Ein namenloses Wesen ohne Gesicht und gesicherte Herkunft ist einer der ältesten und tiefgründigsten Charaktere, die das amerikanische Comic je hervorgebracht hat.
Ein Fremder tritt ein — und erklärt sich nicht

Es gibt nur sehr wenige Comicfiguren, bei denen nicht die Verpackung, sondern das Produkt selbst das Rätsel ist. Phantom Stranger verkörpert genau das. Seit 1952 gleitet dieses Wesen durch das DC-Universum, schaut in die dunkelsten Winkel der menschlichen Erfahrung, warnt vor Gefahren und greift gelegentlich ein, ohne je zu erklären, wer oder was es eigentlich ist. Die Frage nach seiner Identität ist nicht unbeantwortet, weil die Autoren da etwas vergessen hätten. Sie ist unbeantwortet, weil die Antwort die Figur zerstören würde.
Sein Erstauftritt im September 1952 in Phantom Stranger #1, geschrieben von John Broome und gezeichnet von Carmine Infantino, war vergleichsweise bescheiden: ein geheimnisvoller Mann im weiten Umhang und breitkrempigen Hut, der in kurzen Horrorgeschichten eingriff und jeweils am Ende die moralische Pointe ablieferte. Das Format erinnerte an die EC Comics und die Tradition des allwissenden Erzählers, doch Broome und Infantino gaben diesem Erzähler eine Präsenz und eine schwer zu beschreibende Tiefe, die ihn von Anfang an zu mehr machten als zu einem interessanten Gimmick.
Die ursprüngliche Serie umfasste nur sechs Ausgaben, dann wurde sie eingestellt. Dass Phantom Stranger zwanzig Jahre später zurückkehrte und seither zu den beständigsten Figuren des DC-Universums gehört, zeigt, wie wenig der kommerzielle Erstauftritt mit der langfristigen Bedeutung zu tun hat.
Das Format von 1952
Broomes frühe Phantom-Stranger-Geschichten erschienen in derselben Ära wie die berühmten Horror-Anthologien Tales from the Crypt und The Vault of Horror von William Gaines, die unter dem Label EC Comics veröffentlicht wurden. Während EC auf expliziten Horror mit zynischen Pointen setzte, versuchte DC mit Phantom Stranger eine gemäßigtere, moralisch erbaulichere Variante. Beide Ansätze trafen 1954 auf die Zensur des Comics Code. EC gab auf. DC hingegen überlebte – und „Phantom Stranger” schlief zwanzig Jahre lang, bis die Zeit für ihn wieder reif war.
Broome, Infantino — und die Autoren, die ihn formten

John Broome ist einer der am meisten unterschätzten Autoren des Silbernen Zeitalters. In den 1950er- und 1960er-Jahren verfasste er für DC Comics mit einer beeindruckenden Produktivität und konzeptuellen Freiheit. Diese außergewöhnliche Arbeit machte ihn zu einem der stillen Mitbegründer des DC-Universums. Hal Jordan als Green Lantern, Barry Allen als The Flash und zahlreiche Schurken und Konzepte tragen seine Handschrift. Für Phantom Stranger schuf er eine Figur, die durch Auslassung funktioniert. Was der Fremde nicht sagt, was er nicht erklärt, das ist Broomes eigentliche Leistung.
Carmine Infantino ist einer der elegantesten Zeichner seiner Generation. Er gab dem Stranger sein visuelles Fundament: den langen dunklen Umhang, den tief in die Stirn gezogenen Hut, die Andeutung eines Gesichts im Schatten. Die Figuren in Infantinos Linie waren einfach zauberhaft. Sie wirkten so lebendig, als würden sie jeden Moment aus dem Panel treten oder darin verschwinden. Für Phantom Stranger war das einfach der perfekte Auftritt.
Die entscheidende Weiterentwicklung der Figur hatten andere besser im Griff, vor allem Mike Friedrich, Dennis O’Neil, Jim Aparo und später Alan Moore und Neil Gaiman, die dem Stranger in Gastauftritten und Kurzgeschichten eine theologische und philosophische Tiefe gaben, die Broomes ursprüngliche Anlage weit überstieg.
Wer ist er wirklich? — Vier Antworten, die alle gleichzeitig wahr sind
Das Seltsamste und Schönste an Phantom Stranger ist eine Designentscheidung, die so unkonventionell ist, dass sie nur im Comic funktioniert. 1987 erschien in Secret Origins #10 ein Heft, das vier voneinander unabhängige Herkunftsgeschichten für den Stranger präsentierte, geschrieben von vier verschiedenen Autoren, gezeichnet von vier verschiedenen Zeichnern. Alle vier waren gleichzeitig möglich und keine davon war kanonisch festgelegt.
Version I · Len Wein
Der Ewige Jude
Phantom Stranger ist der Wandernde Jude, jener Mann aus der christlichen Legende, der Jesus auf dem Kreuzweg verspottete und zur ewigen Wanderschaft verdammt wurde. Er trägt die Schuld einer unbedachten Grausamkeit durch alle Zeiten.
Version III · Mike W. Barr
Der Selbstmörder
Er war ein gewöhnlicher Mensch, der in einem Moment der Verzweiflung sein Leben beendete, und als Buße dazu verdammt wurde, den Lebenden zu helfen und sie vor ähnlichen Entscheidungen zu bewahren. Die dunkelste und menschlichste Version.
Version II · Paul Levitz
Der gefallene Engel
Er war ein Engel, der sich im Krieg zwischen Himmel und Hölle für keine Seite entscheiden konnte. Als Strafe für seine Neutralität — oder Weisheit — wurde er zur ewigen Wanderschaft zwischen den Welten verurteilt.
Version IV · Alan Moore
Vor der Zeit
Er existierte bereits vor der Schöpfung des Universums, ein Überbleibsel eines früheren Kosmos, das in diesem Universum keinen Platz fand und das deshalb darin wandelt, ohne je wirklich dazuzugehören. Die kosmischste und befremdlichste Lesart.
Die Entscheidung, vier Herkunftsgeschichten gleichzeitig anzubieten und keine davon zu bevorzugen, ist einer der genialsten Schritte, die DC je unternommen hat. Sie sagt dem Leser: Die Herkunft ist nicht der Punkt. Das Rätsel ist der Punkt. Diese Figur ist größer als jede einzelne ihrer Erklärungen.
Vier wundervolle Herkunftsgeschichten, von denen jede auf ihre ganz eigene Weise wahr ist und die wir alle mit großer Freude und betrachten können. Der Phantom Stranger ist ein Spiegel für die Fragen, die wir ihm stellen, und ein Geschenk für unsere Seele.
Das Gericht des DC-Universums
Im DC-Universum gibt es eine ganz eigene, recht lockere Hierarchie des Übernatürlichen. An der Spitze steht eine Dreiheit, die man mit gutem Recht als die theologische Regierung des Universums bezeichnen kann: The Spectre, ein Wesen von apokalyptischer Macht, das Sünder vernichtet und das Gleichgewicht durch Bestrafung wiederherstellt. Zauriel, der gefallene Engel und Beschützer, und dann natürlich Phantom Stranger, der zwischen diesen beiden steht.
Diese Dreiheit ist eine der interessantesten theologischen Konstruktionen, die das Superhelden-Genre kennt, auch wenn sie nie als theologisches Projekt deklariert wurde. The Spectre steht für das alttestamentarische Prinzip der vergeltenden Gerechtigkeit. Zauriel steht für das neutestamentarische Prinzip der vermittelnden Gnade. Phantom Stranger ist die Frage selbst, das Schweigen zwischen Urteil und Gnade, die Stimme, die weder verurteilt noch freispricht, sondern zeigt.
The Presence
Im DC-Universum gibt es eine Figur namens The Presence. Das ist eine eindeutige Allegorie auf den abrahamitischen Gott. Es ist eine Instanz von absoluter Macht, die selten direkt auftritt, aber deren Wille die kosmische Struktur des Universums bestimmt. Das Verhältnis von Phantom Stranger zur Presence ist eines der interessantesten ungelösten Rätsel des DC-Kanons: Er handelt in dessen Auftrag, tut das jedoch widerwillig. Er trägt eine Last auf seinen Schultern, scheint diese aber gleichzeitig akzeptiert zu haben. Er dient einem Gott, tut das aber mit der Würde eines Wesens, das seine eigenen Entscheidungen getroffen hat. Das ist, in drei Sätzen ausgedrückz, die gesamte Theologie der Figur.
Die Autoren, die ihm Tiefe verliehen

Seine literarische Bedeutung wurde bestimmt durch kurze, präzise Eingriffe durch die besten Autoren des Mediums. Alan Moore schrieb in Secret Origins #10 eine atemberaubende, kosmologisch kühne Herkunftsgeschichte: Phantom Stranger ist bei ihm ein Wesen, das vor dem Urknall bereits existierte, und damit das Überbleibsel eines Universums, das es nicht mehr gibt. Diese Version hat eine Kälte und eine Einsamkeit, die an die großen Science-Fiction-Erzählungen über kosmische Einsamkeit erinnern; an Arthur C. Clarke oder an Olaf Stapledon, an das Gefühl also, in einem Universum zu existieren, das nicht für die eigene Art von Existenz vorgesehen ist.
Neil Gaiman verwendete den Stranger in The Books of Magic (1990) als einen der vier mysteriösen Führer, die den jungen Timothy Hunter durch die Welt der Magie geleiten. In Gaimans Händen ist der Stranger ein perfekter Charakter. Er zeigt nur und erklärt nichts. Er urteilt aber auch nicht, und beobachtet stattdessen. Damit ist er ist der ideale Führer durch eine Welt, die größer ist als jegliches Verständnis.
Was die beiden Autoren verstanden haben und was die meisten kommerziellen Phantom-Stranger-Geschichten verfehlen, ist ein einfaches, aber wichtiges Prinzip: Die Figur trägt kein Geheimnis bei sich, das enthüllt werden will, denn sie ist das Geheimnis.
Das klügste Gegenstück des Genres
Eine der klügsten Entscheidungen in der Erzählung um den Phantom Stranger war die Einführung von Dr. Terry Thirteen, auch bekannt als Dr. 13 oder Ghost-Breaker. Er ist ist derjenige, der den Phantom Stranger am häufigsten begleitet, aber sämtliche paranormalen Phänomene als Betrug oder Einbildung betrachtet, obwohl er in einer Welt lebt, wo diese Dinge real sind. Dr. 13 ist damit genau das Gegenteil des Strangers.

Es ist diese besondere Kombination, die so wunderbar elegant ist. Dr. 13 hat auf seine ganz eigene Weise recht. In einem rationalen Universum wären seine Erklärungen tatsächlich korrekt. Aber er lebt nun einmal in einem Universum, in dem das nicht der Fall ist, und trotzdem ist er nicht zu überzeugen. Das ist freilich eine Halsstarrigkeit, die einem auch auf die Nerven gehen kann, aber er erreicht mit seiner Sturheit jene Leser, die am Übersinnlichen zweifeln, obwohl sie gerade einen Comic darüber in den Händen halten. Er ist der Rationalist in einer theologischen Erzählung, der niemals bekehrt und niemals umgestimmt werden kann.
Phantom Stranger behandelt Dr. 13 mit einer Geduld, die an Mitleid grenzt, dabei ist er jedoch nie herablassend. Er weiß eben das, was Dr. 13 nicht weiß. Er zeigt es ihm jedoch nie direkt. Diese Zurückhaltung ist das moralische Kernstück der Figur. Phantom Stranger glaubt nicht an Überredung. Er ist der Meinung, dass jedes Wesen seinen eigenen Weg zur Wahrheit finden muss – oder auch nicht.
Was passiert, wenn man die Antwort gibt
Das kurze Experiment der New-52-Ära, bei dem Phantom Stranger eine feste Herkunft erhielt, ist wirklich lehrreich. Es zeigt uns, was mit der Figur passiert, wenn man diese Frage beantwortet. Die Soloserie von Dan DiDio aus dem Jahr 2012 ist dabei besonders interessant. Sie geht auf die Judas-Interpretation ein. Phantom Stranger ist Judas Iskariot, der Jesus für dreißig Silberlinge verraten und zur ewigen Wanderschaft verdammt wurde. Er trägt buchstäblich dreißig Silberlinge als Kette um den Hals.
Das ist eine starke Idee, und sie ist trotzdem gescheitert, vielleicht sogar gerade deshalb. Denn eine Herkunftsgeschichte zu wählen, bedeutet auch, die anderen zu verwerfen. Es bedeutet, aus einem Spiegel einen nackten Gegenstand zu machen. Der Judas-Stranger hat hier eine Schuld und einen spezifischen religiösen Kontext zu tragen, und verliert damit genau das, was ihn für Leser aller Hintergründe zugänglich machte: die Offenheit, das Nichtfestgelegte und das Potenzial, für jeden etwas anderes zu bedeuten.
Die New-52-Interpretation ist inzwischen eine von vielen möglichen Interpretationen und wir sind dankbar, dass DC nach einem Neustart die Ambiguität stillschweigend wiederhergestellt hat. Der Phantom Stranger trägt wieder sein Rätsel und keine dreißig Silberlinge mehr.
Der Fremde als Funktion
Im DC-Universum erfüllt Phantom Stranger eine Funktion, die keine andere Figur übernehmen könnte. Er ist die Instanz, die Geschichten ermöglicht, die größer sind als ihre Figuren. Wenn ein Held an die Grenzen seiner Welt stößt, wenn die Fragen für Batman zu groß, für Superman zu alt und für die Justice League zu dunkel werden, dann erscheint der Phantom Stranger und öffnet eine Tür. Er erklärt nichts. Er zeigt und warnt. Und dann verschwindet er wieder.
Das ist eine narrativ unverzichtbare Rolle und nur wenige Figuren in der Comicgeschichte erfüllen sie so gut. Im Vergleich zu ähnlichen Figuren, wie dem Uatu, dem Watcher aus dem Marvel-Universum, der ebenfalls beobachtet, ohne einzugreifen, hat der Phantom Stranger eine entscheidende Eigenheit. Er greift gelegentlich doch ein. In Momenten höchster Dringlichkeit, in denen die Entscheidung eines Menschen das Gewicht eines Zeitalters trägt, handelt er. Diese Unregelmäßigkeit macht ihn beunruhigender als einen reinen Beobachter.
Die Figur ist außerdem eine wunderbare Verankerung des DC-Universums in einer echten theologischen Tradition. Während Marvel seinen kosmischen Hintergrund eher wissenschaftlich-spekulativ hält (Galactus ist eine Naturgewalt, aber kein Gott), operiert DC seit jeher mit einem religiösen Unterbau. Dieser wird durch Figuren wie Phantom Stranger, The Spectre und The Presence artikuliert. Das verleiht dem Universum eine mythologische Schwere, die es von seinem Konkurrenten unterscheidet. Phantom Stranger ist der subtilste Ausdruck dieser Schwere.
Die Stille zwischen den Worten
Phantom Stranger ist nach über siebzig Jahren immer noch das, was er immer war: ein Fremder. Er hat keinen bürgerlichen Namen, kein Zuhause, keine Familie, keine abgeschlossene Herkunftsgeschichte. Er hat einen Umhang, einen Hut und eine Präsenz, die jeden Raum verändert, den er betritt. Das ist, für ein Medium, das von Identitäten und Ursprungsgeschichten lebt, eine bemerkenswert kühne Verweigerung.
Sie gibt der Figur eine Offenheit, in die jeder Autor seine eigenen theologischen, philosophischen und moralischen Fragen hineintragen kann. Für Alan Moore ist er kosmische Einsamkeit. Für Neil Gaiman ist er der perfekte Führer durch das Unbekannte. Für Len Wein ist er menschliche Schuld und Buße. Für den Leser, der keine dieser Referenzen kennt, ist er einfach ein Fremder im weiten Mantel, der erscheint, wenn die Nacht am tiefsten ist.
John Broome erschuf 1952 sechs Hefte lang einen geheimnisvollen Erzähler und dachte dabei wahrscheinlich nicht an Theologie, Kosmologie oder literarische Tradition. Was er schuf, war trotzdem all das. Manche Figuren wachsen über ihre Schöpfer hinaus, weil sie eine Leerstelle besetzen, die das Medium gebraucht hat, ohne es zu wissen. Phantom Stranger ist die reinste Form dieser Figuren.