Don Quijote (Kampf gegen Windmühlen)

Don Quijote ist eines jener Bücher, dessen Einfluss so weitreichend wie die Odyssee oder die Bibel ist. Und wie die anderen beiden Bücher wird mehr darüber geredet als dass man sie gelesen hat. Doch was Cervantes‘ Roman von diesen anderen Werken unterscheidet, ist die Tatsache, dass es sich um eine ausgesprochen burleske Geschichte handelt. Der Held tappt im Dunkeln, die Figuren des Autors fallen von Pferden, betrinken sich in Tavernen und versuchen, ihre Fürze in Schach zu halten – im Quijote sind heilige Angelegenheiten gewöhnlich auf die Wahnvorstellungen des Helden beschränkt. Der berühmte Eröffnungssatz informiert uns:

„Irgendwo in der Mancha, an einem Ort, an dessen Namen ich mich nicht erinnern will, lebte vor nicht langer Zeit ein Herr, einer von jenen, die eine Lanze im Gestell, ein altes Schild, einen hageren Gaul und einen Windhund zum Jagen halten.“

Vor über 400 Jahren verlor die Welt ihren ersten modernen Romanautor, den spanischen Schriftsteller Miguel de Cervantes, der am 22. April 1616 in Madrid starb. Unter den Sammlungen von Gedichten, Theaterstücken und Romanen, die er uns hinterlassen hat, konnte im Grunde nur ein Werk wirklich überdauern. Dein Don Quijote gilt als der erste Roman der europäischen Literatur und als einer der besten uns inspirierendsten Bücher der Geschichte. es gibt unzählige Abhandlungen über den innovativen Stil, die Kreativität, die Komplexität der Szenen und Figuren. Doch warum?

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Maurizio De Giovanni: Der Winter des Commissario Ricciardi / Maurizio De Giovanni

„Ich will Blut, mein Zorn soll wirken, im Hass wird all meine Liebe enden.“

Das sind die letzten Worte, die der 31-jährige Luigi Ricciardi, Kommissar der Questura im faschistischen Neapel des Jahres 1931, von dem großen Tenor Arnaldo Vezzi hört. Sie stammen aus der Oper Pagliacci. Das wesentliche Detail, das die Fälle des Commissario Ricciardi seit Jahren in Italien zu einem großen Erfolg gemacht haben, besteht darin, dass der Tenor bereits tot ist, als Ricciardi diese Worte vernimmt, vorgetragen vom blutüberströmten und betäubten Geist des Opfers, der im Augenblick seiner Ermordung wie in einem Spuk gefangen ist. Ricciardi hat diese beunruhigende und unerwünschte Gabe seit seiner Kindheit: Die gespenstischen Bilder der Toten zu sehen. Nicht alle – nur die gewaltsam Verstorbenen, und nicht lange – nur in der Zeitspanne der extremsten Emotionen, in der die plötzliche Energie ihre letzten Gedanken offenbart.

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Inspektor Jury schläft außer Haus / Martha Grimes

In unserer Rubrik Buchbesprechungen kommen wir heute zu Martha Grimes und ihrem ersten Band der Inspektor Jury-Reihe: Inspektor Jury schläft außer Haus. Im Original „The Man with a Load of Mischief“. Das Buch erschien 1984 und die ganze Reihe ist in England angesiedelt, obwohl die amerikanische Autorin dort nie gelebt hat, aber begeistert ist vom englischen Flair.

Vielleicht ist es für einige Leser noch zu früh, Martha Grimes als klassische Autorin zu bezeichnen. Mit 84 Jahren ist sie immer noch sehr aktiv und veröffentlicht im Durchschnitt ein Buch pro Jahr. Für ihre Jury-Reihe wurde sie mit dem Nero Award des Wolfe Packs  ausgezeichnet, jener literarischen Vereinigung,  die sich den Arbeiten Nero Wolfes verpflichtet fühlt und ähnlich wie die Mystery Writers of America mit ihrem Edgar jährlich einen Preis vergibt. 2012 gewann sie eben dort den Edgar Grand Master Award. Sie hat allein in den USA rund 10 Millionen Bücher verkauft und ist in 17 Ländern veröffentlicht worden. In Deutschland ist sie sehr beliebt, denn dort wurde vor ein paar Jahren eine Fernsehserie ausgestrahlt, die auf ihrer Richard-Jury-Reihe basiert.

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Das Meer kam um Mitternacht / Steve Erickson

Obwohl wir die Zeit als linearen Fluss nach vorne erleben, in dem eine unerbittliche Sekunde nach der anderen von der Uhr läuft, kennt unser Gedächtnis keine derartigen Einschränkungen. Die Literatur von Steve Erickson auch nicht. Vielleicht dringen seine Bücher deshalb derart in die Psyche ein, als ob sie sich von unten nach oben graben würden, anstatt vom Leser aus der Vogelperspektive gesehen zu werden. Das Lesen selbst ist ein Akt, der der Erfahrung des Erinnerns sehr nahe kommt, und wenn man einen Roman von Erickson liest, wird die Unterscheidung zwischen beidem vernachlässigbar. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft verschmelzen und führen durch eine Art Prosa-Wurmlöcher zueinander. Charaktere gleiten vor dem Leser her, verfolgen ihn, werden gar zu ihm selbst. Identität ist eine Sache des Augenblicks, und in der Erinnerung können Geschehnisse kunstvoll neu arrangiert werden. Und selten wurden sie so kunstvoll arrangiert wie in Steve Ericksons Das Meer kam um Mitternacht. Ericksons Labyrinth einer Geschichte ist zugleich schwungvoll, bewegend, und extrem suggestiv. Die eleganten Schleifen und Spiralen fesseln den Leser durch Erinnerungen, die so klar sind, dass sie aus einen unbelebten Teils des Lebens des Lesers selbst zu kommen scheinen.

Wie im Leben, so wird auch dieser Roman weniger gelesen als miterlebt. Kristin, die zuerst aus einem kleinen Inselstädtchen im Sacramento River Delta geflohen ist, begegnet auf ihrer Flucht einem Kult, der nur noch eine weitere Frau braucht, um am 31. Dezember 1999 um Mitternacht mit ganzen 2000 Personen von einer Klippe in den Tod zu springen. Sie entkommt jedoch und löst damit eine Kettenbreaktion aus, die den Roman über vierzig Jahre hinweg in der Zeit hin- und herbewegen lässt. In der muschalartigen Architektur des Romans findet der Leser Kristin versklavt von einem von der Apokalypse besessenen, aber ansonsten anonym bleibenden Mann, der sich in einem Vorort in Südkalifornien aufhält, einem Traum-Kartographen, einem Porno-Filmemacher und einem Arbeiter in einem rotierenden Erinnerungshotel in Tokio … wer nicht weiß, was das ist, wird Überraschendes hierüber und auch über Traumkapseln in Erfahrung bringen.

Erickson zieht den Leser gekonnt mit einer trotz der Komplexität des Themas verständlichen, transparenter Prosa in das Geschehen hinein, indem er mühelos Figuren erschafft, die lebendig sind: Kristin, Der Bewohner, Lulu Blue, Carl der Kartograph, um nur einige zu nennen – multiplizieren sich, verwischen die Grenzen, verschmelzen und dämmern aus einer rekursiven Chronologie herauf. Kristins Geschichte entfaltet sich Seite für Seite, überlagert und verzahnt sich mit anderen Figuren und anderen Geschichten. Ericksons mehrschichtige Herangehensweise an die Charakterbildung stellt sicher, dass der Leser eindrückliche Offenbarungen erlebt, während sich die komplexen Beziehungen langsam entfalten, um in einem Moment klar aufzuleuchten. Hat man den Roman beendet, bleiben diese Figuren mit ihren Details genauso in der Erinnerung haften wie jene Menschen, die man einst kannte. Es ist nicht übertrieben zu sagen, dass Ericksons komplexe Handlung selbst eine Figur in diesem Roman ist. Er verbindet die intensiven und persönlichen Momente mit gewaltigen Bewegungen, die aus einer Leinwand aus Raum und Zeit besteht.

Von Paris bis Japan, von den 1960er Jahren bis ins Kalifornien nach der Jahrtausendwende springt die Handlung großartig und mühelos von einem Höhepunkt zum anderen. Die wahre Freude an diesem Roman besteht dann auch darin, jedem einzelnen dieser Gipfel zu folgen, um herauszufinden, wo und wann Erickson seinen Fokus verlagern wird. Erickson operiert mit seinen Bruchstücken und Sprüngen auf der unangreifbaren Basis der Intuition, wodurch der Roman zwar einen improvisatorischen Charakter bekommt, aber eben von jener Art, die das Ergebnis zu einer perfekten Kunstform machen.

Bei aller Intensität und Improvisation, seiner Handlung und seiner eigenwilligen Chronologie ist Ericksons eigentliche Prosa trotzdem leichtfüßig und angenehm zu lesen. Er zeigt einen schön zurückhaltenden Sinn für Humor und eine Liebe zur Sprache, die sich in denkwürdigen Witzen und Phrasen äußert. Wenn der Leser sich dem Chaos hingibt und auf der Welle der Worte reitet, dann ist „Das Meer kam um Mitternacht“, das bei uns schon seit 2002 vorliegt, ein wilder und eindrucksvoller Ritt, ein Rausch von der ersten Seite an. Das Buch verdient es, in einem einzigen Zug gelesen zu werden.

Die rote Frau / Alex Beer

Es ist ganz klar: Der historische Kriminalroman hat Vorzüge, die mich stets dann begeistern können, wenn die Lebendigkeit der gewählten Epoche voll ausgebildet ist. Man mag an dieser Reihe vielleicht die etwas naive Sprache der Autorin bemängeln, aber ihren historischen Kontext kann man nur herausheben.

Es gibt beileibe viele Autoren, die sich nicht anders zu helfen wissen und deshalb einen Infodump betreiben müssen, um Informationen an den Leser weiterzugeben (für mich immer ein gutes Argument, das Buch zu beenden und den Autor niemals wieder zu konsultieren), aber auch wenn mir – insbesondere die Sprache – anfänglich etwas zu einfach erschien, schmälert das die unterhaltsame Qualität von Beers Büchern keineswegs und sie macht diese Kleinigkeit mit all ihren anderen Finessen wieder wett. Oder vielleicht ist es ja gerade dieser einfache Stil, der die Imagination überhaupt erst beflügelt – Stoff für einen anderen Artikel.

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Der zweite Reiter / Alex Beer

Der zweite Reiter von Alex Beer erschien 2017 im Limes-Verlag. Mittlerweile hat die Reihe sechs Titel aufzuweisen, die in die Kerbe von Kriminalgeschichten zwischen den beiden Weltkriegen schlagen. Das ist im Augenblick eines der interessantesten Settings, an dem sich eine Menge Autoren versuchen. Nicht allen gelingt das gleichermaßen gut, aber man findet dennoch eine Menge erstaunliches und gut recherchiertes Zeitgeschehen in diesen Romanen.

Wo zum Beispiel Volker Kutscher die Weimarer Republik und die beginnende Gefahr des Nationalsozialismus als Kulisse dient, nimmt sich Alex Beer das Wien nach dem ersten Weltkrieg vor, was im Grunde kein Wunder ist, schließlich lebt die Autorin Daniela Larcher (die hier ein Pseudonym verwendet) in der österreichischen Hauptstadt.

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Stephen King Re-Read: Schwarz

Alte Sendung aus dem „Phantastikon-Podcast“

“Der Mann in Schwarz floh durch die Wüste und der Revolvermann folgte ihm.”

So beginnt Stephen Kings Hauptwerk und das erste Buch der Dunklen-Turm-Serie, inspirierte von der epischen Tragweite von Tolkiens Herr der Ringe, der filmischen Gewaltigkeit von Sergio Leones Dollar-Trilogie und der Poesie von Robert Brownings Gedicht “Childe Roland To The Dark Tower Came.” Im ersten Buch befinden wir uns in einer postapokalyptischen Landschaft mit einer Kultur, die Christentum, Artussage und westliches Ethos miteinander verbindet.

Der große Protagonist hier ist Roland Deschain von Gilead, ein Revolverheld im Stil des alten Westens und letzter Spross eines verschwundenen Königreichs. Seine Mission, um nicht zu sagen, seine Besessenheit ist es, den zentralen Fixpunkt im Herzen aller Existenz zu erreichen, den dunklen Turm, den die Legionen des Chaos zu zerstören suchen und damit die Welt – alle Welten – zu vernichten suchen.

Die Saga ruht auf einer komplexen metaphysischen Architektur, die Fragen des freien Willens, des Determinismus und der göttlichen Vorsehung untersucht. Die treibende Kraft im Universum von Kings Dunklem Turm ist Ka, eine geheimnisvolle Kraft, die Ideen der griechischen Hamartia und der calvinistischen Prädestination vermischt. Ka bringt Roland und seine Gefährten zusammen und treibt sie ihrem jeweiligen Schicksal entgegen, aber gleichzeitig ist dieses Ka tief mit den Entscheidungen verbunden, die in Rolands Vergangenheit getroffen wurden. King fängt wie immer besser als jeder andere Genreautor das komplexe Auf und Ab von Entscheidungen und Unvermeidbarkeiten ein, und im Grunde ist es unmöglich, auf einen einzelnen Band gesondert einzugehen, ohne zumindest die Gesamtstruktur anzusprechen. Das ist heute viel weniger ein Problem als 1982, als der erste Band The Gunslinger (Der Revolvermann; leider vom Verlag wie so oft bei King aus nicht nachvollziehbaren Gründen auf “Schwarz” umtituliert) erschien, und niemand ahnen konnte, wohin die Reise geht, oder besser gesagt, was sie am Ende tatsächlich beinhaltet.

Die Anfänge des Revolvermanns

1970 begann King, eine Geschichte über einen Mann namens Slade zu schreiben, einen Revolverhelden in einer postapokalyptischen Welt, der sich unerbittlich auf die Spur seines Erzfeindes, des namenlosen Mannes in Schwarz, begibt. Aus dieser Fingerübung entwickelten sich fünf zusammenhängende Geschichten über einen Helden namens Roland, die von Oktober 1978 bis November 1981 in der Zeitschrift “Magazine of Fantasy & Science Fiction” veröffentlicht wurden. Ein Jahr später wurden die Geschichten zusammengefasst, und “The Gunslinger” erschien in Romanform bei Donald M. Grant Publishers; es wurde der Grundstein zu allem, was King je schreiben würde. In den folgenden 22 Jahren fügte King der Saga vom dunklen Turm sechs Romane hinzu und beendete die Reihe am 21. September 2004, seinem 57. Geburtstag, mit dem letzten Band, The Dark Tower (Der dunkle Turm; vom Verlag zu “Der Turm” umtituliert).

Die Verbindungen zwischen dem Dunklen Turm und Kings anderen Werken sind vielfältig, und noch immer suchen Fans wie Wissenschaftler nach den genauen Spuren. Auf der kleinsten Ebene sind Ähnlichkeiten zwischen den verschiedenen Charakteren, Schauplätzen oder Konflikte, die eine Intertextualität bilden, besonders auffällig, wie zum Beispiel die Ähnlichkeit von Danny Torrance aus The Shining (Shining) mit Rolands “Adoptivsohn” Jake Chambers.

Im Gegensatz dazu können Figuren über Jahrzehnte hinweg unbemerkt existieren, um ihren Weg wieder zurück in Kings Multiversum zu finden, wie etwa der verfluchte Priester Pater Callahan, der 1975 erstmals in Salem’s Lot (Brennen muss Salem) und 2003 in Wolves of the Calla (Wolfsmond) auftauchte. Unter Berücksichtigung all seiner Huldigungen und popkulturellen Aneignungen, die von Harry Potter bis hin zu Marvel Comics reichen, erweitert sich der Umfang von Mittwelt immer weiter und greift auf das riesige Genre-Universum des zwanzigsten und einundzwanzigsten Jahrhunderts zurück.

Das Multiversum des Dunklen Turms (Der dunkle Turm)

Der Aufstieg multiverser kosmologischer Modelle im zwanzigsten Jahrhundert brachte viele fiktionale oder wissenschaftliche Texte hervor, die sich durch das Potenzial mehrerer Universen bewegten. Die Romane von Stephen Kings Der dunkle Turm fügen den Konventionen der Gothic Fiction neue Möglichkeiten und Facetten der Bedeutung hinzu und beleuchten gleichzeitig die massiven erzählerischen Schwierigkeiten, die einem Multiversum innewohnen. Eine Untersuchung von Kings Neuerungen erforderte den Rückgriff auf die Literaturkritik über King und der Gothic Fiction, auf wissenschaftliche Zeitschriften und Werke über das Multiversum sowie auf psychologische oder philosophische Studien über den menschlichen Geist und seine Beziehung zum Kosmos. King beschwört das Unheimliche sowohl durch ein lebendiges, verwundetes Multiversum als auch durch eine unendliche Verdoppelung in unendlichen Welten herauf. Die wachsende kosmische Landschaft, die nicht durch stabile Grenzen oder Kartographie eingegrenzt werden kann, steht für den Versuch der Gothic Fiction, instabile moralische Grenzen zu kartographieren. Der dunkle Turm, ein mehrdeutig symbolischer Brennpunkt, platziert das gotische Schloss in jedem Universum. Jede Iteration des Turms trägt symbolisches Gewicht, vom Konflikt zwischen Empirie und Glauben bis hin zur Misshandlung von Frauen. Schließlich verwendet King ein Multiversum, um sich selbst in das Gewebe und das Vermächtnis der amerikanischen Literatur einzuflechten, und zitiert Chambers, Lovecraft und Edgar Allan Poe.

Die schauerliterarische Abhängigkeit von einem Schauplatz, z.B. von Spukschlössern oder Landschaften, erhält in einem Multiversum eine neue Bestimmung. Kings Wahl eines riesigen, unendlichen Milieus für sein Hauptwerk bot ihm zahlreiche Gelegenheiten, die Konventionen der Gothic Fiction zu verändern. Auch wenn die Tiefen des erzählerischen Potenzials eines Multiversums vielleicht nie ganz ausgelotet werden, so zeigt Kings Erforschung dieses Milieus doch, wohin künftige Autoren reisen könnten (und es zeigen die jüngsten Entwicklungen, dass dies auch geschieht).

King wird den Charakter des Multiversums im Laufe der Serie erheblich ausbauen und im vierten Band “Wizard and Glass” einen erheblichen philosophischen Sprung machen, der bedeutend für sein Gesamtwerk sein wird. Doch zunächst stellt er seine Heldengruppe in “The Drawing of the Three” zusammen.

Am liebsten mag ich Monster / Emil Ferris

Die Erstveröffentlichung in den USA – der Comic schlug ein wie eine Bombe – fand am 14. Februar 2017 statt. Zu uns kam er am 25. Juni 2018 und ist bei Panini Comics erhältlich.

Emil Ferris

Es ist Emil Ferris‘ Erstlingswerk. Ca. zehn Jahre hat sie es mit sich herumgetragen und daran gearbeitet, sogar als sie zeitweise obdachlos war. Über 400 Seiten zählt der mehrfach prämierte (unter anderem Gewinner des Eisner Awards: in drei Kategorien) erste Teil dieses Meisterwerkes. Eines, an dem eine in die USA eingeschleppte infizierte Stechmücke nicht unwesentlich ihren Anteil hatte. Mit dem West-Nil-Virus infiziert, der Ferris von der Hüfte abwärts lähmte, auch der rechte Arm (wie auch ihre Hand) war betroffen, eroberte sie sich zeichnend ihren Körper weitestgehend zurück und machte sogar einen Abschluss im „Kreativen Schreiben“ an der School of the Art Institute of Chicago und erhielt zudem 2010 das Toby Devan Lewis Fellowship in den Bildenden Künsten. Emil Ferris, die wie ihre zehnjährige Protagonistin Karen Reyes selbst in den turbulenten 1960er Jahren aufgewachsen ist und dort heute noch lebt, war in einem früheren Leben Illustratorin und Spielzeugdesignerin für diverse unterschiedliche Kunden. Nach eigener Aussage liebt sie alles, was mit Monstern oder Horror zu tun hat.

Große Arbeit haben auch geleistet: Alessio Ravazzani, der für das Lettering zuständig war, wie auch Torsten Hempelt, der sich um die deutsche Übersetzung gekümmert hat.

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Patricia Highsmith: Der Schneckenforscher

Kabinettstückchen

Patricia Highsmith bewegt sich ziemlich sicher in ihren psychologischen Kabinettstücken (und natürlich auch im Kriminaldrama, das hier keine große Rolle spielt), und ihre Sprache ist zwar präzise, aber nicht gerade lyrisch. Sie berichtet, anstatt zu beschreiben, und kommt auf Satzebene fast ohne Metaphern aus. Würden sich ihre Figuren nicht ständig in psychologischen Extremen bewegen, könnte man sie als flach bezeichnen.

Und diese Figuren sind wirklich schwer, wenn nicht unmöglich, zu mögen. Graham Greene nannte die Autorin in seinem Vorwort die „Schriftstellerin der Beklemmung„, und wenn man diese Geschichten genauer studiert, erkennt man, dass sie ein Beispiel dafür sind, wie die weniger angenehmen menschlichen Eigenschaften – wie der Impuls zur Grausamkeit – wichtige Verbindungspunkte zwischen der Figur und dem Leser sein können. Das ist keine tiefgründige Beobachtung, aber die unsicheren, beleidigten, affektierten, unbehaglichen, elenden, ängstlichen, grausamen Figuren kommen nie über diese Eigenschaften hinaus. Sie haben Erfolg oder Misserfolg, meist indem sie töten oder getötet werden, aber sie entwickeln sich nicht durch ihre Erfahrungen. Highsmiths Kurzgeschichten widersetzen sich James Joyces Erwartung einer Erleuchtung: Die Menschen verhalten sich schlecht, und es gibt keine Veränderung ihres Charakters. Keine Verschiebung der Wahrnehmung, keine Wunder der Gnade. Man könnte sagen, dass für Highsmith die Veränderung des Charakters in der Regel auf eine Steigerung der eingekerkerten Fähigkeit hinausläuft. So wie ein Gefängnisaufenthalt eher zu einer fortgeschrittenen kriminellen Ausbildung als zu einer Rehabilitation führt.

Seltsame Wege

In „…. geht seltsame Wege“ zerstören zwei ältere Frauen, die es nicht ertragen können, voneinander getrennt zu sein, mit Vergnügen die wertvollsten Gegenstände der anderen – Hattie zerschneidet Alices Lieblingsjacke, ein Geschenk ihrer geliebten Nichte, und Alice rächt sich, indem sie Hatties langen Zopf abschneidet (ihre einzige Eitelkeit). Am Ende gibt es eine Entschuldigung und eine Versöhnung – diese Frauen haben verzweifelte Angst, allein zu sterben, aber jede von ihnen hegt Pläne für weiteren Vandalismus.

Was mir an Highsmith gefällt, ist ihre Widersprüchlichkeit, ihr Widerstand gegen das Gute im Menschen, ihre Fähigkeit, das Unattraktivste zum Leben zu erwecken. Und selbst wenn man die Eigenwilligkeit in Betracht zieht, die oft mit kreativem Talent einhergeht, war sie eine seltsame Frau. Sie hasste die Menschen notorisch, was man nicht einfach als Asozialität abtun kann; ihre Verachtung glich eher einer tiefen Abneigung. Sie hasste ihre Verwandten (sie verachtete sogar den Begriff Familie), und als Lesbe hasste sie andere Frauen. Überhaupt war sie nicht gerade das Postergirl der Frauenbewegung und in vielerlei Hinsicht politisch unkorrekt. Obwohl sie zahlreiche Affären mit Männern und Frauen hatte, erlaubte sie sich nie so etwas wie eine Beziehung. Sie schien von Lügen und Betrug zu leben und hatte eine Vorliebe für Spielchen, die zur Trennung von Paaren führten. Es überrascht nicht, dass sie allein in einem Krankenhaus starb, ihr Buchhalter war der letzte, der sie besuchte.

Highsmith – Die Schneckenforscherin

Zwei der elf Geschichten in diesem Band handeln von Schnecken. Das ist nicht verwunderlich, denn Highsmith war dafür bekannt, dass sie selbst etwa dreihundert Schnecken als Haustiere hielt. Dieses autobiographische Element eröffnet zwar den Band, steht aber als schwächste Erzählung etwas unglücklich am Anfang. Ein Mann beobachtet die wachsende Zahl der Schnecken in seinem Haus mit einer Neugier, die etwas von Voyeurismus hat und schließlich zur Obsession wird.

Patricia Highsmith gefiel die Tatsache, dass Schnecken geschlechtlich ambivalent sind, dass man Männchen und Weibchen nicht unterscheiden kann. Sie hielt die Tiere nicht nur zu Hause, sondern nahm sie auch auf Reisen mit. Sie versteckte sie in Käsekartons, um sie ins Ausland zu schmuggeln. Manchmal versteckte sie sie auch unter ihren Brüsten. Sie nahm sie mit zu Abendessen, wo sie sich vor den Gästen und dem Essen langweilte (es heißt, sie habe nicht nur Menschen, sondern auch alles Essen gehasst, so dass sie sich möglichst von Zigaretten ernährte). Die Schnecken reisten in ihrer Handtasche, wo sie an einem Salatkopf klebten, und sie machte sich einen Spaß daraus, die anderen zu erschrecken, indem sie sie herauszog und ihre schleimige Spur auf dem Tisch hinterließ.

Den „Schneckenforscher“ konnte sie zunächst nicht in Druck geben. Ihr Agent teilte ihr mit, die Geschichte sei „zu abstoßend, um sie irgendeinem Verlag anzubieten“. Zwölf Jahre lang lag die Geschichte, die eine Wendung ins Ekelhafte beschreibt, in der Schublade, bevor sie sie einem befreundeten Verleger verkaufen konnte

„Er war eines Abends in die Küche gekommen, um vor dem Dinner schon eine Kleinigkeit zu essen, und zufällig war sein Blick auf die Schüssel mit Schnecken gefallen, die auf dem Ablaufbrett am Spülstein stand und in der sich zwei Schnecken höchst sonderbar benahmen. Sie standen sozusagen auf dem Schwanzende und schwankten voreinander hin und her wie zwei Schlangen, die von einem Flötenspieler hypnotisiert werden. Gleich darauf berührten sich die beiden Gesichter zu einem Kuss von deutlicher Sinnlichkeit. Mr. Knopper trat näher heran und musterte sie von allen Seiten. Da geschah noch etwas: bei beiden Schnecken erschien auf der rechten Kopfseite ein kleiner Auswuchs, etwa wie ein Ohr. Was er da vor sich sah, war irgendeine Art von Sexualerlebnis, das sagte ihm sein Instinkt.“

Obwohl Patricia Highsmith eine Vorliebe für sexuell ambivalente Charaktere hat, ist dieses Paarungsritual, das noch näher beschrieben wird, die deutlichste Darstellung des Sexuellen in ihrem Werk. Nach dem Anblick der beiden Schnecken beginnt Knopperts anfängliches Schaudern in sexuelle Besessenheit umzuschlagen und erreicht ein gewisses Extrem, das schließlich zu seinem Untergang führt.

The Snails

Die zweite Schneckengeschichte ist eigentlich noch mehr eine Grusel- oder Monstergeschichte als die erste. „Auf der Suche nach X. Claveringi“ erschien zuerst in der Saturday Evening Post unter dem Titel „The Snails“. Bei den Monstern handelt es sich um fünf Meter lange Schnecken, die von Professor Clavering entdeckt werden, der hofft, dass sein Name mit ihnen in Verbindung gebracht wird („Soundso Claveringi“, daher der Titel). Die Übersetzerin Anne Uhde hat hier das „X“ einmal für „Soundso“ und einmal für das „blank“ des Originaltitels eingesetzt: The Quest for Blank Claveringi). Wie bei Knoppert ist sein Verhalten zwanghaft.

Als der Professor in ein schreckliches Katz-und-Maus-Spiel zwischen Mensch und Schnecke verwickelt wird, kommt das berühmte Spannungstalent der Autorin zum Vorschein. Bemerkenswert ist, dass Highsmith die in ihrem Werk übliche Trope umkehrt. Sie schreibt so oft über die Täter und nicht über die Opfer, und die Angst des Opfers ist hier ebenso faszinierend wie spürbar. Die Schnecken selbst sind berechnende Räuber, die nicht aufgeben und den Professor bis zur Erschöpfung treiben, bis er sich nicht mehr wehren kann. Sie sind gastropodische Versionen von Tom Ripley, klüger und stärker als der dem Untergang geweihte Clavering.

So furchteinflößend die Riesenschnecken auch sein mögen, die schneckenbesessene Highsmith kann es sich nicht verkneifen, auf ihre Schönheit hinzuweisen, die nur wenige Menschen an einem solchen Geschöpf bemerken. „Er hatte jetzt die linke Seite vor sich“, schreibt sie, „die Seite ohne das Spiralgehäuse. Sie sah aus wie ein pfirsichfarbenes Segel, vom Wind gebläht, und die Sonne malte silbrige und perlmuttschimmernde Flecke darauf, die glänzten und sich hin- und her wanden, als das Riesentier sich bewegte.

Die beiden Schneckengeschichten in diesem Band sind für sich genommen solide und verdammt ungewöhnliche Schauergeschichten. Liest man sie mit etwas Hintergrundwissen über Highsmith und ihr Problem mit Menschen, kann man Graham Greene leicht zustimmen, der sagte, dass Highsmith über Schnecken mit der gleichen Distanz schrieb, mit der sie Menschen betrachtete.

Der Schneckenforscher (Eleven Stories)

„Warten“ ist die zweite Erzählung des Bandes und zeigt Highsmith in ihrer besten neurotischen Form. Es ist die Geschichte eines gestörten Mannes, dessen Enttäuschung in der Liebe eine irrationale Reaktion auslöst, die zu einer grausamen Täuschung führt.

Besessen von dunklen Themen in ihrem gesamten Werk, wurde auch diese Geschichte stark von einem schmerzhaften Moment in Highsmiths eigenem Liebesleben inspiriert. Nach einer glücklichen Affäre mit der englischen Ärztin Kathryn Cohen während eines Italienurlaubs im Sommer 1949 kehrte Patricia Highsmith nach New York zurück und begann ihr zu schreiben. Jeden Tag wartete sie auf Kathryns Antwort, die nie kam. Ihre inneren Qualen fanden Eingang in die Seiten dieser Geschichte, in der Don von einer Urlaubsromanze mit Rosalind zurückkehrt und ihr in einem Brief mitteilt, dass er sie heiraten möchte. Als sie nicht antwortet, vergewissert er sich, dass der Brief nicht versehentlich bei seinem Nachbarn gelandet ist. Er bricht den fremden Briefkasten auf und findet einen Brief, den eine liebeskranke Frau namens Edith geschrieben hat. Don nimmt die Identität seines Nachbarn an, antwortet Edith und verabredet sich mit ihr an der Grand Central Station. Schließlich antwortet Rosalind und lehnt Dons Heiratsantrag ab. Don ist niedergeschlagen und macht sich auf den Weg zum Hauptbahnhof, um Edith zu treffen.

„Die Geschichte handelt so sehr von K und mir“, schrieb Highsmith später in ihr Tagebuch.

Sie wurde erst 1968 im Ellery Queen Mystery Magazine veröffentlicht, bevor sie Teil der vorliegenden Sammlung wurde.

In der Erzählung „Die Schildkröte“ löst die Tötung des titelgebenden Tieres, das zu einem Eintopf verarbeitet werden soll, einen Muttermord aus. Der junge Protagonist hält die Schildkröte zunächst für ein Geschenk seiner Mutter. Entsetzt über die Tötung und Zerstückelung des Tieres, überkommt ihn der Groll und er ersticht seine Mutter.Es ist nicht verwunderlich, dass der Junge eine besondere Vorliebe für psychologische Bücher hat, darunter Karl A. Menningers „The Human Mind“, denn als Highsmith im Alter von neun Jahren dieses Buch in der Bibliothek ihres Stiefvaters fand, war sie von den Fallgeschichten über psychische Krankheiten und abweichendes kriminelles Verhalten so gefesselt, dass ihre Fantasie für immer von irrationalen Trieben, die zu Gewalt und Selbstzerstörung führen, gefesselt blieb. „Die Schildkröte“ ist eines von vielen Beispielen, in denen Highsmith zeigt, dass ihre besondere Stärke in der Darstellung von Geisteskrankheit liegt. Wie in vielen ihrer Kurzgeschichten herrscht auch in „Die Schildkröte“ eine erdrückende Atmosphäre von Zerrüttung und Verwirrung.

Eine andere Geschichte in dem Buch, „Als die Flotte im Hafen lag“, beginnt mit einem wunderbaren Satz: „Mit der Chloroformflasche in der Hand starrte Geraldine auf den Mann, der schlafend auf der Veranda lag“. Wir wissen natürlich, dass es in dieser Geschichte kein Happy End geben wird. Der Mann ist Geraldines eifersüchtiger Ehemann, der glaubt, dass sie mit jedem Mann, mit dem sie auch nur den geringsten Kontakt hat, eine Affäre beginnt. Außerdem ist er gewalttätig, so dass sie es als Befreiung empfindet, ihn zu töten. Sie flieht aus dem Haus, in dem sie wie eine Gefangene gehalten wird, ohne zu wissen, dass ihr Mann das Chloroform überlebt hat. Am Ende der Geschichte wird sie von der Polizei aufgegriffen, aber nicht wegen versuchten Mordes angeklagt, sondern als vermisst gemeldet – eine brillante Verdichtung einer schäbigen und tragischen Situation. Bruchstückhaft und in Andeutungen erfahren wir von ihrer Vergangenheit, während die Geschichte voranschreitet. Highsmiths Stil ist von einer beiläufigen Sanftmut geprägt, aber das ist Kalkül, denn sie will, dass wir uns mit dieser verletzten und psychisch instabilen Frau auseinandersetzen, bevor sie das katastrophale Ende herbeiführt.

1946 gewann die Story „Die Heldin“ über eine gestörte Gouvernante den 0. Henry Award für das beste Debüt, und tatsächlich ist diese kurze Erzählung bereits voll ausgebildet. Hierzu passt die Aussage von Paul Theroux:

„Highsmiths Genie liegt in der Darstellung des Paradoxons der Fantasie: Erfolge sind nicht das, was sie scheinen. Wo im traditionellen Märchen die Heldin die Kröte in einen Prinzen verwandelt, wird in Highsmiths Fabel der Prinz zur Kröte – der Erfolg ist fast immer tödlich. . . . Die Kombination der besten Eigenschaften des Suspense-Genres mit dem Besten der existenziellen Erzählung spiegelt sich hier – die Geschichten sind in jedem Sinne des Wortes phantastisch.“

Eine der eindringlichsten Erzählungen des Bandes ist „Auf der Brücke“, das Porträt eines Mannes, der nach einem Trauerfall und einer dadurch ausgelösten Identitätskrise in der Fremde, die ihm doch nicht ganz fremd ist, umherirrt. Obwohl er sich fremd fühlt und es in weiten Teilen auch ist, zieht ihn die Erinnerung an die Zeit seiner Flitterwochen in einem Garten in Italien an. Der Wechsel zwischen vergangener Vertrautheit und anonymer Fremdheit korrespondiert mit einem Selbstmord, den er beobachtet, als er zu Beginn der Erzählung in einem Taxi über eine Brücke fährt. Eigentlich ist der Originaltitel „Another Bridge to Cross“ aussagekräftiger, Patricia Highsmith nannte es eine „tragische Geschichte, die ich aus meinen eigenen Gefühlen heraus geschrieben habe“. Sehr schön zeigt sie hier eine innere Leere, die im Kontrast zur lebendigen Welt steht. Alle Versuche Merricks, das Leben nicht aus den Augen zu verlieren, scheitern, bis er schließlich den Garten nicht mehr verlässt.

Der polnische Boxer / Eduardo Halfon

„Der polnische Boxer“ ist eine kleine Sammlung miteinander verbundener Geschichten des guatemaltekischen Schriftstellers Eduardo Halfon. Diese Offenbarung erschien im Jahre 2014 fast unbemerkt im Hanser Verlag. Überraschend daran mag vor allem sein, dass es bereits Halfons zehntes Buch ist, aber das erste, das übersetzt wurde. Das Original erschien bereits 2008.

In dem vorliegenden kleinen Puzzle bewegen sich Halfons Fragmente mühelos von Antigua, Guatemala, einem kulturellen Transitpunkt Mittelamerikas, nach Durham, North Carolina, Belgrad und Póvoa do Varzim, Portugal. Erzählt wird das alles von dem Protagonisten „Eduardo Halfon“, einem jüdisch-guatemaltekischen Schriftsteller und Literaturprofessor (ein Zufall, diese Ähnlichkeit mit dem Autor). Die Geschichten kreisen unter anderem um Themen wie Kunst und Schrift, Identität, Auschwitz, sexuelle Ekstase und Zigeunermusik. Und sie trumpfen mit dieser ganz bestimmten Art erdiger lateinamerikanischer Intelligenz; beschäftigen sich mit der Suche nach Antworten und geheimen Schlüsseln zu den Rätseln von Leben und Familie, Geschichte und Heimat, Wahrheit und Leidenschaft.

Halfons Neugier auf die Erfahrungen seines Großvaters in einem Konzentrationslager zieht sich durch jedes Kapitel, von der subtilsten Ebene bis zur tiefsten Erkundung. Halfon weiß nur, dass es ein polnischer Boxer war, der seinen Großvater Oitze in Auschwitz gerettet hat, aber die Details bleiben ein Rätsel. Oitze zeigt Halfon selbst nur die grausigsten, aber verschwommensten mentalen Dias von Auschwitz. Dieses klaustrophobische Bild der dunklen, feuchten, mit Flüstereien gefüllten Zelle gibt den Ton für den Großteil des Romans vor. Für Halfon (den Protagonisten) ist die Idee eines Boxers, der Oitze rettet, ein Symbol, an dem er festhält, die Hoffnung, dass etwas oder jemand ihn retten wird.

Im dritten Teil „Epistrophy“, in dem der Erzähler Milan Rakic einem Halbzigeuner und serbischen Pianisten, der auf einem Kunstfestival in Antigua auftritt, begegnet, beginnt das Buch wirklich zu schweben. Es ist Rakic, „ein moderner Nomade, ein allegorischer Nomade“, der dieses Buch in zwei atemberaubende Kapitel führen wird. Das erste, „Postkarten“, ist eine Serie von rätselhaften Schnappschüssen über Jazz und obskure Zigeunerkünstler, die Rakic von seinen Tourneen rund um den Globus zu Halfon schickt, während der klassisch ausgebildete Musiker als wandernder Akkordeonist immer tiefer in das Geheimnis der Wurzeln seines Vaters hineingezogen wird. Und das zweite, „Die Pirouette“, beinhaltet Halfons außergewöhnliche Suche nach dem verlorenen Rakic, der in „seinem eigenen verdammten Mythos“ irgendwo in der rauchigen Zigeunerunterwelt des postkommunistischen Belgrads verschwunden ist.

Indem er sich selbst als Protagonisten darstellt, vermischt Halfon die Fiktion mit der Realität. Er spielt explizit allwissender Erzähler und den im Dunkel Tastenden. Er vermischt auffallend diese beiden Ebenen und sagt uns: „Literatur ist nicht mehr als ein guter Trick, den ein Magier oder eine Hexe ausführen kann, um die Realität als Ganzes erscheinen zu lassen und die Illusion zu schaffen, dass die Realität eine ganze Einheit ist“. Er wird selbst zu diesem Zauberer, wenn er nach Milan sucht und sich bemüht, eine Postkarte zu rekonstruieren, die er von ihm bekommen hat: „Es gibt immer mehr als eine Wahrheit in allem“.

Die Geschichten sind geschickt und kunstvoll miteinander verbunden – eine amerikanische akademische Konferenz über Mark Twain (der zufällig 1866 durch Nicaragua reiste); ein literarisches Symposium in Portugal, wo Halfon über die leidige Beziehung zwischen Literatur und Realität nachdenkt; Nächte am Strand mit seiner Freundin Lía verbringt, die danach versucht, Ebbe und Flut ihrer Orgasmen auf Papier festzuhalten, als ob sie Wellen oder Träume skizzieren würde. Die Geschichte von Halfons Großvater, der von seinem Zellengenossen, einem Boxer aus der polnischen Stadt Lodz, vor Auschwitz gerettet wurde, weil er  ihn in einer lange Nacht auf eine Befragung durch die Nazis vorbereitet.

Im weiteren Verlauf des Romans wird der metafiktionale Farbton stärker und heller. Sein unergründlicher Wunsch, Milan zu finden und Oitzes Vergangenheit aufzudecken, wird als surreales Verlangen dargestellt. Seine Fantasie überschlägt sich, und in dem Versuch, ihre Geheimnisse zu lösen, umarmt er deren Geschichten als seine eigenen. Er vergleicht seine Besessenheit, mehr über ihr Leben zu erfahren, mit der Art und Weise, wie ein neugieriges, krankhaftes, leicht ängstliches Kind unter dem Bett nach Geistern sucht.

Tatsächlich ist es die begrabene Vergangenheit des Großvaters, die schließlich enthüllt wird, die das kraftvolle zentrale Bild des Buches liefert: die „fünf mysteriösen grünen Ziffern, die mir viel mehr auf einen Teil seiner Seele als auf seinen Unterarm tätowiert zu sein schienen“. Als Kind wurde Halfon gesagt, das Tattoo sei gemacht worden, damit sein Großvater seine Telefonnummer nicht vergessen würde. Nach dem Tod seines Großvaters im letzten Akt des Buches „Sonnenuntergänge“ schwingt sich Halfon von den in sein Fleisch eingebrannten Figuren über Lias Zeichnungen und Visionen zu Maya-Tempeln in der Abenddämmerung und sucht atemlos nach einem verbindenden Faden im Gewirr der Elemente des Buches: „Ich dachte an die fünf  blassgrünen Zahlen, die jetzt auf dem Unterarm meines Großvaters, unter der dicken schwarz und dunkelviolett karierten Decke, dabei waren, zu sterben. Ich dachte an Auschwitz. Ich dachte an Tätowierungen, Nummern, Zeichnungen, Tempel, Sonnenuntergänge.“

„Der polnische Boxer“ ist ein Buch der kleinen Wunder. Dabei erinnert Halfons Werk in gewisser Weise an andere Autoren, etwa an die Würzigkeit des Kubaners Pedro Juan Gutierrez oder auch an Henry Miller (von dem ein Zitat das Buch eröffnet) bis zu den eindringlichen Stimmen von John Berger und dem Argentinier Edgardo Cozarinsky. Auch die schiere erzählerische Dynamik und Faszination der Mischung aus Leben und Büchern, Sex und Kunst scheinen Echos des chilenischen Meisters Roberto Bolaño zu sein.