Lauwarmes Geschoss

In vielerlei Hinsicht stoppt uns das Maß der Dinge, wildgeworden von Peitschenhieben und einem Surrogat aus plüschähnlichen Pantoffeln. Es wurden Abdrücke hinterlassen, die wie Geisterschwämme vor allem Nachts für Furore sorgten. Nichts davon ist tagsüber noch übrig, nichts davon deutet auf jene Ausgiebigkeit hin, mit der sich ein fleischiger Nacken aufdrängt. Der Besitzer tut gut daran, eine Nummer in die Wählscheibe zu legen, die er gerne hat. Sie mag ihn an etwas erinnern, das ihm nie widerfahren ist, lauwarmes Geschoß, noch nicht zu einer allgegenwärtigen Hitze aufgestiegen.
Der Kreis wird von einer Nabelschnur geschlossen, einer Brosche, die tiefer reicht
als mit technischen Hilfsmitteln erkannt werden kann. Trotzdem darf ein Strich im Kalender nicht zu der irrigen Annahme führen, die Kessel verlören ihren Druck nur vom Hinsehen. Ein großer Albtraum nährt unsere Binsenweisheiten, er bleibt zum Essen und
verändert sich nur durch ein spanisches Pfeffergericht, aus dem die Pilze entfernt wurden. Stillstand legt man sich danach äußerst selten wieder aufs Brot.

Dass sich hinter meinem Rücken selbst viele Rätsel aufgestaut haben

Mir sind jene Geschichten lieb, in denen jemand nach seiner verlorenen Vergangenheit sucht. Herausgefunden habe ich diese Vorliebe für diese spezielle Form der Queste, als ich vor Jahrzehnten Tabucchis Indisches Nachstück las. Es war mir stets ein Ereignis, von einer melancholischen Vergesslichkeit zu träumen, die unmittelbar auf die Vergänglichkeit verweist.

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wiesenwrack

kann aber zugänge zum lumpen in dir
mit wirklich hohen schuhen
enthalten was stumm

auf stelzen hoch und abwärts
besieht man sich dann
was nicht ein gran salz enthält

wiesenwrack unter den matten &
köttelvieh zieht suchend
niemand will jetzt los

malefitz

auch er lachte wie der der teufel lacht wie er
schmachtet nach dem was übrig bleibt wenn
nachdem nichts mehr gesagt werden kann er
in die asche greift und leichenbrand nicht
von den fängen weicht ihn begleitet ihn
unter einem baum zur rast verzückt die
zuckerne erinnerung jemandes seel verführt
und weggebracht in tiefe dunkelheit wo er
haust am gift’gen weiher und seine taten
der fäulnis aufzählt und die ihn warm
umschlingt und das bette des toten mannes
zuweist wo er wie aus einem herd bald neu
hinaus stürzt und gestärkt alles von vorn

und schoss aus seinem arsche nicht ein feuer
wie der schwefel unter rosenduft sich weidet
und der huf den fischkopf matschet bis
unlauterer gestank sich aufschwingt über frohsinn
in den fluren ist bald da und bald woanders
ward geseh’n und bald vertan von hohen brauen die
das lästerwerk beklagen ernster miene ernster
sprache wegen die dem götterwerk nicht dulden
gerede und geschwätz‘ von fürchterbarer art
geht frommen burger und des nachts gebt acht
verkohlter zungen wegen die den weißen schnee
voll panik färben das gewand der trauer häkeln
und drunter selber rote drachenschwänze bergen

Das Kriegspferd (erste Skizze)

In den ersten Jahren lebte ich mit einem Kriegspferd in der weiten Ödnis, das sich von fauligen Äpfeln ernährte, die aus allen Richtungen gekullert kamen, so die Zeit es für gut befand, von Insekten auf ihren Tanzbällen belagert und dem Conqueror Worm befallen. Außerdem verstand sich das Pferd ausgezeichnet auf Leichenfledderei, biß die Knöpfe der strengen Uniformen ab und gestattete mir so den Zugriff auf gelbstichige Fotografien und Briefe mit bereits verblassenden Handschriften. Ich verzeichnete alle Örtlichkeiten, aus denen die Briefe stammten und steckte auch die Bilder in meinen Ranzen. Es konnte durchaus sein, dass sich überhaupt kein Muster ergab, wenn aber doch, wollte ich vorbereitet sein und über die Schwelle treten. Die Randbezirke waren voller Geröll und so saßen wir noch ein wenig im Löss, natürlich stand das Pferd, senkte jedoch seinen Kopf in eine für mich angenehme Position, bis die Steinflut vorbeigezogen war. Die Steine wanderten wie Kröten, verharrten aber meist dann, wenn man es eilig hatte. Deshalb hatten wir es nicht eilig, das Pferd und ich, wir verharrten schottergleich und ab und zu kam ein weiterer Apfel angerollt, so dass wir zufrieden waren.

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Der wohltemperierte Gong

Zeit sei kein Ort, hörte ich es sagen; wohl wusste der Sprecher nicht, dass Zeit von Raum nicht zu trennen ist, und dass selbst Raumklang eine Verortung in der Seele erfährt. Seit heute ist ein weiterer Schritt im Projekt „Zurück in das Wahre und Gute“ getätigt (denn alles Gegenwärtige und Künftige ist mehr oder weniger eine Kloake).

Eine Kaminuhr des Uhrenherstellers Mauthe aus dem Schwarzwald, manifestiert in den 50er Jahren, gesellt sich nun zum Wesentlichen und bildet besagten Raumklang durch sein konstantes Schwingen und sein halb- und stündliches Schlagwerk.

Das Muschelgewölbe

Im Traum wäre ich auch nur derjenige gewesen, der etwas träumt.
Ich erwache ja kaum, Fluten um mich, wann sind einmal keine Fluten um mich?

Schwarzes, schwappendes Wasser, warm in Form und Masse,
das Urmeer vor der Geburt, vor dem Abstoßen des angerichteten Fötus,
frisch abgeschwartet, mit Rouladennadeln verschlossen. Deshalb bade ich gerne.

Körpertemperatur und heißer, fieberheiß etwa, der Dampf soll mir
die Schweißperlen abflauen, soll mich aufweichen, zu Schaum werden lassen,
Spuma; was für Metaphern fallen mir ein?
Gebärbadewanne, Verstopfung, Abfluß, Ausfluß.

Und sie badeten eine Jungfrau
und als das Wasser kalt
stieg ich hinein
und badete im Wasser
der Jungfrau

Traf in der Höhle eine blinde Frau, rührt sie doch den Tee des Herbstes,
draußen brodelt Tempest, derselbe Topf. Da nimmt sie auf den Glockenstil
und schmeckt verrinnend Zeit daran.

„Oh, komm nur näher und les mir aus den Blättern, die ich koche. Es bläst
der Grimm mir alles fort, noch ehe ich es kosten kann.“

Wanderte durch ein ausgebranntes Land
und der Mond lag unter nächtlichem Eis.
Die Geister sprechen ließ, saß säuselnd da
und träumte die Brücke, die ich nutzte.

Das bleiumschwefelt Schwefelweib sprach und sprach in ihrer Sprache:
„Brücke bück dich, bück und bäum
dich an der Wand entlang, auch hoch zum Mond,
sei Gjallar, jelle, Heimdall, plärre,
wenn die Wolkenesser aus den Jötunfällen rasen!
Dich seh‘ ich schon in mein Gespinste wandern,
so fest schläft sich‘s bei Hollen!“

Und der Sturm, des Tempest fester Kern, zerwirbelt alle Bilder,
die ein Menschenhirn ersinnen kann. So saugst du aus mir
den Mörtel der Zeit, bis ich schwimme im Nichts. Hätte ich dich
je gesucht, ich hätte dich nie gefunden, rinnst in meine Tränen
und schmeckst schon wie Salz.

Ich bin in Ruinen geklettert auf Stein,
um die Ankunft der Farben zu seh‘n.

Phantasus, wer träumt, hat die Nächte gewählt.

In der geisterhaften Bläue fremder Welten fangen sich
Auch Ideen, die dem Lärm der Existenz kein Jawort gaben;
Nie hat der Staub der Galaxien gewagt, sich für immer niederzulegen,
Die Flut einer kosmischen Decke nur über einem einzigen Nullpunkt zu legen.
Eingedenk der Röhren, die sich nur dann mit anderen kreuzen,
Wenn der Zufall aus dem Allschlaf wuchert und Platz beansprucht,
Wo die Mathematik der Urzellen sich in neuen Zellformen erschließt,
Die keine Dimensionen scheuen, bleibt über,
Was in den Muscheln haust, die dort mit dunkler Intelligenz
Und nicht ganz zu erschließendem Dasein tiefer rutschen.
Die Hocke ist ihre natürliche Haltung; der Kristall ist
Ihr einziger Wunsch, doch sie können sich kaum von den Wänden lösen.