Kafkas Prag

Dieser Artikel ist Teil 31 von 36 der Reihe Gespenstersuite
Aus kaleidosopierenden Bildern entsteht 
(wenn es kein Gedankenstrom ist, was ist es dann?) 
ein Murmel=Relief aus feinstem Aloe Vera
nicht in Gestalt eines finsteren Schattens aus der Zukunft, 
über den Weiden in (zwischen) den Basteien, 
den Zimmern also des Grabens (Grabes), 
der mit Zuckerschaum sein Bestes tut zu gefallen (Fallen), 
den Gefallenen, die sich bucklig durch die Gassen 
(unter ihren Flechtenmänteln versteckt) bringen, 
die großen Adern meiden (zum Beispiel die Cechbrücke oder den Wenzelsplatz). 
Immer wieder schallt ein Ruf körperlos aus offenstehenden Türen. 
Der Kapaun, gebunden in Seehundhaut. Es ist wichtig, nur in Geschichten zu leben. 
Ein Haus zerfällt und ein neues entsteht. In den Geschichten verbirgt sich die Welt, 
Glockentöne rinnen über das Land (die Flucht über die Dächer), 
unter der Brücke sagt sie: »Sprich nicht!« 
Die Zigarette glimmt, obwohl sie im Wasser liegt, das Gesicht nach unten 
(die Strömung ist nicht schlimmer hier in Kafkas Prag). 
Es ist jetzt Vierundzwanzig Uhr und Null Minuten, die Pflicht 
ist im Herzen der Schönheit ein Dorn ...
… also war schon wieder eine neue Tageszeit angebrochen, Anbruch überhaupt 
(mit erstaunlich viel Bewegungsfreiheit) 
der stille Tisch voller dampfender Teller, also lehnte ich an der Brüstung meines Balkons 
nachts und war so groß wie der einzige Baum – 
… nur soundsoviel Tage später, in der Luft schweben Paradiesgeister, 
betören mit einer Sprache des Glücks, an dem der Mensch stirbt, 
was nicht gemein, alltäglich, abgenutzt ist, dass, 
wer die Schönheit angeschaut hat mit Augen, 
dem Tode schon anheimgegeben ist, ich war ja homerischer Heros, 
die Hetäre Aspasia, der Kyniker Krates, war König und Bettler, Pferd, Dohle, Frosch 
und mehrmals ein Hahn.

Wenn ich das Kinsky-Palais in Prag betrachte, 
in dem sich unten rechts das Geschäft Herman Kafkas befand, 
gelingt es mir, das Wetter des Tages zu erfühlen, 
das an diesem Tage der Stadt 
einen gewissen lapidaren Gesprächsstoff liefern konnte 
und so dazu beitrug, dass vielleicht gerade 
inmitten von Kafkas Galanteriewarenladen darüber gesprochen wurde, 
denn über das Wetter redet man unverfänglich. 
Ich stehe vor den vergitterten Fenstern, bin zu früh dran, 
denn der Laden hat geschlossen.

Veröffentlicht von

M.E.P.

Wenn es kein Buch ist, dann ist es ein Hörbuch. Und wenn es kein Wort ist, dann ist es der Jazz.

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