Fünf Wege, den Teufel zu überlisten

Sagen wir mal, du hättest ein kleines Teufels-Problem. Vielleicht ist er einfach uneingeladen aufgetaucht und lockt dich nun mit der Erfüllung deiner Herzenswünsche. Eventuell soll eine verflossene Liebe wieder aufflammen, oder er offeriert dir Reichtum, oder die Reduzierung deines Gewichts, oder eine “Du-kommst-aus-dem-Gefängnis-frei-Karte”. Und obwohl du es besser weißt, obwohl du weißt, dass es sich zu gut anhört, um wahr zu sein, genügt dieses Wissen nicht, um die Offerte einfach zu ignorieren. Vielleicht ist er ja auch nur gekommen, um dich aus Spaß zu quälen und du hast keine Möglichkeit, ihm zu entkommen. Wie geht eine ansonsten aufrechte Seele mit einer Situation wie dieser um?Es kommt natürlich auf die Umstände an, aber deine Möglichkeiten stehen gar nicht mal so schlecht, auch wenn es zunächst nicht so aussieht. Sicher, die einfachste Möglichkeit bestünde darin, den Standard-Vertrag zu nehmen, aber wie viele von uns bereits haben lernen müssen, beinhaltet der Standard-Vertrag nicht immer das Beste, das man herausschlagen kann. Und wenn der Teufel nur da ist, um seine Muskeln spielen zu lassen – es also gar nicht um einen Vertrag geht – magst du dich erst einmal hoffnungslos fühlen. Wie ich das sehe, hast du fünf Möglichkeiten, dich zu retten. Suche dir diejenige heraus, die zu deiner Situation passt, aber bleibe in erster Linie erst mal locker, okay?

Weiterlesen

Übersinnlicher Horror in einer säkularen Welt

Was ist Horror?

Ist es einfacher, das Übernatürliche in der Fantasy zu akzeptieren, wo wir bereits unseren Unglauben überprüft haben, bevor wir in eine imaginäre Welt eingetreten sind?

Im Sommer 2018 moderierte ich auf der NecronomiCon Providence ein Panel mit dem Titel „Faithful Frighteners“, auf dem wir die Frage diskutierten, ob es für einen Atheisten schwieriger ist, sich vor einer Geschichte zu fürchten, in der das Grauen von Elementen einer religiösen Weltanschauung abhängt. Glaube ist per definitionem die Aufhebung des Unglaubens, und so schien es mir logisch, dass die berühmte Anthologistin Ellen Datlow auf derselben Tagung sagte, sie finde das Übernatürliche in Kurzgeschichten wirkungsvoller als in Romanen, weil es schwieriger sei, diese Aufhebung des Unglaubens über die Länge eines Romans aufrechtzuerhalten. Das ist ein berechtigter Gedanke, und ich bin sicher, dass die meisten Leser so denken. Dem Publikum entging nicht, dass sie diese Bemerkung neben Peter Straub machte, der immer wieder bewiesen hat, wie gut übernatürlicher Horror in Romanlänge funktionieren kann.

Weiterlesen

Das Schwert als Seelenfresser

Bouquinist Rubrik

Ein moderner Begriff für klassische Erzählstrukturen ist der Tropus. Ursprünglich stammten diese Trophäen aus der Rhetorik und umfassten Redewendungen wie Metaphern und Ironie. Heute versteht man darunter vor allem häufig verwendete literarische und bildhafte Mittel, Motive oder Klischees Die große Reise (Quest), der Bauernjunge, der zum König wird – das sind nur einige Beispiele von Tropen, die immer wieder auftauchen. Natürlich gibt es noch viele andere. Im Wesentlichen zeichnet sich eine gute Geschichte weder durch die Abwesenheit noch durch den Einsatz solcher Tropen aus, sondern durch ihren Umgang damit. Doch das ist ein anderes Thema. Beginnen wir unsere neue Reihe mit dem gängigen Handwerkszeug der meisten Helden: den Schwertern

Michael Whelans berühmtes Porträt von Elric und seinem Schwert Sturmbringer

Das wohl berühmteste aller legendären Schwerter, das untrennbar mit einer der größten epischen Erzählungen verbunden ist, ist zweifellos König Arthurs Excalibur. Dieses Schwert, bekannt als das „Schwert im Stein“ und das „Schwert der Dame vom See“, tritt in zahlreichen Geschichten auf, jede mit ihrer eigenen Interpretation. Sicherlich sind es die Geschichten rund um König Artus und seine Tafelrunde, die als bedeutender historischer Baustein des epischen Fantasy-Genres gelten. Daher ist es kaum überraschend, dass Erzählungen voller Könige, Magier, Intrigen und Schwerter dominieren, was das Mittelalter zur idealisierten Kulisse werden ließ—trotz der Vielzahl an Themen, die die moderne Fantasy bietet. Das Mittelalter als Trope wird in einem anderen Beitrag weiter erkundet. Hier jedoch konzentrieren wir uns auf Schwerter (nicht auf irgendwelche Schwerter, denn dies würde den Rahmen sprengen), speziell auf die Seelenfresser

C.J. Cherryhs Protagonistin Morgaine mit ihrem Schwert Wechselbalg
Morgaine mit ihrem Schwert Wechselbalg

Die mächtigsten dieser Waffen führen ein Eigenleben und können selbst für ihren Besitzer gefährlich sein. Eingeweihten dürfte Michael Moorcocks Elric von Melniboné und sein Schwert Sturmbringer vertraut sein. Auch C.J. Cherryhs Protagonistin Morgaine mit ihrem Schwert Wechselbalg ist kaum zu übersehen. Wechselbalg verschlingt zwar keine Seelen, transportiert jedoch seine unglücklichen Opfer durch Raum und Zeit. Die Geschichten um Morgaine vereinen epische Fantasy mit einem Science-Fiction-Ambiente, wobei das Schwert, eine Mischung aus Waffe und Wurmloch, alles andere als leicht zu handhaben ist. Ein weiteres bemerkenswertes Beispiel ist Steven Eriksons Anomander Rake mit seiner Waffe Dragnipur. Obwohl Drizzts Klingen aus R.A. Salvatores Forgotten Realms-Romanen keine Seelen absorbieren, besitzt sein Erzfeind Artemis Entreri einen unverwechselbaren Dolch mit einem seelenfressenden Edelstein, was nahezu dasselbe ist, nur in kleinerem Format.

Dass die Träger solcher Schwerter in gewissem Sinne Elfen sind, oder in einem modernen Sinne „elfische Archetypen“, ist hierbei besonders interessant. Elric, Morgaine und Anomander Rake sind allesamt Anführer oder Manipulatoren mit großer Macht; sie sind keine Menschen und auch in ihrem Verhalten distanziert und andersartig.

Obwohl es nicht unbedingt ein Klischee ist, sind sowohl der Elf als auch das seelenfressende Schwert markante Merkmale der fantastischen Literatur. In Kombination sind sie leicht zu identifizieren, obwohl man argumentieren könnte, dass dieses spezielle Schwert stellvertretend für ein weit charakteristischeres Genre-Element stehen kann: das Artefakt der Macht.

Artefakte der Macht, wie das seelenfressende Schwert und Tolkiens „Einer Ring“, entstammen häufig mysteriösen oder sogar fragwürdigen Ursprüngen und besitzen eine ambivalente Bedeutung für ihre Besitzer. Sturmbringer beispielsweise, das dämonisch beeinflusste Schwert, verfolgt hartnäckig das Ziel, Elric zu beherrschen. Im Gegensatz dazu zeigt Robin McKinleys wesentlich freundlicheres blaues Schwert namens Gonduran einen leicht verschmitzten Sinn für Humor. Das auffälligste Merkmal von Macht-Artefakten ist, dass sie fast immer einen eigenen Willen entwickeln und oft ihre eigenen Ziele verfolgen. Manche dieser Artefakte sind im Grunde neutral und können, abhängig von ihrer Nutzung, sowohl für gute als auch für böse Zwecke eingesetzt werden, wie beispielsweise der „Stein“ in Barbara Hamblys Der schwarze Drache. Ein Risiko ist immer vorhanden, da die Nutzung solcher Artefakte oft gefährlich sein kann. In fast allen Fällen ist es jedoch unklug, sich auf sie zu verlassen. Dies zeigt sich auch bei den drei Elfenringen in Der Herr der Ringe. Obwohl sie zu guten Zwecken erschaffen wurden, bedeutete ihre Abhängigkeit vom Einen Ring, dass mit dessen Zerstörung auch alle durch die Ringe erreichten Errungenschaften verloren gingen.

Aus objektiver Sicht lässt sich feststellen, dass das Macht-Artefakt im epischen Erzählen ein gewisses Misstrauen gegenüber menschlichen Antrieben und Technologien verdeutlicht. Es bildet quasi das Gegenstück zur dystopischen Tradition, die in der Science-Fiction präsent ist. Ähnlich wie Schwerter, sei es seelenfressend oder nicht, tragen Macht-Artefakte stets eine gewisse innerliche Zerrissenheit in sich.

Jim Butcher: Blendwerk (Die dunklen Fälle des Harry Dresden 15)

Bouquinist Rubrik

Ich habe in den letzten Jahren eine wunderbare Zeit damit verbracht, mich durch Jim Butchers Kult-Reihe „Dresden Files“ zu lesen. Die dunklen Fälle des Harry Dresden“ ist die bekannteste und beeindruckendste Urban-Fantasy-Serie, in der wir den titelgebenden Magier Harry Dresden begleiten, der übernatürliche Verbrechen untersucht und Chicago vor ebensolchen Bedrohungen schützt. Diese Serie ist so verdammt gut, und ich liebe die einzigartige Kombination aus Mystery, großartigen Charakteren und intensivem Weltenbau, mit der Butcher ein brillantes, modernes Fantasy-Universum erschafft. Die letzten Bücher, darunter Wandel, Geistergeschichten und Eiskalt, zeigen Butcher auf seinem absoluten Höhepunkt, vor allem, weil er wirklich ausgefeilte und originelle Geschichten erzählt.

Blendwerk

Harry Dresden, Chicagos einziger praktizierender Zauberer und neuer gesalbter Ritter des Winters, steckt in Schwierigkeiten. Mit einem magischen Parasiten im Kopf sitzt er auf einer Insel mitten im Lake Michigan fest und hat nur noch wenige Tage zu leben. Die Rettung naht, als seine Chefin, die Winterkönigin Mab, auf der Insel eintrifft und anbietet, ihn zu retten. Doch von Mab gibt es nichts umsonst, und die Bedingungen für ihre Hilfe könnten sich als ebenso tödlich erweisen.

Um eine alte Schuld zu begleichen, hat Mab Dresden einem seiner verhasstesten und gefährlichsten Feinde, dem gefallenen Engel Nicodemus Archleone, „ausgeliehen“. Um seine finsteren Absichten zu verwirklichen, plant Nicodemus, in die persönliche Schatzkammer des griechischen Gottes Hades einzudringen und mehrere wertvolle Artefakte zu stehlen. Doch Nicodemus kann dies nicht alleine bewerkstelligen und heuert eine Gruppe von Schurken, Dieben und Spezialisten sowie Dresden an, um den Auftrag auszuführen. Gelingt es ihnen, werden sie alle unermesslich reich, scheitern sie jedoch, sind ihre Seelen für immer in der Unterwelt gefangen.

Im Laufe der Mission wird schnell klar, dass Nicodemus nicht die Absicht hat, einen seiner Leute am Leben zu lassen, schon gar nicht Dresden und seine Verbündeten. Um zu überleben, muss Dresden die vielen Hindernisse überwinden, die zwischen ihnen und dem Schatz, den sie suchen, liegen, und gleichzeitig einen Weg finden, Nicodemus aufzuhalten, ohne die Vereinbarung zu brechen, die Mab mit ihm geschlossen hat.

Mögen die Spiele beginnen! Ich bin immer wieder beeindruckt, wie Butcher es schafft, in dieser Serie herausragende und epische Bücher zu schreiben, und fast jedes Dresden Files-Buch ist besser als das letzte. Blendwerk ist ein großartiges Beispiel dafür, denn Butcher liefert eine seiner bisher unterhaltsamsten Geschichten mit so vielen Wendungen, Verrat und fantastischen Enthüllungen, wie man es sich nur wünschen kann.

Was die Urban Fantasy betrifft, so ist der Markt voll von Anwärtern. Es gibt eine Fülle von Figuren, die in unserer modernen Welt den guten Kampf gegen fiese Kreaturen kämpfen. Warum ist Harry Dresden besser oder anders als diese anderen Figuren? Nun, weil es keinem Autor gelingt, seine Serie über einen längeren Zeitraum aufrechtzuerhalten. Bei den „dunklen Fällen des Harry Dresden“ gibt es die Probleme des sinkenden Niveaus nicht.

Ich kann gar nicht genug betonen, wie gut der Plot von Blendwerk ist, vor allem, weil Butcher sich eine besonders clevere und spannende Räuberpistole ausgedacht hat, um die sich die Geschichte dreht. Nachdem der Leser die Geschehnisse des letzten Bandes verfolgt hat, wird er schnell in das neue Szenario hineingezogen, in dem Dresden gezwungen wird, für seinen alten Feind Nikodemus zu arbeiten. Dies führt zu einem klassischen Heist, in dem Dresden auf Nicodemus‘ verwegene Crew trifft, neue Mitglieder rekrutiert und die nötigen Ressourcen sammelt, um in den Tresorraum einzubrechen, auch wenn das Ziel weitaus übernatürlicher ist als man das kennt. Butcher baut auch die fantastische Dynamik zwischen Dresden und Nikodemus ein, die gegeneinander intrigieren. Beide wissen, dass der andere sie irgendwann verraten wird, sind aber gezwungen, sich in der Öffentlichkeit an die Regeln zu halten, um den magischen Pakt zwischen Nicodemus und Mab zu bewahren. Dies führt zu einer Reihe von Verrat, Manipulation und Konfrontationen, bei denen sich Dresden auf einem schmalen Grat bewegt, während er versucht, Nikodemus aufzuhalten. Gleichzeitig kehren einige großartige Charaktere zurück, was zu einigen starken und persönlichen Handlungssträngen führt.

Es gibt so viele großartige Story-Elemente, die sich durch den Großteil der Erzählung von Blendwerk ziehen, dass man extrem gefesselt ist, wenn man zum Hauptereignis, dem Raub, kommt. Der zeigt dann auch alles, was man sich erhofft, denn Dresden und seine Gangsterbande unternehmen einige waghalsige Aktionen, um ihre Ziele zu erreichen. Es gibt brillante Wendungen, faszinierende Enthüllungen und mehrere brutale Szenen, einschließlich eines herzzerreißenden Moments, der den Hauptantagonisten betrifft. Alles führt zum unvermeidlichen Verrat, bei dem sich Dresden und Nikodemus endlich gegenüberstehen, nachdem sie sich das ganze Buch über um den Finger gewickelt haben.

Eines der Dinge, die bei der Lektüre der Dresden Files auffällt, ist die Art und Weise, wie Butcher jeden Roman zugänglich macht, denn jeder Eintrag in der Reihe kann mehr oder weniger unabhängig von den anderen gelesen werden. Je tiefer man jedoch in die Dresden Files eintaucht, desto mehr verweist das neue Buch auf Elemente aus früheren Romanen, während es gleichzeitig auf bestehenden Handlungssträngen und Charakterbögen aufbaut. Blendwerk ist dafür ein hervorragendes Beispiel, denn Neueinsteiger können sich wunderbar in das Buch einfinden, zumal Butcher alle wichtigen Handlungspunkte, die Neueinsteigern vielleicht noch nicht bekannt sind, gut erklärt. Aber auch Fans der Serie werden von diesem Buch profitieren, da Butcher hier einige überraschende Handlungsstränge fortsetzt oder abschließt. Insbesondere gibt es viele Bezüge zu den letzten beiden Büchern, in denen Nikodemus als Antagonist auftrat, Silberlinge und Kleine Gefallen, da Dresden seinen tödlichen Kampf gegen seinen alten Feind fortsetzt und sich an all die früheren Schlachten erinnert. In Blendwerk schließt sich auch der Kreis einiger großer Figuren, was besonders für die Leserinnen und Leser, die den Rest der Serie verfolgt haben und den Hauptfiguren bereits ans Herz gewachsen sind, sehr bewegend ist.

Daher würde ich wahrscheinlich empfehlen, den Rest der Serie zu lesen, bevor man Skin Game ausprobiert, vor allem, weil man dann eine viel beeindruckendere Zeit verbringt. Wer jedoch auf der Suche nach einem unterhaltsamen und bewegenden Fantasy-Räuberroman ist, kann sich ohne Probleme auf Blendwerk stürzen und eine tolle Zeit mit Verrat, Lügen und Betrug verbringen. Wie immer ist eines der besten Elemente dieses Dresden Files-Romans die außergewöhnliche Charakterarbeit. Butcher gelingt es immer wieder, komplexe und starke Charakterbögen zu entwickeln, die die vielen Facetten seiner hervorragenden Protagonisten und Bösewichte zum Vorschein bringen. Blendwerk ist eines der besten Bücher, die Butcher bisher veröffentlicht hat, mit einer interessanten Besetzung und einigen tiefgründigen und intensiven Charakterbögen, die zeigen, wie sehr sich viele der Protagonisten verändert haben.

Jim Butcher: Eiskalt (Die dunklen Fälle des Harry Dresden 14)

Bouquinist Rubrik
Eiskalt

Eiskalt ist eine hervorragende Fortsetzung der Dresden Files. Das Buch bereichert die Serie in zweierlei Hinsicht und macht die fesselnde Saga um Harry Dresden noch besser als zuvor. Erstens schließt der Band auf spektakuläre Weise die „Unterreihe“ ab, die mit Wandel begann. Als der vierzehnte Band zu Ende ging, waren viele Fragen beantwortet und einige Nebenhandlungen abgeschlossen. Aber nicht nur das, dieses Buch enthüllt auch einen wichtigen Handlungsstrang, der im Grunde alle bisherigen 13 Dresden Files-Romane zu einer einzigen, zusammenhängenden Geschichte macht. Inzwischen gibt es auch Hinweise auf einen noch größeren Sturm, der Harrys Welt künftig heimsuchen wird.

Eiskalt bietet auch eine willkommene Abwechslung in Bezug auf das Setting. Früher gab es eine Handvoll Episoden, die mit Vampiren überladen waren. Das wäre mit der Zeit langweilig und repetitiv geworden. Mit Eiskalt kommt endlich frischer Wind in die Serie, denn wir befinden uns mitten in einem jahrhundertealten Konflikt zwischen Winter- und Sommerfeen.

Die Dresden Files sind eine sehr erfolgreiche Reihe, und das liegt an verschiedenen Faktoren. Selbst wenn man nur ein Buch der Serie gelesen hat, bleiben die Charaktere im Gedächtnis, weil Butcher sie von Beginn an mit Leben erfüllt, egal, wie nebensächlich sie zunächst erscheinen. Außerdem hat die Serie, die in Chicago spielt, einen starken Neo-Noir-Charakter, den viele Leute sehr anziehend finden. Die wahre Stärke dieser Serie liegt jedoch in Butchers Fähigkeit, im Laufe der Zeit immer bessere Geschichten zu erzählen und sich von Band zu Band zu steigern. Ein Beispiel: In den früheren Teilen hatte es Harry oft mit Monstern zu tun, die viel stärker waren als er. Wie gelang es ihm, sich aus diesen Schwierigkeiten zu befreien? Er griff auf seine „innere Stärke“ zurück und fand plötzlich (und auf wundersame Weise) eine Kraft, die ihm half, die Kämpfe zu gewinnen. Als Jim Butcher in den ersten beiden Büchern dieses Handlungselement „innere Stärke finden“ einsetzte, war es noch nachvollziehbar. Aber als er kurz davor war, diesen Deus ex Machina-Plot zu oft zu wiederholen, um seinen Helden aus der Patsche zu helfen, war die Gefahr des Klischees fast schon in Reichweite. In den letzten Bänden dieser Reihe hat Butcher jedoch den monströsen Kopf des Klischees, der in diesen Büchern aufkeimte, erschlagen, als er anfing, Harrys Nemesis, deren Kräfte in einer anderen Liga spielten, ihm ziemlich viel Schaden zuzufügen. Wenn Harry in den letzten Büchern in Schwierigkeiten geriet, konnte er sich entweder mit seinem Verstand oder mit Hilfe seiner Freunde befreien. Diese Änderung der Erzählweise brachte Wendungen und Überraschungen in die Geschichten, aber auch ein echtes Gefühl der Gefahr für unsere Helden.

In Eiskalt hat Jim Butcher seine Erzählkunst noch einmal gesteigert, denn diesmal geht die Geschichte nicht nur rasend schnell voran, sondern die Handlung selbst ist völlig unvorhersehbar. Gerade wenn man denkt, dass Harry alles im Griff hat, wird die Geschichte im nächsten Absatz plötzlich von einer Überraschung überrollt und macht dann eine 180-Grad-Wendung.

Als neuer Winterritter ist Harry nun die rechte Hand von Mab, der Winterkönigin. Das verleiht ihm eine Menge Macht, die seine angeborenen magischen Fähigkeiten noch verstärkt – beeindruckend, wenn man bedenkt, wie gefürchtet er ohnehin schon ist. Aber Mab hat sicher auch Pläne mit ihm. Pläne, die er vielleicht ausführt, vielleicht aber auch nicht, denn ein einfacher Befehlsempfänger war er noch nie.

Mit vielen der üblichen Anspielungen auf Spider-Man und Star Wars, von denen Butcher offensichtlich ein Fan ist, bekommen wir das Gefühl, dass die Dinge fast wieder normal sind… fast. Vergessen wir nicht, dass Harrys Freunde ihn für tot hielten. Er hat keinen Ort mehr, den er sein Zuhause nennen könnte, und eine Zeit lang war er tatsächlich so gut wie tot. Sein Humor ist noch intakt, nur etwas düsterer geworden. Seine Einstellung zum Leben ist sicherlich getrübt nach der Zeit, die er im Niemalsland verbringen musste, um zu genesen und wieder zu sich selbst zu finden.

Wir sehen ihn zusammen mit den meisten Nebenfiguren wieder, andere werden in diesem Band zwar erwähnt, aber wir sehen nichts von ihnen. Neue Kreaturen und Charaktere tauchen auf, und wir betrachten Harrys Welt mit ganz anderen Augen und erleben sie viel düsterer als zuvor. Was die Charaktere betrifft, so ist Cat Sith sicherlich der interessanteste der neuen Garde, der allerdings noch nicht gänzlich erschlossen ist.

Auch einige gewöhnliche Menschen werden sich in diesem Buch für immer verändern, sie alle zu nennen, würde zu unnötigen Spoilern führen. Dennoch werde ich hier eine Art Pseudo-Spoiler einfügen. Es gibt einen sehr leidenschaftlichen und lang erwarteten Kuss zwischen Harry und einer anderen Figur. Er endet nicht so, wie ich es mir gewünscht hätte, aber ich verstehe, dass Butcher diese Möglichkeit für ein anderes Mal offen lassen will.

Memories of Ice / Steven Erikson:

Bouquinist

Auch „Memories of Ice“, das dritte Buch der Serie “Malazan Book of the Fallen” (Das Spiel der Götter) fühlt sich an, als würde man den höchsten Berg der Erde besteigen. Blanvalet macht daraus die beiden Bände Die eisige Zeit und Der Tag des Sehers. Wir kehren auf den Kontinent Genabackis zurück (wo sich Buch 1 entfaltete). Viele Charaktere aus dem ersten Buch tauchen hier wieder auf, wie zum Beispiel die bemerkenswerten Publikumslieblinge Anomander Rake, Der schnelle Ben, Kruppe, Tool, Toc der Jüngere und Elster mit dem ganzen Rest der Brückenverbrenner.

Dazu kommen noch einige Neuzugänge: Der Barghast Hetan, Grantl, der mürrische Hauptmann der Karawanenwache Kallor, der unsterbliche, nachtragende Krieger Itkovian, der tragische Diener eines verlorenen Gottes, die mysteriöse und unerschütterliche Lady Missgunst und natürlich das finstere Totenbeschwörerpaar Bauchelain und Korbal Broach. All diese Figuren sind das Ergebnis eines zweifelhaften Bündnisses gegen ein bösartiges Imperium, das als Pannionische Domäne bekannt ist.

Weiterlesen

Urban Fantasy – Teil 3: Die Chronik der urbanen Fantasy

Bouquinist Rubrik

Im vorherigen Beitrag sprachen wir über die ersten Autoren, die sich in den 80er und 90er Jahren in das Neuland der urbanen Fantasy wagten: Charles de Lint, Emma Bull, Laurell K. Hamilton, Neil Gaiman und andere. Nun wollen wir sehen, wie sich die urbane Fantasy im ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts entwickelt hat.

Kinderbücher, Jugendbücher und neue Belletristik für Erwachsene

In den 90er Jahren wurden urbane Fantasy-Bücher hauptsächlich für Erwachsene geschrieben. J.K. Rowling änderte das, indem sie urbane Fantasy-Themen in ihre Harry-Potter-Serie integrierte. Die Grundidee der Serie ähnelt derjenigen, mit der Neil Gaiman in Niemalsland gespielt hat, nämlich der Koexistenz zweier Realitätsebenen, einer technologischen und einer magischen . Man kann sogar sagen, dass Harry Potter und der Stein der Weisen (1997) ein Niemalsland für Kinder und Jugendliche ist.

Jugendliteratur (auch „Young Adult“ genannt) hat sich in den 2000er Jahren massiv mit urbaner Fantasy auseinandergesetzt. Twilight (2005) von Stephenie Meyer war ein großer kommerzieller Erfolg, trotz der erheblichen Schwächen des Romans (oder vielleicht wegen dieser Schwächen). Kurz darauf startete Cassandra Clare ihre Chroniken der Unterwelt mit City of Bones (2007). Seitdem hat sich die Urban Fantasy für Kinder u. Jugendliche in den Regalen jeder Buchhandlung festgesetzt und sich zu einem der kommerziell erfolgreichsten Genres der Geschichte entwickelt.

Die neueste Entwicklung ist die Entstehung der sogenannten „New Adult“-Literatur, die sich an Erwachsene zwischen 18 und 30 Jahren richtet. Dieses Genre ähnelt der Jugendbelletristik, enthält aber etwas ältere Protagonisten (Ende der Pubertät und Anfang der Zwanziger) und manchmal auch erwachsenes Material, aber nicht immer. Mit Lev Grossmans Fillroy – Die Zauberer startete 2009 eine neue erwachsene Urban Fantasy, und dieses Subgenre gewannt schnell an Dynamik. Die Zauberer wurde als der Harry Potter für Erwachsene beworben, aber dieser Roman ist nicht nur ein Harry Potter-Abklatsch. Dennoch besteht der Hauptunterschied darin, dass dieser Roman nicht vor erwachsenen Themen zurückschreckt.

Detektive des Übersinnlichen: Wenn Hardboiled auf Fantasy trifft

Detektive und Privatdetektive, die sich mit unerklärlichen, paranormalen Ereignissen beschäftigen, sind kein neues Thema in der Literatur. Eigentlich waren die allerersten Bücher, die sich mit diesem Thema befassten, keine Belletristik, sondern Hexenjägerhandbücher. Das berühmteste von ihnen war der „Hexenhammer“ Malleus Maleficarum, der 1486 von Heinrich Kramer, einem deutschen Geistlichen, geschrieben wurde. Auch das Thema der Detektive, die mit Hilfe von Magie Verbrechen aufklären, ist nicht neu. Als Subgenre der Kriminalliteratur lässt sich die okkulte Detektivliteratur bis in das 19. Jahrhundert zurückverfolgen.

In den 1990er Jahren waren Fantasy und hartgesottene (Hardboiled) Noir-Detektivgeschichten völlig unterschiedliche Genres und schienen nichts gemeinsam zu haben. Fantasy-Geschichten wurden in sekundären, vorindustriellen Welten angesiedelt, in denen Magie zum Alltag gehörte. Noir-Detektivgeschichten spielten in modernen Metropolen und waren mit den sozialen Brennpunkten der Großstädte verwurzelt. Versuche, diese beiden Genres zu verschmelzen, wurden manchmal mit Erfolg unternommen, wie das Beispiel der Hellblazer-Comics zeigt. Das fantastische Noir blieb jedoch ein relativ kleines Genre, bis Jim Butcher es neu erfand.

Könnt ihr euch eine Kreuzung zwischen Sam Spade und Gandalf vorstellen?

Jim Butcher ist der MacGyver der Fantasy. In „Sturmnacht“ (2000) kombinierte er zwei unterschiedliche Genres zu etwas Neuem und Funktionalem: Die Detektivgeschichten verbindet sich mit Sword & Sorcery. Im Gegensatz zu MacGyver setzte Butcher seine Fähigkeiten jedoch nicht dazu ein, um für Gerechtigkeit zu sorgen, sondern um eine kommerziell erfolgreiche Serie urbaner Fantasy zu schreiben: „Die dunklen Fälle des Harry Dresden“. Wie die meisten Bestseller werden seine Bücher niemanden auf intellektueller Ebene herausfordern, aber sie werden jeden gründlich unterhalten. Meines Wissens ist Butcher der kommerziell erfolgreichste Autor im Genre der urbanen Fantasy. Fünf seiner Bücher belegten den ersten Platz der New York Times Bestsellerliste. Nur wenige Schriftsteller schafften so etwas.

Die Dresden-Files weisen viele Ähnlichkeiten mit Anita Blake auf, es gibt aber auch einige signifikante Unterschiede. Insbesondere die fiktiven Universen sind ganz anders aufgebaut. Die Dresden-Files beziehen sich stärker auf den Hardboiled-Kriminalroman, aber auch auf Sword & Sorcery. In der Serie Anita Blake drehen sich die Geschichten oft um Vampire und andere Untote und ihren Machtkampf. Der andere wichtige Unterschied ist die Entwicklung der Serie, da Anita Blake sich in Richtung paranormaler Romantik und Erotik bewegt, während die Dresden-Files fest im übernatürlichen Detektiv-Genre verwurzelt blieben.

Findest du es lustig, gegen Dämonen zu kämpfen?

Urbane Fantasy-Romane haben oft einen leichten, lässigen Ton. Humor ist omnipräsent, unabhängig davon, wie düster und dramatisch die Geschichte ist. Wir sehen es bereits in Moonheart (1984) von Charles de Lint, sowie in anderen frühe Beispielen urbaner Fantasy. Bittersüße Tode (1993) von Laurell K. Hamilton beginnt so:

Willie McCoy war ein Idiot, bevor er starb. Dass er tot war, hatte daran nichts geändert.

Während einige Urban Fantasy-Autoren einen relativ ernsten Ton anlegten (z.B. Kelley Armstrong in Die Nacht der Wölfin, Patricia Briggs in Moon Called), zögerten andere nicht, ihren Geschichten eine gute Portion Humor hinzuzufügen. Einige Passagen aus Sturmnacht kommen mir in den Sinn, z.B. wenn Harry Dresden mit Bob, einem Geist reinen Intellekts, der einen menschlichen Schädel bewohnt, diskutiert. Auch Neil Gaiman verfolgt in seinen Büchern einen augenzwinkernden Ansatz. „Ein gutes Omen“ (Good Omens: The Nice and Accurate Prophecies of Agnes Nutter, Witch), 1990 zusammen mit Terry Pratchett geschrieben, ist eine Komödie des Übersinnlichen, die den Glauben an die biblische Apokalypse verspottet. Niemalsland (1996) strotzt ebenfalls vor humorvoller Dialoge, und die Bösewichte der Geschichte sind ebenso urkomisch wie finster.

Starke Frauen als Heldinnen

Die überwiegende Mehrheit der urbanen Fantasy-Romane zeigt willensstarke weibliche Protagonistinnen. Die einzigen Ausnahmen, die ich kenne, sind die Dresden-Files und Fillroy – Die Zauberer, beide von männlichen Autoren geschrieben, was nicht gerade überraschend ist.

Anita Blake ist eine ikonenhafte Figur, der Prototyp einer knallharten Heldin (siehe meinen vorherigen Beitrag zur Geschichte der urbanen Fantasy). Sie ist unabhängig, zielstrebig, mutig und in der Lage, sich zu verteidigen. Um das Ganze noch zu toppen, ist sie eine risikofreudige und adrenalinsüchtige Frau. Sie lässt sich von niemandem etwas gefallen und gerät wegen ihrer trotzigen Haltung oft in Schwierigkeiten. Unzählige urbane Fantasy-Heldinnen würden in dieses Profil passen: Elena Michaels (in der Otherworld-Serie von Kelley Armstrong), Mercy Thompson von Patricia Briggs), Rachel Morgan von Kim Harrison, Kate Daniels von Ilona Andrews), Selene (in der Underworld-Filmreihe) und so weiter.

Einige weibliche Protagonistinnen sind femininer und verletzlicher, aber auch sie haben eine starke Persönlichkeit, zum Beispiel Sookie Stackhouse (Buchreihe von Charlaine Harris und TV-Serie True Blood) oder MacKayla Lane, genannt Mac (Fever-Serie von Karen Marie Moning). Sie können aussehen wie Barbie-Puppen, aber sie wissen, was sie wollen, und sie bekommen, was sie wollen. In Im Bann des Vampirs gibt die 22-jährige Mac ihre verschwenderische Lebensweise in Ashford, Georgia, auf und reist nach Dublin, um den Mord an ihrer Schwester zu untersuchen. Ohne Detektivausbildung und ohne Hilfe der Polizei ist es nicht verwunderlich, dass sie schnell in Schwierigkeiten gerät. Doch sie weigert sich, nachzugeben. Einige würden sagen, sie sei mutig und entschlossen, andere würden sie als stur oder hitzköpfig bezeichnen. Wie immer man das sieht.

Das Thema weiblicher Emanzipation ist in der Literatur nicht neu. Die frühesten Beispiele, die ich kenne, sind Schauerromane vom Ende des 18. Jahrhunderts (siehe Ursprünge der Urban Fantasy). Interessanterweise erschien im selben Zeitraum (1792) Verteidigung der Frauenrechte von Mary Wollstonecraft, eines der frühesten Werke feministischer Philosophie. Wie ich bereits in meinem vorherigen Beitrag dargelegt habe, ist die urbane Fantasy das Äquivalent der Gothic Novel des 21. Jahrhunderts, in dem Sinne nämlich, dass diese beiden Genres viel gemeinsam haben. Die urbane Fantasy erlaubt es uns jedoch, das Problem der Frauenrechte aus einem neuen Blickwinkel zu betrachten.

Werwolf-Geschichten sind in diesem Zusammenhang interessant, zum Beispiel Bitten von Kelley Armstrong, Moon Called von Patricia Briggs oder Kitty and the Midnight Hour von Carrie Vaughn. Sie zeigen weibliche Werwölfe oder Gestaltwandlerinnen und stellen ihre komplexen Beziehungen zu den Werwolf-Clans dar, zu denen sie gehören. Geschlechterrollen, Emanzipation, Homophobie, Autorität und Autoritätskonflikte – es gibt viel zu sagen über Werwolf-Geschichten.

Geht es nur um Sex?

Urban Fantasy hat den Ruf, attraktive Protagonisten, denen sinnliche Genüsse nicht fremd sind, mit ebenso attraktiven Partnern des anderen Geschlechts zu präsentieren. Der Grund dafür ist einfach. Von Anfang an wurde urbane Fantasy eng mit paranormaler Romantik verbunden, obwohl nicht alle urbanen Fantasy-Geschichten Romantik enthalten. Die meisten von ihnen tun das, und ich sehe das nicht als Problem. Wer genießt nicht eine gute Liebesgeschichte?

Das Problem ist, dass sich Romantik in manchen urbanen Fantasy-Geschichten erzwungen anfühlt. Eine alte Vampirin verliebt sich plötzlich in einen Menschen. Warum? Weil es praktisch ist, das ist alles. Ich denke zum Beispiel an die Underworld-Serie. Im ersten Film verliebt sich Selene in Michael Corvin. Warum fühlt sie sich zu ihm hingezogen? Was macht ihn so besonders?

Dreiecksbeziehungen sind auch in der zeitgenössischen Fantasy weit verbreitet. Das kann eine mächtige Erzählstrategie sein, wenn das Thema intelligent eingesetzt wird. In Bitten von Kelley Armstrong enthüllt die Dreiecksbeziehung zwischen Elena, den Protagonisten Phillip (einem Menschen) und Clay (einem Werwolf), die Dualität von Elenas Persönlichkeit. Sie ist ein Werwolf, der versucht, ein normales, menschliches Leben zu führen. Ihr Freund Philip weiß nicht, wer sie wirklich ist. Ihre Liebe zu Phillip rührt von ihrer Verbundenheit mit der Menschheit her und ihrem Wunsch, sich von ihrem Rudel zu emanzipieren. Ihre Sehnsucht nach Clay hingegen kommt von ihren fleischlichen, tierischen Instinkten. Mit anderen Worten, der Mensch in ihr liebt Phillip, während der Wolf in ihr Clay liebt. Welche Seite ihrer Persönlichkeit wird gewinnen? Lesen Sie das Buch, um es herauszufinden!

Eskapismus oder eine andere Sichtweise auf die Realität?

Urbane Fantasy – wie die meisten Fantasy-Subgenres – betont Heldentum und persönliche Leistung. In urbanen Fantasy-Geschichten werden gewöhnliche Menschen jedoch oft in übernatürlichen Machenschaften gefangen gehalten. Wie ich in meinem vorherigen Beitrag schrieb, mag die urbane Fantasy ein eskapistisches Genre sein, aber dies ist ein zweideutiger Eskapismus, der uns immer wieder in die Realität zurückbringt.

Für mich ist der interessanteste Aspekt der urbanen Fantasie, wie dieses Genre mit dem Thema Dualität umgeht. Realität versus Fantasie, Modernität versus Tradition, Technologie versus Magie, Intellekt versus Instinkt. Dualität scheint der Kern jeder urbanen Fantasy-Geschichte zu sein. Die Gegensätze konkurrieren miteinander, um sich besser zu ergänzen. Ein gutes Beispiel für die Yin-Yang-Theorie, oder etwa nicht?

Jim Butcher: Geistergeschichten (Die dunklen Fälle des Harry Dresden 13)

Bouquinist Rubrik
Geistergeschichten

In der Dresden-Files-Reihe sind wir nun bei Buch 13 angekommen und im Gegensatz zu vielen langlebigen Serien, die sich irgendwann in Wiederholungen ergeben und nicht wissen, wie sie weitermachen sollen, ist das für Jim Butcher überhaupt kein Problem. Von Beginn an, namentlich der Sturmnacht, zieht Butcher sein Projekt hoch und wird von Buch zu Buch besser, bis er irgendwann ein Plateau erreicht, auf dem die besten Teile miteinander tanzen, ohne sich etwas zu nehmen. Wer vielleicht nur das erste oder zweite Buch gelesen hat, wird kaum verstehen, warum die Dresden-Files das beste sind, was die Urban Fantasy zu bieten hat. Das mag daran liegen, dass Butcher die Welt, mit der wir es hier zu tun bekommen, sorgfältig vorbereitet. Die Leser werden nicht einfach in irgendetwas hineingeworfen, das sie dann mühevoll herausfinden müssen. Alles beginnt interessant und spannungsgeladen, aber noch nicht auf dem höchst möglichen Niveau. Doch darüber sind wir längst hinaus, und so ist Geistergeschichten ein weiteres Monument der Saga um den unaufhaltsamen Magier aus Chicago. Wobei… unaufhaltsam? Nicht ganz, denn Harry Dresden ist tot. Er starb im letzten Band Wandel.

Im Laufe von 13 Romanen, in einem sich ständig erweiternden Universum von Magiern, Vampiren, Dämonen, Mystikern und Feen, hat sich Dresden im Umgang mit den Gesetzen der paranormalen Welt ziemlich gut bewährt. Früher hatte er ein ganz normales Büro, in dem Klienten erschienen (übernatürliche und andere), die ihn darum baten, den Müll, der seine Stadt bedrohte, aus dem Weg zu räumen. Und Harry rettete am Ende des Tages wieder einmal die Welt. Für Harry lief alles mehr oder weniger wie immer – mit anschwellender Tendenz zum unmöglichen. Bis zu seinem Mord.

Als Geist bekommt Harry die andere Seite von Chicago zu sehen. Es ist eine Seite, die in den 13 Romanen von zwar mehrfach erwähnt, aber nie vollständig beschrieben wurde. Dieses Zwischenspiel bietet dem Autor die Möglichkeit, seine Welt aus einer anderen Perspektive zu betrachten und einen neuen Bogen für die Serie zu schlagen. Auf der anderen Seite trifft Harry auf alte Freunde, die ihre „Fleischanzüge“ schon vor langer Zeit aufgegeben haben. Es gelten neue Regeln, wenn man nicht mehr körperlich anwesend ist, aber mit der Zeit und ein wenig Übung gelingt es Harry, seine neu gewonnenen Fähigkeiten genauso zu beherrschen wie die Magie, die er zu Lebzeiten zur Verfügung hatte. Diese Parallele zieht sich wie ein roter Faden durch das Buch. Ironischerweise erfahren wir erst jetzt, da der Held tot ist, wie er zu dem Mann wurde, der er einst war. Und das ist sicher eines der zahlreichen Highlights hier.

Im Leben und im Tod, bei jeder Auseinandersetzung mit der Vergangenheit, gibt es einen Raum für das Bedauern: für Verlust, für Leid, für Schmerz und Versagen. Im Laufe von Geistergeschichten findet Harry heraus, wer und was er ist, und vor allem, was er getan hat. Die Menschen in seinem Leben, seine Erfahrungen mit ihnen sind unauslöschlich. Sie haben ihn beeinflusst, so wie seine Anwesenheit auch sie beeinflusst hat. Als er sechs Monate nach seinem Tod nach Chicago zurückkehrt, mag es Harrys oberstes Ziel sein, seinen Mörder zu finden, doch sein unveränderliches Ziel ist es, diejenigen zu schützen, die ihm wichtig sind. In der kurzen Zeit, in der er „nicht anwesend“ war, hat sich viel verändert, und zwar nicht zum Besseren. Seine langjährige Freundin Murphy hat wegen Harry ihren Job bei der Polizei verloren. Sie ist abgehärtet, fast rücksichtslos in ihren Urteilen und tut alles, was nötig ist, um die nächtlichen Bedrohungen einer Stadt im Niedergang zu bekämpfen. Molly, Harrys Lehrling, wurde gezwungen, die Verantwortung eines vollwertigen Magiers zu übernehmen. Sie ist unvorbereitet, ihr Verstand ist angeknackst, und sie wird dazu getrieben, die Gesetze der Zauberer und der Menschen zu missachten.

Andere langjährige Fan-Lieblinge wie die Alphas (ein Team von Werwölfen), Father Forthill (ein Priester mit einem tiefen Verständnis für das Paranormale), Daniel Carpenter (der riesenhafte Bruder von Molly) und Butters, der Gerichtsmediziner, tauchen alle in dieser Geschichte wieder auf. Und der Geisterflüsterer Mortimer Lindquist spielt sogar eine Hauptrolle und es wird klar, dass Harry sich auch in ihm geirrt hatte. Und auch wenn sein Bruder Thomas oder Gentleman Marcone nicht als handelnde Figuren dabei sind, werden sie zumindest erwähnt und wir wissen, was sie gerade tun.

Eine gefährliche Nekromantin kehrt zurück, um sich an den Seelen der Toten zu laben. Kleine Zauberer führen Banden von Kindern an und versuchen, die Machtlücke zu füllen, die mit der Vernichtung des Roten Hofes der Vampire einhergeht. Da Harry nicht in der Lage ist, sich durch seine Feinde zu prügeln, muss Harry seine Probleme mit anderen Mitteln lösen. Er hat mehr Zeit zum Nachdenken während er versucht, sich mit den Ereignissen zu versöhnen, die zu seiner aktuellen Krise geführt haben. Nachdem eines ihrer Teammitglieder bei einem Angriff auf ihr Haus verletzt wurde, ist Murphy bereit, erst zu schießen und dann Fragen zu stellen.

Offenbar war dies die Rolle, die Harry bis dahin eingenommen hatte. Es war die Rolle, die schließlich zu seinem Tod führte. Da Harry die Attentäter aufspüren kann, bekommt er Einblick in eine Situation, die er selbst gut genug kennt. Die Kinder, die dieses Attentat verübten, wurden von einem zweitklassigen egomanen Magier dazu gezwungen. Harry hat Mitleid mit ihnen, Murphy allerdings nicht. So entsteht fast ein Rollentauch, den in den vorherigen Büchern war es stets Murphy, die Harry bremsen musste.

Harrys Unfähigkeit, zu handeln, gibt ihm die Möglichkeit, seine Prioritäten neu zu überdenken. Nachdem ihm sein eigenes Leben genommen wurde, empfindet er eine neue Verachtung für diejenigen, die andere kontrollieren und ohne Rücksicht töten: 

„Wenn man jemandem den Willen nimmt, nimmt man ihm damit die Identität. Das ist schlimmer als Mord, denn wenn man jemanden umbringt, leidet dieser Mensch wenigstens nicht mehr.“

Während Harry sich langsam weiterentwickelt, bleiben seine Welt und seine Gegner weitgehend gleich. Genre-Literatur hat das wenig beneidenswerte Ziel, die Erwartungen der Fans zu erfüllen. Die Fans erwarten bestimmte Elemente und Charaktere: eine Prise übernatürliche Action, einige witzige Bemerkungen und Anspielungen auf die Popkultur, eine ständig wachsende und verschlungene Mythologie und eine Reihe von Figuren, die ihnen vertraut, wenn auch nicht immer sympathisch sind. Die Veränderung von Harrys körperlichem Zustand ändert nicht viel an seiner Persönlichkeit oder seinem detektivischen Konzept. Er ist vielleicht ein bisschen introspektiver als im ersten Buch, eine natürliche Entwicklung des Älterwerdens, aber er ist immer noch derselbe Klugscheißer. Es gibt neue Hindernisse, die es zu überwinden gilt, neue Methoden im Umgang mit Widersachern, aber nichts allzu Radikales. Diejenigen, die die Serie bereits verworfen haben, werden hier wahrscheinlich nichts finden, was sie wieder anlockt; bei so viel Hintergrundgeschichte sollten diejenigen, die die Dresden-Files noch nicht kennen, woanders anfangen. Für die Anhänger der Serie dürfte es ein angenehmes Vergnügen sein, zu sehen, dass die Serie eben nicht einfach mit dem Tod des Helden endet. Der Fortgang der Handlung fühlt sich eher wie ein Seitenschritt als ein Sprung nach vorn an. Trotz der unklaren Position des Helden ist es klar, dass diese Serie weiterleben wird, solange die Fans zufrieden sind.

Jim Butcher: Wandel (Die dunklen Fälle des Harry Dresden 12)

Bouquinist Rubrik

Statt langsam an Qualität abzunehmen, wie es vielen Serien fast zwangsläufig nach einem längeren Zeitraum passiert, ist es bei den Dresden Files genau umgekehrt. Mindestens seit Grabesruhe oder Silberlinge wird die Serie von Buch zu Buch immer besser, und das, obwohl sie bereits einen starken Start hinlegte. Doch da konnte man sich noch nicht einmal ansatzweise vorstellen, wohin das alles führen würde. Im zwölften Band fackelt Jim Butcher nicht lange und bricht gleich im ersten Satz mit der Tür ins Haus:

Ich ging ans Telefon, und Susan Rodriguez sagte: „Sie haben unsere Tochter entführt.“

Es dürfte sich von selbst verstehen, dass man hier nicht einsteigt, sollte man die Serie aus irgendwelchen fadenscheinigen Gründen nicht kennen. Der Titel passt hier wie die sprichwörtliche Faust aufs Auge: Alles steht hier im Zeichen des Wandels, tatsächlich in jeglicher Form.

Geplantes Blutfest

Arianna Ortega, Vampirin vom Roten Hof, macht Harry für den Tod ihres Mannes verantwortlich – und sie sinnt auf Rache. Ihre Entdeckung, dass Susan Rodriguez Harry eine Tochter geboren hat, war ein unerwartetes Geschenk. Als Nächstes entführt Arianna das Mädchen und plant, ihr Blut in einem groß angelegten Opferritual zu verwenden, um Harry, Susan und ihre Tochter zu töten.

Harry ist sowohl emotional als auch von der Waffenstärke her völlig unvorbereitet. Susan war nach einem Angriff seiner Feinde, der sie mit einem Vampir-Fluch belegt hatte, nach Südamerika verschwunden. Und da zwischen dem Weißen Rat der Zauberer und dem Roten Hof ein Waffenstillstand herrscht, ist die Verstärkung durch seine „eigenen Leute“ sehr dünn gesät, um nicht zu sagen – gar nicht vorhanden.

Eine neue Quelle der Macht

Da es um nichts Geringeres als Leben seines Kindes und Susans Menschlichkeit geht, und außerdem sein eigener Tod droht, muss Dresden eine neue Quelle der Stärke finden. In der Vergangenheit gab es immer eine Grenze, die Harry nicht überschreiten wollte. Obwohl ihn finstere Mächte immer wieder in Versuchung geführt haben, hat er sich nie der vollen Wut seiner eigenen, unausgeschöpften dunklen Kräfte hingegeben. Aber damals stand ja auch nur sein eigenes Leben auf dem Spiel.

Wir haben hier natürlich Harry Dresden vor uns, aber es ist ein Harry, wie ihn die Leser noch nie gesehen haben. Er verändert sich buchstäblich vor unseren Augen, während er seine bisher schwierigste Mission in Angriff nimmt: die Rettung seiner Tochter aus den Fängen der Vampire des Roten Hofes.

Ein neuer Handlungsstrang

Bei früheren Romanen dieser Reihe wurde unter anderem kritisiert, dass sich Butcher zu viel Zeit gelassen hat, um einen langjährigen Handlungsbogen über eine mysteriöse Gruppe schwarzer Magier (bekannt als der Schwarze Rat) auszubauen, die möglicherweise die höchsten Ebenen des Weißen Rates der Zaubererwelt infiltriert haben. Dieser Handlungsstrang wird für die Änderungen hier erst einmal beiseite gelegt, und an seine Stelle tritt ein überraschender neuer Handlungsstrang über die junge Tochter, von der Harry nie wusste, dass er sie hat, die sich in den Händen der Vampire des Roten Hofes in Lebensgefahr befindet. Damit hat der Leser ganz sicher nicht gerechnet!

Butcher lässt nicht lange auf sich warten und überrascht sowohl die treuen Leser der Serie als auch Harry auf der ersten Seite des Romans mit der Nachricht, dass er Vater geworden ist und seine Tochter entführt wurde. Von da an lässt er die dramatische Spannung und das Tempo des Romans auf den nächsten rund 400 Seiten nicht mehr nach.

Harry Dresden hat in seiner Karriere als Magier sicherlich schon große Herausforderungen gemeistert. Er ist vielleicht nicht immer mit heiler Haut davongekommen, aber er hat seine Begegnungen mit Dämonen, Hexenmeistern, Zombies, Feen und Gespenstern immer gewonnen. Diesmal scheint alles gegen ihn zu stehen. Sein Feind ist gewaltig – die alte herrschende Vampir-Elite des Roten Hofes, seine Verbündeten sind dünn gesät – ganz zu schweigen davon, dass sie waffentechnisch unterlegen sind. Die Verzweiflung führt ihn auf seinen bisher dunkelsten Weg und bringt ihn weit weg vom braven Harry, der in den ersten Büchern dieser Reihe zu finden war.

Wandel ist ein entscheidender Roman für die Dresden Files und enthält auch einige von Jim Butchers besten Passagen in der Serie. Der verworrene Handlungsstrang ist gut durchdacht und verschleiert den schockierenden Höhepunkt der Geschichte auf angemessene Weise, während es an Witz und Zauberei nicht mangelt, um wie immer – bei aller Dramatik – auch unterhaltsam zu sein. Vampirfans kommen hiervoll auf ihre Kosten, denn dies ist eine der vampirzentriertesten Geschichten der Serie überhaupt. Hartnäckige Vampir-Attentäter sorgen für reichlich Gefahr für Harry und seine Freunde – das mystische Maya-Thema für den Hof der Roten Vampire ist nur ein spannender Bonus für Fans des Übernatürlichen.

Wandel ist erneut ein fantastischer Roman, der die Fans der Dresden Files garantiert nach mehr verlangen lässt. Ganz zu schweigen davon, dass er sie mit Fragen zurücklässt wie „Wohin wird Harry von hier aus gehen?“ und „Wie weit kann er einen solch dunklen Pfad überhaupt beschreiten?“

Fantasy – Eine Blaupause für die Welt

Die Fantasy hat ihre symbolischen Krallen in uns alle geschlagen. Ihre Ursprünge sind uralt, sie wurzeln in der isländischen Edda und in altenglischen Dichtungen wie Beowulf. Sie ist Shakespeare verpflichtet, den Abenteuererzählungen des 18. Jahrhunderts, der Gotik, der Romantik, dem Mittelalter der Präraffaeliten und dem Fin de siècle. Als eigenständiges Genre trat sie jedoch erst in Erscheinung, als Autoren wie George Macdonald (1824-1905), William Morris (1834-1896) und Lord Dunsany (1878-1957) die phantastische Erzählung populär machten. Zusammen mit einigen anderen Autoren legten sie den Grundstein für die Konzepte der Fantasy, die später von J.R.R. Tolkien zur Epic Fantasy zusammengefügt wurden.

Weiterlesen

Inhalte, Illustrationen, dargestellte Bilder & Fotos sind urheberrechtlich geschützte Werke ihrer jeweiligen Eigentümer*innen.

© 2026 DIE VERANDA | Alle Rechte vorbehalten.