es ist die Geschichte einer Familie, die vor ihrer Vergangenheit flieht und in eine Gemeinschaft gerät, die mit alten, unterirdischen Wesen zusammenarbeitet. Die Hexen in Wytches sind etwas Ursprüngliches, das aus der Erde selbst kommt. Ihr Horror liegt nicht in ihrer Macht, sondern darin, dass die Menschen andere Menschen an sie verfüttern, um selbst Vorteile zu erlangen. Das ist klassische amerikanische Horrorliteratur: das Böse als sozialer Vertrag.

Metal und die kosmologische Eskalation

Dark Nights: Metal (DC, 2017–2018, gezeichnet von Greg Capullo) und das nachfolgende Dark Nights: Death Metal (2020–2021) markieren eine Phase in Snyders Karriere, die in der Fachkritik kontrovers diskutiert wurde und die eine genauere Betrachtung erfordert. Die beiden Werke zeigen, was Snyder kann und wo seine Grenzen liegen. Nirgendwo sonst sieht man diese beiden Seiten so deutlich nebeneinander wie hier.

Die Idee von Metal ist einfach: Es gibt ein dunkles Universum, das jenseits unserer Realität liegt. Dort leben albtraumhafte Versionen der Superhelden aus dem DC-Universum. Zum Beispiel hat Batman Angst vor dem Tod. In diesem Universum ist er deshalb unsterblich. Seine Angst vor dem Versagen hat dazu geführt, dass er auch tatsächlich versagt. Snyder benutzt diese Idee, um das Böse als etwas darzustellen, das die dunkle Seite der Hoffnung ist. Das erinnert an die Ideen von Grant Morrison.

Was Metal von Morrisons besten Arbeiten unterscheidet, ist, wie er seine Ideen umsetzt. Morrison hat viele Ideen und will sie alle unterbringen. Das ist manchmal zu viel und manche Leser sind damit schlicht überfordert. Snyder will, dass seine Leser ihn verstehen. Er will, dass sie sich mit seinen Geschichten identifizieren können. Das ist gut, weil es die Leser mitfiebern lässt. Aber manchmal fehlt auch hier ein Punkt, an dem es weniger actionreich wird und die Leser sich sammeln können. Das ist die gleiche Medaille, aber es sind unterschiedliche Seiten.

Snyder ist ein Autor, der intensiv und fokussiert erzählt. Seine besten Werke sind Miniserien und konzentrierte „Runs“. Wenn er jedoch in die Logik des Event-Comics, also des auf maximale Marktpräsenz ausgelegten Großereignisses, das das gesamte Verlagsuniversum einschließt, gezogen wird, verliert er einen Teil jener Kontrolle, die seine besten Arbeiten auszeichnet. Metal ist ein überwältigendes, manchmal erschöpfendes Werk. Es ist bezeichnend, dass die Passagen, in denen es am stärksten ist, genau jene sind, in denen Snyder von Orchester auf Kammermusik umschaltet: die kleinen Szenen zwischen zwei Figuren, die Momente der Stille im Spektakel.

Nocterra, Wytches und die Beständigkeit der Dunkelheit

Snyders beste Arbeit außerhalb der großen Verlagsuniversen ist vielleicht sein aufschlussreichstes Werk. Nocterra (Image Comics, ab 2021, gezeichnet von Tony S. Daniel) ist eine postapokalyptische Horrorgeschichte. Die Sonne ist erloschen und die Dunkelheit hat die Menschen in Monster verwandelt. Das Werk hat eine sehr präzise Grundprämisse, die auf Snyders Grundthema abzielt. Es wirkt fast wie ein Lehrbuch. Was geschieht, wenn das Licht endet? Was trägt man in sich selbst, wenn die äußere Ordnung wegfällt?

Image Comics

Die Antwort, die Nocterra gibt, ist nicht nihilistisch – das ist sie bei Snyder nie – , aber sie ist eben wahrscheinlicher als als irgendein Zweckoptimismus. Wenn das Licht endet, bleiben die Entscheidungen bestehen, die man getroffen hat, bevor es dunkel wurde. Die Moral der Figuren wird durch die Apokalypse nicht gezeigt, aber sie wird geprüft. Und diese Prüfung ist sehr hart. Das ist typisch amerikanische Gothic-Literatur – das Böse wird als Test der inneren Stärke benutzt.

Snyder ist ein sehr aktiver Autor, der die Öffentlichkeitsarbeit nicht umgeht.. Er hat einen Podcast, gibt Masterclasses und interagiert viel mit seinen Fans in den sozialen Medien. Dadurch ist er in der Comicbranche sehr beliebt und hat einen großen Einfluss auf andere. Er erklärt, wie er schreibt, nennt seine Einflüsse und gibt zu, manchmal Fehler zu machen. Das ist nicht nur sympathisch, sondern auch wichtig. Es hilft anderen, das Schreiben zu lernen und zeigt, wie man es als Star der Branche richtig macht.

Angst als Empathie

Snyders Poetik lässt sich auf einen Kern reduzieren, den er selbst immer wieder in verschiedenen Formulierungen beschrieben hat. „Angst ist Empathie.“ Die Fähigkeit zu fürchten – für sich selbst, für andere oder für das, was man liebt – ist keine Schwäche. Ein Mensch, der nichts mehr fürchtet, ist nicht mehr wirklich präsent in der Welt. Diese Überzeugung erklärt, warum Snyders Schurken am stärksten sind, wenn sie das verkörpern, wovor die Helden Angst haben. Sie sind wie ein Seismograf für den inneren Zustand.

Diese Philosophie hat eine unmittelbare politische Dimension, vor der Snyder nicht zurückschreckt. In Werken wie Metal und Nocterra ist die apokalyptische Bedrohung nie nur äußerlich, sondern immer auch eine Bedrohung, die aus menschlichem Versagen, kollektiver Blindheit und der Weigerung, hinzusehen, entsteht. Das ist ein moralisch anspruchsvoller Ansatz, der Snyders Apokalypsen vor der Inhaltsleere bewahrt, die das Subgenre sonst häufig heimsucht. Das Ende der Welt ist bei Snyder nie unvermeidlich, sondern immer das Resultat von Entscheidungen und somit ein moralisches Feld.

Snyders Werk ist anders als der klassischer Horror und auch anders als der typische Superheldencomic. Er glaubt an die Menschen und ihre Kraft, auch wenn es sehr dunkel ist. Wer die Dunkelheit kennt, lernt das Licht zu schätzen. Das ist eine Einstellung, die aus der Erfahrung des Schreibens stammt, aus der Beschäftigung mit dem Horror und seiner Funktion. Deshalb wirkt sie auch so glaubwürdig.

Der Romantiker im Schatten

Scott Snyder ist unter den Autoren dieser Essays derjenige, bei dem Stärken und Schwächen am engsten miteinander verwoben sind. Er kann sehr gut Geschichten aus der Mythologie mit der Psychologie verbinden. Das macht ihn aber auch anfällig. Denn wenn er genug Platz hat, neigt er dazu, es zu übertreiben. In konzentrierter Form ist er am besten und in offener Form am wackeligsten. Das ist kein Urteil gegen ihn, aber die Beschreibung eines Autors, der sein eigenes Maß noch nicht in jeder Situation vollständig gefunden hat.

Was bleiben wird ist ein Werk, das den Superheldencomic als Horrorliteratur ernst nimmt und damit beiden Genres etwas zurückgibt: dem Horror die mythologische Skala und dem Superheldencomic die emotionale Tiefe. The Court of Owls gehört zu den stärksten Batman-Erzählungen aller Zeiten. Wytches ist der Beweis, dass amerikanische Horrorliteratur im Comicformat ebenso stark sein kann wie in Prosaform. American Vampire ist eine ambitionierte Kulturgeschichte in Comicform, die ihren Platz im Genre-Kanon noch nicht vollständig errungen hat, ihn aber verdient.

Trotz allem ist Snyder ein Romantiker im literarischen Sinn: ein Autor, der an die Bedeutsamkeit der inneren Welt glaubt, der das Unsichtbare als das Eigentliche betrachtet und in der Angst ein Zeichen dafür sieht, dass man noch am Leben ist und dieses Leben vielleicht liebt. In einem Genre, das von oberflächlicher Action lebt, ist das eine radikale Position. Und das ist der Grund, warum seine Werke im Gedächtnis bleiben.