Hulk – Der Mann, der nicht wütend sein darf

Der Hulk ist keineswegs ein Superheld mit einem Wutproblem. Er ist ein Wutproblem mit einem Superhelden darin, und das macht ihn zur tiefgründigsten Untersuchung männlicher Gewalt, Trauma und Unterdrückung, die das amerikanische Mainstream-Comic je gewagt hat.

Hulk #1, 1962, Marvel

Im Mai 1962 erschien die erste Ausgabe von The Incredible Hulk. Schon auf der zweiten Seite tritt Bruce Banner auf: still, blass, gebückt und in einem weißen Laborkittel, der ihn kleiner wirken lässt, als er ist. Dann, wenige Seiten später, nach der Detonation der Gammabombe, erscheint das andere zum ersten Mal: massig, grau (noch nicht grün – das kam erst ab der zweiten Ausgabe) mit kleinen Augen und einer Art Grundwut, die keine Sprache braucht. Die erste Verwandlung ist also bereits eine Auseinandersetzung. Da wird nicht wirklich ein Held geboren. Eine Spaltung, die von der ersten Seite an das eigentliche Thema des Comics benennt: Was passiert mit einem Menschen, dem beigebracht wurde, seine Gefühle wegzusperren?

Später sagte Stan Lee, er habe sich von zwei Vorlagen inspirieren lassen: Robert Louis Stevensons Jekyll und Hyde und Mary Shelleys Frankenstein. Das stimmt, soweit es eben geht. Aber es greift zu kurz. Der Hulk ist nicht nur ein literarisches Mash-up, sondern auch ein Novum in der Superheldengeschichte: Zum ersten Mal kommt die Bedrohung nicht von außen, sondern von innen. Und nicht als abstraktes moralisches Versagen wie bei einem Schurken, der sich entscheidet, böse zu sein, sondern als psychologische Zwangsläufigkeit: Banner wird zum Hulk, weil er keine andere Wahl hat. Sein Körper tut, was sein Bewusstsein verbietet.

Jack Kirbys persönliche Note

Das war im Jahr 1962: Amerika steckte mitten im Kalten Krieg, die Atombombe war ein reales Schreckgespenst und die Gesellschaft sendete eine klare Botschaft an Männer – besonders an weiße, gebildete und professionelle Männer wie Banner –: Beherrschung ist Stärke. Gefühl ist Schwäche. Ein weinender Wissenschaftler ist weniger Mann als ein schweigsamer Soldat. Lee und Kirby griffen diese Botschaft auf, durchleuchteten sie mit Gammastrahlung und stellten die Frage: Was kostet das eigentlich? Was passiert in einem Menschen, dem man sagt, er dürfe keine Wut haben?

Die Antwort ist der Hulk. Grün, unbezwingbar, und auf eine Art völlig ehrlich: Er sagt immer genau, was er fühlt. Nur dass er meistens brüllt.

Die Graufärbung des Ursprungs

Peter Davids Hulk, Marvel

Nur wenige Menschen wissen, dass der Hulk in seiner allerersten Ausgabe grau war – und das war keine Zufälligkeit. Lee und Kirby wählten die Farbe bewusst, um die Herkunft der Figur zu unterstreichen: keine strahlende Heldenfarbe, sondern etwas Dunkles, Ambivalentes, moralisch Unklares. Der Hulk sollte kein Held sein. Er sollte ein Problem sein.

Dass er ab der zweiten Ausgabe grün wurde, hatte einen banal-technischen Grund: Die Druckmaschinen der frühen 1960er Jahre konnten Grau nicht konsistent reproduzieren – es fiel jedes Mal leicht anders aus, manchmal fast weiß, manchmal fast schwarz. Der Produktionsleiter entschied sich daher pragmatisch für Grün, da diese Farbe stabil druckte. Die ursprünglich gewählte Farbe verschwand im Druckrauschen.

Jahrzehnte später revidierte Marvel diese Entscheidung. Peter David, der von 1987 bis 1998 die einflussreichste Hulk-Serie aller Zeiten schrieb, führte den grauen Hulk als eigenständige Persönlichkeit wieder ein. „Mr. Fixit“ nannte er sich selbst: ein zynischer, manipulierender, intelligenter Las-Vegas-Türsteher ohne den naiven Zorn des grünen Hulks. Die Graufärbung hatte plötzlich eine Bedeutung, die über die Drucktechnik hinausging.

Der Hulk sagt immer genau, was er fühlt. Nur dass er meistens brüllt.“

Peter David und die psychologische Revolution

Wenn man einen einzigen Autor nennen müsste, der den Hulk zu dem gemacht hat, was er heute ist, wäre es Peter David. Was er zwischen 1987 und 1998 – mit einer kurzen Unterbrechung – schrieb, ist eine der komplexesten Charakterstudien, die das amerikanische Mainstream-Comic je hervorgebracht hat. Es war eine dissoziative Identitätsstörung, die das erzählerische Fundament bildete.

David stellte fest, dass Bruce Banner nicht nur einen inneren Konflikt hat, sondern mehrere Persönlichkeiten. Jede von ihnen repräsentiert eine andere Reaktion auf dasselbe Kindheitstrauma: den brutalen, alkoholabhängigen Vater Brian Banner, der seinen Sohn misshandelte und auch gegenüber seiner Frau gewalttätig war. Der grüne Hulk ist die rohe Wut des Kindes, das sich nicht wehren konnte. Mr. Fixit, die graue Persönlichkeit, ist die zynische Abgebrühtheit des Überlebenden, der gelernt hat, dass Emotionen gefährlich sind. Bruce Banner selbst ist die Dissoziation – der Mann, der diese Wut so vollständig abgespalten hat, dass sie buchstäblich einen eigenen Körper entwickeln musste.

Diese Deutung ist nicht nur dramatisch brillant. Sie ist auch psychologisch fundiert. Das Konzept der traumabedingten Dissoziation war in den späten 1980er Jahren noch nicht allgemein bekannt – David schrieb, bevor die öffentliche Debatte über Trauma, Missbrauch und seine Folgen richtig begann. Rückblickend wirkt seine Hulk-Serie wie ein Comic, der seiner Zeit zehn Jahre voraus war.

Der grüne Hulk Das Kind, das nicht geschützt wurde. Reine, ungefilterte Wut ohne strategische Absicht. Stärker, je wütender – eine Metapher für sich.

Der graue Hulk Mr. Fixit. Der Zyniker, der Manipulator. Überlebenstaktik statt Gefühl. Intelligenter als der Grüne, aber kälter.

Bruce Banner Die Dissoziation selbst. Der Mann, der seine eigene Wut nicht kennt – oder kennen will. Hochintelligent, emotional abgetrennt.

Professor Hulk Die synthetisierte Version: Banners Intelligenz, Hulks Körper, scheinbare Integration – aber fragil, weil erzwungen.

Das Monsterproblem: Held oder Bedrohung?

Was den Hulk von fast allen anderen Superhelden unterscheidet, ist die Tatsache, dass die Frage, ob er gut oder böse ist, nie wirklich beantwortet wird – und das ist kein erzählerischer Mangel, sondern Teil des Themas. General Thaddeus „Thunderbolt“ Ross, der den Hulk jahrzehntelang jagt, stellt eine legitime Frage: Kann man eine unkontrollierbare Kraft, die in bewohnten Gebieten wütet und Städte verwüstet, als Helden bezeichnen, nur weil die Grundmotivation die eines gequälten Mannes ist?

Thaddeus „Thunderbolt“ Ross, Marvel

Diese Frage hat Marvel nie abschließend beantwortet – und das ist klug. Ein eindeutiger Held Hulk wäre langweilig. Der Hulk als eindeutiger Schurke wäre hingegen tragisch verschwendet. Der Hulk als moralisch ungelöste Frage ist hingegen literarisch interessant.

Die bekannteste Manifestation dieser Ambivalenz ist Planet Hulk (2006, Greg Pak): Der Hulk wird von einer Gruppe von Helden – darunter Iron Man und Mr. Fantastic – in eine Rakete gesetzt und in den Weltraum geschossen, da sie ihn für zu gefährlich halten. Er landet auf einem Planeten mit Gladiatorenarena, wird versklavt, kämpft sich frei und wird schließlich König. Es ist Homers Odyssee als Science-Fiction und stellt die unangenehme Frage direkt: Hatten die Helden Recht? Und wenn die Antwort teilweise ja lautet – was sagt das über das Heldentum aus?

World War Hulk und die Konsequenz

Lou Ferrigno, Bill Bixby und das Fernsehen der Einsamkeit

Für eine ganze Generation, die in den späten 1970er und frühen 1980er Jahren aufwuchs, ist der Hulk nicht in erster Linie ein Comicheld. Er ist die gleichnamige CBS-Fernsehserie, die zwischen 1977 und 1982 lief und mit ihrer Melancholie weit über das hinausging, was man von einem Abenteuerformat erwartete.

Bill Bixby spielte David Banner (nicht Bruce – NBC hatte aus lizenzrechtlichen Gründen auf den Namenswechsel bestanden) als einen Mann, der unaufhörlich flieht – nicht vor Verfolgern, sondern vor sich selbst. Die Eröffnungssequenz jeder Folge endet mit dem Satz des Erzählers: „Dr. David Banner – Physicist. Fugitive. Searching for a way to change back … and to find peace.“ (Dr. David Banner – Physiker. Flüchtling. Auf der Suche nach einem Weg, sich wieder zurückzuverwandeln … und Frieden zu finden). Es ist eine der traurigsten Eröffnungen in der Geschichte des amerikanischen Fernsehens. Und Bixby spielte diese Szene mit einer Stille, die kein Actiondarsteller seiner Zeit hätte erreichen können.

Lou Ferrigno als Hulk – grün geschminkt, schweigend und brutal – war das physische Gegenstück zu Bixbys Verinnerlichung. Was die Serie richtig verstand, griffen die Filme lange nicht auf: Der Hulk ist kein Held, der von Ort zu Ort zieht. Er ist eine Wunde, die immer wieder aufbricht.

Ang Lee, Louis Leterrier und die Frage des richtigen Tons

Die Kinogeschichte des Hulk ist eine Geschichte des Scheiterns beim Finden des richtigen Tons – und einmal des fast Gelingens. Ang Lees Film aus dem Jahr 2003 ist und bleibt polarisierend. Lee versuchte, den Hulk als ernstes psychologisches Drama zu verfilmen: mit geteilten Panels auf der Leinwand, einem von Nick Nolte gespielten Vater als psychotischem Antagonisten und Eric Bana als Banner, dessen Repression buchstäblich in seiner Körperhaltung lesbar ist. Es ist ein Film, der weiß, worum es geht. Gleichzeitig wirkt er in einigen Szenen so absurd, dass das Fundament bricht: Die Gamma-Hunde und der finale Kampf gegen einen Energielebewesen-Vater sind einfach zu übertrieben.

In Louis Leterriers Version von 2008 mit Edward Norton wurden die Tonprobleme dadurch korrigiert, dass der Film aufhörte, tiefgründig zu sein. Es ist ein kompetenter Actionfilm, aber ein schwacher Hulk-Film. Norton verstand die Figur, was in kleinen Momenten sichtbar wird, aber das Drehbuch ließ ihm kaum Spielraum.

Mark Ruffalo ist in den MCU-Filmen die überzeugendste Filmversion von Hulk, weil er Banners Ambivalenz zu seiner eigenen Natur körperlich verkörpert. Sein berühmter Satz in The Avengers – „Das ist mein Geheimnis, Captain: Ich bin immer wütend” – ist die präziseste Beschreibung der Figur. Nicht: „Ich werde wütend.” Die Wut ist der Dauerzustand, der Hulk die Konsequenz, die er gelernt hat zu kontrollieren. Das ist Peter Davids Psychologie in einem Satz und Ruffalo liefert ihn mit der Leichtigkeit eines Mannes, der das wirklich versteht.

Was die Farbe bedeutet

Grün mag zwar zunächst zufällig gewählt worden sein, aber sie hat auch eine Bedeutung. In der westlichen Symbolik steht Grün für den Außenseiter, den Anderen, den Fremden – von Außerirdischen bis zu Teufelsdarstellungen in der mittelalterlichen Kunst. Es ist auch die Farbe des Giftigen, des Radioaktiven, des Gefährlichen. Und schließlich ist Grün die Farbe der Natur – roh, unkultiviert und jenseits der Kontrolle der Zivilisation.

All das verkörpert der Hulk auf einmal. Er ist das Zivilisationsferne im zivilisiertesten Menschen, nämlich einem Wissenschaftler und Physiker, der seinen Intellekt zur Identität gemacht hat. Die Gammastrahlung zerstört Banner nicht, sondern schafft den Hulk. Sie gibt dem, was in Banner immer schon vorhanden war, eine Form, die nicht mehr ignoriert werden kann.

Das ist die eigentliche Radikalität der Figur, die seit sechzig Jahren existiert: Der Hulk ist eine ehrliche, hässliche und unkontrollierbare Antwort auf das, was die Gesellschaft aus einem Mann macht, dem beigebracht wird, dass Wut keine Option ist. Dass Schmerz zu schweigen hat. Dass Kontrolle das höchste Ideal ist.

Irgendwann wird es platzen. Irgendwann wird es grün. Und irgendwann – das ist die tiefste Wahrheit der Figur – hört man auf, sich die Frage zu stellen, wie man den Hulk loswird. Die Frage wird sein, wie man mit ihm lebt.

Nachtrag des Autors: Was mich bei diesem Essay am meisten beschäftigt hat: Peter Davids Laufzeit ist im Grunde eine klinische Fallstudie über dissoziative Identitätsstörung als Kindheitstraumafolge — geschrieben 1987, bevor das überhaupt öffentlicher Diskurs war. Dass er das in einen Superheldencomic verpackte und damit ein Millionenpublikum erreichte, ist eine der stillen Kulturleistungen des Mediums.

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