Der Taubenfütterer: 2 Der Zufall des Duchamp

Es gibt sie freilich, die verruchten Fuchsmaschinen, die durch die Menschheitsgeschichte fimmeln. Damen, die so sonderbar in ihren Neigungen, dass sich dagegen so manches Menschheitsereignis wie kleines Gekekse ausmacht. Dem Weibe fällt es zu, uns mit dem Ende der Milch zu versöhnen. Ende der Milch bedeutet: schale Wasser für die Zukunft. Wir heiligen sie, die Giftmischerinnen, Rosinanten, Saubesen, Nachtvögel, Herrscherinnen und Hellerhuren. Myrrha war diejenige, die ihn in die Welt der Psychometrie führte. Entscheidungen traf sie stets mit einer Münze, einem originalen Louis dʼOr, der, wenn er nicht gebraucht wurde, auf dem Schweiß zwischen ihren Brüsten haftete. Es fiel leicht, über beide zu lachen, wenn man sie, in einer Gruppe stehend, bei Tag aus der Ferne erspähte, aber die Wenigsten wären so mutig gewesen, ihnen alleine zu begegnen. Sie: maliziös; er: schon halb verrückt.

»Das Goldstück zeigt nicht die Entscheidung sondern macht sie. Die Münze hat den Durchblick, zwei Möglichkeiten: ja oder nein, hipp oder hopp. Ich nenne das den ›Zufall des Duchamp‹. Eine systematische Situation des Zufalls wird provoziert und im Moment des Eintretens fixiert, in dem ich das tue, was die Münze zeigt, links oder rechts, wohin, wohin undsoweiter. Ich will durch die Münze für immer die Möglichkeit verlieren, zwei gleichartige Dinge zu unterscheiden. Am besten wäre es natürlich, wenn die Münze überhaupt keine Prägung besäße, weder auf der einen noch auf der anderen Seite. Dann müsste man schon selbst entscheiden, was sie zeigt… nein! Sage nichts!« Ihre Hände formten einen Abwehrriegel gegen Worte, die gar nicht fielen. »Es bleibt dann aber eben alles beim Alten, als würfe man keine Münze. Allein die Auseinandersetzung mit dem Zufall gebietet uns, die spontane Entscheidung, die sich zu uns herankämpft, anzuerkennen. Ohne Münze entscheiden wir uns immer für das Bequeme.«

Wie sie also mit bronzenen Beinen, das Fetzkleidchen hoch zum Schritt gerafft, barfüßig in den klobig am Rist hängenden Holzschuhen zu ihm hin raucht, überkommt ihn eine mächtige Woge abseitiger Lust, die in ihm selbst allein nie ein Ziel gefunden hat. An einem ›Ich‹ leidend, will er es aufgelöst wissen, jenseits der Erhaltung um jeden Preis stehen, sich in den ununterbrechbaren Wandel begeben – und genoss je die Dinge, die für immer unverstanden bleiben müssen: Verwirrung, Irritation und Korrektur, um von Neuem zu beginnen, die Möglichkeiten zu entdecken, die, mit Tabu belegt, nichts anderes als Wegweiser sind. Die Münze flappt, auch wenn sie nicht geworfen wird, die verlorene Kontrolle führt zur Ekstase – ist sie erreicht, kann endlich die Auflösung beginnen. Er entschied, sich vor ihr auszuziehen; nicht vor ihr, sagte er sich, vor ihrem Redeschwall. Sie zündete sich noch eine Zigarette an, diesmal zauberte sie eine ganze Schachtel aus ihrem filzigen Haar, das mit Henna garniert ein richtiger Appetitanreger war, das Augenpaar wie eine Brücke, stabil auf ihn gerichtet. Jonathan wollte sehen, ob es ihm etwas ausmachen würde, sich grundlos nackt zu zeigen, unaufgefordert und (wie er meinte) völlig am Thema vorbei. Ihre Reaktion war, ihm eine Erektion anzusehen, noch bevor er auf einem Bein hüpfend wie ein Ganter, dem das andere Bein fehlt, aus der Unterhose heraus kam. Sie griff sich zwischen die Okulonzen, ihre Hand tauchte mit dem Goldstück wieder auf, das Adlernasenprofil lieferte den Anlass, auf allen Vieren zum sich Häutenden zu kriechen, immer noch rauchend, jetzt aber gurrend wie eine asthmatische Taube: mit geschlossenem Schnabel füllt sie ihre Speiseröhre mit Luft, drückt den Kropf nach unten, kommt bei seinen Füßen an, die noch in den Socken kleben. Seine Blase drückt, er muss pissen, aber der Rammbock steht nach oben, die Harnröhre ist zu.

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