Robert Kirkmans Liebesbrief an das Genre ist gleichzeitig sein rücksichtslosester Angriff darauf.
DER SOHN DES HELDEN
Mark Grayson ist siebzehn Jahre alt, als er zum ersten Mal fliegt. Sein Vater Nolan, auch bekannt als Omni-Man, ist der mächtigste Held der Erde und hat ihm versprochen, dass dies eines Tages geschehen würde. Die Kräfte kommen von Nolans Seite. Er ist Viltrumit, Angehöriger einer außerirdischen Kriegerrasse, und Mark trägt das entsprechende genetische Erbe in sich. Er nimmt den Namen Invincible an, und ist erstmal von seinen neuen Fähigkeiten begeistert.
Das ist die Eröffnung von Robert Kirkmans Invincible, und sie ist so sonnig und so harmlos wie ein Superman-Comic aus dem Silbernen Zeitalter. Ein junger Mann bekommt außergewöhnliche Kräfte, wird ein Held, kämpft gegen Schurken, geht zur Schule und verliebt sich. Kirkman liebt diese Tradition wie alle, die mit ihr aufgewachsen. In 144 Ausgaben hat er diese Erzählung auseinandergenommen und wieder zusammengesetzt, ohne eine zynische Übung daraus zu machen. Das ist das Kunststück, das Invincible von allen anderen Superhelden-Dekonstruktionen unterscheidet. Es ist als ein Akt der Zuneigung zu verstehen.
Die Idee
Kirkman wollte einen Superhelden-Comic schreiben, der die Konsequenzen des Heldentums zeigt. Er wollte ihn nicht als Dekonstruktion im Moore’schen Sinne anlegen, sondern als Anerkennung und mit der Frage auf den Lippen, was passiert, wenn Menschen mit solchen Kräften wirklich existieren. Was kostet es sie? Wen verlieren sie? Wie verändert sich jemand, der mit siebzehn anfängt und mit dreißig aufhört? Die Antworten, die Kirkman fand, sind oft schmerzhafter, als er ursprünglich geplant hatte.
KIRKMAN, WALKER UND OTTLEY
Robert Kirkman autor (alle 144 ausgaben)
Vor Invincible ein weitgehend unbekannter Comicautor aus Kentucky. Nach Invincible — und parallel durch den Erfolg von The Walking Dead — einer der einflussreichsten Comicschöpfer seiner Generation. Kirkman schrieb über fünfzehn Jahre lang jede einzelne Ausgabe selbst. Das ist im modernen Comicbetrieb fast beispiellos.
Cory Walker / Ryan Ottley zeichner (gründungsphase & hauptserie)
Walker zeichnete die ersten sieben Ausgaben und gab der Figur ihr visuelles Fundament: hell, klar, mit einem Optimismus in der Linie, der dem Ton entspricht. Ryan Ottley übernahm ab Ausgabe #8 und blieb bis fast zum Ende. Sein Stil reifte mit der Serie, wurde dunkler, präziser, fähig zu einer Gewalt, die die frühen Hefte nicht kannten.

Kirkmans Arbeit als Autor ist über 144 Ausgaben hinweg äußerst konsistent. Von der ersten bis zur letzten Ausgabe ist die Figur gealtert, hat geliebt, Menschen verloren, getötet, Fehler gemacht und gelernt. Das kann in dieser Qualität nur funktionieren, wenn ein einziger Mensch die Geschichte plant; und Kirkman plante sie bereits Jahrzehnte im Voraus. Was in Ausgabe #100 passiert, war schon in Ausgabe #1 angelegt. Das ist für einen Superhelden-Comic außergewöhnlich.
In den frühen Ausgaben zeichnete Ryan Ottley die Geschichte mit einer klaren, freundlichen Linie, wie man sie von einem Zeichner, der sich mit Helden im Teenageralter auseinandersetzt durchaus erwarten kann. Spätere Ausgaben sind wesentlich brutaler und zeigen mehr Bereitschaft zur körperlichen Zerstörung. Das ist selten im Genre. Gewalt ist hier die oben angesprochene Konsequenz.
Der Schatten der Vorbilder
Man merkt sofort, dass Mark Grayson aus zwei Welten kommt. Er hat die Power von Superman, kämpft aber mit denselben Alltagsproblemen wie der junge Peter Parker. Von Superman hat er die außerirdische Abstammung, die physische Überlegenheit und die Verpflichtung gegenüber der Menschheit als Wahlheimat geerbt. Von Spider-Man hat er das jugendliche Alter, den Schulalltag, die emotionalen Komplikationen des Superheldenlebens innerhalb eines menschlichen Biotops.
Kirkman hat seine Vorbilder immer offen gefeiert. Das war bei Invincible von Anfang an so gewollt. Bei Watchmen von Alan Moore hingegen war das anders. Da wurden die Vorbilder erst durch die Mangel gedreht und dann zerstört. Kirkman wollte mit seiner Version zeigen, was passieren könnte, wenn die Geschichten nicht so verlaufen, wie sie anfänglich scheinen.
Invincible ist kein Angriff auf Superman oder Spider-Man. Aber wenn man sie wirklich liebt, möchte man sich vielleicht fragen, was es sie kosten würde, wenn es sie wirklich gäbe.
Die Antwort, die Kirkman gibt, ist das Herz der Serie: Es würde alles kosten. Und trotzdem würde Mark Grayson weitermachen. Das ist der entscheidende Unterschied zu Watchmen, zu Spawn, zu den meisten anderen Dekonstruktionen des Genres. Invincible endet nicht im Nihilismus oder in der Tragödie. Es endet mit der Überzeugung, dass Heldentum möglich ist, auch wenn man den Preis kennt. Vielleicht gerade dann.
DER VATER — das Trauma
Man muss sich das mal vorstellen: Bis 2004 war Invincible ein wirklich guter, frischer und gut gelaunter Superhelden-Comic. Ein netter Kerl flog umher, erfreute sich an seinen coolen Kräften, und hier und da gab es ein bisschen eingestreutes Highschool-Drama. Aber dann kam Ausgabe #12. Unter Fans wird sie heute nur noch ehrfürchtig „The Omni-Man Issue“ genannt.

In diesem Heft passiert etwas, das bis heute Auswirkungen hat. Nolan Grayson, der strahlende Über-Vater, lässt die Bombe platzen. Er ist kein Beschützer. Er ist der Vorbote einer brutalen Invasionsarmee. Was folgt, ist kein typischer Comic-Kampf, bei dem man weiß, dass am Ende alles gut wird. Nolan prügelt seinen eigenen Sohn fast zu Tode und tötet dabei Tausende Unschuldige.
Die Gewalt dieser Ausgabe war für 2004 im Mainstream-Comic beispiellos außerhalb von Vertigo-Titeln. Ryan Ottley zeichnete Körper, die zu Blutlachen wurden. Er zeichnete Mark, der durch Gebäude geschleudert wird, wieder aufsteht, wieder geschleudert wird. Und er zeichnete Nolans Gesicht als das eines Vaters, der zwischen zwei Welten zerrissen ist und die falsche Entscheidung getroffen hat. Genau das ist es, was die Serie über Unterhaltung hinaushebt. Der Antagonist dieser Geschichte wird geliebt, und das macht den Schmerz unerträglich.
Die Reaktion
Das eigentlich Verstörende ist aber gar nicht das Blut – davon gibt es bei Ryan Ottley reichlich. Es ist die Art, wie Nolan gezeichnet ist. Er sieht nicht aus wie ein klassischer Bösewicht, der die Weltherrschaft astrebt. Er sieht aus wie ein Vater, der unter einer furchtbaren Last zusammenbricht, während er das Falsche tut. Kirkman hat uns zwölf Hefte lang dazu gebracht, diesen Mann zu lieben, nur um uns dann den Boden unter den Füßen wegzuziehen. Das ist psychologische Niedertracht im besten Sinne.
Was Kirkman zeigt
Körperlicher Schaden
Mark heilt zwar, aber langsam, und mit Narben. Kämpfe kosten Wochen der Erholung. Der Körper erinnert sich an all das, was er erdulden muss.
Moralische Schuld
Mark tötet, manchmal ist es falsch, manchmal notwendig, aber immer hat es Konsequenzen. Das Genre erlaubt das selten offen.
Psychisches Trauma
Verrat durch den Vater, eigene Fehler, viele Tote durch seine Entscheidungen. Mark trägt das alles sichtbar mit sich.
Identitätskrise
Halb-Viltrumit, Sohn eines Verräters, Held einer Welt, die ihn fürchtet. Mark weiß nie ganz, wer er ist.
Beziehungskosten
Amber, Eve, die Unmöglichkeit eines normalen Lebens. Kirkman zeigt, was Superhelden-Romantik wirklich bedeutet.
Zeit
Wir sehen Mark nicht als ewigen Teenager. Er wird erwachsen, er gründet eine Familie, er wird alt.
Die Liste zeigt das eigentliche Alleinstellungsmerkmal von Invincible im Superhelden-Comic: Kontinuität als emotionale Wahrheit. Bei Marvel und DC verändert sich nichts wirklich. Charaktere sterben und kehren zurück, Beziehungen werden zurückgesetzt, Traumata werden vergessen, da die Figuren kommerziell unveränderlich sein müssen. Mark Grayson gehört Kirkman. Kirkman konnte mit ihm machen, was er wollte, und was er wollte, war Konsequenz. Jede Entscheidung zählt. Jede Niederlage hinterlässt Spuren. Jeder Sieg kostet etwas.
DIE WICHTIGSTE FIGUR — neben Mark Grayson

Die Architektur von Invincible zeigt, dass Samantha Eve Wilkins (Atom Eve) mehr als nur eine Nebenfigur ist. Sie ist sogar die faszinierendere Figur der ganzen Gruppe. Während Marks Konflikte oft physischer Natur sind, ringt Eve mit einem Dilemma, das direkt in die Kernfragen der Science-Fiction führt: Was fängt man an mit der Fähigkeit, die Welt auf molekularer Ebene umschreiben zu können? Ihre Entwicklung ist ein Musterbeispiel für das, was man in der Stoffentwicklung „organisches Wachstum“ nennt. Kirkman hat selbst eingeräumt, dass er erst lernen musste, diese Figur zu schreiben. Das merkt man dem Text an, und zwar auf eine positive Weise. Eve beginnt als typische Teenager-Heldin, entwickelt sich aber konsequent zu einer Frau, die ihre eigenen moralischen Grenzen auslotet.
In der zweiten Hälfte der Serie (etwa ab Ausgabe #50) gewinnt sie eine psychologische Substanz, die Mark oft erst viel später erreicht. Sie ist der emotionale Anker, der die Serie davor bewahrt, in purer Action zu versinken. Durch sie zeigt Kirkman, was Superhelden-Romantik wirklich bedeutet, wenn man den Kitsch weglässt: die mühsame Arbeit an einer gemeinsamen Identität unter unmöglichen Bedingungen.
AMAZON, BLUT und die beste Superhelden-Adaption seit Jahren
Die Amazon-Prime-Animationsserie, die 2021 startete, ist ebenfalls etwas ganz Besonderes. Sie versteht, warum die Vorlage funktioniert, und übersetzt dieses Verständnis in das neue Medium, ohne es zu verwässern. Der Showrunner Simon Racioppa behielt Kirkmans Struktur bei und verstärkte sie durch die Wahl von erstaunlich passenden Stimmen. (Die deutsche Synchro ist da eher etwas steif).
DER UNABHÄNGIGE WEG
Kirkman begann seine Karriere mit einer halbwegs legendären Täuschung. Er reichte Battle Pope und später Invincible bei Image Comics mit der Behauptung ein, es handle sich um Independent-Comics mit einem bereits lizenziertem Science-Fiction-Hintergrund, weil Image in jener Phase nur Fortsetzungen von bestehenden Charakteren akzeptierte. Die Geschichte ist nicht vollständig verbürgt, aber sie kursiert seit Jahren in der Comicwelt, und Kirkman hat sie nie klar dementiert.
Das Creator-Ownership-Modell von Image, also dasselbe Prinzip, das McFarlane mit Spawn etabliert hatte, ermöglichte Invincible überhaupt erst. Kirkman behielt die Rechte. Er konnte die Figur altern lassen. Er konnte sie töten lassen, wenn es nötig war. Er konnte Ausgabe #144 als wirkliches Ende schreiben, weil niemand außer ihm Interesse daran hatte, die Serie aus kommerziellen Gründen zu verlängern.
DER OPTIMISMUS als radikale Position
Zwischen den düsteren Dekonstruktionen eines Rorschach, der brachialen Ästhetik von Spawn oder der moralischen Ambivalenz einer Catwoman nimmt Invincible eine durchaus provokante Sonderrolle ein. Kirkman liefert uns hier nämlich etwas, das im Superhelden-Genre nach den 1980er Jahren fast als naiv galt: einen authentischen Optimismus.
Das Spannende daran ist jedoch: Dieser Optimismus ist nicht wohlfeil. Er wird nicht durch das Ausblenden von Gewalt erkauft, sondern durch das Überwinden von Gewalt. Während Alan Moore in Watchmen das Genre dekonstruierte, um dessen inhärenten Zynismus bloßzustellen, stellt Kirkman die Frage nach dem „Danach“. Wenn ein Held all den Schmutz, den Verrat und die physische Zerstörung kennt – würde er sich trotzdem dazu entscheiden, weiterzumachen?
Mark Graysons Antwort ist ein klares Ja. Das ist medienhistorisch gesehen eine weitaus interessantere Position als der reine Nihilismus. Kirkman beweist über 144 Ausgaben hinweg, dass Reife nicht zwangsläufig in Zynismus enden muss. In einer Branche, die oft von der „ewigen Gegenwart“ lebt, in der sich nichts wirklich ändert und Tode nur vorübergehend sind, setzt er auf radikale Konsequenz. Mark altert, er scheitert, er trägt Narben, und genau deshalb hat seine Entscheidung am Ende Gewicht.
ER FLIEGT IMMER NOCH
Wenn Mark Grayson am Ende der Hauptserie mit Mitte dreißig zum letzten Mal abhebt, dann ist das die Ankunft eines Menschen, der das Emblem des Superhelden trägt und dessen Gewicht nun vollends versteht.
Robert Kirkman und Ryan Ottley haben hier ein Werk geschaffen, das mit seinem Protagonisten mitgewachsen ist. Invincible ist deshalb so bedeutsam, weil es das Genre nicht aus einer distanzierten Überlegenheit heraus kritisiert, sondern aus einer tiefen Zuneigung. Es ist der Beweis, dass man die Wahrheit über die Kosten des Heldentums erzählen kann, ohne dabei den Glauben an die Idee des Helden zu verlieren. Am Ende steht kein zynisches Grinsen, sondern die Erkenntnis, dass es sich lohnt – trotz allem.