V wie Vendetta

Ein ganzes Land steht unter offensichtlicher Massenüberwachung durch die eigene Regierung. Politische Experten hetzen im Fernsehen gegen “Immigranten, Homosexuelle und Minderheiten”. Terrorismus ist eine subtile, aber allgegenwärtige Bedrohung; das Wort schwebt über den Köpfen der Menschen, egal wo sie leben. Die Maske von Guy Fawkes, einst eine obskure Anspielung, wird zum Symbol für Gerechtigkeit in einer Gesellschaft, die zu lange zu viel Korruption an der Spitze erlebt hat.

Was für eine Welt wird hier beschrieben? Die des epischen Comics (und seiner Verfilmung) “V for Vendetta” oder die unsere?

Auch wenn es absurd erscheinen mag, zu behaupten, unsere Welt sei wie die in V wie Vendetta, in der ein Herrscher ohne Einfühlungsvermögen und Reue regiert, darf nicht vergessen werden, dass Alan Moore und David Lloyd, als sie an ihrem Comic arbeiteten, ihre eigene Gesellschaft kommentierten: Das England der achtziger Jahre. Eine Zeit, in der, so Moore, “eine konservative Regierung, die ununterbrochen an der Macht war, die Idee von Konzentrationslagern für Aidskranke, einer neuen Bereitschaftspolizei mit schwarzem Visier und dem Wunsch nach Ausrottung der Homosexualität äußerte”. Als er im März 1988 sein Vorwort für den Comic schrieb, bezeichnete er sein Land als “kalt” und “bösartig” und hegte den Wunsch, mit seiner Familie zu fliehen.

V wie Vendetta weiterlesen

Stephen King Re-Read: Glas

Alte Sendung aus dem „Phantastikon-Podcast“

Der vierte Band in Stephen Kings Saga vom Dunklen Turm bietet einen Abstecher in die Vergangenheit Rolands von Gilead und erzählt, wie er wurde, was er ist. Seit dem ersten Band haben wir immer wieder kleine Einblicke in die Vergangenheit des letzten Revolvermannes bekommen, aber hier widmet sich quasi das ganze Buch seiner Geschichte.

Da mag es fast schon beiläufig scheinen, dass sich in Wizard and Glass (dt. Glas) die Kosmogonie dramatisch verschiebt und alle Werke Kings unter den Fittichen des Turms vereint. Sechs Jahre hat es gedauert, bis der Cliffhanger des vorigen Bandes – The Waste Lands – seine Fortsetzung erfuhr, aber 1997 stand dieser entscheidende Band endlich in den Regalen.

In der zwischen den Romanen liegenden Zeitspanne erschütterte Edward Witten das Gebiet der theoretischen Physik, indem er behauptete, dass unsere Existenz elf Dimensionen enthalte, wobei er sich auf John Schwarz und Michael Greenes früheres Konzept der Stringtheorie stützte. Diese Extradimensionen sind ineinander gefaltet und in einer sehr interessanten Struktur ineinander verflochten. Der Raum, den wir alle bewohnen, wäre damit präsenter als allgemein angenommen und somit ein eigener Körper.

Was die Menschheit als das Universum wahrnimmt, ist in Wirklichkeit nur eine riesige Vier-Membran-Einheit, wobei die vierte Brane die Zeit ist, die in weiteren sieben Branen wirkt. So wie sich dreidimensionale Wesen auf der Erde bewegen und mit anderen dreidimensionalen Subjekten und Objekten interagieren, so könnte sich auch ein dreidimensionaler Raumkörper bewegen und vielleicht mit anderen Branen interagieren und kollidieren, was zu einer massiven Zerstörung führen würde.

Stephen King Re-Read: Glas weiterlesen

Stephen King Re-Read: tot.

Alte Sendung aus dem „Phantastikon-Podcast“

The Waste Lands ist vollgepackt mit literarischen Referenzen und Elementen der Popkultur, die von 1960 – 1980 reichen. Das Problem, das immer wieder der Heyne-Verlag selbst ist, liegt bereits im Titel – tot. -, der somit bereits den ersten Hinweis auf T. S. Eliot (The Waste Land, dt. “Das wüste Land”) ausmerzt, bzw. von vorneherein weder beachtet und wahrscheinlich nicht einmal darum weiß. Etwas Ähnliches schreibe ich natürlich fast vor jedem bei Random House erschienenen Roman, aber für Stephen King dürfte Heyne als Verlagshaus schon immer ein unglücklicher Umstand gewesen sein.

In diesem Buch erfahren wir mehr über Ka, das Ka-tet und der Suche nach dem Turm. Hier macht die Heldengruppe ordentlich Strecke, auch wenn dazwischen noch das letzte Mitglied nach Mittwelt gezogen werden muss.

Und damit begrüße ich euch zu einer weiteren Ausgabe in unserem Stephen-King-Multiversum. Es geht um den dritten Band der Saga vom dunklen Turm, den Mittelpunkt in Stephen Kings Schaffen.

Roland, Eddie und Susannah (wie Odetta jetzt genannt wird) erholen sich von ihrer Zeit, als sie auf der Suche nach Türen zwischen den Welten am Strand entlang reisten. Bald wird klar, dass Roland langsam den Verstand zu verlieren beginnt, denn er hört Stimmen und ist sich nicht mehr sicher, welche seiner Erinnerungen der Wahrheit entspricht. Unterdessen durchlebt der elfjährige Jake in New York eine ähnliche Krise, denn er ist sich sicher, dass er auf dem Weg zur Schule hätte sterben müssen. Roland und seine Gefährten versuchen nun, Jake in ihre Welt zu ziehen, um das Problem der psychischen Doppelung zu lösen.

Die Rose und der Turm

Diese Doppelung wird – obwohl sie auch Roland betrifft – hauptsächlich in der Figur des Jake Chambers sichtbar, der verloren in New York umher irrt. Immer wieder zieht es ihn dabei zu einem bestimmten Grundstück, das eingezäunt als Baugebiet ausgewiesen ist. Dort treffen wir (mit Jake) – neben dem Turm selbst – auf ein starkes, wenn nicht das stärkste Symbol der Turm-Reihe: Die Rose. Tatsächlich kann man dieses Symbol in ihrer ganzen Macht nur dann richtig zuordnen, wenn man auch die anderen Werke Kings mit einbezieht, was zum Zeitpunkt der Veröffentlichung 1992 noch nicht klar gewesen sein mag.

Tatsächlich stellt die allgegenwärtige Präsenz des Turms in einer Unzahl von Formen einen Gott dar, der kein bestimmtes Geschlecht hat. Obwohl er eigentlich ein Nabel ist, ist er natürlich auch ein Phallus. Ebenso erinnert der durch Rosen verkörperte Turm an eine vaginale Symbolik. Das Vorhandensein in einem Tiger, einem Hund oder einem anderen Tier spielt hierbei auf verschiedene Glaubensrichtungen an, die eine göttliche Präsenz in nicht menschlicher Form darstellen. Und er existiert in allen Welten, verankert das Multiversum an seinem Nabel und weicht dem Gut/Böse-Schema aus. Die Gestalt der Rose ist in der ganzen Reihe genauso wichtig wie der Turm selbst, und King benutzt sie nicht, um die Sünden gegen Gott, sondern um die Sünden gegen Frauen zu untersuchen. Das Rosenfeld, das den Turm umgibt, und die Ecksteine, auf denen er sich erhebt, ruft Ängste vor Kolonialismus, ehelichem Missbrauch und männlich dominanten Gottesdarstellungen hervor.

Es sollte nicht vergessen werden, dass King immer wieder auf dieses Thema zurückkommt. Zu Beginn der 90er Jahre hat er gleich drei Romane mit starken Frauenfiguren im Kampf gegen missbrauchende Männer eingeführt. Das Spiel (Gerald’s Game) und Dolores (Dolores Clairborne) zeigen Protagonistinnen, die darum kämpfen, nicht von Männern dominiert zu werden. Diese beiden Werke laufen parallel zueinander, nicht nur durch eine in beiden enthaltene Finsternis, sondern durch die Stärke und Entschlossenheit der weiblichen Figuren. Und nur drei Jahre danach erschien mit Das Bild, das eigentlich Rose Madder heißt, ein ähnlicher Roman, der im Gegensatz der vorher genannten geschrieben wurde, um ihn mit dem Dunklen Turm zu verflechten. Zwar beginnt King diese Verflechtungen erst im vierten Teil der Serie immer mehr mit seinem Gesamtwerk zu verweben, aber die Hinweise auf die Tatsache, dass im Zentrum von Kings ganzem Lebenswerk der Turm steht, sind von Anfang an gegeben.

In Das Bild wird Rose Daniels solange missbraucht, bis sie eine Fehlgeburt erleidet. Sie flieht schließlich vor ihrem Mann und nimmt ihren alten Namen Rose McClendon an. Die Verbindung zum Dunklen Turm besteht nicht nur in ihrem Namen, sondern in dem Bild, das Rose betritt und sich in einer Welt wiederfindet, die eindeutig Mittwelt ist. Eine Inkarnation von Rose ist später auch die weibliche Kriegerin Rosalita Munoz, der wir in Wolfsmond begegnen. Es sind dies unterschiedliche Inkarnationen der Rose und sie liefern jede für sich die Antwort auf den männlichen Turm. Die in New York von Jake gefundene Form der Rose veranschaulicht die männliche Bedrohung durch Kolonialisierung.

Tatsächlich ist es fast unsinnig, diese Dinge stets nur anreißen zu müssen. Kings Werk als Ganzes ist – von Anfang an – derart vollgepackt mit Reminiszenzen, Verweisen und Metaebenen, dass es geradezu lächerlich und ein Stück weit auch erbärmlich dumm ist, ihn als einen Horror-Schriftsteller darzustellen. Sicher, wenn das Leben an sich der blanke Horror ist, dann stimmt das, und der Durchschnittsleser weiß meist nicht, was er da eigentlich liest. Aber viele, die sich für Kritiker halten, sollten es besser wissen, aber auch sie bekommen nur die Oberflächenstruktur mit. An amerikanischen Universitäten ist die King-Forschung allerdings fortgeschritten und offenbart einen literarischen Gehalt, der im Grunde sensationell ist.

Auch wenn ich hier massiv abschweife, ist die letzte Station des Buches nicht vergessen, die mit einem massiven Cliffhanger schließt. Hier verbindet King die Saga vom Dunklen Turm nicht nur mit unserer Realität sondern auch mit unserer Wirklichkeit (was zwei paar Schuhe sind), indem er uns ein Kinderbuch an die Hand gibt, das wir auch tatsächlich kaufen können: Charlie the Choo-Choo von Beryl Evans. Jake kauft es im Buchladen “Manhattaner Restaurant für geistige Nahrung” von Calvin Tower. King löste die Urheberschaft erst später (als er selbst im Buch auftritt) auf. Tatsächlich ist dieses Buch ein Foreshadowing auf Blaine, den Mono, eine Einschienenbahn, mit der die Heldengruppe die Stadt Lud und auch Mittwelt verlässt, um nach Endwelt zu gelangen. Vorher aber werden wir Zeuge einer handfesten dystopischen Auseinandersetzung in Lud selbst, einer alte High-Tech-Stadt, die in einem jahrzehntelangen Krieg verwüstet wurde. Zwei dominierende Banden – die Grauen und die Pubes – kämpfen um die Vormachtstellung. Ich werde auch diesen Handlungsverlauf nicht spoilern, weil ich davon ausgehe, dass wirklich jeder den Dunklen Turm gelesen hat (obwohl ich weiß, dass es nicht so ist). Das Internet ist voller Nacherzählungen und es ist nicht schwer, der Handlung zu folgen, ohne die Bücher gelesen zu haben.

In der Blaine-Szene, die hier abgebrochen und erst im nächsten Band wieder aufgenommen wird, haben wir es mit zwei Themen zu tun: Rätseln und einer Frage, die viele Fans seit Jahren umtreibt: Warum ist Blaine rosa? Die Rätsel, die Blaine fordert, um die Pilger zu transportieren, sind mit Rolands Vergangenheit verknüpft, genauer der Tradition der Rätselwettbewerbe zum Festtag seiner Kindheit. Der Kirmestag war die einzige Zeit, in der das gemeine Volk die Halle der Großväter in Gilead, dem intellektuellen Zentrum Mittwelts, betreten konnte. Jeder konnte ein neues Rätsel auf eine Schriftrolle schreiben und dieses dann in ein Fass in der Halle legen. Wer die meisten Rätsel richtig erraten hatte, gewann die größte Gans des Landes.

Warum ist Blaine rosa?

Was Blaine betrifft, gibt es einige interessante Spekulationen, von denen ich eine hier thematisieren möchte.

Wir erfahren, dass es tatsächlich zwei Einschienenbahnen gab, die den Bürgern von Lud dienten, bevor ihre Zivilisation zusammenbrach – eine war rosa und die andere blau. Aber als Rolands Gruppe eintrifft, liegt die blaue Einschienenbahn als Havarie im Fluss. Dabei handelte es sich um Patricia. Es ist wichtig zu wissen, dass Blaine eine Art gespaltene Persönlichkeit hat. Während Eddie und Susannah versuchen, mit der Einschienenbahn zu sprechen, wird Blaines dröhnende Stimme von einer anderen unterbrochen, die wie “ein verängstigtes Kind” klingt. Es nennt sich selbst Kleiner Blaine, “Der, den er vergessen hat. Derjenige, den er in den Räumen der Ruinen und den Hallen der Toten zurückgelassen zu haben glaubt”.

Einmal an Bord, verbringt King viel Zeit damit, uns über Patricia zu informieren, was wie eine merkwürdige Nebenbemerkung für ein Detail erscheint, das die Handlung überhaupt nicht bestimmt. Blaine erklärt, wie die blaue Einschienenbahn im Fluss gelandet ist. “Patricia hat den Verstand verloren… in ihrem Fall bestand das Problem darüberhinaus in einer Fehlfunktion der Ausrüstung, nicht nur in seelischer Malaise.” Er beschreibt, wie ein elektrischer Brand “Logikfehler” verursachte, die ihre Persönlichkeitssoftware verrückt werden ließ. Dieses Problem drohte auf die Computer überzugreifen, die auch ihn steuerten, so dass er ihre Programmierung isolierte und sie vom Zentralprozessor abschnitt. Dann beging sie Selbstmord, indem sie bewusst von ihrer Bahn abkam und in den Fluss stürzte.

Es ist also nicht unwahrscheinlich, dass Blaine lügt.

Der einzige Mono, von dem wir wissen, dass er eine selbstmörderische Ader hat, ist Blaine selbst. Er wird sich selbst und die Ganze Gruppe umbringen, wenn sie ihm kein Rätsel auftischen können. Patricia kennen wir nur aus der Geschichte, die Blaine erzählt. Wir haben also diese seltsame, unzusammenhängende Geschichte von einem unzuverlässigen Erzähler, einer gespaltenen Persönlichkeit mit der eigentlich falschen Farbe für das Geschlecht.

Es sei denn, Blaine war tatsächlich der blaue Mono und Patricia der rosa Mono. Was wäre also wenn, nachdem Blaine anfing, sich verrückt aufzuführen und Patricia versuchte, ihn vom Hauptserver fernzuhalten, er seine Software in die rosa Einschienenbahn hochgeladen hätte? Das würde den kleinen Blaine sehr gut erklären – das ist Patricia (die Stimme einer Frau kann leicht mit der eines Kindes verwechselt werden, wenn man nie ein Gesicht dazu hat). Und ist das nicht genau das, was Blaine tun würde?

Tatsächlich gibt es ein weiteres Beweisstück: Stephen King hat einen Fetisch dafür, die perfekten Namen für seine Figuren zu finden. Er macht sich viele Gedanken darüber. Und hier haben wir die Geschichte von Blaine. Dem Blue Train. Und das ist natürlich der Hinweis auf John Coltrane und sein gleichnamiges Album von 1958. Zugegeben, das wäre ein ziemlich versteckter Verweis, für Nichtjazzfans unauflösbar. Aber das trifft auf viele andere Verweise, die man als Europäer kaum verstehen kann, auch zu.

Um die Wahrheit zu sagen, treffen wir im nächsten Band noch einmal auf die Farbe rosa, nämlich in Form von Merlins Regenbogen. Im Grunde ist die Frage nach der Farbe viel einfacher und nicht weniger King-typisch zu beantworten. Wieder landen wir bei den Prägungen der Geschlechterrollen. Rosa steht für Mädchen, blau für Jungs. Punkt. Die Farbe rosa aber für Gefahr zu verwenden, ist im Grunde ein Protest an diesen tatsächlich idiotischen Pauschalisierungen.

Stephen King Re-Read: Drei

Alte Sendung aus dem „Phantastikon-Podcast“

Während das erste Buch als Vorbereitung auf das, was folgen sollte, gelesen werden kann, beginnt Roland in “Drei” seine Reisegefährten zusammenzusuchen, quasi sein zweites Ka-tet (zum ersten werden wir in Band 4 alles erfahren). Das tut er nicht ganz aus freien Stücken, denn das allmächtige Ka, diese seltsame Schicksalsmacht, hat einen erheblichen Anteil daran. Ka schließt Zufälle zwar nicht aus, aber das eine vom anderen zu trennen ist fast unmöglich. Die Verbindung zwischen unserer und anderen Welten wird zwar schon in “Schwarz” angedeutet, beginnt aber erst hier wirklich imposant zu werden (und bekommt in Band 4 seinen endgültigen philosophischen Unterbau).

War ich mit dem deutschen Titel des ersten Bandes nicht einverstanden, geht für mich der hier gewählte in Ordnung. Im Original heißt das Buch “The Drawing of the Three”, wörtlich übersetzt also: Das Ziehen der Drei, und das ist kein schöner Titel. Doch das dürfte eher Zufall sein, denn bereits der nächste Band “tot.” ist so idiotisch überschrieben wie eh und je.

Stephen King Re-Read: Drei weiterlesen

Es geht noch ein Zug von der Garre du Nord / Fred Vargas

Es geht noch ein Zug von der Garre du Nord ist der erste Roman, in dem der berühmte Kommissar Adamsberg 1991 auftauchte. Im Original deutet der Titel bereits auf das Thema hin: L’homme aux cercles bleus (Der Mann mit den blauen Kreisen). Wie so oft bei Übersetzungen ist kaum nachvollziehbar, warum man hier etwas völlig anderes aus dem Ärmel zieht, auch wenn der Übersetzer sich hier zumindest auf die poetische Seite des Buches verlagert hat, nämlich auf Adamsbergs merkwürdige Beziehung zu Camille, die er am Ende des Romans für zwei Stunden im Zug von der Garre du Nord nach Lille noch einmal wieder sieht. Zu behaupten, das hätte mit der Handlung des Romans gar nichts zu tun, stimmt nur insofern, wenn man ausklammert, dass Adamsbergs ganzes Wesen durchaus von Camilles Abwesenheit entscheidend mitgeprägt wird.

Fred Vargas und Jean-Baptiste Adamsberg

Jean-Baptiste Adamsberg ist ein nonchalanter, seltsam verträumter und scheinbar ungeordneter Mann, der sich auf den ersten Blick durch einen Mangel an Methode auszeichnet; er ist unfähig, eine längeren Beweiskette zu analysieren oder überhaupt erst aufzustellen. Dennoch erzielt er dank seiner Intuition und vor allem dank seiner großen Sensibilität, die anderen nicht immer geheuer ist, spektakuläre Ergebnisse. Letztere erlaubt es ihm, sich in die Lage der Menschen zu versetzen, auch wenn er manchmal ziemlich weit von ihnen entfernt ist. Als visuelles Vorbild schwebte Fred Vargas der Zeichner Edmond Baudoin vor, und es schadet nicht, sich den Mann einmal anzuschauen, um sich mit den ungewöhnlichen Beschreibungen, die Vargas für ihn findet, vertraut zu machen. Wenn der Winter des Commissario Richiardi ein durch und durch italienischer Roman ist, dann trifft das hier aus französischer Warte zu. Es lässt sich nicht verbergen, dass Vargas, die mit bürgerlichem Namen Frédérique Audoin-Rouzeau heißt, die Tochter von Philippe Audoin ist, der zum surrealistischen Kreis um Andrè Breton gehörte und später einige wissenschaftliche Texte über diese Bewegung verfasste (sowie eine Biografie über Breton selbst). Es ist völlig verständlich, dass eine wie auch immer geartete Begegnung mit dem Surrealismus nie wieder verschwinden wird (wie ich aus eigener Erfahrung weiß). Doch das darf man nicht falsch verstehen, Vargas bedient sich keineswegs der Techniken jener Zeit, sondern liefert hier den Erstling einer der originellsten Kriminalromane nicht nur der 90er Jahre ab (auch wenn sie selbst den Roman nicht für besonders gut hält), der das Unterbewusstsein herausfordert.

Bevor er zur Polizei geht, ist Adamsberg fast ein Wolfskind, das barfuß durch die Pyrenäen streift, bevor er seine Berufung bei der Polizei findet, ein wahrer Außenseiter, dem Wald mehr verbunden als irgendeiner Stadt. Aber schlussendlich landet er aufgrund seiner spektakulären Erfolge als Kommissar in Paris, einer Stadt aus Stein. Aber Adamsberg weiß, dass auch die mineralische Existenz in ihm ein Tor zu öffnen vermag.

Als Archäologin fasziniert die Autorin das Auffinden von Wahrheiten, und das ist im Grunde das, was auch das Handwerk des Kriminalschriftstellers erfordert. Mythen, Märchen und Legenden werden dann auch später in der Reihe eine große Rolle spielen. Bei all der dargebotenen Melancholie, die diese Buchreihe so besonders macht, ist es nicht zuletzt aber auch der Humor, der die Autorin berühmt gemacht hat. Es ist ein besonderer Humor, der kein Interesse daran hat, albern oder lächerlich zu sein und er entsteht aus den Kontrasten innerer und äußerer Ansichten, unterschiedlicher Wahrnehmungen und gedanklicher Freiheiten. Tatsächlich ist einer von Adamsbergs Inspektoren, Danglard – ein organisierter und enzyklopädischer Mensch immer wieder überrascht von Adamsbergs intuitiven Fähigkeiten, was manchmal nicht nach seinem Geschmack ist, weil er diesen Vorgang nicht versteht und ihm auch nicht vertraut. Vargas steigt dabei tief in ihre Figuren hinein, und das hat nicht selten etwas philosophisches, das aber nie zur wissenschaftlichen Musterung verkommt. Danglard ist manchmal erschüttert von Adamsbergs Gleichgültigkeit gegenüber seinen Nächsten, die er als Grausamkeit bezeichnet, die aber gar nicht da ist, weil Adamsberg auch der Grausamkeit gegenüber kein Interesse hegt. Er denkt über das nach, was in ihm ist, und selbst das ist, wie er oft genug sagt, eigentlich nichts. So ist er ein großes Mysterium, das sich selbst nicht zu erklären weiß, wie folgendes Beispiel zeigt:

„Also setzte er sich ins Café, zog ein Notizbuch heraus und wartete. Er überwachte die Gedanken, die sich in seinem Kopf bewegten. Sie schienen ihm schon eine Mitte zu haben, aber weder Anfang noch Ende. Wie also sie niederschreiben? Unwillig, aber noch immer gelassen, schrieb er nach einer Stunde: Ich habe nichts zu denken gefunden.“

Der Mann mit den blauen Kreisen

Seit vier Monaten zeichnet ein mysteriöses Individuum in den Straßen von Paris blaue Kreise auf den Bürgersteig. Dreiundsechzig, um genau zu sein. Diese mit Kreide gezeichneten Kreise umgeben immer ein Objekt, ohne dass sich daraus eine Hypothese ableiten ließe, da die Liste dieser Objekte völlig willkürlich ist; und immer steht ein Kommentar in diesem Kreis: „Victor, sieh dich vor, was treibst du jetzt noch vor dem Tor?“ Aber Kreise um verlorene oder unbedeutende Gegenstände zu ziehen, ist kein Verbrechen, sie mit einem Sinnspruch zu versehen, ebenfalls nicht.

Doch parallel zu einer eher klassischen Strafverfolgung interessiert sich unser Kommissar aus irgendeinem Grund für diesen Mann, der die blauen Kreise zieht. Eines Tages kommt dann die große Überraschung. Plötzlich befindet sich eine Leiche mit durchgeschnittener Kehle in einem dieser Kreise. Von diesem Zeitpunkt an erlebt der Leser den Rausch der Ereignisse, die durch Adamsberg hindurchwandern und wie er die Wahrheit quasi erschnüffelt, um alles um sich herum zu sondieren. Danglard gehorcht seinen Befehlen fast mit Bedauern, denn er versteht sie einfach nicht. Abgesehen davon, dass es ihn ärgert, dass Adamsberg verkündet, was geschehen wird, ärgert es ihn noch mehr, wenn diese Ereignisse auch eintreten.

Die Geschichte ist komplex, und auch wenn wir ständig daran zweifeln, dass der Mörder überhaupt gefunden wird, lassen wir uns von dem skurrilen und speziellen Kommissar mitreißen, auch wenn wir nie wissen, wohin Adamsberg uns führt. Sein Vorgehen verwirrt Danglar und den Leser gleichermaßen. Besonders herauszuheben sind auch die Dialoge, die sich durch ein wahrlich hohes Niveau auszeichnen. Man kennt sie auch aus guten französischen Filmen, wenn sie sich zufällig einmal nicht in bloßer Masse erschöpfen.

Auch die anderen Charaktere sind hervorragend gezeichnet, ob es nun der blinde Zyniker Charles Reyer ist, die seltsame Mathilde Forestier oder eben der rätselhafte Mann mit den blauen Kreisen selbst. Vargas setzt sie ein, um durch sie hindurch ein Porträt von Paris zu malen, wo nach Einbruch der Nacht alles möglich ist.

Kurz gesagt, dieses erste Buch der Reihe ist ein wahres Wunderwerk, sowohl in Bezug auf Handlung und Spannung als auch in Bezug auf den Stil und die Charaktere.

Der Tod und das dunkle Meer / Stuart Turton

Ein unerwarteter Zwischenstopp im Jahr 2003 inspirierte Turton zu diesem fesselnden Kriminalroman. Nachdem er einen Flug nach Singapur verpasst hatte, saß der Autor, der freimütig zugibt, dass er nicht gut darin ist, Pläne einzuhalten, im australischen Perth fest. Um die Zeit totzuschlagen, besuchte er ein Schifffahrtsmuseum, wo er sich über den Untergang der Batavia im Jahr 1629 informierte. Jahre später beschloss er, die Geschichte des Schiffes auf seine Weise aufzuschreiben. Die wahre Geschichte sei so schrecklich, dass es „keinen Spaß gemacht hätte, sie zu lesen“, sagt Turton.

Bevor er dieses Buch schrieb, kehrte er nach Perth zurück, besuchte Indonesien (wo sein fiktives Schiff, die Saardam, den Hafen verlässt) und studierte Dokumente im British Museum und in der British Library. Er studierte Passagierlisten aus der Zeit um 1600 und entlehnte Namen für viele seiner Charaktere.

Der Tod und das dunkle Meer / Stuart Turton weiterlesen

Der dunkle Bote / Alex Beer

„Der dunkle Bote“ ist der dritte Band der August-Emmerich-Reihe erschien 2019, und wer sich vom Stil Daniela Larchers in den ersten beiden Bänden nicht davon hat abbringen lassen, in ein ausgehungertes Wien zwischen den beiden Weltkriegen zu tauchen, der findet den bisher stärksten Teil dieser Reihe vor. In der Zwischenzeit habe ich mir auch die beiden Isaak Rubinstein-Bücher von ihr zu Gemüte geführt, die nicht ganz so gelungen sind, aber ihr rasanter Stil bleibt doch relativ gesehen derselbe. Eine gute Figurenzeichnerin ist Alex Beer – so das Pseudonym der Autorin – nicht, dafür zieht sie mit ihrer Handlungsstruktur den Leser tiefer ins Geschehen. Ich habe mich bereits bei den anderen Emmerich-Bänden immer wieder etwas über die gewisse Leichtfertigkeit verschiedener Szenen beschwert, aber um ehrlich zu sein, ist in diesem dritten Band nichts mehr zu bemängeln. Die Atmosphäre steht und sie ist düster, der Horror sozusagen real.

Wer über Alex Beer schreibt, der fummelt schnell auch die Phrase „historisch korrekt“ aus den zuckenden Fingern, gerade so, als wäre das wichtig und auch so, als hätten diejenigen, die diese Phrase benutzen, überhaupt eine Ahnung von Geschichte, die tiefer geht als das, was man sich eben so anliest. Man kann immer nur von einer „gefühlten historischen Akkuratesse“ sprechen; wer das nicht tut, ist ein Quatschkopf, und vor allem jemand, der nicht versteht, wie Literatur funktioniert. Trotzdem ist es natürlich so, dass wir eine Zeitmaschine betreten, und diese Zeitmaschine, die funktioniert gut. Es ist eine Zeitmaschine in unseren Kopf hinein, denn dort finden sich schließlich alle Vorstellungen von Geschichte und Geschichten. Tatsächlich legt die Autorin großen wert auf Recherche und fügt in jedem ihrer Bücher einen umfangreichen Anhang hinzu.

Alex Beer hat eine unverwechselbare Stimme und das können nicht viele von sich behaupten. Und sie langweilt den Leser kein bisschen. Obwohl in der Emmerich-Reihe alle Fälle für sich stehen und auch abgeschlossen werden, gibt es eine klare Entwicklung was die fragile Karriere des Inspektors, aber auch sein Privatleben betrifft. Im Grunde setzt der Roman da ein, wo Die rote Frau aufhörte: auf der Suche nach seiner Familie. Erst dann kommt ein Mord dazwischen. Das war bisher anders gegliedert, die privaten Probleme eher eine eingeschobene Randerscheinung, aber bereits darauf ausgerichtet, zu eskalieren.

Der dunkle Bote / Alex Beer weiterlesen

Auf den Spuren der Templer – Umberto Eco: Das Foucaultsche Pendel

Das Foucaultsche Pendel

Umberto Eco war mit seinem „Foucaultschen Pendel“ nicht imstande, den unfassbaren Erfolg seines Debüts, „Der Name der Rose“ zu wiederholen, was kaum verwunderlich ist, schließlich wurden von diesem Buch seinerzeit 50 Millionen Exemplare verkauft, eine ungeheuerliche Summe. Das Buch wurde verfilmt, bekam sein Videospiel und drei Brettspiele obendrein, ganz zu schweigen von Baseball-Kappen, Kaffeetassen und einer Ecke im europäischen Disney-Park. Das Foucaultsche Pendel bekam nicht einmal ein lausiges T-Shirt, dabei ist es nicht weniger brillant inszeniert wie sein Vorgänger, enthält dabei jedoch mehr historischen Prunk und philosophische Spekulationen. Und da sind wir beim Kern: das Buch ist so gut, dass es für den Massengeschmack untauglich ist. Wie beim Namen der Rose geht es in diesem Roman um Bücher und die Schwierigkeiten, die sie verursachen können.

Ecos drei Protagonisten arbeiten in der Verlagsbranche, wo ihre Bemühungen hauptsächlich auf trashigen Büchern mit verrückten okkulten Spekulationen und Verschwörungstheorien basieren. Sie empfinden nichts anderes als Verachtung für die Autoren dieser Werke, aber aus reiner Langeweile beginnen sie, ihre eigene halbgare Verschwörungstheorie zu konstruieren.

Auf den Spuren der Templer – Umberto Eco: Das Foucaultsche Pendel weiterlesen

Don Quijote (Kampf gegen Windmühlen)

Don Quijote ist eines jener Bücher, dessen Einfluss so weitreichend wie die Odyssee oder die Bibel ist. Und wie die anderen beiden Bücher wird mehr darüber geredet als dass man sie gelesen hat. Doch was Cervantes‘ Roman von diesen anderen Werken unterscheidet, ist die Tatsache, dass es sich um eine ausgesprochen burleske Geschichte handelt. Der Held tappt im Dunkeln, die Figuren des Autors fallen von Pferden, betrinken sich in Tavernen und versuchen, ihre Fürze in Schach zu halten – im Quijote sind heilige Angelegenheiten gewöhnlich auf die Wahnvorstellungen des Helden beschränkt. Der berühmte Eröffnungssatz informiert uns:

„Irgendwo in der Mancha, an einem Ort, an dessen Namen ich mich nicht erinnern will, lebte vor nicht langer Zeit ein Herr, einer von jenen, die eine Lanze im Gestell, ein altes Schild, einen hageren Gaul und einen Windhund zum Jagen halten.“

Vor über 400 Jahren verlor die Welt ihren ersten modernen Romanautor, den spanischen Schriftsteller Miguel de Cervantes, der am 22. April 1616 in Madrid starb. Unter den Sammlungen von Gedichten, Theaterstücken und Romanen, die er uns hinterlassen hat, konnte im Grunde nur ein Werk wirklich überdauern. Dein Don Quijote gilt als der erste Roman der europäischen Literatur und als einer der besten uns inspirierendsten Bücher der Geschichte. es gibt unzählige Abhandlungen über den innovativen Stil, die Kreativität, die Komplexität der Szenen und Figuren. Doch warum?

Don Quijote (Kampf gegen Windmühlen) weiterlesen

Maurizio De Giovanni: Der Winter des Commissario Ricciardi / Maurizio De Giovanni

„Ich will Blut, mein Zorn soll wirken, im Hass wird all meine Liebe enden.“

Das sind die letzten Worte, die der 31-jährige Luigi Ricciardi, Kommissar der Questura im faschistischen Neapel des Jahres 1931, von dem großen Tenor Arnaldo Vezzi hört. Sie stammen aus der Oper Pagliacci. Das wesentliche Detail, das die Fälle des Commissario Ricciardi seit Jahren in Italien zu einem großen Erfolg gemacht haben, besteht darin, dass der Tenor bereits tot ist, als Ricciardi diese Worte vernimmt, vorgetragen vom blutüberströmten und betäubten Geist des Opfers, der im Augenblick seiner Ermordung wie in einem Spuk gefangen ist. Ricciardi hat diese beunruhigende und unerwünschte Gabe seit seiner Kindheit: Die gespenstischen Bilder der Toten zu sehen. Nicht alle – nur die gewaltsam Verstorbenen, und nicht lange – nur in der Zeitspanne der extremsten Emotionen, in der die plötzliche Energie ihre letzten Gedanken offenbart.

Maurizio De Giovanni: Der Winter des Commissario Ricciardi / Maurizio De Giovanni weiterlesen