Einer, der in den Katakomben schläft

Ich hatte mich am Denken gehindert
und stopfte alles in mich hinein, das mich
an ein Zwiegespräch erinnern könnte.
Es war wie ein Frieden, auf einmal war Frieden.
Mir sollten die Tage nicht lang genug werden,
denn die Dämmerung zog früh schon heran.
Ich genieße die Beschreibung, aber ich selbst fülle nur
die Korridore aus, nie die Zimmer. Ich bin
noch keinem Leuchten begegnet, das mir nicht auswich.
Es liegt das Fremde nie weit entfernt,
es setzt sich in der Nähe an den nächsten Tisch.
Und an den nächsten. Es kann alle Fassaden erklimmen
und in allen Gläsern zuhause sein, so lange man
nur nicht weit entfernt erspäht werden kann.

Ich könnte mich hinabwinden in die Katakomben von Paris,
die dem Schlund der Hölle entsprechen. Ich werde nicht
ankommen in meinem verlorenen Paradies, aber wenn ich
dort eine kleine Bastion in Form eines Appartements
hätte, mit Licht und einer gemütlichen Uhr,
die nicht nur den Staub vertreibt – die finsteren
Momente wären nur noch Willkür. Ich dürfte nur
nie versuchen, wieder an die Oberfläche zu kommen,
denn der Weg wäre mörderisch und führte
direkt in den Wahnsinn.

Ähnliche Beiträge

  • Welpenbutter

    Wir schmierten Welpenbutter auf ein schornsteindunkles Brot
    Nichts kann uns die Nacht erklären, die im Eise schwelgt
    Und sich im Fieder wiegt wie leise auch die Motten
    Von Firsten bluten Hirschdämonen ihre Kabel-Adern leer
    Walmblechuhren schnabeln turteltaub auf diesem Dach
    An einem garngesprenkelt kühnen Silberknauf, das Tor, das Tor
    Ahndungsgepeitscht, Du Miozän, goschen mundlos sich die Jäger wach
    Tragen Aschefleisch durch Schimmelstein
    Aus Pferdenüstern steingeworden Atem pumpt hinauf
  • Kettengespinst

    Die ganze Nacht polterte das Kettengespinst auf den ausgedehnten Treppenstufen, ging auf, flog mit Stufenberührung ab, harrte – ob sich etwas außer ihm bewegte – (Atem wie ein Unimogmotor bei Seilwinde in Betrieb) – und begann von vorne bei einer violetten Stunde. Es wollte eine Ruhe nicht ohne sein Gesäß an einer Tafel, die ausgeschmückt zur winterlichen Zeit mit Kuchen um Kuchen aus der Küche schellte. Da dies nicht infrage kam, besann es sich auf seine Nachttöpfe – in der richtigen Reihenfolge aufgestellt ergaben sie die Skyline einer Blechstadt, in der die Fassaden die einzigen Fluchten waren, die es sich entlang zu flanieren lohnte. So einen schönen Glühbirnenaufgang am Abend, eingewickelte Bonbons in den Backentaschen, Rotz am Ärmel, die Gemeinheiten einer Schlagzeile in den vorgeblichen Schaufenstern einer Besserungsanstalt: Herr Mutter erschlägt Frau Vater; da überkam den Flaneur der eigene Brechreiz von oben, der sich rotmeerisch spreizte, um die Ziehwägen zu locken und mit Brocken dann – die Geschichte ist ein Kreis – in den Schlampampel zu stoßen. Die lautere Absicht zu leugnen hieße, alles zu leugnen. Alles zu leugnen wiederum beträfe auch den eigenen Schlaf zwischen den Scharten ausgewählter Zinnen.

  • Flammenhaar

    ich sah
    und Rausch betrank sich dann
    gefühlt blieb Erde trocken, doch
    der Sinn
    schwand mit dem Leben

    einst fror
    ein Stein mit seiner Brut
    und log
    das Alter an, will mich
    zur Feuerstelle quälen
    ein Tropfen
    Flammenhaar

    ich sah
    ein Knirschen folgte mir
    zerbrochen
    und dann dir

    der Sprung
    und Elegien pfeift
    wer diesen Ort benennt
  • Im Atelier

    Es gab Menschen, die mir begegnet sind, ich sprach mit manchen von ihnen, ich berührte sie, ich stieg auf einen Berg und betrachtete ihre Häuser, lebte selbst in einem Haus, in einem Zimmer, lag auf einem Bett. Die getäfelten Türen, Häuserfronten, die geweißten Balkone; verzierten Erker schimmerten in einer düsteren Lieblichkeit. Dann und wann tat sich eine Plaza auf, mit schwarzen Säulen, Kolonnaden und den Statuen wunderlicher, menschlicher wie fabulöser Wesen, manche der Ausblicke auf lange, schnurgerade Straßen, in Nebengässchen hinein, oder über Spitztürme mit arabeskenverzierten Dächern hinweg, waren über alle Beschreibungen unirdisch schön. Leute durchstreiften die geziegelten Pfade, kleine Sträßchen, die von grotesken Termen und den Schreinen einfacher Götter gesäumt waren, dort schillerten Fontänen, Teiche und Bassins, in denen sich Flammenzungen auf Bleifüßen und den Hochbalkonen spiegelten, sie beherbergten kleine goldene Fische. Wenn der tiefe Klang vom Glockenturm des Tempels über den Garten, die Stadt zittert, treten aus den sieben Toren lange Reihen schwarz gekleideter, maskierter, kapuzenverhüllter Priester, die mit ausgestreckten Armen große goldene Becken vor sich hertragen, denen ein merkwürdiger Rausch entsteigt, alles nur Erinnerung der Lande, nicht einmal meine eigene, denn ich kenne keine Zeit, ich durchstreife den Dunst des Gestern, bespreche mich mit Gespenstern, gleichzeitig sind meine Erfindungen den Gestalten der Vergangenheit gleich, sie unterscheiden sich nicht in ihrem Tun und Denken, sie sind so wahr, so unwahr.

    Mehr lesen „Im Atelier“
  • Ein Stück New York in Kempten

    New York
    Aufbau der Kirmes

    Ein Parkplatz wird gerade ausgerollt wie ein gilber Teppich, um für den Kathreinemarkt, der am 20. Oktober beginnt, darauf vorbereitet zu sein, Leute durch die Gegend schütteln zu müssen. Bei einigen setzt sich dann ihr Menü neu zusammen (und vielleicht setzt sich auch etwas Grobgemahlenes auf ihre Zunge). Ein Scooter freilich schüttelt nicht, sondern scootet und bumst wie einst im Jahre 1906 in Coney Island, wo Neville’s Automobile Railroad diesen erschütternden Spaß zum ersten Mal präsentierte. Nur war es damals ein viel größeres Wunder und eine Bewertung dieses kleinen Fleckens käme einem Zerpflücken flauschiger Zuckerwatte gleich. Man darf natürlich wissen, dass ich mit den fränkischen Wiesen- und Schützenfesten aufgewachsen bin, weshalb mir nur ein bedauerliches Lächeln bleibt. Aber immer wenn ich den Königsplatz (ein spannender Name für einen Parkplatz) durchschreite und der angedachten Buntheit gewahr werde, kann ich mich zumindest an Zeiten erinnern, als solcherart hingepflanzte Buden einen Zauber verströmten, der – wie alle Zauber – über die Jahrzehnte hinweg ausradiert wurde.

    Ich kennte Gnade, gäbe es eine Geisterbahn.