Die Bildsprache des Alfred Kubin

Das Journal der Veranda

Auf der nördlichen Seite des Hauses liegt eine schattige Terrasse. Hierhin verirrt sich ab und an ein Vogel, der beim Überflug gegen eine Scheibe knallt und dann tot auf den Steinen liegt. Gerade gibt es Streit, wer ihn dort wegräumt.

Alfred Kubin
(c) Alfred Kubin

Auf der Südseite scheint trotz Kälte und Schnee der Frühling ausgebrochen, denn eine Schaar von Spatzen zwitschert recht munter und macht fröhlich Beute auf dem Balkon mit dem Vogelfutter.

Beute machen…

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Interview mit Thomas Ligotti

Das Journal der Veranda

Interview geführt von Matt Cardin, Juli 2006, Erschienen in The Teeming Brain und in The New York Review of Science Fiction, Issue 218, Vol. 19, No. 2 (October 2006). Gedruckt erschienen in Matt Cardin: Born to Fear (Interviews mit Thomas Ligotti)

Übersetzt von Michael Perkampus, mit freundlicher Genehmigung von Matt Cardin.

Anmerkung: Dieses Interview übersetzte ich im Dezember 2014, als ich begann, unter einer ähnlichen Problematik zu leiden wie Thomas Ligotti. Im Grunde war es für mich eine Art Trostpflaster. Daraus resultierte dann das Magazin PHANTASTIKON.

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Eins

Das Journal der Veranda

Die Queste ist das Synonym des Lebens. Mit dieser Reise als Symbol verbunden ist der Weg. Abzweigungen deuten an, dass wir uns zu entscheiden haben. Aber nicht überall stoßen wir auf einen Kreuzweg, der uns eine Entscheidung abverlangt. Können wir umkehren? Ja, das können wir, aber dennoch bleibt die Teilstrecke begangen. Was wir dort schauten, kann nicht dem Vergessen anheim fallen.

Doch der ganze Kosmos befindet sich auf einer Reise; Planeten und Teilchen – alles, was ist, und vielleicht auch das, was nicht ist. Die Natur verabscheut die Leere, auch wenn man daraus nicht schließen kann, dass es etwas wie Leere nicht gibt. Eines kennt das Universum nicht : die Idee eines feststehenden Punktes. Statikos, stagnatio sind nur temporär wahrnehmbare Phänomene. Der Weg, den wir gehen, ist nur einmal dieser Weg. Wollen wir zurückkehren und ihn noch einmal gehen, handelt es sich bereits um einen anderen Weg, um das überall auftauchende heraklitische Prinzip, das man auch als den Prozess des Geschehens bezeichnen kann. Das ist die Zahl 1, und sie ist unteilbar. In einem Rechenbuch aus dem Jahre 1537 kann man lesen : ›Daraus verstehst du, dass die 1 keine Zahl [ist], sondern [es ist] eine Gebärerin, Anfang und Fundament aller anderen Zahlen.‹

C.G. Jung macht einen Unterschied zwischen dem unzählbaren Einen und der zählbaren 1. Nach seinen Ansichten ist die 2 die erste Zahl, weil mit ihr das Zähen beginnt. Mit der 2 tritt neben das Eine ein Anderes. Man kann auch weiter gehen und sagen : ohne das Andere gibt es das Eine gar nicht. Für die griechischen Philosophen war das Eine männlich, da es als ›Vater‹ alles Seiende erzeugte. Die Ähnlichkeit der Ziffer 1 mit dem Buchstaben P, der sowohl als Abkürzung für Priapus (lat. ›männliches Glied‹) als auch für das gleichbedeutende griechische Wort Phallos steht, wird als Rechtfertigung dieser Auffassung angeführt. Die ursprüngliche Vorstellung von der 1 als einer doppelgeschlechtlichen Zahl finde sich in der Tarotkarte DER MAGIER, dem die 1 zugeordnet ist. Diese Karte zeigt einen Jahrmarktszauberer, der in seinen Händen einen Stab hält. Auf dem Tisch vor ihm liegen Kelch, Messer und Münzen. Sein Hut hat die Form der Lemniskate, die in der Gestalt der liegenden 8 in der Mathematik als Zeichen der Unendlichkeit benutzt wird.