Erste Gedanken zum “Slipstream”

Kommen wir nun zu einer merkwürdigen Geschichte, die als „Slipstream“ begann, die „New Wave Fabulists“ unter ihren Mantel nahm, die Postmodernisten sowieso, und heute mit dem gleichermaßen irreführenden Begriff „New Weird“ einen neuen Anlauf nimmt. Keiner der aufgeführten Begriffe ist eine wirkliche Genrebezeichnung, die man noch um „Surrealismus“ und „Bizarro Fiction“ erweitern könnte, ohne den Kern zu treffen.

Slipstream ist die etwas unbequeme Definition einer Literatur, die die Kluft zwischen dem Mainstream und der spekulativen Literatur, bestehend aus Science Fiction, Fantasy und Horror überwindet. Wenn die gemeinte Literatur aber wirklich definiert werden soll, dann kann man sie im günstigsten Fall „seltsam“ oder „äußerst seltsam“ nennen, abgeleitet von der Anthologie, die neben einem Aufsatz von Bruce Sterling, der „Slipstream“ als Genre im Jahre 1989 einführte: „Feeling very strange – The Slipstream Anthology“, die allerdings erst im Jahre 2006 von James Patrick Kelly und John Kessel herausgegeben wurde. Darin erklären die Autoren, dass die „kognitive Dissonanz“ das Herzstück des „Slipstream“ sei, und dass es sich dabei weniger um ein Genre als vielmehr um einen literarischen Effekt wie „Horror“ oder „Komödie“ handelt, um einen Geisteszustand oder eine Herangehensweise, die außerhalb jeder Kategorisierung liegt. Ähnlich wie im „Magischen Realismus“ werden physikalische Gesetze gebrochen, aber niemand wundert sich darüber, was der herkömmlichen Phantastik-Theorie mit ihrem angeblichen „Riss“ widerspricht. Die typischen Charaktere der spekulativen Literatur – Magier, Zombies, Aliens gibt es hier normalerweise nicht, also können die seltsamen Begebenheiten auch nicht auf sie abgewälzt werden. Es sind die gewöhnlichen Menschen im Angesicht merkwürdiger Umstände selbst, die eine „Slipstream“-Geschichte erleben.

Hinzu kommt ein „literarisches“ Anliegen. Die Autoren gehen durch ihren Stil ein Risiko ein. Form, Thema und Stimmung erheben sich über die Handlung, die zwar nicht unwichtig ist, die sich aber dem, was der Autor sagt und wie er es sagt, unterordnet. Die Form ist wichtiger als die bloße Abfolge von Ereignissen, wie man sie heute überall vorgesetzt bekommt. Das berühmteste Beispiel einer „Slipstream“-Geschichte ist Shirley Jacksons „Die Lotterie“. Oberflächlich betrachtet geht es darin um eine kleine amerikanische Gemeinschaft. Es gibt kein zugrundeliegendes Übel, das wie in einer gewöhnlichen Horrorgeschichte im Hintergrund lauert. Sicher ist das eine Horrorgeschichte, aber die Natürlichkeit der Kulisse und der Figuren weicht niemals dem entfesselten Terror. Es gibt kein Monster, das man fürchten muss. Die Plausibilität der Geschichte wird nie in Frage gestellt. Die Ereignisse fühlen sich real an, auch wenn die Umstände unglaublich sind. Das ist Slipstream. Die Grenze zwischen Realität und Phantasie ist schlicht und einfach verwisch oder gar nicht vorhanden.

Der größte Teil dieser Geschichten wird in der Kurzform geschrieben, daher tauchen einige der besten von ihnen in Zeitschriften oder Magazinen auf. Längere Romane neigen dazu, eher durch kommerzielle Beschränkungen ihr Ziel zu verfehlen. Kurzgeschichtenschreiber hingegen dürfen sich austoben und experimentieren. Andererseits liegt hier das gleiche Problem vor wie in der „Weird Fiction“; es ist schwieriger, die Atmosphäre des Unheimlichen, Seltsamen in einem Roman in voller Länge aufrechtzuerhalten. Michael Cisco gilt als einer der wenigen Autoren, die das überhaupt je geschafft haben.

Die Wirklichkeit der Fantasy-Welten

Ich behaupte etwas Provokantes: Ich behaupte, dass es alle phantastischen Welten wirklich gibt, dass sie genauso existieren wie multiple Universen, dass es keinen Unterschied zwischen einer Erfindung und dem gibt, was wir für eine gesicherte Existenz halten. Zwei wesentliche Punkte sind dabei interessant: wie kam es überhaupt zu der Annahme einer Realität; erweist sich diese als Illusion, wäre auch die Illusion einer Mittelerde nicht abwegiger.

Frank Weinreich hat auf seinem Blog polyoinos mehr oder weniger zu diesem Thema Stellung genommen. Er hat eine abgespeckte Variante der Spekulation genommen, die auch für jedermann verständlich sein dürfte. In seinem Aufsatz “Elfenwelten” schreibt er:

Es wurden andere Universen erdacht; es wurden Wesen erdacht, die die Grenzen der physischen Welt überschreiten können; es wurden Götter erdacht, die das Universum vielleicht sogar überhaupt erst erschaffen haben. Und es wurden Phantasiewelten erdacht! Diese Universen, Wesen und Welten entziehen sich dem empirischen Nachweis, aber man kann eben auch nicht beweisen, dass sie nur Gedankenkonstrukte sind. Deshalb spricht man auch von einer Zweiten Welt der Gedanken oder des Geistes. Beides zusammen nennt man die Zwei-Welten-Theorie. Dass spätestens seit Karl Popper auch von Drei Welten oder noch mehr die Rede ist, spare ich aus, da es nichts an der grundlegenden Ontologie ändert.

Ich selbst halte mich hier lieber an die wissenschafliche Quantenmechanik, deren Viele-Welten-Theorie zwar ebenfalls nur philosophische Spekulation ist – aber das ist nahezu alles, was wir uns mithilfe unserers Gehirns zusammenreimen. Das Problem ist im Grunde nicht unsere Konsensrealität, sondern dass die jeweiligen Vertreter einer solchen nicht imstande sind, andere, wenn auch gewagte, Theorien gelten zu lassen.

Von Anbeginn taten die Sänger und Geschichtenerzähler das Richtige: sie fabulierten. Die Dämmerung der Menschheit, ihre Kindheit sozusagen, vollzog sich im Unbewussten, sie blieben über ihre Existenz im Unklaren. In den Geschichten, die zur Mythenbildung führten, erklärten sie sich dieses Rätsel, und wir tun es auch heute – und wahrscheinlich für immer, durch Erzählungen. Abgesehen davon, dass man sich heute an die beiden großen Denkschulen des Empirismus und des Rationalismus klammert, hat sich also nichts geändert. Dabei darf man allerdings nicht vergessen, dass es kaum ein irrationaleres Wesen als den Menschen gibt, während der Empirismus immerhin durch den Konstruktivismus einen Aufwind und eine Korrektur erfuhr, mit der man gedanklich arbeiten kann, weil dadurch bewiesen wird, dass es keine empirische Wahrheit geben kann. Ich halte es sehr mit Heinz von Förster, den ich wahrscheinlich noch oft in diesen Überlegungen heranziehen werde:

[…] Aber diese Erklärungsprinzipien sind kulturell bedingt und jeweils ganz verschieden, man kann zwischen ihnen auswählen und hin und her hüpfen.

Ein Realist würde auf das Maxwellsche Prinzip verweisen, um das Funktionieren von Elektromotoren zu erläutern. Und ein Magier würde sagen, daß es die Menschen verstanden haben, mit Unerklärlichem umzugehen. Aber wenn Sie mich fragen: Mir erscheint die Idee vollständiger Erklärbarkeit als eine Hoffnung, die das Staunen befriedigt und beseitigt: Man kann nun in einer Welt leben, in der es das Wunder und das Unwißbare nicht mehr gibt, das ist das Ergebnis unserer Erklärungsversuche.

In der Literatur finden wir entweder das weinerliche Verteidigen oder das arrogante Zugeben einer eigenen Schwäche, das mich besonders stört, wenn es um phantastische Texte geht. Aber alle, die über Fantasy schreiben, stellen sich auf den falschen Schemel, sie argumentieren mit unzulänglichen oder falschen Prämissen, wie Dr. Florian F. Marzin im Lexikon der Fantasy-Literatur, der zwar literaturtheoretisch vernünftig argumentiert, aber keinen Schimmer von Erkenntnistheorie zu haben scheint, wobei er – trotz seiner Mitarbeit – wohl zu jenen gehört, denen ihr phantastisches Interesse peinlich ist. Im Übrigen ist das Lexikon nur jenen zu empfehlen, die eine Liste mit Fantasy-Autoren benötigen. Die Einführungen in die Fantasy mögen dem Neuling einen kurzen Überblick bieten, darüber hinaus sind sie nicht tauglich.

Der Falle entkommen

Fantasie ist eine der wichtigsten Utensilien menschlicher Psyche, auf die wir zurückgreifen können. Kinder haben besonders viel davon, sie sind noch nicht zu Mitgliedern einer Wahrnehmungsdiktatur geworden – ihnen fehlen lediglich die Bausteine, um Fantasie einzurahmen. Haben sie diese Bausteine erworben, gelten sie gemeinam als erwachsen und werden von Dingen angezogen, die nun außerhalb dieser Umfriedung liegen. In Erwachsenenkreisen erfahren die neuesten Mitglieder, dass es regress bedeutet, wieder dorthin zurückzukehren. Nicht alle halten sich daran und erfahren bei ihrem Besuch des ehemaligen Gartens der Lüste den Wert dessen, was leichtfertig oder heuchlerisch oder ängstlich zurückgelassen wurde. Sie aber sind der Falle entkommen.

Thomas Ligottis Tankstellen-Jahrmärkte (Gas Station Carnivals)

Ungewöhnlich innerhalb einer seiner Erzählungen zweimal lachen zu müssen. Das hatte ich nicht erwartet. Doch so erging es mir mit der Kurzgeschichte Tankstellen-Jahrmärkte (im Englischen: Gas Station Carnivals), die aus der Sammlung ‘The Nightmare Factory’ (1996) stammt. Und so konnte ich mich recht schnell entscheiden, mit welcher phantastischen Schauderphantasie Ligottis ich hier zuerst ins Feld ziehen würde.

‘Prince of Dark Fantasy’

Thomas Ligotti, der 1953 in Detroit, Michigan, USA, geboren wurde, gilt längst als Meister der ‘Dunklen Phantastik’ oder des ‘Pure Horror’. Mehrfach ausgezeichnet, ist es unmöglich, sein Werk einem einzelnen Genre zuzuweisen. Zu groß ist seine stilistische Bandbreite, zu artifiziell sein Schreiben, zu dräuend die Philosophie, die eine Psyche formt und hervorbringt, die seinen Erzählungen den Nährboden bereitet, was in dem 2010 erschienenem Sachbuch The Conspiracy Against the Human Race kulminierte.

Von Poe und Lovecraft beeinflusst, zählen auch Autoren wie Vladimir Nabokov, Franz Kafka, Thomas Bernhard und Bruno Schulz u.a. zu den von ihm hoch geschätzten. Nicht massentauglich, ging Ligotti eigene Wege, dem Horror eine Wiege zu erschreiben, die tief in einer conditio (in-)humana wurzelt, die wir in dieser Gewaltigkeit schon bei Lovecraft finden, und doch, anders als jener, ohne ein kosmisches Götterpantheon auskommt, das den Horror erst implementiert. Bei ihm ist es das Übernatürliche als solches, sind es kosmische Kräfte, die ins Bewusstsein des Individuums, des Protagonisten strömen, die ihm das ihn Umgebende instandsetzen. Die innere Welt wird nach außen gestülpt. Während die äußere wiederum mächtig auf die innere einwirkt: eine hoch psychosomatische sich gegenseitig durchdringende und gestaltende Verstoffwechslung von Individuum und seiner Umwelt. Äußere Zustände inkarnieren die seelischen und wieder umkehrt uswusf.. Dabei sind es Puppen, Marionetten und Harlequins, die als Unheilsbringer bei Ligotti fungieren.

Nightmare Factory

‘Hyper Organism’ von Aeron Alfrey, inspiriert von ‘The Red Tower’

Nichts hat Bestand, verwunschen sind die Städte und Häuser. Alles sich Darbietende scheint sich in eine dunkle Groteske zu verwandeln, die ihr eigenes Schauspiel aufwirft. Als würde ein Schleier gehoben, der doch nichts lüftet, der die dunkle Schöpfung all dessen, was existiert, nicht preisgibt, sie nur immer mehr in Nacht taucht, obgleich sie doch durch das Schauspiel verheißungsvoll beschworen wird. Als Marionette erfährt sich das Ich, an dessen Fäden gezogen wird. Völlig unklar jedoch bleibt, ob es die den Protagonisten umgebende Welt ist, die sich, aus den Angeln des Rationalen gehoben, im Nichts des Grotesken / Sinnlosen verliert, oder: ob er es ist, der sie sich, mit zunehmenden Wahnsinn seines Verstandes, als eine solche erstehen lässt. Was es auch sei, ob Henne oder Ei, das Ergebnis bzw. die Wirkung ist die gleiche: es ist absolut wirklich. Und so verwendet er recht häufig den sog. ‘Unzuverlässigen Erzähler’, von dem wir kaum etwas bis gar nichts erfahren, der sich selbst seiner Eindrücke unsicher ist, der sich auf die Erzählungen von Anderen stützt (siehe Der Rote Turm). All das ist nicht sehr verwunderlich, bedenkt man, dass Ligotti, der sehr zurückgezogen lebt, unter anderem unter Agoraphobie und immer wiederkehrenden schweren depressiven Zuständen leidet. Er selbst bezeichnete sich in dem von Matt Cardin geführten Interview als Anhedoniker.

Gas Station Carnivals

Flau im Magen ist dem Ich-Erzähler, der sich, während sich die Welt draußen in eine stürmische See verwandelt, in das ‘Kabarett in Karmesin’ (ein Künstlerclub) geflüchtet hat, um sich ein wenig isoliert in Gedanken bei Tee und nikotinarmen Zigaretten zu laben. Hinter seinem Notizbuch seiner von ihm angenommenen Virusinfektion oder Lebensmittelvergiftung harrend, die bald ausbrechen werde. Es ist ihm, als wäre er auf einem alten Schiff, oder als befände er sich im Salonwagen eines luxuriösen Eisenbahnzuges, der vom Wind gepeitscht wird. Er fühlt sich an diesem Ort sicherer, denn würde er zusammenbrechen, wären ja Menschen um ihn herum, ihn in ein Krankenhaus zu bringen. Menschen mit denen er, solange es nicht soweit ist, nicht eigentlich näher in Kontakt kommen möchte. Jedoch betritt Stuart Quisser den Club, ein Kunstkritiker, von dem er überrascht ist, dass er sich in diesem blicken lässt. Er wolle mit der Karmesinfrau ins Reine kommen, antwortet dieser. Er hätte sie auf einer Party gedemütigt, sie eine von Selbsttäuschung geblendete Unbegabte genannt. Sie sei eine, die man sich besser nicht zur Feindin macht, da sie über Verbindungen verfüge, von denen Quisser keine Ahnung habe. Auch die sie bedienende Kellnerin sei ihr sehr ergeben.

Der Ich-Erzähler fordert Quisser auf, die sie umgebenden Wände zu betrachten. Woraufhin dieser bemerkt: Die Lage ist ernster als gedacht. Ihm scheint, als habe sie ihre alten Gemälde abgenommen, an deren Stelle nun neue hängen. Auch scheint sie die Bühne in der gegenüberliegende Ecke des Clubs neu gestaltet zu haben, auf der diverse Veranstaltungen wie: Dichterlesungen, Puppenspiele, Diashows, musikalische Darbietungen u.a. dargeboten werden. Vier Stellwände umgeben die Bühne, deren jede mit schwarzen und goldenen Geheimzeichen vor einem schimmernden roten Hintergrund bemalt war. Während Quisser die Schriftzeichen als veränderte wahrnimmt, die ihn an eine chinesische Speisekarte erinnern, kann der Ich-Erzähler nichts Neues an ihnen entdecken. Doch er erinnert sich, dass Quisser diese Bemerkung in einer Besprechung schon einmal von sich gegeben hat, in einer im letzten Monat stattgefundenen Ausstellung. Der Kritiker gibt an, sich daran nicht zu erinnern, jedoch als der Ich-Erzähler nachhakt, antwortet er:

Ich erinnere mich, kapiert? Was mich darauf bringt, daß es etwas gibt, worüber ich mit dir reden möchte. […] Ich kann nicht glauben, daß es vorher nie aufgefallen ist. Du solltest besser als alle anderen über sie Bescheid wissen. Kein anderer scheint eine Ahnung zu haben. Es ist Jahre her, aber du bist alt genug, um dich an sie zu erinnern. Du mußt dich an sie erinnern.

‘Abandoned Carnival’ von crego

Quisser spricht von den Tankstellen-Jahrmärkten. Seine Erinnerungen an sie reichen bis in seine frühe Kindheit zurück. Er erzählt wie er mit seinen Eltern in den Ferien mit dem Auto häufig weite Strecken zurücklegte, und sie deswegen immer wieder an einer Vielzahl von Tankstellen halten mussten. Besonders die ländlich / provinziell gelegenen waren es, die dem Kunden und Besucher innerhalb der kargen Landschaft ein Kuriosum offenbarten, obwohl es sich dabei um ganz normale Tankstellen handelte. Oft waren es einfache, mit vielen Werbeplakaten versehene Häuser, die zwei bis vier Zapfsäulen hatten. Hinter diesen Häusern jedoch befanden sich die Gebeine eines alten, nicht mehr vollständigen Jahrmarkts. Hatte man den großen Torbogen mit den bunt leuchtenden Glühbirnen passiert (das geschah immer in der Abenddämmerung), fand man Miniaturkarusselle und -riesenräder, Miniaturschiffschaukeln, kleine Berg-und-Tal-Bahnen, wie auch andere Gerätschaften, die häufig nicht mehr intakt und offenbar niemals repariert worden waren. Doch gab es immer eine sich unterscheidende Darbietung, eine Show, die stets in einem kleinen Zelt aus zerschlissener und verdreckter Leinwand stattfand.

Quisser erinnert sich z.B. an eine, die er ‘Die menschliche Spinne’ nannte. Hierbei handelte es sich um eine sehr kurze Darbietung, in deren Verlauf jemand in einer plumpen Verkleidung von einer Seite der Bühne zur anderen und wieder zurück flitzte, woraufhin er durch einen Schlitz am hinteren Ende des Zeltes entschwand. Eine andere Erinnerung ist ‘Der Hypnotiseur’, eine Showeinlage ohne stattfindende Hypnose: Der Akteur war einfach in einen langen, weiten Mantel gekleidet und trug eine Plastikmaske, welche die simple, sehr blasse Nachbildung eines menschlichen Gesichtes vorstellte, wenn man davon absah, daß sie statt Augen (oder Augenhöhlen) zwei große Scheiben mit aufgemalten Spiralstrudeln aufwies. Der ‘Hypnotiseur’ kasperte einige Augenblicke lang ungelenk vor dem Publikum herum, zweifellos weil seine Sicht von den Spiralmuster-Scheiben vor den Augenschlitzen seiner Maske behindert wurde, und stolperte anschließend von der Bühne. Weitere Darbietungen wie die der ‘Tanzenden Puppe’, des ‘Wurms’, des ‘Buckligen’ und die des ‘Doktor Finger’ gab es. Und jedesmal konnte Quisser unter dem Bühnengewand des Akteurs die Uniform des Tankstellenwärters erkennen.

Zur Obsession aber wird dem Kunstkritiker der Auftritt des ‘Showmann’, wie er ihn nennt. Eine ihm, über die Tankstellen-Jahrmärkte hinaus, immer wieder erscheinende Gestalt, dessen Faszination und Schrecken sich für ihn nicht lösen lassen, von dem er nie mehr zu sehen bekommt als seine Rückansicht: Dort stand der Showmann, […], mit dem Rücken zum Publikum, und trug einen alten Zylinderhut und einen langen Umhang, der den schmutzigen Boden der winzigen Bühne berührte, auf der man ihn sah. Unter der Zylinderkrempe ragte in dichten und langen Büscheln das drahtige rote Haar des Showmanns hervor, […] wie das Nest irgendeines ekelerregenden Ungeziefers.

Eine groteske Gestalt, die sich niemals rührte, obwohl sie für Quisser stets den Eindruck erweckte. […], eine alptraumhafte Gliederpuppe, die durch die bloße Andeutung irgendeiner Bewegung zu allen möglichen Phantasievorstellungen einlud. Eine Gestalt, die er – so glaubt er sich zu erinnern – schon an anderen Orten gesehen zu haben, bevor sie ihm das erste Mal auf einem der Tankstellen-Jahrmärkte begegnete.

Der Ich-Erzähler bedeutet Quisser, dass es keine Tankstellen-Jahrmärkte gibt, und es niemals welche gegeben hat. Dass solch eine Vorstellung absurd, er nur einer Täuschung erlegen sei. Eine rückwirkende Täuschung, wie er meint, in diesem Fall ein Kunst-Zauber der Karmesinfrau. Quisser lässt endlich den Blick von der Bühne ab und verschwindet auf der Toilette. Der Ich-Erzähler schaut sich die Gesichter der Künstler im Club an, er mutmaßt, dass auch sie etwas spüren, von einem Schrecken befallen sind, nur dass sie nicht ahnen, daß keinerlei spezielle Regeln im Spiel waren; […], daß die ganze Angelegenheit einfach ein Spiel des Zufalls war, ein zielloser Schrecken, der über einen bestimmten Ort zu einer bestimmten Zeit hereinbrach, aber aus keinem bestimmten Grund. Dass sie sich diesen Schrecken, das Böse vielleicht sogar unwissentlich selbst herbeigewünscht hatten. Als die Kellnerin wiederkommt, um den Ich-Erzähler zu fragen, ob er noch einen Tee haben wolle, lehnt er ab, da er nun befürchtet, dass auch er mit einem Kunst-Zauber belegt wurde, und der Tee sein Magenleiden nur befördern würde, deutet jedoch an, dass sein Freund vielleicht noch ein Glas Wein trinken wolle, indem er auf das leere Glas am anderen Tischende zeigt. Doch dort steht keines. Er beschuldigt die Kellnerin, es weggenommen zu haben. Sie bestreitet es. Auch kann sich keiner der anderen Künstler im Club an Quisser erinnern. Ebensowenig der Kunstkritiker selbst, den er am nächsten Tag in einer Galerie trifft, der angibt, besagten Abend, unter einem Bazillus leidend, bei sich zu Hause verbracht zu haben. Der Ich-Erzähler schimpft ihn einen Lügner. Quisser tritt flüsternd an ihn heran. Aufpassen solle er, was er sagte und zu wem er es sagte. Gerade er als Künstler müsse doch Kenntnis von diesen Dingen haben. … jemanden eine von Selbsttäuschung verblendete Unbegabte zu nennen. Es gäbe gewisse Personen, […], die machtvolle Verbündete hätten … ermahnt ihn Quisser und fügt hinzu: “Nicht, daß ich dem, was du über du-weißt-schon-wen gesagt hast, widersprechen wollte … aber ich hätte es nicht so offen geäußert. Du hast sie gedemütigt. Und in diesen Tagen kann so etwas sehr gefährlich sein, wenn du weißt, was ich meine.”

Wilde Gerüchte kursieren bald unter den Künstlern und Kennern, wer sich denn nun auf der besagten Party der beleidigenden Äußerung schuldig gemacht hatte, und wer überhaupt das Opfer der Beleidigung war. Der Ich-Erzähler versucht sich bei der Karmesinfrau zu entschuldigen. Diese antwortet ihm: “Ich weiß kaum, wer Sie sind. Ich habe genug eigene Probleme. Dieses Luder von Kellnerin hier im Club hat alle meine Gemälde von den Wänden genommen und dafür ihre eigenen aufgehängt.”

Immer häufiger ertappt sich der Ich-Erzähler, wie er, auf der Suche nach einer Antwort, zu den Erinnerungen an die Tankstellen-Jahrmärkte zurückkehrt: Aber es ist niemand hier, […]. Und jeder Raum, den ich betrete, kann zu einem Showzelt werden, wo ich auf einer wackeligen alten Bank Platz nehmen muss, die kurz vor dem Zusammenbruch steht.
Sogar jetzt habe ich den Showmann vor Augen. Sein drahtiges rotes Haar bewegt sich leicht in Richtung einer seiner beiden Schultern, so als sei er im Begriff, mir seinen Blick zuzuwenden, und bewegt sich wieder zurück; dann bewegt sich sein Kopf ein wenig in Richtung der gegenüberliegenden Schulter in diesem endlosen, grauenhaften Versteckspiel. Ich kann nur sitzen und warten, im Wissen, daß er sich eines Tages ganz umdrehen, von seiner Bühne herabsteigen und mich in den Abgrund rufen wird, den ich immer gefürchtet habe. Vielleicht werde ich dann erfahren, was ich tat – was jeder von uns getan hat – um dieses Schicksal zu verdienen.

Kunst vs. Wirtschaftshorror

Edition Metzengerstein; 2. Auflage 2001; Festa-Verlag

Unverkennbar, dass diese Erzählung vor allem an die Erzählung Teatro Grottesco erinnert, die ebenso der Sammlung ‘The Nightmare Factory’ entstammt. Denn auch hier sind – wie zumeist in Ligottis Texten – vor allem Künstler / Intellektuelle (ganz allg. Wissende) und deren Kreise betroffen. Betroffen von übermächtigen Kräften. Denn wie sich der Ich-Erzähler unserer Geschichte überlegt, ob es nicht die Künstler selbst waren, die sich den Schrecken, das widernatürlich Böse herbeiwünschten, heißt es in der Teatro Grottesco-Erzählung: Ob ein Künstler von dem Teatro kontaktiert wurde oder seinerseits die Initiative ergriff und selbst an das Teatro herantrat, führte anscheinend zum gleichen Ergebnis: es beendete das Schaffen des betreffenden Künstlers. In beiden Geschichten wissen die Protagonisten nie, wie ihnen geschieht, sie spüren nur etwas, ahnen allenfalls, was mit ihnen vielleicht geschehen könnte, zumindest sind sie sich sicher, dass es nicht mit rechten Dingen zugeht, dass eine Kraft oder Magie im Spiel ist. Beidesmal steht es um die Gesundheit des Ich-Erzählers nicht zum besten. Beidesmal ist es ein mehr oder weniger unbestimmtes Magenleiden. Krankheit und äußere Gegebenheiten werden miteinander in Verbindung gebracht. Das hypochondrisch anmutende Ich hat sprichwörtlich einiges zu verdauen. Der abgerufene körperliche Zustand wird zum einzigen Fakten liefernden Scan für den Protagonisten. Zwar ist die Ursache der gesundheitlichen Beschwerden unklar, wie es auch keine Diagnose gibt – das Ich vermutet nur – , der gefühlte Befund jedoch, die Verstimmung bzw. das Leiden, wird als wirklich begriffen und in seiner Präsenz als gegeben angenommen. Es ist dem Ich-Erzähler als wäre die Verschlechterung seiner Gesundheit eine Auswirkung der bösen irrealen Kräfte, die als ebenso gegeben angenommen werden aber doch unbestimmt und unfassbar bleiben. Es wundert ihn nicht, dass sich die Dinge verschlechtern, begreift er das dunkle Treiben auch als einen Virus, der sich unaufhaltsam ausbreitet und seinen eigenen unhintergehbaren absurden und bösartig erschreckenden Schabernack treibt. Doch was ist das Bösartige?

Ligotti zeigt es uns nicht, er lässt es uns spüren. Dunkel ist die Kindheitsanekdote, die von Quisser erzählt wird, dunkel ist dem Ich-Erzähler ohnehin, auch ohne diese. Grotesk und albern sind die Auftritte auf den kleinen Bühnen der Tankstellen-Jahrmärkte, von denen wir nicht genau wissen, ob es sie nicht tatsächlich gegeben hat. Skurril und unheimlich bis zum Bersten sind die geschilderten Atmosphären, schrecklich faszinierend, wie der ‘Showmann’ selbst es ist. Eine Figur, die Figur bleibt. Wir haben nur seine Rückansicht. Wissen nichts von ihm. Wir kennen seine Gedanken nicht, wissen nichts über seine Motivation, seinen Gesichtsausdruck, wissen nichts über den Grund seines Erscheinens. Er ist ein immer wiederkehrendes Standbild des Schreckens. Ein Schrecken, der so ultimativ ist, da er sich nicht offenbart. Nur immer wiederkehrt. Das Interessante aber ist, dass wir sein Stillstehen als eine abnorme Handlung deuten, die nicht unbedingt unseren Verhaltensweisen entspricht. Dabei wären es wir, die potenziell in eine Schockstarre fallen könnten, würde sich die alptraumhafte Gliederpuppe rühren, sich abrupt zu uns umdrehen, um uns mit all dem zu konfrontieren, das wir schon immer be- und gefürchtet haben. Im Grunde kann man sich überlegen, ob er nicht auch eine Dopplungsfigur unserer Selbst ist. Ein Beiwohner wie wir, ein Zuschauer all der grotesken Spektakel, die sich in dieser Welt aufführen. Jedoch einer, der demnach längst in eine Starre verfallen ist. Stellvertretend für uns, für jene, die so sensibel sind, zu bemerken, dass etwas in dieser Welt nicht in Ordnung ist. Kein Wunder, wissen wir doch, dass sich das Ich in Ligottis Texten alsbald als Marionette im Treiben dunkler Mächte erfährt. Und als würde all das nicht schon reichen, sieht sich der Ich-Erzähler am Ende der Erzählung selbst mit ihm konfrontiert. Er selbst ist nun in Quissers Position. Aber nicht nur das. Er findet auch heraus, dass Quissers Anwesenheit am Abend, an dem er seine Kindheitsanekdote erzählte, von allen Anwesenden verneint wird. Quisser selbst bestätigt dies. Nun ist er es vielleicht gewesen, der die Karmesinfrau gedemüdigt hatte, der auf der Hut sein sollte. Aber auch das ist keine still- und feststehende Entwicklung der Geschehnisse, da bald niemand mehr weiß, die Karmesinfrau eingeschlossen, wer wem überhaupt zum Opfer fiel. Es wird vermutet, spekuliert und gemunkelt. Alles verliert sich im immer Dunkleren. Ein Horror, der purer nicht sein könnte. Denn wenn es nichts mehr gibt, an das wir uns halten können, wenn selbst unsere Umwelt nicht mehr als widerspiegelndes Korrektiv fungiert, als eines, das uns eine Antwort darauf gibt, wie es mit unserem Verstand bestellt sein könnte, haben wir nicht einmal uns selbst. Unsere Handlungen laufen ins Leere. Jeglicher Entscheidungswille schwindet, müsste erheblich neu motiviert werden. Doch durch was? Diese Antwort steht auf einem anderen Blatt …

Bereits in dieser Erzählung ist Ligottis Wirtschaftshorror – wie wir ihn besonders aus der Novelle My Work Is Not Yet Done kennen – spürbar. Die Tankstellen-Jahrmärkte, ob es sie gegeben hat oder nicht, sind ein Zeugnis und Erzeugnis der damals stark voranschreitenden Wirtschaftsmaschinerie. Die Auswirkungen dürften heute längst noch die letzte Provinz erreicht haben, ganz gleich, ob sie hinter sieben Bergen schlummerte. Tankstellen als solches repräsentieren, trotz ihres ganz eigenen Charms, den sie manchmal in manchen Gegenden haben, die großen Ölkonzerne. Der per Auto Reisende ist genötigt, bei der nächsten sich anbietenden Halt zu machen, geht das Benzin in seinem Tank gegen Null. Das Kuriosum des einstigen Jahrmarkts mit seinen Freaks wird zum dürftigen Ein-Mann-Entertainmentunternehmen in Kooperation, indem der angestellte Tankstellenbetreiber von einer Rolle in die nächste schlüpft. Der Zauber ist längst vorbei. Heute gibt es, wie wir wissen, den Rummel der Kirmes: absolut unskurril, magielos und nur profitorientiert. So sind die Tankstellen-Jahrmärkte ein letztes Indiz für das Verschwinden einer alten Welt, die immer eine eigene bizarre in unserer darstellte. Und in ihrem Auslaufmodell so witzig in der Bühnenaufführung, dass mich Ligotti zweimal laut zum Lachen brachte, weil ich die Darbietungen ‘Die menschliche Spinne’ und ‘Der Hypnotiseur’ so herzlich albern fand, und noch immer finde, denke ich daran und lache wieder. Grotesk!, kann man da meinen, aber das ist die Welt ja auch. Heute mehr denn je …

‘Dancer’ von reddoor, inspiriert von ‘The Consolations of Horror’

Und wem dürfte das weniger entgangen sein als Thomas Ligotti, der aufgrund seines psychosomatischen Leidens ein besonderes Gespür und Empfinden für die Dinge und Vorgänge in dieser Welt hat.

Zumindest in seinen Texten haben Künstler und Intellektuelle dem Wirken der dunklen Kräfte nichts entgegenzusetzen. Es sind den Verstand absorbierende dunkle Welten, in die nach und nach die Produktneuheiten des Roten Turmes ziehen, ihr Unwesen zu treiben, denn, um es mit den Worten des Ich-Erzählers aus der Erzählung Teatro Grottesco zu formulieren:

“Man weiß nie, mit was man in Berührung kommt, oder was mit einem in Berührung kommt. Schon bald werden all meine Gedanken jede Klarheit verlieren, und ich werde nicht einmal mehr wissen, daß ich jemals eine Entscheidung zu treffen hatte. Die weichen schwarzen Sterne beginnen bereits, den Himmel anzufüllen.”

Das Kartenmaterial der Fantasy-Literatur

Karten sind dem Fantasyfan genauso wichtig wie die phantastischen Elemente einer Geschichte selbst. Auch das Artwork spielt eine entscheidende Rolle, so dass man durchaus behaupten kann, Fantasy-Leser tendieren zu einer nahezu ganzheitlichen Erfahrung. Viele folgen ihren Helden sozusagen parallel zu dem, was sie lesen, mit dem Finger auf der Landkarte oder werfen zumindest einen Blick auf die Karte, um zu sehen, wo sie sich der nächste Außenposten, die Taverne oder Stadt befindet. Auch wenn heute Karten immer mehr aus der Mode kommen, ist der Tenor doch weit verbreitet, dass Karten eine gute Sache sind. Es gibt sogar Umfragen, aus denen hervorgeht, dass manche ein Buch, in dem keine Karte enthalten ist, gar nicht kaufen würden. Das klingt ziemlich verrückt, oder nicht? Kein Mensch würde auf die Idee kommen, vor dem Fernsehapparat zu sitzen, mit einer Karte in der Hand – oder sich den Film, gibt es keine Karte dazu, nicht anzusehen. Mittlerweile geht der Trend ohnehin dahin, keine Karten mehr ins Buch zu drucken, denn nur eine wirklich gute Karte bringt der Geschichte eine weitere Dimension ein, eine schlechte Karte hingegen könnte vom Leser als Kurzsichtigkeit des Autors ausgelegt werden, die Schwächen eines fragilen Konzepts hervorheben und die Aufmerksamkeit auf den schlechten Stil lenken.

Neben der guten und angemessenen Covergestaltung ist eine professionell erstellte Karte also unerlässlich. Mit den Covern ist das vielleicht verständlicher, und da geschehen gerade heutzutage grauenhafte Dinge, die einen wirklich davon abhalten, das Buch überhaupt auch nur anzusehen, mag es gut sein wie es will. Bearbeitete Fotographien oder computergenerierte Bilder geben zwar meistens schon das Signal, die Finger davon zu lassen, aber eben nicht immer.
Ein Grund, warum das Abbilden von Karten heute rückläufig ist, mag an der Flut der eBooks und eReader liegen . Es ist nicht leicht, aus dem Text zur Karte zu switchen und von da aus wieder zurück. Zumindest ist es nicht ganz so einfach, wie in einem Buch zu blättern. Aber das ist ein Problem, das die Technik durchaus lösen kann.

Sehen wir uns jetzt einfach einige der bekanntesten Karten an.

Thrors Karte

Die Variante der deutschsprachigen Ausgabe

 

Die von Tolkien gezeichnete Karte

Jede Diskussion über relevante Karten in der Fantasy-Literatur sollte die berühmte schwarzrote Zeichnung berücksichtigen, die dem “kleinen Hobbit” vorangeht. Die Karte wurde von Tolkien persönlich gezeichnet und zeigt den Lonley Mountain (Einsamer Berg) und die ihn umgebenden Gebiete, im Besonderen den Running River (Eiliger Fluss), wie auch die Desolation of Smaug (Smaugs Einöde) im Südwesten der Berge. Der Unterschied zur deutschen Nachstellung wird gleich offenbar, wenn man sich die beiden Karten nebeneinander betrachtet.

Was an dieser Karte sofort auffällt ist, dass sie authentisch wirkt, nicht überproduziert, damit sie gut und/oder künstlich aussieht. Sie lädt den Leser auf eine Entdeckungsreise ein. Leider fehlen in der deutschen Version die Runen komplett. Während englischsprachige Kinder damals wohl unter andere damit beschäftigt waren, die Runen entziffern zu wollen, betrachtete man bei uns diese wohl nur als unsinnigen Ballast, wer weiß das schon zu sagen, aber es liegt im Bereich des Möglichen. (Wobei ich nicht weiß, welche Karte in den unzähligen Neuausgaben steckt, ich besitze nur eine sehr alte Ausgabe). Am Ende des Buches findet sich die wunderbare Karte von “Wilderland” – und wer diese Karten mag, der mag alle, die von Mittelerde gezeichnet wurden. Sie gehören zum besten Artwork überhaupt.

Erdsee

Als der junge Duny, den sie alle Sperber nennen, auszieht, um ein Magier zu werden, setzt er Segel in einer Welt, die vor Inseln geradezu wimmelt, ob sie nun groß oder klein sind. Zu sagen, die Karte von Ursula K. Le Guins “Der Magier der Erdsee” sei komplex, wäre eine Untertreibung.

Hier ein Detail

Das sind jetzt nur zwei Beispiele einer faszinierenden Tatsache: dass Karten der Fantasy eine Dimension hinzufügen, auch wenn, wie gesagt, die Tendenz heute eher rückläufig ist (aber wo wäre sie das nicht?). Man könnte darüber diskutieren, ob sie denn wirklich für die Story notwendig sind – und es wird ja auch tatsächlich fleißig diskutiert. Ob das hierzulande jemanden interessiert, vermag ich nicht zu sagen, mir scheint, wir sind im Wesentlichen leidenschaftsloser in solchen Dingen und ich verfolge persönlich auch kaum, was sich hier tut, weil ich da bisher sehr wenig gefunden habe.

Franz Kafka: Die Verwandlung

Während Hoffmann noch von Poe „vollendet“ wurde, kroch mit Kafka ein alptraumhafter, verzweifelter Horror in die literarische Welt, der kein Vorbild hatte und brauchte, der aber seinerseits zu einem stilprägenden Element des ganzen Genres wurde. Ligottis Wirtschafts-Alpträume seien als Beispiel genannt, aber auch Aickman, den man gerne als „Kafka Englands“ bezeichnet, bezieht seine wirkungsvollsten, beunruhigenden Sequenzen aus dem Vorbild, das Kafka ihm war. Weder zu Poes noch zu Kafkas Zeiten sprach man vom Horror als von einem Genre, heute hat sich das zwar eingebürgert, aber es gibt nach wie vor das Genre HORROR nicht wirklich. Als Zweig der Phantastik oder Fantasy definiert, bleibt Horror ein Gefühl, dass sich durch die ganze Weltliteratur zieht und bei allen Schriftstellern von Rang zu finden ist, wie auch bei jenen, die einen „Rang“ gar nicht anstreben. Durch letztere aber wird das Etikett HORROR förmlich zum Problem, weil sie es waren, die dieses Nicht-Genre als Genre definiert hatten. Wie auch immer: Kafka ist genauso ein Horror-Autor wie Shakespeare, King oder Lovecraft. Er gehört zu einer Gruppe der Unantastbaren, gemeinsam mit Poe und Borges, die jeweils für sich die Literatur auf ein neues Level katapultierten. In der Strafkolonie ist eines der Paradebeispiele, wie moderner Horror funktioniert. Mit einer kristallklaren und sachlichen Sprache wird hier eine der perversesten Exekutionen geschildert, die wir auf Papier vorliegen haben. Gleichzeitig sind Kafkas Alpträume eine präzise Beschreibung der Funktionsweise unserer modernen Welt, was die Sache noch beängstigender macht. Horror – zumindest guter Horror – will nicht unterhalten, ganz egal, was King einst sagte, als er sein Werk als Bigmac bezeichnete. Gerade in seiner Anfangszeit hat er oft genug betont, dass er erst zufrieden ist, wenn die Leser wirklich Angst bekommen haben. Und Horror will genau das: uns wieder auf den Boden holen, uns vielleicht sogar durch denselben hämmern, uns sagen, dass wir aufhören sollen, uns sicher zu sein. Das kann spekulative Literatur insgesamt leisten.

Kafkas bekannteste Geschichte ist Die Verwandlung. Ich kenne keinen Menschen (und habe auch von noch keinem gehört), der diese Geschichte nicht gelesen hat. Diese Geschichte zu lesen ist wie sprechen lernen: man wird es irgendwann tun, es gibt keinen Weg, der daran vorbei führt. Ein Mann verwandelt sich in einen Käfer. Das wäre gar nicht spektakulär, hätte Kafka nicht das wirklich unheimliche Talent, das Surreale und Übernatürliche mit dem Gewöhnlichen zu verbinden. Hier geht das Unheimliche nicht von diesem Käfer aus, sondern von der Reaktion der Familie. Das Bizarre und Traumartige ist in Kafkas Genius verankert wie bei keinem Autor vor oder nach ihm. Seine präzise und äußerst perfekte Prosa transportiert das Grauen der Existenz als solche, unaufgeregt aber unaufhaltsam. Es gibt keinen Schriftsteller der Neuzeit, über den mehr geschrieben wurde, keinen Schriftsteller, der mehr analysiert, gedeutet und interpretiert wurde. Die Literatur über ihn füllt erstaunliche Hallen – und ein Ende ist nicht in Sicht. Und dennoch bleibt er bis in unsere Tage hinein ein Rätsel, das niemals gelöst werden kann, sein Werk ein absoluter Höhepunkt der Weltliteratur. Obwohl in einer glasklaren Sprache verfasst, gehört Kafka zu den anspruchsvollsten und schwierigsten Autoren aller Zeiten. Und dass er mit Die Verwandlung, In der Strafkolonie oder Ein Hungerkünstler drei der besten Horrorgeschichten schrieb, die es auf diesem Globus gibt, bereichert die spekulative Literatur um einen unbezahlbaren Schatz.

Töten wir den König oder töten wir ihn nicht

Ich bin mir nicht sicher, ob es diese Art der Lesebücher noch gibt, aber lange bevor die Netzliteratur durch die Möglichkeit des Links diese Struktur nutzte, gab es – soweit ich weiß im Fantasy oder Adventure-Sektor – die Möglichkeit, den Handlungsverlauf rudimentär selbst zu bestimmen. Da wurde dann der Leser, der hier zum Agitator wird,  angesprochen: Wohin willst du dich wenden? (zum Beispiel an einer Kreuzung) Gehen nach links, Seite 163, gehen nach rechts, Seite 27.

Das ganze wurde dann Solo-Rollenspiel genannt. Mir ist nicht bekannt, dass es bisher einen Blog gab, der seine Leser in dieser Weise mit einbezieht. Im Grunde ist das verwunderlich. Da wird über den Einfluss der Kommentare gequakt, aber ein direktes Einbinden der Leserschaft sehe ich nirgends. Natürlich muss einer die Geschichte durchziehen, aber in den Schlüsselmomenten könnte abgestimmt werden, wie es weitergehen soll. Wenn so ein Muster jedem bekannt gemacht wurde, kann es darüberhinaus zu wirklich textimmanenten Diskussionen kommen.