horror

  • Black Sabbath

    Zwei Finger, um die Welt zu verändern

    Die Vorgeschichte des Riff-Meisters Tony Iommi, sein Aufstieg zur Legende und sein Einfluss auf die New Wave of Heavy Metal sind in den Annalen der modernen Gitarrengeschichte gut dokumentiert, und wir wissen, dass wahrscheinlich alles anders gekommen wäre, wenn Tony nicht zwei Fingerkuppen an Mittel- und Ringfinger verloren hätte. Für mich ist das immer noch eine der größten Geschichten überhaupt, dass Tonys Arbeit in einer Metallwerkstatt zu einer Musik geführt hat, die zwar schon in den Kinderschuhen steckte, aber erst hier ihren Durchbruch erlebte. Ich habe schon viel darüber erzählt und gerade heute wird oft und gerne bestritten, dass Black Sabbath die erste Heavy Metal Band war. Es kommt immer auf den Blickwinkel an. Aber grundsätzlich kann man drei oder sogar vier Wellen unterscheiden. Die erste ist der sogenannte Proto-Metal, also all jene, die versuchen, so laut und hart wie möglich zu spielen, aber ohne technischen Fortschritt. Dann haben wir die erste Welle mit Black Sabbath, Deep Purple, Uriah Heep oder Led Zeppelin. Die zweite Welle begann Mitte der 70er Jahre mit Bands wie Judas Priest, Budgie, Rainbow oder Riot, und die dritte Welle schließlich ist das, was wir als NWOBHM kennen. Was wir heute haben, könnte also nichts weniger als eine fünfte Welle sein, aber bisher hat sich noch nichts Wesentliches getan, deshalb sage ich das unter Vorbehalt.

    Black Sabbath Boris Karloff
    Sicher, es war eine Idee, die aus dem gleichnamigen Boris-Karloff-Film stammte, aber es war eine großartige Idee.
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  • Weird Fiction

    Weird Fiction ist eine Form der Erzählung, die die menschlichen Konzepte von Logik, Rationalität und Gesetzen – einschließlich der Klischees der Horrorfilme – auf den Kopf stellt und ein verwirrendes Gefühl hervorruft, das die Sicherheit der menschlichen Kultur bedroht, indem es jenseitige Kräfte in bösartigen Gegensatz zu unseren Konventionen, Erwartungen und Werten stellt.

    Noch vor zwei Jahrzehnten waren die Lovecraft’sche Literatur und der klassische Horror fest in der Randkultur von Death-Metal-Bands, Rollenspielen und der Schauerromantik verankert. Auf dem Weg in die Mainstream-Kultur und in den allgemeinen Sprachgebrauch könnte es hilfreich sein, einige grundlegende Definitionen zu klären. Zum Beispiel Weird Fiction. Was ist das überhaupt? Eine deutsche Übersetzung gibt es allein schon aus dem Grund nicht, weil das Genre ein rein amerikanisches ist und keine Entsprechung in unserer Kultur aufweist.

    „SCHRÄG, SELTSAM, VERDREHT…“

    Im 21. Jahrhundert hat das Wort „weird“, das mitunter die Übersetzungskrücke „seltsam“ abbekam, viel von seiner Konnotation aus dem 19. Jahrhundert verloren. Heute bedeutet „weird“ merkwürdig, seltsam, unerklärlich oder auch nur geringfügig schrullig. Das Wort ist mit den umgangssprachlichen Varianten „weird-o“ und „weird-out“ behaftet, die auf soziale Unbeholfenheit, Albernheit oder Geschmacklosigkeit hindeuten. Ein kurzer Blick in das Wörterbuch offenbart jedoch eine unheimlichere Bedeutung. Abgeleitet von der altenglischen und nordischen Etymologie, die „Schicksal“ oder „Bestimmung“ bedeutet, wird „weird“ derzeit vom Merriam-Webster-Wörterbuch definiert als „von, bezogen auf oder verursacht durch … das Übernatürliche. Magisch.“

    WÄHLE DEIN EIGENES ABENTEUER

    Weird Fiction – seit ihrem Aufstieg in den 1890er Jahren – ist seit langem ein Sammelbecken für Literatur, die sich nahtlos in die Definitionen verschiedener Genres der spekulativen Fiktion einfügt. Wenn es sich nicht gerade um Horror oder Fantasy handelt, könnte man es durchaus als weird bezeichnen. In der Tat könnte eine grundlegende Definition von Gruselliteratur eine Geschichte sein, die Elemente von Fantasy und Horror kombiniert. Eine weiter gefasste Definition wäre eine Geschichte, die eine beliebige Anzahl von Elementen, Sensibilitäten und Tropen des Horrors, der Science Fiction, der Fantasy, der Geistergeschichte, der übernatürlichen Fiktion, der Mythologie, des Mysteriums oder der Schauerliteratur enthält und miteinander verbindet. Literatur, die Standards aus mehr als einer dieser Traditionen enthält, kann als „weird“ bezeichnet werden.

    H. P. Lovecraft gilt seit langem als der Vater des Genres. Seiner Meinung nach erforderte die unheimliche Literatur ein Gefühl der Fremdartigkeit, das menschliche Konventionen bedrohte und unsere Fähigkeit, die Quelle des Unbehagens zu erklären oder zu definieren, vereitelte. In seiner bahnbrechenden Abhandlung über den Terror – „Supernatural Horror in Literature“ – erklärte Lovecraft das Genre folgendermaßen:

    Die wahre Gruselgeschichte hat mehr zu bieten als geheime Morde, blutige Knochen oder eine verhüllte Gestalt, die nach Vorschrift mit Ketten rasselt. Es muss eine gewisse Atmosphäre der atemlosen und unerklärlichen Furcht vor äußeren, unbekannten Kräften vorhanden sein; und es muss eine Andeutung, ausgedrückt mit einer Ernsthaftigkeit und Vorahnung, die zu ihrem Thema passt, jener schrecklichsten Vorstellung des menschlichen Gehirns geben – einer bösartigen und besonderen Aufhebung oder Überwindung jener festen Naturgesetze, die unser einziger Schutz gegen die Angriffe des Chaos und der Dämonen des unerforschten Raums sind.

    Im Grunde genommen sind es seltsame Dinge, bei denen man sich fragt: „Was zum Teufel war das?“. Als man über sie las, verstand man nicht ganz, was sie waren, was sie ausmachte. Im Gegensatz zu den stokerschen Vampiren, für die es klare Regeln gab (Blut = lecker; altes Schloss = gut; Kreuz = schlecht; Pfahl = schlimm), waren die Elemente der unheimlichen Geschichten im Universum ihrer Autoren enthalten, und die Regeln, die sie bestimmten, waren zunächst unverständlich. Was zum Teufel geht in Poes „Ligeia“ vor? Was zur Hölle ist Cthulhu? Was zum Teufel hat es mit Helen Vaughn in „Der große Gott Pan“ auf sich? Du wirst es vielleicht irgendwann herausfinden, aber erst nachdem du verwirrt bist.

    WER IST JETZT DER VERRÜCKTE?

    Die frühere Schauerliteratur lässt sich bis zu E.T.A. Hoffmann und Mary Shelley zurückverfolgen. Vor ihnen gab es Märchen, Mythen und Lügengeschichten. Hoffmann formalisierte vor allem die Folklore, um seine bizarren Erzählungen zu gestalten. Beeinflusst von Hoffmann und Shelley führte Poe die Gruselgeschichten in Amerika ein, wo sie von Fitz-James O’Brien, F. Marion Crawford, Ambrose Bierce und Robert W. Chambers aufgegriffen wurden. In Großbritannien erreichte die Tradition in den 1890er Jahren ihren Höhepunkt, wo sie von Oscar Wilde, Arthur Machen, Lord Dunsany, Walter de la Mare, William Hope Hodgson, M.R. James, Algernon Blackwood und E.F. Benson aufgegriffen wurde. Als Lovecraft, Clark Ashton Smith, Robert Bloch und August Derleth das Genre definierten, war bereits ein Jahrhundert an Fiktion entstanden, die ihre literarischen Methoden, Tropen und Mittel prägte.

  • Nightmare on Elm Street und seine Hintergründe

    A Nightmare on Elm Street ist einer der besten Horrorfilme der letzten 40 Jahre. Wes Cravens Film aus dem Jahr 1984 über einen Verrückten, der Teenager im Schlaf heimsucht, war einfallsreich … und jagte den Menschen Angst ein.

    Doch Craven erfand die schaurige Handlung nicht einfach so. Die Idee zu A Nightmare on Elm Street kam dem Regisseur durch einen Zeitungsartikel aus dem Jahr 1981 mit der Schlagzeile „Alpträume als Ursache für Tod von 18 Laoten vermutet“. Die Krankheit wurde als „Asian Death Syndrome“ bekannt, weil die meisten Betroffenen südostasiatischer Abstammung waren, insbesondere laotische Hmong. Die Betroffenen schrien im Schlaf und starben.

    Einige südostasiatische Länder hatten bereits ein Wort für dieses seltsame Phänomen. Die Filipinos nennen es „bangungut“, die Japaner „pokkuri“. Beide Wörter bedeuten in etwa „Alptraumtod“.

    Was die Fälle noch seltsamer macht, ist die Tatsache, dass alle 18 Toten vor ihrem plötzlichen Tod gesund waren. Ein Arzt, der das Phänomen untersuchte, sagte:

    „Es handelte sich um gesunde Männer ohne vorherige Symptome, das Durchschnittsalter lag bei 33 Jahren.“

    Die Situation ist fast immer dieselbe. Es tritt nur bei Männern und nur im Schlaf auf. Es wird berichtet, dass sie schreien und sterben oder am nächsten Morgen tot aufgefunden werden.

    Derselbe Arzt stellte fest, dass 17 der 18 Opfer ein leicht vergrößertes Herz hatten und dass die meisten von ihnen eine Art Defekt im System aufweisen, das für die Übertragung der elektrischen Impulse vom Gehirn zum Herzen verantwortlich ist. Er stellte die Hypothese auf, dass eine zufällige elektrische Entladung, möglicherweise ausgelöst durch einen Alptraum, das System der Männer überlastete und sie plötzlich tötete.

  • Schwert und Zauberei

    Genre- und Subgenre-Labels gibt es aus gutem Grund – um die Leser mit der Art von Literatur zu verbinden, die ihnen gefällt. Zumindest heutzutage obliegt eine solche Kategorisierung eher den Vermarktern und Buchhändlern als einer tatsächlichen Unterscheidung durch Fans oder Autoren. Aber das war 1961 definitiv nicht der Fall, als Mitglieder der Robert E. Howard-Fangruppe, der Hyborian League, erkannten, dass sie einen Namen für jene besondere Art von Geschichten brauchten, die sie gerne lasen und schrieben. Die Frage, wie genau man diese Geschichten nennen sollte, stellte der junge Aufsteiger Michael Moorcock, und beantwortete der erfahrene Schriftsteller Fritz Leiber:

    „Ich bin mir mehr denn je sicher, dass dieses Feld Schwert und Zauberei genannt werden sollte. Dies beschreibt die Punkte des kulturellen und übernatürlichen Elements genau und unterscheidet es auch sofort von Mantel und Degen (historischen Abenteuergeschichten) – und (ganz nebenbei) auch von den Mantel und Dolch (internationale Spionage)-Geschichten!“

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  • William Hjortsberg: Angel Heart

    Falling Angel

    Zwei Dinge werden für immer rätselhaft bleiben: 1, was geht in Gehirnen vor, die einen englischen Titel (Falling Angel) mit einem anderen englischen Titel (Angel Heart) übersetzen. 2, Wie kommt es, dass Hjortsberg nie wieder etwas Vergleichbares geschrieben hat?

    Die Antwort zu 1 (es scheint also doch nicht so rätselhaft zu sein): Die deutsche Verlagslandschaft hatte den sensationellen Roman bis zum Erscheinen des Films (1987) überhaupt nicht auf der Rechnung und schob dann schnell noch nach. Allerdings, das sei zugegeben, mit mäßigem Erfolg. Auch heute noch kennen jene, die überhaupt je davon gehört haben, in der Hauptsache nur den Film mit Mickey Rourke in der Hauptrolle. Zu 2: wir werden es nie erfahren.

    1979 startete die Horrorliteratur so richtig durch. Die Autoren konnten plötzlich von ihrem Beruf leben. Stephen King hatte gerade Carrie, Brennen muss Salem, Shining und Nachtschicht veröffentlicht; The Stand kam gleichzeitig mit Fallen Angel (Angel Heart) heraus, Peter Straub legte mit Geisterstunde nach, Robert McCammon mit Baal. Charles L. Grant, Ramsey Campbell begannen ihre Karriere, Dean Koontz legte mit Phantoms seine beste Arbeit hin. Definitiv war das eine gute Zeit, ein Leser und Autor von Horrorliteratur zu sein.

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  • Die Geschichte der Vampire

    Die Geschichte der Vampire ist umstritten. Manche behaupten, sie seien „so alt wie die Welt“. Neuere Forschungen deuten jedoch darauf hin, dass unser Glaube an Vampire und Untote in 18. Jahrhundert entstand, als die ersten europäischen Berichte über dieses Phänomen erschienen.

    Wir wissen, dass 1732 das Annus Mirabilis des Vampirs war. In diesem Jahr wurden 12 Bücher und 4 Dissertationen zu diesem Thema veröffentlicht. Laut dem Gothic-Experten Roger Luckhurst taucht der Begriff „Vampir“ in diesem Jahr zum ersten Mal auf. Archäologische Funde ungewöhnlicher Bestattungen in Europa in den letzten Jahren legen jedoch nahe, dass der Glaube an Vampirismus und Wiedergänger die Menschen schon vor 1500 beschäftigte.

    So wird auf einem alten Friedhof in Kamien Pomorski in Polen die Leiche eines 500 Jahre alten „Vampirs“ ausgestellt. Die 2015 entdeckte Vampirleiche wurde in der Weltpresse ausführlich beschrieben. Archäologen bestätigten, dass sie einen Pfahl im Bein hatte (vermutlich um zu verhindern, dass sie ihren Sarg verließ) und einen Stein im Mund (um zu verhindern, dass sie Blut saugte). Noch ältere Bestattungen dieser Art wurden in bulgarischen Dörfern gefunden.

    Vampire verkörpern seit jeher die menschliche Angst vor dem Tod. Die Spuren, die diese mythische Gestalt in unserer kollektiven Vorstellungswelt hinterlassen hat, lassen sich über Jahrhunderte bis in den Nahen Osten und nach Südasien zurückverfolgen. Im babylonischen Epos Gilgamesch, genauer gesagt auf der sechsten Tafel, die der Göttin Ischtar gewidmet ist, wird ein Wesen beschrieben, das „fähig ist, anderen das Leben zu nehmen, um sein eigenes zu retten“. Es gibt auch alte griechische Bauernlegenden über Männer und Frauen, die Blut trinken, um jung zu bleiben, und über umherirrende Geister, die große Mengen Blut von den Lebenden trinken, um ihre menschliche Gestalt wiederzuerlangen.

    Aber all diese Beispiele sind nur Schatten, die sich im Laufe der Jahrhunderte ansammeln mussten, um dem Vampir eine Gestalt und eine Mythologie zu geben. Es ist offensichtlich, dass schon lange vor dem Mittelalter in weiten Teilen Europas an eine Form des Vampirs geglaubt wurde. Doch erst 1819, als der erste fiktive Vampir, der satanische Lord Ruthven, in einer Erzählung von John Polidori auftaucht, hinterlässt der verführerische romantische Vampir seine Visitenkarte in der feinen Londoner Gesellschaft. Wie hat sich unsere Vorstellung vom Vampir vom ungepflegten Bauern zum verführerischen byronischen Aristokraten gewandelt? Um die Geschichte des Vampirs vollständig zu verstehen, müssen wir ihn bis zu seinen Anfängen im frühen Volksglauben zurückverfolgen.

    In den ersten schriftlichen Berichten über europäische Vampire werden diese Wesen als Wiedergänger oder Heimkehrer dargestellt, oft in Form eines kranken Familienmitglieds, das in der unglücklichen Gestalt eines Vampirs zurückkehrt. In solchen Erzählungen dominiert eine „unerledigte Aufgabe“, auch wenn diese nicht weniger trivial erscheint als das Fehlen von Kleidung oder Schuhen als Grund für die Rückkehr ins Leben.

    Die Anzahl der Begriffe für den „Vampir“ kann ziemlich frustrierend sein: Krvoijac, Vukodlak, Wilkolak, Varcolac, Vurvolak, Liderc Madaly, Liougat, Kullkutha, Moroii, Strigoi, Murony, Streghoi, Vrykolakoi, Upir, Dschuma, Velku, Dlaka, Nachzehrer, Zaloznye, Nosferatu … die Liste scheint unendlich.

    Das Oxford English Dictionary verwendet beispielsweise sieben Seiten, um einen Vampir zu definieren, aber der älteste Eintrag aus dem Jahr 1734 ist hier am interessantesten: Diese Vampire sollen die Körper von Toten sein, belebt von bösen Geistern, die nachts aus den Gräbern steigen, den Lebenden das Blut aussaugen und sie dabei vernichten.

    Diese frühen Wiedergängerfiguren haben offensichtlich wenig Anziehungskraft. Im Gegensatz zu Lord Byrons aristokratischen englischen Vampiren sind diese frühen folkloristischen Vampire Bauern und wirken eher wie moderne Zombies. Agnes Murgoci hat diesen Volksglauben weiter erforscht. Sie erklärte 1926, dass die Reise ins Jenseits gefährlich sei – nach rumänischem Glauben dauert es 40 Tage, bis die Seele des Verstorbenen das Paradies betritt. In einigen Fällen wird angenommen, dass sie jahrelang dort verweilt, und in dieser Zeit gibt es eine Vielzahl von Möglichkeiten, wie verstorbene Familienmitglieder dem Vampirismus verfallen können.

    Es wurde vermutet, dass der Tod als Junggeselle, durch Selbstmord oder Ermordung dazu führen könnte, dass eine Person als Vampir zurückkehrt. Bestimmte Ereignisse nach dem Tod könnten eine ähnliche Wirkung haben – eine frische Brise, die über den Leichnam weht, bevor er begraben wird, Hunde oder Katzen, die über Särge laufen, oder Spiegel, die in dieser prekären Zeit nicht gegen die Wand gedreht wurden.

    Der literarische Bereich

    Es war eine Abhandlung des französischen Mönchs Antoine Augustin Calmet aus dem Jahr 1746, die Schriftstellern den Zugang zu einer Reihe von Begegnungen mit Vampiren ermöglichte. Calmet ließ sich von Joseph Pitton de Tournefort inspirieren, einem Botaniker und Forschungsreisenden, der 1702 auf Mykonos einer Plage blutsaugender Vampire begegnet sein wollte. Sein Bericht wurde noch 1741 viel gelesen.

    Drei Jahrzehnte nach Tourneforts Begegnung berichtete das London Journal 1732 von einigen Untersuchungen über „Vampire“ in Madreyga in Ungarn (eine Geschichte, die später von John Polidori erzählt wurde). Griechenland und Ungarn stehen in diesen frühen Berichten im Vordergrund – und das spiegelt sich in der romantischen Literatur wider: Lord Byron zum Beispiel macht Griechenland zum Schauplatz seiner unvollendeten Vampirgeschichte „A Fragment“ (1819).

    Polidori war es jedoch, der den Stammbaum des Vampirs und seine soziale Stellung schuf. Vor dem aristokratischen Vampir Lord Ruthven von 1819 scheint es noch keinen urbanen oder bildungsbürgerlichen Blutsauger gegeben zu haben. Auch eine räuberische Sexualität wird vom Autor eingeführt. Zum ersten Mal sehen wir den Vampir als Wüstling oder Libertin, als echten „Lady Killer“ – eine Tendenz, die sich bis in unsere Zeit verfeinert hat. Später folgten James Malcolm Rymers „Varney the Vampyre“ (1849) und Ende des 19. Jahrhunderts „Dracula“ (1897). Zwar gab es schon vorher Vampire in der Literatur – zum Beispiel das Gedicht „Der Vampir“ von Heinrich August Ossenfelder aus dem Jahr 1748 und Christabel von Samuel Taylor Coleridge aus dem Jahr 1816 -, aber keiner von ihnen hat so viel Aufmerksamkeit erregt wie Polidoris Werk und sicherlich hat keiner so viel zu seinem Image beigetragen.

    Varney hat die zweifelhafte Ehre, in dieser Aufzählung der Sonderling zu sein, denn erstens hat er durch seine Veröffentlichung in den „Penny Dreadful“-Heften weniger literarischen Ruhm erlangt als die anderen, und zweitens sind Varneys Heldentaten, anstatt sich als ein charmanten Vampir zu präsentieren, der mit der viktorianischen Vision der Schauerliteratur verbunden ist, erschreckend genug, um gut zum „Horror“ der Groschenhefte zu passen. Da sich die Darstellung der Vampire jedoch eher in Richtung Gothic als in Richtung Groteske entwickelte, waren unsere Vampirfreunde anfangs vornehme Leute, oft sogar Aristokraten. Vampire sind edel, das ist eine allgemein akzeptierte Vorstellung. Es gibt Ausnahmen (es gibt immer Ausnahmen!), aber es ist eine nachvollziehbare Faustregel. Die Erhebung des Vampirs in den Quasi-Adelsstand begann mit dem Erscheinen von Polidoris „Der Vampyr“, das ursprünglich mit dem irreführenden Untertitel „Eine Erzählung von Lord Byron“ veröffentlicht wurde. „Der Vampyr“ verdankt einen großen Teil seiner Popularität der Berühmtheit Byrons, und man kann sagen, dass die beiden Figuren untrennbar miteinander verbunden wurden. Diese Vorstellung hat bis heute überlebt, was sich unter anderem in Romanen über Byrons Leben als Vampir und in Geschichten über die Entwicklung des Vampirs zeigt, in denen der Dichter immer wieder auftaucht.

    Die Anziehungskraft des Vampirs (den Ruthven damals als aristokratische Figur darstellte, der Charme und Verführung ausstrahlte) wurde erst durch den Skandal um die Veröffentlichung von „The Vampyre“ auf ein allgemein anerkanntes Niveau gehoben. Wäre Ruthven nicht zum Synonym für Byron geworden und hätte nicht jede Frau den Dichter kennen lernen wollen, der – wie es schien – die lebende Verkörperung seines eigenen todgeweihten Helden war, so wäre das öffentliche Interesse an Polidoris Roman wahrscheinlich nur von kurzer Dauer gewesen, denn sowohl „Der Vampyr“ als auch Polidori galten bald als „vulgäre Angelegenheit“. Zu vulgär für die spießige viktorianische Mittel- und Oberschicht. Vulgär, weil er „unchristlich“ war; vulgär, weil er zu „sexy“ war: Der Vampir war zu lieblich und reizvoll für seine Zeit, weshalb er gänzlich in die Gothic (und Erotik(!)-Literatur verbannt wurde. Das erklärt natürlich auch, warum der Vampir in der Gothic- und Urban-Fantasy zu Hause ist.

    Der vermenschlichte Vampir

    In der Tat ist das Vermächtnis von „The Vampyre“ eher ein Zeugnis von Byrons prominenten Wechselfällen und gleicht eher einer literarischen Verunglimpfung des Dichters als einem gotischen Vampirmärchen. Dies zeigt, dass der Vampir regelmäßig eher als Metapher für menschliche Entsprechungen und Beziehungen denn als übernatürliche Schreckensgestalt verwendet wurde. Der Vampir wurde also zu einer Person, und in Bezug auf seine literarische Stellung sollte er nie wieder derselbe sein – zumindest nicht innerhalb des Genres und der davon abgeleiteten Gattungen, in denen seine Identität wirklich ausgearbeitet wurde. Einmal „vermenschlicht“ – weit entfernt vom mondgesichtigen, leichenblassen Vampir, der beim Anblick einer ungeschützten Jungfrau zu triefen beginnt, wie es im reinen Horrorgenre üblich war -, ließ sich der Vampir nicht mehr von seinem Thron stoßen, und obwohl es immer wieder Darstellungen des Vampirs in einem weniger schmeichelhaften Licht geben wird, bleibt das Bild, das uns die englische Romantik so großzügig hinterlassen hat, ein fester Bestandteil unserer Kultur.

    Tatsächlich eröffnete sich eine ganze Welt von Möglichkeiten, als der Vampir aufhörte, ein Abbild des Bösen zu sein, und sich in einen echten Menschen mit einem echten Leben verwandelte. Vampire können lieben, hassen, töten, zaubern, mit Schwertern oder Pistolen kämpfen, Werwölfe sind ihre Feinde, Königreiche verteidigen, Verbrechen aufklären und die Straßen der dunklen, gesichtslosen Metropolen bewachen. Vampire sind allgegenwärtig, nicht nur in der Urban Fantasy, in der das Paranormale und Übernatürliche allgegenwärtig ist. Von Malum in Mark Charan Newtons „Stadt der Verlorenen“ bis hin zu Anne Rice‘ Lestat scheint der Vampir eine Figur zu sein, die wie ein Rädchen in die Umgebung passt, in der sie sich befindet. Ob es nun an der Popularität der Twilight-Saga (Meyer, 2005-2008) liegt, am Mainstream-Appeal der verfilmten Serie „True Blood“ oder einfach daran, dass der Vampir wieder en vogue ist, eine Art Vampir-Revival hat in allen literarischen Genres stattgefunden.

    Das ist nicht unbedingt neu, aber da es sich um ein langlebiges Phänomen handelt, verdient es Aufmerksamkeit. Dasselbe gilt für Zombies und Werwölfe, aber ihre Geschichte ist anders und bei weitem nicht so bipolar wie die des Vampirs. In gewissem Sinne erleben diese „Charaktere“ kein Wiederaufleben ihrer Popularität, sondern werden lediglich als nützliche Figuren anerkannt, mit denen sich interessante und abwechslungsreiche Handlungen aufbauen lassen, die zwar ein bestimmtes Genre verkörpern, aber auch kurze Anspielungen auf andere Genres enthalten. Ein Vampir ist per Definition ein Element der Fantasy, da er entweder mythisch, übernatürlich oder einfach nicht existent ist. Das bedeutet nicht, dass jede Geschichte, in der ein Vampir vorkommt, automatisch Fantasy ist, aber es bedeutet zumindest, dass sie für Fantasy-Fans interessant sein könnte.

    Elizabeth Kostovas „Der Historiker“ (2005) und John Ajvide Lindqvists „So finster die Nacht“ (2004) sind gute Beispiele dafür, wie der Vampir nahtlos in die „erwachsene“ Fiktion übergehen kann, während verschiedene Manga- und Anime-Neuerzählungen des Vampirs uns daran erinnern, dass der Vampir für so ziemlich jeden attraktiv ist, der ihn haben will. Obwohl diejenigen, die nach einem historischen „echten“ Dracula suchen, oft auf den rumänischen Prinzen Vlad Tepes (1431-1476) verweisen, von dem Stoker einige Aspekte seines Dracula-Charakters übernommen haben soll, ist die Charakterisierung von Tepes als Vampir ausgesprochen westlich; in Rumänien gilt er nicht als bluttrinkender Sadist, sondern als Nationalheld, der sein Reich gegen die osmanischen Türken verteidigt hat.

    All dies zeigt, dass die Geschichte der Vampire umstritten und unsicher ist, unabhängig davon, ob man sie aus wissenschaftlicher oder literarischer Perspektive betrachtet. Die in jüngster Zeit von Archäologen entdeckten „Vampir-Bestattungen“ stimmen jedoch mit Praktiken überein, von denen bekannt ist, dass sie auf den Glauben an den Vampirismus hindeuten (wie das Durchbohren des Körpers, das Nageln der Zunge, das Durchbohren des Herzens und das Einfügen von kleinen Steinen und Weihrauch in den Mund und unter die Fingernägel, um das Saugen und Stechen nach Blut zu verhindern). Diese „Vampirleichen“ tragen also dazu bei, herauszufinden, wie alt unser Glaube an Vampire wirklich ist. Matthew Beresford, Autor des Buches „From Demons to Dracula: The Creation of the Modern Vampire Myth“, stellt fest: „Es gibt klare Grundlagen für den Vampir in der Antike, und es ist unmöglich zu beweisen, wann der Mythos zum ersten Mal auftauchte. Es gibt Hinweise darauf, dass der Vampir aus der Magie des alten Ägypten hervorgegangen ist, ein Dämon, der von einem anderen in diese Welt gerufen wurde“.

    Vampire gibt es in vielen Variationen auf der ganzen Welt. Es gibt asiatische Vampire, wie die chinesischen jiangshi (ausgesprochen chong-shee), böse Geister, die Menschen angreifen und ihnen die Lebensenergie entziehen; die bluttrinkenden bösen Gottheiten, die im „Tibetischen Totenbuch“ erscheinen, und viele andere. Die Geschichte der Vampire ist also noch nicht mit Sicherheit zu fassen, und bei der Suche nach dem Ursprung des Unholds sollten wir uns wohl an die Aussage des britischen Vampirologen Montague Summers (1880-1948) halten.

  • Die seltsamen Geschichten des Robert Aickman

    Robert Aickman ist selbst in seinem Heimatland England ein vergessener Autor. Der 1914 geborene und 1981 an Krebs gestorbene Schriftsteller ist für Peter Straub der “tiefgründigste Verfasser” von Horrorstories des 20. Jahrhunderts. Eine Leserschaft, die ihn über den Kultstatus hinaus brachte, fand er zu seinen Lebzeiten nicht. Der  renommierte britische Verlag Faber & Faber hat das zu Aickmans Hundertsten Geburtstag 2014 geändert und veröffentlichte eine Sammlung seiner lang nicht mehr in Druck befindlichen Erzählungen.

    Robert Aickman
    Robert Aickman; (c) R. B. Russel

    Bei uns brachte der DuMont-Verlag zu Beginn der 1990er Jahre zwei schmale Büchlein mit willkürlich zusammengestellten Geschichten heraus und bis zum heutigen Tag galt es als ziemlich unwahrscheinlich, dass wir mehr von diesem brillanten Autor bekommen. Doch manchmal geschehen tatsächlich Wunder, und so hat sich der Festa-Verlag der Sache angenommen und bringt in 6 Bänden die Werke des englischen Genies heraus.

    48 strange stories, wie er seine Geschichten selbst nannte, sind von Robert Aickman bekannt. Für seine “Pages from a Young Girl’s Journal” bekam er 1975 den World Fantasy Award.

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  • 10 interessante Geschichten über das viktorianische Leben

    Das viktorianische Zeitalter umfasste die 63 Jahre von 1837 bis 1901, in denen Königin Victoria über Großbritannien und Irland herrschte. Es war eine Zeit großer Macht und des großen Reichtums für Großbritannien, das sein Reich zu dieser Zeit über den ganzen Globus ausdehnte. Es war auch eine Zeit des raschen Fortschritts in Wissenschaft, Industrie und Kunst sowie vieler politischer und sozialer Reformen. Viele dieser Entwicklungen haben die Welt so geprägt, wie wir sie heute kennen.

    Wir schauen uns heute einmal zehn merkwürdige Dinge an, die es in dieser Epoche zu bestaunen gab.

    Vignetten

    Vignetten
    Zwei Beispiele einer Vignette in der viktorianischen Zeit

    Wenn wir darüber nachdenken, wie das Leben vor 150 Jahren aussah und welche Unterhaltungsmöglichkeiten die Menschen im viktorianischen Zeitalter hatten, ist die Liste ziemlich kurz. Es gab kein Fernsehen. Das Kino befand sich in einer sehr frühen Entwicklungsphase und war eine kommerzielle Einrichtung. Auch ein Radio gab es nicht. Eine beliebte Form der Unterhaltung war das Verkleiden in Kostüme und das gegenseitige Posieren in sogenannten Vignetten oder Tableaus vivants (lebende Bilder). Das klingt unschuldig, aber stellt euch vor: Könnt ihr euch eure Großmutter vorstellen, wie sie sich als griechische Waldnymphe verkleidet auf einem Tisch im Wohnzimmer räkelt und alle applaudieren? Die Vorstellung ist in der Tat etwas absurd. Für die Viktorianer war das jedoch völlig normal und ein angemessener Zeitvertreib.

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  • Niemals ist etwa Schreckliches geschehen

    Victoria Amelina * 1.1.1986 in Lviv – † 1.7.2023 in Dnipro.

    Ukrainische Phantastikautorin; getötet durch einen russischen Raketenangriff auf ein Restaurant. Sie sagte, kein Autor sei jemals wirklich vergessen, solange er gelesen wird – sorgen wir dafür, dass Amelina nicht in Vergessenheit gerät!

    Victoria Amelina
    Niemals ist etwas Schreckliches geschehen

    Niemals ist etwas Schreckliches geschehen

    Übersetzung mit freundlicher Genehmigung Askold Melnyczuk, Arrowsmith Press.

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  • Stephen King: The Outsider

    Stephen King ist nicht der erste Schriftsteller, der ein Buch Namens „The Outsider“ geschrieben hat. Bevor wir das akzeptieren, müssen wir uns leider wieder einmal über die schlechte Übersetzungsqualität des Heyne-Verlags unterhalten. Es wäre einfach gewesen, den Titel im Original zu belassen, stattdessen zeigt man, dass man mit Sprache nun wirklich nicht mehr umgehen kann. Da wird dann aus „The Outsider“ „Der Outsider“, und jedem Leser, der noch ein bisschen was von Grammatik hält, dreht sich der Magen um. Die Idealform wäre „Der Außenseiter“ oder sogar „Der Fremde“ gewesen. Nun, nicht nur ideal, sondern RICHTIG. Auf die vielen Übersetzungsfehler im Roman gehe ich jetzt gar nicht ein.

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