Walter Kovacs ist die gefährlichste Fehllektüre des Superhelden-Genres und Alan Moores bitterste Ironie. Eine Figur, die als Warnung erschaffen wurde, aber als Vorbild gelesen wird.
Ein Kind der Gosse — und was die Gosse aus ihm machte

Walter Kovacs wurde in eine Welt geboren, die keine Verwendung für ihn hatte. Als Sohn einer Prostituierten wuchs er in einer namenlosen, wurde misshandelt und verwahrloste. Für ihn gab es nie ein Vorbild für das, was einen Menschen ausmachen könnte. Als junger Mann wurde er dann mit einem Fall konfrontiert, der in der Geschichte des Superhelden-Comics einzigartig ist: dem Mord an Kitty Genovese – oder vielmehr der comiceigenen Version davon. Bei diesem grausamen Mord sahen achtunddreißig Zeugen zu, ohne einzugreifen. Walter Kovacs nähte sich aus dem Kleid des Opfers eine Maske. Und hörte von da an auf, Walter Kovacs zu sein.
Das Geniale und zugleich Erschreckende an Moores Erzählweise ist die Rolle des Psychiaters Dr. Malcolm Long. Er versucht, Rorschach zu „heilen“, blickt aber so tief in dessen nihilistische Weltanschauung, dass sein eigener bürgerlicher Optimismus daran zerbricht. Moore nutzt hier ein literarisches Werkzeug, das wir in der Medienwissenschaft als „unzuverlässiges Erzählen“ oder „perspektivische Korrosion“ bezeichnen. Rorschachs Stimme ist so eindringlich, dass sie den Leser (und den Psychiater) langsam vergiftet.
Tagebucheintrag · Rorschach · Watchmen #1
„Heute Morgen lag ein Hundekadaver in der Gasse,
Reifenspuren auf seinem geborstenen Bauch.
Diese Stadt fürchtet mich. Ich sah ihr wahres Gesicht.“
Die Tagebucheinträge, die sich durch die zwölf Ausgaben von Watchmen ziehen, sind Rorschachs ureigene Sprache. Sie äußert sich komprimiert, verzichtet auf Artikel und ist von einer Intensität, die zwischen poetischer Dichte und psychopathologischem Symptom liegt. Sie spiegeln einen Geist wider, der die Welt auf ihre härtesten Konturen reduziert hat: Schwarz und Weiß. Kein Grau. Niemals Grau.
Moore & Gibbons — und die Figur, die sie erschufen, um sie zu widerlegen
Alan Moore autor
Er ist der einflussreichste Comicautor der Nachkriegszeit. Mit Watchmen verfolgte Moore eine klare Absicht. Er wollte das Superhelden-Genre dekonstruieren, seine Gewaltfantasien hinterfragen und seine moralischen Gewissheiten zerstören. Rorschach war dabei sein schärfstes Werkzeug, und wie ein gewaltiger Berg lag das Risiko eines Missverständnisses bereits vor ihm.
Dave Gibbons zeichner
Gibbons‘ Beitrag zu Watchmen ist kaum zu überschätzen. Sein striktes 9-Panel-Raster, seine akribische visuelle Konsistenz und die symmetrischen Seitenlayouts sind vollkommene inhaltliche Entscheidungen. Die Form des Comics spiegelt Rorschachs Weltbild wider: rigide, unerbittlich und ohne Ausbrüche ins Chaotische.

Moore übernahm die Idee für Rorschach von zwei älteren Figuren. Da ist einmal The Question, die Steve Ditko für Charlton Comics zeichnete, ein Journalist ohne Gesicht, der nach streng objektivistischen Prinzipien handelt. Später hat Ditko für seine eigenen Veröffentlichungen Mr. A. geschaffen, einen Helden, der buchstäblich in Schwarz und Weiß gedruckt war und für den moralische Grautöne nicht existierten.
Moore erkannte in Ditkos Figuren eine philosophische Position, nämlich den Objektivismus nach Ayn Rand, der die Überzeugung vertritt, dass Moral absolute Gewissheiten besitzt und Kompromisse moralisches Versagen bedeuten. Moore beschloss, diese Position zu Ende zu denken. Was passiert, wenn man einen Menschen erschafft, der wirklich ohne Grauzonen lebt? Die Antwort ist Rorschach. Und diese Antwort ist erschreckend.
Die Maske
Rorschachs Maske ist eine der durchdachtesten visuellen Erfindungen der Comicgeschichte: ein aus zweischichtigem Latex gefertigtes Stück Stoff, das ein sich permanent veränderndes Tintenmuster zeigt, welches auf Temperatur und Druck reagiert. Das Muster ist wie der namensgebende Rorschach-Test symmetrisch. Es bedeutet nichts. Und genau deshalb kann es alles bedeuten, was der Betrachter hineininterpretiert.
Das ist Moores elegantester Trick. Die Maske projiziert zurück. Was die Figur des Rorschach bedeutet, hängt davon ab, wer sie betrachtet und welche Muster er in der Symmetrie zu erkennen gewohnt ist. Der Fan, der in ihm den kompromisslosen Helden sieht, erkennt darin also sein eigenes Weltbild wieder. Der Kritiker, der in ihm einen Faschisten sieht, entdeckt darin seine eigene Angst. Moore gab der Figur genau den Namen, nach dem dieses Spiel benannt ist, und hoffte offenbar, dass die Leser den Witz verstehen würden. Viele taten es nicht.
Die Maske zeigt kein definiertes Gesicht. Sie zeigt das Gesicht dessen, der schaut. Rorschach ist damit die einzige Comicfigur, die nach dem psychologischen Test benannt ist, den sie an ihren Lesern durchführt.
Gibbons zeichnete die Maske sehr genau. In ruhigen Momenten sind die Muster offen und unscharf. In Momenten der Wut oder Gewalt werden sie zu harten, schwarzen Flecken. Sie zeigen einen Hund, der auf dem Asphalt liegt. Sie zeigen auch die Maschinerie, die ihn dorthin gebracht hat. Und sie zeigen eine Frage, die aufkeimt, wenn man lange genug hinsieht.
Steve Ditko, Mr. A — und die Philosophie, die Moore widerlegte
Um Rorschach wirklich zu verstehen, muss man Steve Ditko noch einmal genauer betrachten. Diesmal nicht als Schöpfer von Doctor Strange, sondern als politischen Philosophen, der das Comic als sein Medium nutzt. Ditkos Mr. A, 1967 für eigene Publikationen außerhalb des Mainstreams erschaffen, ist die kompromissloseste Verkörperung des Ayn-Rand-Objektivismus. Ein Held, der auch wirklich nur in schwarz-weiß gedruckt wurde, und der eine Visitenkarte mit einer weißen und einer schwarzen Hälfte bei sich trägt. Für ihn gibt es keine Abstufung zwischen den beiden farblichen Polen, keine Mitte und keine Entschuldigung.

Das glaubte Ditko und er richtete sogar sein Leben nach diesen starren Überzeugungen aus, indem er sich aus der Branche in die Einsiedelei zurückzog, als diese seine Weltanschauung nicht teilte. Mr. A war sein philosophisches Manifest in Comicform, von einer Kompromisslosigkeit, die gleichzeitig Bewunderung und Unbehagen erzeugt.
Moore nahm sich diese Figur, nahm diese Philosophie, und fragte sich: Was passiert mit einem Menschen, der so denkt? Nicht in einer idealen Welt, sondern in dieser, mit dieser Kindheit, mit diesen Traumata, mit diesem Körper und dieser Geschichte? Die Antwort ist Walter Kovacs. Es endet in Wahnsinn und Gewalt.
Ditko & Moore
Ditko hat sich öffentlich nie zu Rorschach geäußert. Zu dem Zeitpunkt, als Watchmen erschien, war er bereits weitgehend aus der öffentlichen Comicdiskussion verschwunden. Ob er Watchmen las, ob er erkannte, was Moore mit seinen Figuren gemacht hatte, und wenn ja, was er darüber dachte, sind einige der ungelösten Fragen der Geschichte. Das Schweigen, das er bewahrte, hat seine ganz eigene Qualität.
Der Held, den Moore nicht erschuf
Alan Moore hat in Interviews wiederholt und zunehmend verzweifelt darauf hingewiesen, dass Rorschach eine Kritik ist, keineswegs ein Vorbild. Er sagte, dass ihn jene Leser erschrecken, die Rorschach für einen Helden halten, da sie dadurch beweisen, wie bereitwillig Menschen faschistische Rhetorik gut finden, wenn sie mit einer attraktiven ästhetischen Verpackung daher kommt. Rorschach sei ein gestörter Mensch, der schreckliche Dinge tut und sich dafür mit einer Philosophie rechtfertigt, die ihre eigene Beschränktheit für Überlegenheit hält, so Moore.
Und trotzdem: Moore erschuf eine faszinierende Figur. Er gab ihr eine völlig eigene Stimme, die von rauchiger, komprimierter Poesie geprägt ist. Er gab ihr einen Ursprung, der Mitgefühl erzwingt. Er gab ihr aber auch den einzigen Moment echter moralischer Integrität in Watchmen, nämlich den Moment, in dem sie sich weigert zu schweigen, obwohl das Schweigen Millionen Leben retten könnte.
Moore erschuf Rorschach als Warnung vor dem Faschismus der reinen Überzeugung, und dann gab er ihm die tiefgreifendste Stimme im Buch.
Moore wollte damit zeigen, dass ein Mensch mit absoluten moralischen Überzeugungen gefährlich sein kann. Doch er tat dies mit so viel Einfühlungsvermögen und mit so viel poetischer Kraft, dass die Warnung für viele Leser in Bewunderung umschlug. Das betrifft nicht nur Watchmen. Dieser Problematik muss sich jeder Autor stellen, der äußerst überzeugend einen erschreckenden Charakter erschafft. Was, wenn die Überzeugung stärker ist als der Schrecken?
Die Philosophie der Kompromisslosigkeit
Rorschachs Weltanschauung ist in sich vollständig und logisch. Demnach ist die Welt ein moralisches Schlachtfeld, auf dem es nur Gewinner und Verlierer gibt. Wer zusieht, wie ein Verbrechen passiert, ohne zu helfen, ist genauso schuldig wie der, der es getan hat. Das ist richtig. Wer Verbrecher schützt, ist selbst ein Verbrecher. Und wer Kompromisse mit dem Bösen macht, um etwas Gutes zu erreichen, hat das Böse bereits akzeptiert.
Diese Sichtweise ist von erschreckender Klarheit. Und sie hat einen Preis, den Alan Moore deutlich macht. Um diese Welt nur in Schwarz und Weiß zu sehen, muss Walter Kovacs aufgehört haben, Menschen als Menschen zu sehen. Für ihn gibt es nur Täter und Opfer, Schuld und Unschuld. Aber keine Umstände, die das auflösen könnten, keine Komplexität, die dahinter steckt. Das ist jene Vereinfachung, die einen Menschen in eine Maschine verwandelt.
Dave Gibbons hat das alles in ein visuelles System übersetzt. Das strikte 9-Panel-Raster von Watchmen wird nur in wenigen Momenten durchbrochen. In den Panels, die Rorschach gehören, ist die Ordnung am strengsten und am unerbittlichsten. Die Form, in die Rorschach hier gebracht wurde, ist so rigide wie sein Denken. Durch diese Struktur zeigen die Bilder, was Moore mit seinem Text sagen will. Dieser Geist kennt keine Freiräume und keine Gnade.
Er stirbt, weil er recht hat
Rorschachs Tod am Ende von Watchmen ist einer der durchdachtesten und bittersten Momente. Ozymandias hat einen Plan ausgearbeitet, durch den Millionen Menschen getötet werden, um wiederum Milliarden andere zu retten – eine zweckorientierte Ethik von apokalyptischem Ausmaß. Alle anderen Figuren akzeptieren diesen Kompromiss, schweigen und leben weiter. Rorschach jedoch weigert sich. Er wird sein Tagebuch veröffentlichen. Er wird die Wahrheit sagen. Er wird nicht schweigen, selbst wenn sein Schweigen die Welt retten würde.

Dr. Manhattan tötet ihn auf sein eigenes Verlangen hin. Rorschach verlangt seinen Tod, weil er weiß, dass er nicht schweigen kann. Und er stirbt in dem einen Moment, in dem seine kompromisslose Moralität tatsächlich das Richtige von ihm verlangt. Er ist der Einzige, der nicht lügt. Er ist der Einzige, der die Konsequenz seiner Überzeugungen bis zum Ende trägt. Er ist der Einzige, der stirbt, weil er recht hat.
Moore sieht diesen Tod nicht als Triumph. Er inszeniert ihn als Tragödie: Ein Mensch, dem es aufgrund seiner gebrochenen Weltanschauung nicht möglich war zu leben, stirbt genau dann, wenn diese Weltanschauung moralisch korrekt ist. Das ist ein Nachruf auf die Kosten des Absoluten.
Vor den Masken — und danach
DC veröffentlichte 2012 Before Watchmen, eine Serie von Prequel-Miniserien zu allen Watchmen-Figuren, einschließlich Rorschach. Moore war dagegen, lehnte jede Beteiligung ab und bezeichnete das Projekt als ethisch fragwürdig. Seine Position ist bekannt: Watchmen war ein abgeschlossenes Kunstwerk, und Fortsetzungen oder Prequels sind kommerzielle Ausbeutung ohne künstlerische Notwendigkeit.
Die Before Watchmen: Rorschach-Miniserie von Brian Azzarello und Lee Bermejo ist handwerklich solide und inhaltlich ohne große Überraschung Hier wird von einem jungen Walter Kovacs erzählt, der Verbrecher jagt, selbst Gewalt ausübt, und die Welt in schwarz und weiß einteilt. Zar ist es die Figur, die Moore schuf, aber völlig ohne den Zusammenhang, der sie überhaupt erst bedeutsam macht. Ein Rorschach ohne Watchmen ist nur ein Vigilant. Mit Watchmen aber ist er eine Philosophie über die Natur von Überzeugungen.
Damon Lindelofs HBO-Serie Watchmen hingegen ist die klügste Rezeption von Rorschach, die nach dem Original erschienen ist. Lindelof zeigt, was passiert, wenn Rorschachs Ideologie in die Hände weißer Rassisten fällt, die seine Maske als Symbol der „reinen” Wahrheit gegen eine multikulturelle Gesellschaft tragen. Das ist die logische Konsequenz von Moores Warnung. Eine Ideologie der absoluten Überzeugung kann von jedem übernommen werden, der sich im Besitz der absoluten Wahrheit wähnt. Und das ist immer gefährlich.
Der Spiegel, der zurückschaut
Rorschach ist die größte Fehllektüre in der Geschichte des Superheldencomics. Dass die Figur als Held gelesen wird, obwohl sie als Warnung gemeint war, sagt mehr über das Genre und seine Leser aus als über die Figur selbst. Es zeigt, dass das Superheldengenre so sehr auf die Figur des kompromisslosen, moralisch überlegenen Einzelkämpfers konditioniert ist, dass diese Figur dann auch als Held wahrgenommen wird, selbst wenn der Autor alles tut, um sie als das eigentliche Problem darzustellen.
In diesem Sinne ist Rorschachs Experiment gelungen, wenn auch nicht so, wie Moore sich das vorgestellt hatte. Er wollte die Ideologie enttarnen. Stattdessen enttarnte er die Lesenden. Wer Rorschach als Helden liest, gibt somit Auskunft über sich selbst. Das ist der Rorschach-Test, den das Comic durchführt.
Er stirbt im Schnee, und sein Tagebuch liegt in der Redaktion
Walter Kovacs nähte seine Maske aus dem Kleid eines ermordeten Kindes. Er trug sie bis zu seinem Tod. Er weigerte sich, sie abzunehmen, weil das Gesicht darunter ihm weniger wahr vorkam als das Muster, das sich im Stoff bewegte. Er glaubte, seine Maske sei sein wahres Gesicht.
Alan Moore und Dave Gibbons haben 1986 eine Figur erfunden. Sie hat den Kern des Genres hinterfragt. Das Genre hat geantwortet, indem es die Aussage ignorierte. Heute ist Rorschach auf T-Shirts, Tattoos und Avataren zu sehen. Er ist ein Symbol geworden, das nicht mehr viel bedeutet. Das ist Moores Albtraum. Aber es zeigt auch, dass er recht hatte. Die Muster bedeuten, was der Betrachter hineinlegt.
Das Tagebuch liegt in der Redaktion des New Frontiersman. Ob es je veröffentlicht wird, lässt Moore offen. Rorschach ist tot. Aber die Maske lebt weiter. Und sie schaut zurück.
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Er sah die Welt in Schwarz und Weiß, und er hatte damit manchmal recht, und das war das Gefährlichste an ihm.