Wie viel Wahrheit steckt in „Der denkwürdige Fall des Mr Poe“?

Die Verfilmung von Louis Bayards Roman „Der denkwürdige Fall des Mr Poe“ aus dem Jahr 2006 lief im Dezember 2022 in den Kinos an und wurde im Januar 2023 auf Netflix gezeigt. In den Hauptrollen sehen wir Cristian Bale und Harry Melling. Letzteren als jugendlichen Edgar Allan Poe. Die beiden untersuchen zusammen in der Militärakademie West Point mehrere Morde. Poe fand immer wieder aufs Neue Gefallen daran, Fakten und Fiktion miteinander zu vermischen, was er nicht zuletzt mit seiner Geschichte „Das Geheimnis der Marie Roget“ bewiesen hat. Tatsächlich war er ein richtiger Meister darin, seine Leser zum Narren zu halten. Wie viel Wahrheit steckt also in The Pale Blue Eye (wie das Buch und der Film im Original heißen)?

Edgar Allan Poe hat die Detektivgeschichte, die vor ihm nur zögerlich kursierte, zu einer festen Größe etabliert. Sein Meisterdetektiv C. Auguste Dupin war das Vorbild für Sherlock Holmes, Hercule Poirot und viele andere, die nach ihnen kamen. Das tragische Leben des Autors und seine Fähigkeit, Geschichten mit logischen Schlussfolgerungen zu erfinden, hat bis heute einen großen Einfluss, vor allem auf Krimiautoren.

Es gibt keine Hinweise darauf, dass Poe jemals ein echtes Verbrechen untersucht hat, aber das hat niemanden daran gehindert, ihn in mehreren Krimis als Detektiv aufzutreten zu lassen, darunter John Dickinson Carrs The Gentleman from Paris und Manny Meyers The Last Mystery of Edgar Allan Poe. Keiner davon war so erfolgreich wie The Pale Blue Eye.

Louis Bayards für den Edgar nominierter Krimi basiert auf Poes kurzer Zeit als Kadett an der US-Militärakademie in West Point, die im Juli 1830 begann und im Januar 1831 mit seinem Rauswurf vor einem Kriegsgericht schmachvoll endete.

Der denkwürdige Fall des Mr Poe
(c) Netflix

In The Pale Blue Eye (der Titel ist einer Beschreibung aus Poes berühmter Geschichte Das verräterische Herz entnommen, was – wie hierzulande üblich – wohl keiner der deutschen Editoren wusste) wird das graue und nebelverhangene West Point zum Schauplatz einer Reihe grausamer Morde. Aufgeklärt werden sie vom pensionierten Detektiv August Landor, der von dem 21-jährigen Poe unterstützt wird. Nichts von alledem hat sich tatsächlich zugetragen, obwohl man vermuten kann, dass Poe selbst sich freuen würde, wenn die Leute daran glauben würden.

Während seines siebenmonatigen Aufenthalts in West Point war das Verhalten des Schriftstellers derart ungewöhnlich – er war häufig betrunken und erschien einmal splitternackt zur Parade -, dass durchaus Gerüchte über die Vorgänge im Hudson Valley für den Rest seines Lebens und darüber hinaus um ihn herum kursierten. Eine der immer wiederkehrenden – aber unbegründeten – Geschichten über seinen Rauswurf lautete: Mord.

Trotz des Rufs von West Point für strenge Disziplin und spartanische Lebensbedingungen war schlechtes Benehmen zu dieser Zeit keine Seltenheit. Beide Mitbewohner von Poe wurden ebenfalls vor ein Kriegsgericht gestellt und von der Schule verwiesen – einer von ihnen, weil er zweimal Gebäude auf dem Campus in Brand gesetzt hatte. Dennoch waren Poes Eskapaden bemerkenswert. Auch er hatte eine wilde Vergangenheit. Er verließ die University of Virginia im Alter von 18 Jahren ohne Abschluss, mit Spielschulden, die sich auf über 2500 Dollar belaufen sollten, und nachdem er möglicherweise das Herz seiner Verlobten gebrochen hatte. Kein Wunder also, dass seine Mitkadetten alle möglichen verrückten Geschichten über den zukünftigen Autor erfanden.

Man kann mit Fug und Recht behaupten, dass Poe wenig tat, um diese Art von Gerüchte zu unterbinden. Er war ein junger Mann, der einen Hauch von Geheimnis kultivierte, ein Romantiker, der sich nach dem Image sehnte, das der britische Dichter Lord Byron etwa ein Jahrzehnt zuvor für sich geschaffen hatte – verrückt, böse und gefährlich. Wenn die Leute Geschichten über Morde und verräterische Vorfahren glauben wollten, dann sollte es so sein.

Poe war im Alter von 21 Jahren nach West Point gekommen, nachdem er den Rang eines Hauptfeldwebels im Artillerieregiment erreicht hatte. Die Militärakademie war noch keine dreißig Jahre alt, hatte sich aber unter der Leitung von Colonel Sylvanus Thayer bereits einen hervorragenden Ruf erworben. Poes Platz war durch das Eingreifen seines wohlhabenden und einflussreichen Ziehvaters John Allan gesichert worden.

Poes Beziehung zu seinem Vormund war angespannt. Allan war ein pathologischer Frauenheld, und nach dem Tod von Poes geliebter und nachsichtiger Pflegemutter Frances im Jahr 1829 heiratete er schnell wieder. Seine neue Braut Louisa war eine Frau, die ihm bereits Zwillinge geboren hatte. Poe war wütend.

Die Suche des jungen Mannes nach einer verlässlichen Vaterfigur ist eines der zentralen Themen von The Pale Blue Eye. Ein potenzieller Ersatz für den schäbigen Allan ist hier der Detektiv August Landor. Landor lebt wie Poes spätere Schöpfung Auguste Dupin ein Einsiedlerdasein – in seinem Fall in einer dunklen Hütte in den Wäldern des Staates New York. Er ist wortkarg und verlässlich, doch seine Vergangenheit ist Dunkel.

Landor kommt nach West Point, nachdem die Leiche eines Kadetten erhängt aufgefunden wurde, dem das Herz operativ entfernt wurde. Der bodenständige Detektiv, dessen Fachgebiet die Forensik ist, findet sich bald in der Obhut von Poe wieder. Die Faszination des jungen Mannes für das Okkulte führt die beiden in eine schattige Gothic-Welt des Grauens, in der ein geistesgestörter Serienmörder lauert.

Nichts deutet darauf hin, dass sich so etwas in West Point tatsächlich ereignet hat, weder zu Poes Zeiten noch danach. Der Roman zeichnet zwar ein realistisches und offensichtlich gründlich recherchiertes Bild vom Leben der Kadetten, ob sie nun lange Gewaltmärsche ertragen oder in Benny Haven’s Tavern feiern, aber die Tatsachen, auf die sich The Pale Blue Eye so schön stützt, liegen in den Protagonisten. Bayards Version des betrunkenen und hilfsbedürftigen Poe, eines jungen Mannes mit schwacher Gesundheit, der zu brillanten logischen Analysen fähig ist, aber auch an Gespenster und schwarze Magie glaubt, wirkt verblüffend lebensecht.

Sowohl der Roman als auch der Film sind mit cleveren Anspielungen auf Poes späteres Werk gespickt. Landor ist ein offensichtliches Vorbild für den ersten Privatdetektiv der Welt, ein Rabe schwebt über allem, der Stil des Mordes scheint den Mord in Das verräterische Herz widerzuspiegeln, während die Tochter des Chirurgen, die zerbrechliche Lea Marquis, in die Poe vernarrt zu sein scheint, ein Echo seiner zukünftigen Braut Virginia Clemm ist, die im Alter von nur 24 Jahren an Tuberkulose starb.

Auch wenn es nicht ganz der Wahrheit entspricht, gibt es in Der denkwürdige Fall des Mr Poe viel Realistisches und Fantastisches, das man genießen kann, egal ob man ein Fan von Edgar Allan Poe ist oder nicht.

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    Cortazar

    Viele phantastische Geschichten können sich einer thematischen Ähnlichkeit nicht entziehen. Oft scheint es, als stünden sie in Beziehung zueinander, als seien sie verbrüdert und durch eine Röhre miteinander verbunden. Viele dieser Geschichten haben gemeinsame Einflüsse wie Arthur Machen oder H. P. Lovecraft, während andere unheimliche Elemente verwenden, um zeitgenössische Stimmungen einzufangen. Manchmal sind diese Verbindungen offensichtlich, in anderen Fällen muss man sie mehrmals lesen, um sie zu verstehen. Dies ist bei Julio Cortázar der Fall.

    Nehmen wir das Beispiel ‚Axolotl‘ und daraus den ersten Absatz, der die Transformation vorwegnimmt:

    „Es gab eine Zeit, in der ich viel an die Axolotl dachte. Ich besuchte sie im Aquarium des Jardin des Plants und brachte Stunden mit ihrer Betrachtung, der Betrachtung ihrer Unbeweglichkeit, ihrer dunklen Bewegung zu. Jetzt bin ich ein Axolotl.“

    Der Schlüssel liegt hier nicht in der ausgeprägten Verwandlung, sondern in der Beobachtung und der kontemplativen Betrachtung. Man kann die Erzählung als eine Absonderung und einen symbolischen Abstieg in einen schizophrenen Zustand lesen, vor allem durch die Schlusssätze, in denen Cortàzar das erzählerische „wir“ (der Axolotl) mit dem menschlichen „er“ (der Mensch) vertauscht.

    Fasziniert von den Amphibien im Larvenstadium, beginnt der Erzähler immer mehr Informationen über die Axolotl zu sammeln. Tag für Tag besucht er sie im Jardin des Plantes.

    „Ich stützte mich auf die eiserne Stange, die die Aquarien einfasst, und widmete mich ihrer Betrachtung. Daran ist nichts Besonderes, denn ich hatte vom ersten Augenblick an begriffen, dass wir miteinander in Verbindung standen, dass etwas wenn auch grenzenlos Verlorenes und Fernes uns offenbar vereinte.“

    Hinter dem Gefühl der Besessenheit verbirgt sich etwas anderes. Es ist die Schärfe der Selbstidentifikation mit etwas Fremdem. Im Laufe der Erzählung nimmt sie Gestalt an, mit wiederholten Verweisen auf ihre mexikanische Heimat, auf die Azteken, die das Land beherrschten, bevor die Spanier kamen. Der Erzähler scheint verrückt zu sein, zumindest könnte man die Geschichte so interpretieren. Und doch könnte das Ganze auch eine Metapher für die Faszination einer fremden Kultur sein, die so weit geht, dass man ganz in sie eintauchen möchte, bis hin zum Austausch mit der ursprünglichen eigenen Kultur. Dieses Gefühl der fremden Akkulturation taucht in vielen Erzählungen und Romanen Cortázars auf. Emigranten in surrealistischen Erzählungen, wie in seinem brillanten und epochalen Roman „Rayuela“.

    In seinen Erzählungen nutzt Cortázar das Unerklärliche, um die Wirren des Lebens zu ergründen. In „Das besetzte Haus“ leben die alternden Geschwister zurückgezogen im Haus ihrer Großeltern und spüren, dass etwas in ihren geschlossenen Lebensraum eindringt und sie zwingt, das Haus zu verlassen. Es ist ein langsames, schleichendes Grauen, das sich in die Erzählung einschleicht.

    “ Südliche Autobahn “ ist weniger eindeutig. Die Erzählung beginnt mit einem endlosen, kafkaesken Stau. Die Menschen im Stau versuchen, sich irgendwie zu beschäftigen. Einige schlafen miteinander, andere versuchen, sich so weit wie möglich von allem und jedem zu entfernen. Beide Erzählungen ähneln „Axolotl“ darin, dass sie aus der eindeutigen Realität in seltsame, surreale Landschaften gleiten, wo Realität und Fantasie unentwirrbar ineinander übergehen und zu einer halluzinatorischen Einheit werden.

    In den „Sprungszenen“ seines grandiosen Anti-Romans „Rayuela“ schildert Cortázar das Leben eines argentinischen Emigranten in Paris und seine Suche nach seiner früheren Geliebten Maga. Auch hier kommt es zu einem Zusammenprall der Kulturen, zu einem Verschwimmen von Halluzination und Realität. In Horacio Oliveira erkennen wir den fast wahnsinnigen Erzähler aus „Axolotl“. Sein Taumeln durch Paris und Buenos Aires auf der Suche nach Maga kann auch für die Suche nach einer schwer fassbaren Realität stehen. Die Anti-Struktur des Romans dient dazu, das Gefühl des Halluzinatorischen der Suche zu verstärken. Es gibt Momente der stillen Bedrohung, ähnlich dem „besetzten Haus“, und es gibt Momente, in denen Oliveiras Suche quixotische Züge annimmt.

    In den 35 Jahren seines schriftstellerischen Schaffens hat Cortázar eines der einflussreichsten und unvergesslichsten Werke der Literatur des 20. Jahrhunderts hinterlassen, das sich mit dem Surrealismus, dem kulturellen Bruch, der Selbstidentität und der Frage, wo die Realität endet und die Halluzination beginnt, auseinandersetzt. Seine labilen, aber schmerzhaft aufmerksamen Erzählerfiguren erlauben es ihm, durch das Unerklärliche hindurch Aussagen über das heutige Leben zu machen, wie sie der ‚Realismus‘ niemals zu treffen vermag. Cortázar taucht tief in die Psyche seiner Protagonisten ein und enthüllt dabei beunruhigende Wahrheiten darüber, wie wir die verrückte Welt um uns herum wahrnehmen. Manchmal äußert sich dies im Verlust der Identität und der Trennung von unserer Vergangenheit, wie in „Axolotl“ oder „Das besetzte Haus“.

    Das Unheimliche dient Cortázar als Kanal, und seine Geschichten funktionieren auf mehreren Ebenen. Es ist fast unmöglich, diese unglaubliche Nuanciertheit beim ersten Lesen zu erfassen, und er gehört zu den wenigen Autoren, die man immer wieder gerne liest.

  • Das blutrote Kleid

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    Wie schon Stricklands Vorgängerfilm The Duke of Burgundy spielt Das blutrote Kleid in einem Universum, das an die 1970er Jahre erinnert, aber letztlich aus der Zeit gefallen ist. Beide Filme sind üppig und karg zugleich. Stricklands Inszenierung ist von fetischistischen Details geprägt, und einige der auffälligsten Passagen in Das blutrote Kleid drehen sich um Schaufensterpuppen und vaginale Bilder.

    Das blutrote Kleid
    (c) Koch Films
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