Im Garten der Hyacinthe (Reprise)

Der Turm der höchsten Trümmer liegt in Sprachen, sendet Mauerstein hinein in die brühende Melange. Zucksuppe gischtet brandig, sendet das schwarze Röcheln uteralwärts. Schaumige Maische verdreht die Worte. In diesem Blut erhebt sich Pflanzenseiber, darin gebettet befinden sich die Kehlen, die sich rühren, kleben finster, schlotig, kahl hochgereckt an der Wand, die sich farblos gen Norden neigt. Man hört sie röcheln, aber kein Wort formuliert sich. Schutt und Schlamm in inniger Umarmung.

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Die Gesänge der Banshees

Als sie gemeinsam am Küchentisch saßen, die Blicke gebannt in die Holzmaserung drückten, die je nach Fantasie etwas anderes zeigte, sprach keiner ein Wort. Die Natur spuckte aus, es war Stille im Universum. Nur die Steine sprachen miteinander. Die ersten Stufen hell erleuchtet. Nebel, die Treppe aus Knochenmark geformt, in der Mitte schwielig, braun zurückgelassene Fußabdrücke, Dornenstaub darüber, Gestalt des Wahnsinns, Augensaft : die Tränke der Nymphen; Hermann bellte, die Lippen straff und geöffnet, künstliches Loch, die Zunge wie ein Rollmops, großmütiger Ausdruck, dieses Gesicht, das vielleicht eines Tages das eines anderen sein wird, mit Doppelkinn, Tränensäcken, und anderer Überschüssen im Gesicht eines Mannes.

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Der wilde Wind -1-

Anna Schikowski hatte es sich angewöhnt, ihre ›große Wäsche‹  in die Nachtstunden zu verlegen. Ihre in jungen Jahren lapidare innere Unruhe hatte sich Laufe der Zeit zu einer ausgemachten Schlaflosigkeit gesteigert, die auch der zermürbende Haushalt nicht zum Erliegen bringen konnte. Sie hatte dem entgegenzuwirken versucht, indem sie immer etwas mehr tat, und das, was sie tat, zu beschleunigen. So wuchs ihr Garten zu einem majestätischen Kräutergarten heran, Kohl, Karotten, Sellerie, Zwiebeln, Knoblauch, Schwarze Johannisbeeren, Äpfel, Quitten und Zwetschgen gediehen neben Majoran, Dost und Echtem Thymian, sie extrahierte ätherische Öle, Bitterstoffe, Gerbstoffe, Schleimstoffe, Alkaloide und herzwirksame Glykoside, Anthrazenderivate und Flavonoide. Im Zuge ihrer Kenntnisse hatte sie aufgehört, für die Wäsche Buchenasche und abgestandenen Urin zu verwenden, und mischte Soda mit Zitronenöl und Schmierseife zusammen, die sie mit Ätzkali und Sonnenblumenöl ebenfalls selbst anrührte.

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Das verschleierte Bildnis zu Sais

Der Krankenwagen trudelt ein und wendet ungestüm. Sein blaues Licht verscheucht die Schneeblindheit. Die weißbraune Grütze tropft aus den Radkästen. Beinahe gleichzeitig trifft ein neuer Funkspruch ein und plappert munter in Michels Volkswagen vor sich hin, der quer über der Straße steht. Die Beamten haben aufgehört, sich um die Bergung zu kümmern und diskutieren gebührlich, auf Schaufeln, Besen und Rechen gestützt, mit den Fahrern, die um jeden Preis hier durch wollen – anstatt die B15 zu nehmen – und dabei wild mit den Händen gestikulieren und damit ein neues Alphabet probelaufen lassen. Die meisten von ihnen sind ausgestiegen, heben sich gegen den Horizont ab wie Manschetten, die das Bündchen der Landschaft verschließen, wie Stulpen am Rande der morgendlichen Szenerie, um sich nicht entgehen zu lassen, was sich dann vielleicht im Bekanntenkreis ausschlachten lässt.

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Was die Nacht hinterlässt

Die Nacht fiakert zurück und hinterlässt einen Sägenschärfer aus Hebanz in der Nähe des Sägewerks an der Hohen Mühle, das auf seinem Gelände auch eine Fischzucht ermöglicht, deren Ergebnisse dann in Buchen-, Weiden-, Erlen-, Birken-, Pappel-, und Eschenspäne in den Schlot gehängt werden, um heißzuräuchern. Fleischrauch erhebt sich und bildet Fischskelette in der Luft, vergänglich wie ein Ameisenleben. Der Fischfang hat hier eine seltsame Tradition, ungewöhnlich für ein Land, das sich so weit entfernt vom Meer befindet (obwohl sich im Präkambrium eine stolze Schwemme hier einsam fühlte).

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Traum ohne Möbel

Traum: Ich in einem Raum ohne Möbel, außer dem Tisch, an dem ich sitze. Mir gegenüber ein Mann, der eine Zeitung studiert. Er ist mir fremd und wartet auf den Bus (oder auf den Zug). Derweil sind zwei Handwerker mit der Tapete beschäftigt. Sie schneiden Steckdosen und Lichtschalter aus. Sie ist weiß und augenscheinlich aus uralten Tagen, schwer mit einem stilisierten, leicht glänzenden Muster.

Nach vier Tagen mit interessanten Symptomen, die meine Stimme etwas in Mitleidenschaft zogen, geht es mir heute wieder etwas besser. Ich bin recht gut durch diese apokalyptische Stimmung gekommen, aber natürlich wird diese so schnell nicht enden. Es wäre aber falsch zu behaupten, die Misere, die sich seit einem Jahr zeigt, hätte mir gar nichts ausgemacht, schließlich muss ich doch dann und wann das Haus verlassen, um etwas einzukaufen. Ich kann mir nicht alles schicken lassen. Mir war der Kontakt mit vielen Menschen schon vor der Pandemie ein Graus, doch mittlerweile ist es schierer Ekel. Natürlich lege ich meine Einkäufe in die früheste mögliche Stunde, aber man kommt nie ganz davon. Ich wünschte mir eine eigene Infrastruktur für Hochsensible.

Stephen King Re-Read: Feuerkind

Als Firestarter (Feuerkind) im Jahre 1980 veröffentlicht wurde, war Stephen King bereits ein echtes Phänomen. Er lebte in seinem berühmten Herrenhaus in Bangor, Maine, verdiente mehr Geld als er ausgeben konnte und sein neuer Vertrag mit New American Library war ein echter Glücksfall. Sie behandelten ihn dort besser als jemals bei Doubleday, aber was wirklich zählte: sie verstanden es besser, seine Bücher zu verkaufen. Ob es an seinem massiven Alkoholkonsum liegen mochte, oder an seiner neu hinzugewonnenen Kokainsucht; die Bücher, die er in dieser Periode seines Schaffens schrieb gehören zum dunkelsten und gemeinsten, aber auch zu den weniger umfangreichen Romanen seiner Karriere. Außerdem enthüllten sie eine wesentliche Tatsache über King: er schrieb überhaupt keinen Horror.

Bill Thompson, der Herausgeber von Doubleday, der King entdeckt hatte, hatte sich noch Sorgen gemacht, dass King als Horrorschriftsteller eingestuft werden würde, als dieser ihm Salem’s Lot vorgelegt hatte – und wieder, als King ihm die Handlung von Shining erzählte. „Zuerst das telekinetische Mädchen, dann die Vampire, jetzt das Spukhotel mit dem telepathischen Kind. Du wirst gebrandmarkt sein,“ hatte er angeblich gesagt. Für Doubleday war Horror schmierig und sie arbeiteten mit King nur widerwillig. Die Bücher wurden billig gedruckt, hatten armselige Cover, und die hohen Herren konnten sich nicht mal an seinen Namen erinnern, so dass sich Thompson wieder und wieder in der Rolle wiederfand, King, der ihnen allen ihr Urlaubsgeld einbrachte, im eigenen Hause publik zu machen.

New American Library hingegen war ein Taschenbuchverlag, der die Macht der Genreliteratur verstand. Sie investierten erheblich mehr in Kings Karriere als es Doubledy je getan hatte. Für Doubleday war King eine Überraschung, für New American Library war er eine Marke.

Gibt es aber über das Marketing hinaus etwas, das King als Horrorschriftsteller auszeichnet? Sieht man sich heute seine frühen Bücher an – Dead Zone (ein Mann plant ein politisches Attentat), Feuerkind (Vater und Tochter auf der Flucht vor der Regierung), und Cujo (tollwütiger Hund stellt Frau und Kind in einem Auto), dann kommt man zu der Erkenntnis, dass ohne Horror-Boom, der sich diese Titel einverleibte, ohne die Marke „King-Horror“, die auf die Cover gedruckt wurden, heute diese Bücher eher als Thriller verkauft werden würden. King selbst behauptete, er schriebe Spannungsromane. Kurz bevor Feuerkind veröffentlicht wurde, gab er dem Minnesota Star ein Interview, in dem er sagte:

„Ich sehe den Horrorroman als nur einen Raum in einem sehr großen Haus, das man als Spannungsroman kennt. Dieses besondere Haus schließt solche Klassiker wie Hemingways Der alte Mann und das Meer und Hawthornes Der scharlachrote Buchstabe mit ein.“

Und natürlich seine eigenen Bücher.
In einem anderen Interview sagte King:

„Die einzigen meiner Bücher, die ich für unverfälschten Horror halte sind Brennen muss Salem, Shining, und jetzt Christine, weil sie keine rationale Erklärung für all die übernatürlichen Geschehnisse anbieten. Carrie, Dead Zone, und Feuerkind haben mehr mit der Science Fiction- Tradition zu tun … The Stand wiederum steht mit je einem Bein in beiden Lagern …“

Warum also greift das Horror-Etikett?

King schreibt über Menschen in Extremsituationen, deren Gefühle von Angst, Schmerz und Hilflosigkeit dominiert werden, die dunkel und drohend selbst dann durchscheinen, wenn noch gar nichts passiert ist. Er ist ein Meister, wenn es darum geht, die Spannung aufrecht zu erhalten. Er verwendet viel Zeit auf die Beschreibung des menschlichen Körpers, verweilt bei den physischen Details der Unvollkommenheit und des Verfalls (Altersflecken, Verwachsungen, Akne, Narben), wie er auch die Körperlichkeit an sich feiert (Sex, Erektionen). Seine Charakterzeichnungen sind mit breiten Strichen gesetzt, im Zentrum stehen meist die körperlichen Makel (Schuppen, Glatzen, schlechte Haut, Fettleibigkeit, Magersucht), was viele seiner Figuren ins Groteske verzerrt. King schreibt viel über Kinder und Jugendliche, seine Hauptfiguren sind in der Mehrzahl attraktiv.

Es sind diese intensiven Szenen, bestehend aus Sex und Gewalt, den attraktiven Hauptfiguren, und die Betonung der Angst und Spannung, die sein Publikum an den Horrorfilm erinnert, wo Sex, Gewalt, Jugend und Angst sich in der Regel tummeln. Als King seine erfolgreichste Phase hatte, boomte auch der Horrorfilm (1973 – 1986 war die goldene Ära der amerikanischen Horrorfilme), und es ist nicht schwer, das eine mit dem anderen in Verbindung zu bringen. Der Vergleich von Kings Werken mit Filmen ist das, worauf es Kritiker von Anfang an angelegt hatten, und King selbst betonte oft genug, dass er ein extrem visueller Schriftsteller sei, der nicht in der Lage ist, zu schreiben, bevor er nicht die Szene im Kopf hat. Die öffentliche Meinung, King sei ein Horrorschriftsteller, wurde durch die Verfilmungen von Carrie und Shining noch zementiert. Wenn etwas also als „Horror“ vermarktet wird, wenn es die Leute an „Horror“ erinnert, und wenn der Autor kein Problem damit hat, als Horrorschriftsteller zu gelten, dann ist es Horror. Obwohl King darauf hinweist, dass Science Fiction ein besseres Label für seine Arbeiten wäre.

Feuerkind ist eines der Bücher von King, wo das Label Science Fiction hervorragend passt. Der Roman wurde als Verfilmung ein Flop und seitdem hat sich das Interesse an Firestarter im Laufe der Zeit getrübt. Das ist nur eins von vielen Beispielen, wo ein mieser Film ein gutes Buch quasi ruiniert.
1976 begonnen, gab King das Buch zunächst auf, weil es ihn zu stark an Carrie erinnerte. Der Hauptcharakter war ein Ebenbild seiner zehnjährigen Tochter Naomi. King war zunächst fasziniert von Pyrokinese und dann von einer Figur wie Carrie White, die ihre psychischen Kräfte an ihre Tochter weitergegeben hatte.

Das Buch liest sich wie eine paranoide, politisch linke Phantasie auf Amphetaminen, die mit der zehnjährigen Charlie McGee und ihrem Vater Andy beginnt. Sie befinden sich auf der Flucht vor einer Regierungsorganisation, die sich „Die Firma“ (The Shop) nennt. Andy und seine Frau hatten in den 60ern an einem Regierungsexperiment teilgenommen, bei dem ihnen die LSD-artige Substanz Lot 6 verabreicht wurde. Die Droge aktivierte ihre latent vorhandenen psychischen Kräfte, die an Charlie weitervererbt wurden. Ihr ist es möglich, allein durch ihre Gedanken, Feuer zu legen, was ihr aber von ihren Eltern als eine böse Sache verboten wurde. Charlies Mutter wurde von der Firma getötet, und Andy hat nur die Fähigkeit, den Geist anderer zu kontrollieren, was allerdings jedes mal, wenn er seine Fähigkeit anwendet, Schäden an seinem Gehirn zurücklässt.

In die Enge getrieben überredet Andy Charlie, ihre Kräfte von der Leine zu lassen und sie lässt eine friedlich gelegene Farm in einem Inferno untergehen und tötet dabei Dutzende von Agenten auf ihrer Flucht. Ein paar Monate später werden sie von dem Auftragskiller John Rainbird gefangen genommen. Das letzte Drittel des Buches ist eine Chronik dieser Gefangenschaft, wo Rainbird ein Psychospiel mit Charlie beginnt, indem er sich anfangs als einfache Ordonanz ausgibt, um sich mit ihr anzufreunden und ihre Kooperation für die Firma erlangt. Von seiner Tochter getrennt mutiert Andy zu einem übergewichtigen Pillensüchtigen. Alles endet in einer Scheune, wo Charlie Rainbirds Spiel durchschaut und den Tod ihres Vaters mitansehen muss.

Das klingt nach einer einfachen Geschichte, aber zu diesem Zeitpunkt seiner Karriere feuert King aus allen Rohren, und so ist sie alles andere als das. Voller Handlungsabläufe, die derart lebendig beschrieben sind, dass sie an verschiedenen Stellen in surrealistische Poesie übergehen (explodierende Hühner rennen umher, Wachhunde werden verrückt vor Hitze und wenden sich gegen ihre Halter), ist der Roman gespickt mit subjektiven Eindrücken der Figuren, die sich in fast schon wahnwitzig lyrischen Ergüssen äußern. King wurde vorgeworfen, er würde sich vor Sexszenen scheuen (Peter Straub sagte einmal: „Stevie hat Sex bisher noch nicht entdeckt.“), aber in Feuerkind ist die grundlegende Geschichte die von Charlies sexuellem Erwachen.

Es gibt nur wenige Dinge, die kraftvoller sind als die Beziehung zwischen Vätern und Töchtern, die Popkultur hat enorm viel Aufwand betrieben, das Unbehagen der Väter angesichts der Sexualität ihrer Töchter zu thematisieren, angefangen von der Kontrolle, die Väter über den Kleidungsstil ihrer Töchter ausüben wollen. Zu Beginn des Buches ist Charlie ein kleines Mädchen, die an der Hand ihres Vaters spaziert und nicht weiß, was sie zu tun hat. Am Ende des Buches ist ihr Vater tot. Zwar kann sie ihre pyrokinetische Fähigkeit noch nicht voll kontrollieren, die aber ist wesentlich stärker als irgendjemand angenommen hatte, und sie befindet sich auf dem Weg nach New York, um ihre Geschichte zu erzählen.

Sexualität und Feuer sind linguistische Zwillinge („Brennende Leidenschaft“, „Das Feuer der Begierde“, „Glimmende Augen“) und es ist ein Freudianischer Witz, dass sie von ihren Eltern das Verbot bekommt, die „böse Sache“ zu tun. Schnell verwandeln sich diese Stellen von Subtext in Blanktext, dann nämlich, wenn Rainbird sich ihr widmet, um „ihre Verteidigung zu durchdringen“, sie „wie einen Safe zu knacken“ und um sie zu töten, während er ihr tief in die Augen schaut.
„Es ist eine sexuelle Beziehung“, sagte King später über diese beiden Figuren in einem Interview. „Ich wollte das Thema eigentlich nur streifen, aber es macht den Konflikt nur noch monströser.“
Als ihre Hemmungen fallen, ihre Fähigkeit einzusetzen, genießt Charlie ihre neuentdeckte Stärke, die ihr besondere Privilegien einbringt und sie zum Mittelpunkt eines jeden Mannes im Buch macht. Wiederholt wird darauf hingewiesen, dass, wenn sie ihre Kräfte nicht zu beherrschen lernt, sie die Welt zerstören könnte; ein Klischee über die weibliche Sexualität (wenn sie einmal anfangen, hören sie nicht mehr auf). Als Charlies Sexualität mehr und mehr erwacht und eindeutiger wird (sie hat sogar Träume, in denen sie nackt auf einem Pferd zu John Rainbird reitet), werden auch die heimlichen Wünsche der Männer, die Kontrolle über sie ausüben, selbstzerstörerischer. Andy versucht einen letzten Ausbruch mit Hilfe seiner Gabe, was aber im Unterbewusstsein der Opfer ihre geheimen Obsessionen entfesselt und sich in Selbstzerstörung äußert. Für Dr. Pynchot, dem zuständigen Psychiater von Charlie und Andy äußert sich das Verdrängte in Form eines Missbrauchs, den er einst durch Kommilitonen erleiden musste. Seine Besessenheit betrifft den „Vulva-ähnlichen“ Abfallzerkleinerer. Er kleidet sich mit der Unterwäsche seiner Frau und tötet sich, indem er die Hand hineinsteckt, während er läuft. Der Kopf der Organisation, Cap Hollister wird von eingebildeten, glitschigen Schlangen heimgesucht, die überall auf ihn warten, um ihn zu beißen.

Eines der stärksten Bilder des Buches ist Charlie, wie sie vor der brennenden Scheune steht, nachdem die Wildpferde durch die Holzwände gebrochen sind, ringsherum die verwüsteten Utensilien der Armee, ihr toter Vater hinter ihr, grenzenlose Freiheit vor sich. Ein kraftvolles und kitschiges Bild von einer jungen Frau und ihrem sexuellen Erwachen. Weit entfernt davon, lächerlich zu sein.
Feuerkind war das mittlere seines „Werk-Trios“ zu dieser Zeit, bestehend aus Dead Zone, Feuerkind und Cujo. Für welches man sich auch entscheiden will: zu diesem Zeitpunkt ahnte die Welt noch nichts von Cujo …

Aiga und Hybris

Wie ich dann doch einmal komplett verzweifelte, war eine Geschichte, die ich mir selbst erzählt hatte. Vor langer Zeit. Näher gebracht hatte ich sie dir. So nahe, dass du eigentlich durch sie hindurchschauen konntest. Denn noch näher wäre nicht möglich gewesen. Unmöglich gar. Aber das Wunderbare am Unmöglichen ist ja, dass wir es wieder und wieder versuchen. Manchmal auch mit einer gewissen Hybris, egal ob beide Beine mitmachen oder nicht. Ob du einfach einen Fuß vor den anderen setzen kannst oder nicht. Bis es wieder in Ordnung ist und du über Schrittabfolgen nicht mehr nachdenken musst. So, wie zuvor.

H y b r i s. Allein das Wort legte sich manchmal wie ein Kranz um ihren Kopf. Als wär’s ihr Haar. Dann ist es, als wolle sie nackt, nur mit einem Rock bekleidet, diese Nordwand erklimmen. Und sie tat es. Während Aiga, die felsige Trollin, herzlich darüber lachte. Ihr Handy trug sie dabei in ihrer Rocktasche, um ihre Mutter sprechen zu können, sollte es möglich sein. Ihr zu sagen, dass sie, immer wenn sie mit ihr telefonierte, wenn diese in den Bergen weilte, jedes Mal empfand, sie höre einem Mädchen zu, das noch ganz leicht seine Träume träumt.

Oftmals, nach einem solchen Gespräch, stellte sie sich vor, dass sie irgendwann einmal ein Säugling war, den diese junge Frau gestillt hatte. Und so muss es ja auch gewesen sein. Nur kam ihr dieser Gedanke dermaßen seltsam vor. Sie. Ein Säugling? Denn tatsächlich war ihr jene hellklingende Stimme, die sie soeben auf der anderen Seite der Leitung gehört hatte, fern, irgendwo inmitten der Berge, derart real, dass es sie selbst – in diesem Moment – doch gar nicht geben dürfte. Eine Tatsache über die sie lächeln musste.