Dashiell Hammett

Dashiell Hammett lebte zwischen 1894 und 1961 und gilt allgemein als Pionier des Hardboiled-Krimis als literarische Form. Er schrieb eine Handvoll Romane, die die Aufmerksamkeit ernsthafter Leser auf sich zogen, und war ein früher amerikanischer Vertreter der literarischen Moderne und des literarischen Existenzialismus. Und doch wird er als Autor immer noch unterschätzt.

Dashiell Hammett Cov

Die Gründe sind einfach: Hammett schrieb Kriminalromane, die zunächst vor allem in Groschenheften erschienen; sein Publikum war über weite Strecken anspruchslos; seine Figuren waren oft (aber nicht immer) Bewohner von Armenvierteln. Es dauerte eine Weile, bis sich in der amerikanischen Literaturszene die Erkenntnis durchsetzte, dass große Literatur nicht auf geordnete Gemeinschaften beschränkt sein muss.

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100 Jahre Hercule Poirot – Das fehlende Glied in der Kette

Mit zwei Milliarden Büchern, die in über 100 Sprachen übersetzt wurden, ist Agatha Christie die unangefochtene Königin des Kriminalromans, die weltweit meistverkaufte Romanautorin und die wohl erfolgreichste weibliche Bühnenautorin aller Zeiten. Im Oktober 2020 jährte sich die Veröffentlichung ihres ersten Romans “Das fehlende Glied in der Kette” zum 100ten Mal, und damit auch das Erscheinen des legendären Hercule Poirot, des kleine Mannes mit dem tadellos gepflegten Schnurrbart, der mit Hilfe seiner  „kleinen grauen Zellen“ jedes Verbrechen lösen konnte. 

Obwohl er möglicherweise nach Sherlock Holmes der zweitberühmteste Detektiv der britischen Kultur ist, ist Poirot gar kein Brite, sondern ein Flüchtling. Er kam als Teil einer Gruppe von Belgiern, die durch den Ersten Weltkrieg vertrieben worden waren, nach England, doch seine Wiege liegt in Brüssel. Indem sie über diesen pensionierten belgischen Polizisten schrieb, der Fälle in ganz Großbritannien und auf der ganzen Welt löste, konnte Christie die Komplexität des Englischen und seine Beziehung zu Kontinentaleuropa erforschen (und sich manchmal auch darüber lustig machen).

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Der Tod und das dunkle Meer / Stuart Turton

Ein unerwarteter Zwischenstopp im Jahr 2003 inspirierte Turton zu diesem fesselnden Kriminalroman. Nachdem er einen Flug nach Singapur verpasst hatte, saß der Autor, der freimütig zugibt, dass er nicht gut darin ist, Pläne einzuhalten, im australischen Perth fest. Um die Zeit totzuschlagen, besuchte er ein Schifffahrtsmuseum, wo er sich über den Untergang der Batavia im Jahr 1629 informierte. Jahre später beschloss er, die Geschichte des Schiffes auf seine Weise aufzuschreiben. Die wahre Geschichte sei so schrecklich, dass es „keinen Spaß gemacht hätte, sie zu lesen“, sagt Turton.

Bevor er dieses Buch schrieb, kehrte er nach Perth zurück, besuchte Indonesien (wo sein fiktives Schiff, die Saardam, den Hafen verlässt) und studierte Dokumente im British Museum und in der British Library. Er studierte Passagierlisten aus der Zeit um 1600 und entlehnte Namen für viele seiner Charaktere.

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Auf den Spuren der Templer – Umberto Eco: Das Foucaultsche Pendel

Das Foucaultsche Pendel

Umberto Eco war mit seinem „Foucaultschen Pendel“ nicht imstande, den unfassbaren Erfolg seines Debüts, „Der Name der Rose“ zu wiederholen, was kaum verwunderlich ist, schließlich wurden von diesem Buch seinerzeit 50 Millionen Exemplare verkauft, eine ungeheuerliche Summe. Das Buch wurde verfilmt, bekam sein Videospiel und drei Brettspiele obendrein, ganz zu schweigen von Baseball-Kappen, Kaffeetassen und einer Ecke im europäischen Disney-Park. Das Foucaultsche Pendel bekam nicht einmal ein lausiges T-Shirt, dabei ist es nicht weniger brillant inszeniert wie sein Vorgänger, enthält dabei jedoch mehr historischen Prunk und philosophische Spekulationen. Und da sind wir beim Kern: das Buch ist so gut, dass es für den Massengeschmack untauglich ist. Wie beim Namen der Rose geht es in diesem Roman um Bücher und die Schwierigkeiten, die sie verursachen können.

Ecos drei Protagonisten arbeiten in der Verlagsbranche, wo ihre Bemühungen hauptsächlich auf trashigen Büchern mit verrückten okkulten Spekulationen und Verschwörungstheorien basieren. Sie empfinden nichts anderes als Verachtung für die Autoren dieser Werke, aber aus reiner Langeweile beginnen sie, ihre eigene halbgare Verschwörungstheorie zu konstruieren.

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Die rote Frau / Alex Beer

Es ist ganz klar: Der historische Kriminalroman hat Vorzüge, die mich stets dann begeistern können, wenn die Lebendigkeit der gewählten Epoche voll ausgebildet ist. Man mag an dieser Reihe vielleicht die etwas naive Sprache der Autorin bemängeln, aber ihren historischen Kontext kann man nur herausheben.

Es gibt beileibe viele Autoren, die sich nicht anders zu helfen wissen und deshalb einen Infodump betreiben müssen, um Informationen an den Leser weiterzugeben (für mich immer ein gutes Argument, das Buch zu beenden und den Autor niemals wieder zu konsultieren), aber auch wenn mir – insbesondere die Sprache – anfänglich etwas zu einfach erschien, schmälert das die unterhaltsame Qualität von Beers Büchern keineswegs und sie macht diese Kleinigkeit mit all ihren anderen Finessen wieder wett. Oder vielleicht ist es ja gerade dieser einfache Stil, der die Imagination überhaupt erst beflügelt – Stoff für einen anderen Artikel.

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Der zweite Reiter / Alex Beer

Der zweite Reiter von Alex Beer erschien 2017 im Limes-Verlag. Mittlerweile hat die Reihe sechs Titel aufzuweisen, die in die Kerbe von Kriminalgeschichten zwischen den beiden Weltkriegen schlagen. Das ist im Augenblick eines der interessantesten Settings, an dem sich eine Menge Autoren versuchen. Nicht allen gelingt das gleichermaßen gut, aber man findet dennoch eine Menge erstaunliches und gut recherchiertes Zeitgeschehen in diesen Romanen.

Wo zum Beispiel Volker Kutscher die Weimarer Republik und die beginnende Gefahr des Nationalsozialismus als Kulisse dient, nimmt sich Alex Beer das Wien nach dem ersten Weltkrieg vor, was im Grunde kein Wunder ist, schließlich lebt die Autorin Daniela Larcher (die hier ein Pseudonym verwendet) in der österreichischen Hauptstadt.

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Realität im Extremzustand

Meine Definition von Phantastik, mit der ich hantiere ist folgende: Phantastik ist Realität im Extremzustand. Glücklich bin ich mit dem Begriff der „Phantastik“ – so paradox es klingen mag, ein rein deutsches Unwort, das sich aber gut anhört, nicht. Das liegt nicht am Wort selbst, sondern an der – für mich – blödsinnigen Konstruktion, das Wort auf die drei Säulen „Horror“, „Science Fiction“ und „Fantasy“ zu stellen. Würden wir die Phantastik als ein Synonym der Spekulativen Literatur ausgeben, hätte ich allerdings gar keine Einwände. Denn dann würden wir die „drei Säulen“ um den „Magischen Realismus“, die „Alternative Geschichtsschreibung“ und die „wissenschaftliche Fantasy“ erweitern können. Weitere völlig unklare Begriffe, versteht sich. Aber „Horror“ und „Science Fiction“ gehören für mich nur bedingt zu unserer Vorstellung von Phantastik.

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Stephen King Re-Read: Feuerkind

Als Firestarter (Feuerkind) im Jahre 1980 veröffentlicht wurde, war Stephen King bereits ein echtes Phänomen. Er lebte in seinem berühmten Herrenhaus in Bangor, Maine, verdiente mehr Geld als er ausgeben konnte und sein neuer Vertrag mit New American Library war ein echter Glücksfall. Sie behandelten ihn dort besser als jemals bei Doubleday, aber was wirklich zählte: sie verstanden es besser, seine Bücher zu verkaufen. Ob es an seinem massiven Alkoholkonsum liegen mochte, oder an seiner neu hinzugewonnenen Kokainsucht; die Bücher, die er in dieser Periode seines Schaffens schrieb gehören zum dunkelsten und gemeinsten, aber auch zu den weniger umfangreichen Romanen seiner Karriere. Außerdem enthüllten sie eine wesentliche Tatsache über King: er schrieb überhaupt keinen Horror.

Bill Thompson, der Herausgeber von Doubleday, der King entdeckt hatte, hatte sich noch Sorgen gemacht, dass King als Horrorschriftsteller eingestuft werden würde, als dieser ihm Salem’s Lot vorgelegt hatte – und wieder, als King ihm die Handlung von Shining erzählte. „Zuerst das telekinetische Mädchen, dann die Vampire, jetzt das Spukhotel mit dem telepathischen Kind. Du wirst gebrandmarkt sein,“ hatte er angeblich gesagt. Für Doubleday war Horror schmierig und sie arbeiteten mit King nur widerwillig. Die Bücher wurden billig gedruckt, hatten armselige Cover, und die hohen Herren konnten sich nicht mal an seinen Namen erinnern, so dass sich Thompson wieder und wieder in der Rolle wiederfand, King, der ihnen allen ihr Urlaubsgeld einbrachte, im eigenen Hause publik zu machen.

New American Library hingegen war ein Taschenbuchverlag, der die Macht der Genreliteratur verstand. Sie investierten erheblich mehr in Kings Karriere als es Doubledy je getan hatte. Für Doubleday war King eine Überraschung, für New American Library war er eine Marke.

Gibt es aber über das Marketing hinaus etwas, das King als Horrorschriftsteller auszeichnet? Sieht man sich heute seine frühen Bücher an – Dead Zone (ein Mann plant ein politisches Attentat), Feuerkind (Vater und Tochter auf der Flucht vor der Regierung), und Cujo (tollwütiger Hund stellt Frau und Kind in einem Auto), dann kommt man zu der Erkenntnis, dass ohne Horror-Boom, der sich diese Titel einverleibte, ohne die Marke „King-Horror“, die auf die Cover gedruckt wurden, heute diese Bücher eher als Thriller verkauft werden würden. King selbst behauptete, er schriebe Spannungsromane. Kurz bevor Feuerkind veröffentlicht wurde, gab er dem Minnesota Star ein Interview, in dem er sagte:

„Ich sehe den Horrorroman als nur einen Raum in einem sehr großen Haus, das man als Spannungsroman kennt. Dieses besondere Haus schließt solche Klassiker wie Hemingways Der alte Mann und das Meer und Hawthornes Der scharlachrote Buchstabe mit ein.“

Und natürlich seine eigenen Bücher.
In einem anderen Interview sagte King:

„Die einzigen meiner Bücher, die ich für unverfälschten Horror halte sind Brennen muss Salem, Shining, und jetzt Christine, weil sie keine rationale Erklärung für all die übernatürlichen Geschehnisse anbieten. Carrie, Dead Zone, und Feuerkind haben mehr mit der Science Fiction- Tradition zu tun … The Stand wiederum steht mit je einem Bein in beiden Lagern …“

Warum also greift das Horror-Etikett?

King schreibt über Menschen in Extremsituationen, deren Gefühle von Angst, Schmerz und Hilflosigkeit dominiert werden, die dunkel und drohend selbst dann durchscheinen, wenn noch gar nichts passiert ist. Er ist ein Meister, wenn es darum geht, die Spannung aufrecht zu erhalten. Er verwendet viel Zeit auf die Beschreibung des menschlichen Körpers, verweilt bei den physischen Details der Unvollkommenheit und des Verfalls (Altersflecken, Verwachsungen, Akne, Narben), wie er auch die Körperlichkeit an sich feiert (Sex, Erektionen). Seine Charakterzeichnungen sind mit breiten Strichen gesetzt, im Zentrum stehen meist die körperlichen Makel (Schuppen, Glatzen, schlechte Haut, Fettleibigkeit, Magersucht), was viele seiner Figuren ins Groteske verzerrt. King schreibt viel über Kinder und Jugendliche, seine Hauptfiguren sind in der Mehrzahl attraktiv.

Es sind diese intensiven Szenen, bestehend aus Sex und Gewalt, den attraktiven Hauptfiguren, und die Betonung der Angst und Spannung, die sein Publikum an den Horrorfilm erinnert, wo Sex, Gewalt, Jugend und Angst sich in der Regel tummeln. Als King seine erfolgreichste Phase hatte, boomte auch der Horrorfilm (1973 – 1986 war die goldene Ära der amerikanischen Horrorfilme), und es ist nicht schwer, das eine mit dem anderen in Verbindung zu bringen. Der Vergleich von Kings Werken mit Filmen ist das, worauf es Kritiker von Anfang an angelegt hatten, und King selbst betonte oft genug, dass er ein extrem visueller Schriftsteller sei, der nicht in der Lage ist, zu schreiben, bevor er nicht die Szene im Kopf hat. Die öffentliche Meinung, King sei ein Horrorschriftsteller, wurde durch die Verfilmungen von Carrie und Shining noch zementiert. Wenn etwas also als „Horror“ vermarktet wird, wenn es die Leute an „Horror“ erinnert, und wenn der Autor kein Problem damit hat, als Horrorschriftsteller zu gelten, dann ist es Horror. Obwohl King darauf hinweist, dass Science Fiction ein besseres Label für seine Arbeiten wäre.

Feuerkind ist eines der Bücher von King, wo das Label Science Fiction hervorragend passt. Der Roman wurde als Verfilmung ein Flop und seitdem hat sich das Interesse an Firestarter im Laufe der Zeit getrübt. Das ist nur eins von vielen Beispielen, wo ein mieser Film ein gutes Buch quasi ruiniert.
1976 begonnen, gab King das Buch zunächst auf, weil es ihn zu stark an Carrie erinnerte. Der Hauptcharakter war ein Ebenbild seiner zehnjährigen Tochter Naomi. King war zunächst fasziniert von Pyrokinese und dann von einer Figur wie Carrie White, die ihre psychischen Kräfte an ihre Tochter weitergegeben hatte.

Das Buch liest sich wie eine paranoide, politisch linke Phantasie auf Amphetaminen, die mit der zehnjährigen Charlie McGee und ihrem Vater Andy beginnt. Sie befinden sich auf der Flucht vor einer Regierungsorganisation, die sich „Die Firma“ (The Shop) nennt. Andy und seine Frau hatten in den 60ern an einem Regierungsexperiment teilgenommen, bei dem ihnen die LSD-artige Substanz Lot 6 verabreicht wurde. Die Droge aktivierte ihre latent vorhandenen psychischen Kräfte, die an Charlie weitervererbt wurden. Ihr ist es möglich, allein durch ihre Gedanken, Feuer zu legen, was ihr aber von ihren Eltern als eine böse Sache verboten wurde. Charlies Mutter wurde von der Firma getötet, und Andy hat nur die Fähigkeit, den Geist anderer zu kontrollieren, was allerdings jedes mal, wenn er seine Fähigkeit anwendet, Schäden an seinem Gehirn zurücklässt.

In die Enge getrieben überredet Andy Charlie, ihre Kräfte von der Leine zu lassen und sie lässt eine friedlich gelegene Farm in einem Inferno untergehen und tötet dabei Dutzende von Agenten auf ihrer Flucht. Ein paar Monate später werden sie von dem Auftragskiller John Rainbird gefangen genommen. Das letzte Drittel des Buches ist eine Chronik dieser Gefangenschaft, wo Rainbird ein Psychospiel mit Charlie beginnt, indem er sich anfangs als einfache Ordonanz ausgibt, um sich mit ihr anzufreunden und ihre Kooperation für die Firma erlangt. Von seiner Tochter getrennt mutiert Andy zu einem übergewichtigen Pillensüchtigen. Alles endet in einer Scheune, wo Charlie Rainbirds Spiel durchschaut und den Tod ihres Vaters mitansehen muss.

Das klingt nach einer einfachen Geschichte, aber zu diesem Zeitpunkt seiner Karriere feuert King aus allen Rohren, und so ist sie alles andere als das. Voller Handlungsabläufe, die derart lebendig beschrieben sind, dass sie an verschiedenen Stellen in surrealistische Poesie übergehen (explodierende Hühner rennen umher, Wachhunde werden verrückt vor Hitze und wenden sich gegen ihre Halter), ist der Roman gespickt mit subjektiven Eindrücken der Figuren, die sich in fast schon wahnwitzig lyrischen Ergüssen äußern. King wurde vorgeworfen, er würde sich vor Sexszenen scheuen (Peter Straub sagte einmal: „Stevie hat Sex bisher noch nicht entdeckt.“), aber in Feuerkind ist die grundlegende Geschichte die von Charlies sexuellem Erwachen.

Es gibt nur wenige Dinge, die kraftvoller sind als die Beziehung zwischen Vätern und Töchtern, die Popkultur hat enorm viel Aufwand betrieben, das Unbehagen der Väter angesichts der Sexualität ihrer Töchter zu thematisieren, angefangen von der Kontrolle, die Väter über den Kleidungsstil ihrer Töchter ausüben wollen. Zu Beginn des Buches ist Charlie ein kleines Mädchen, die an der Hand ihres Vaters spaziert und nicht weiß, was sie zu tun hat. Am Ende des Buches ist ihr Vater tot. Zwar kann sie ihre pyrokinetische Fähigkeit noch nicht voll kontrollieren, die aber ist wesentlich stärker als irgendjemand angenommen hatte, und sie befindet sich auf dem Weg nach New York, um ihre Geschichte zu erzählen.

Sexualität und Feuer sind linguistische Zwillinge („Brennende Leidenschaft“, „Das Feuer der Begierde“, „Glimmende Augen“) und es ist ein Freudianischer Witz, dass sie von ihren Eltern das Verbot bekommt, die „böse Sache“ zu tun. Schnell verwandeln sich diese Stellen von Subtext in Blanktext, dann nämlich, wenn Rainbird sich ihr widmet, um „ihre Verteidigung zu durchdringen“, sie „wie einen Safe zu knacken“ und um sie zu töten, während er ihr tief in die Augen schaut.
„Es ist eine sexuelle Beziehung“, sagte King später über diese beiden Figuren in einem Interview. „Ich wollte das Thema eigentlich nur streifen, aber es macht den Konflikt nur noch monströser.“
Als ihre Hemmungen fallen, ihre Fähigkeit einzusetzen, genießt Charlie ihre neuentdeckte Stärke, die ihr besondere Privilegien einbringt und sie zum Mittelpunkt eines jeden Mannes im Buch macht. Wiederholt wird darauf hingewiesen, dass, wenn sie ihre Kräfte nicht zu beherrschen lernt, sie die Welt zerstören könnte; ein Klischee über die weibliche Sexualität (wenn sie einmal anfangen, hören sie nicht mehr auf). Als Charlies Sexualität mehr und mehr erwacht und eindeutiger wird (sie hat sogar Träume, in denen sie nackt auf einem Pferd zu John Rainbird reitet), werden auch die heimlichen Wünsche der Männer, die Kontrolle über sie ausüben, selbstzerstörerischer. Andy versucht einen letzten Ausbruch mit Hilfe seiner Gabe, was aber im Unterbewusstsein der Opfer ihre geheimen Obsessionen entfesselt und sich in Selbstzerstörung äußert. Für Dr. Pynchot, dem zuständigen Psychiater von Charlie und Andy äußert sich das Verdrängte in Form eines Missbrauchs, den er einst durch Kommilitonen erleiden musste. Seine Besessenheit betrifft den „Vulva-ähnlichen“ Abfallzerkleinerer. Er kleidet sich mit der Unterwäsche seiner Frau und tötet sich, indem er die Hand hineinsteckt, während er läuft. Der Kopf der Organisation, Cap Hollister wird von eingebildeten, glitschigen Schlangen heimgesucht, die überall auf ihn warten, um ihn zu beißen.

Eines der stärksten Bilder des Buches ist Charlie, wie sie vor der brennenden Scheune steht, nachdem die Wildpferde durch die Holzwände gebrochen sind, ringsherum die verwüsteten Utensilien der Armee, ihr toter Vater hinter ihr, grenzenlose Freiheit vor sich. Ein kraftvolles und kitschiges Bild von einer jungen Frau und ihrem sexuellen Erwachen. Weit entfernt davon, lächerlich zu sein.
Feuerkind war das mittlere seines „Werk-Trios“ zu dieser Zeit, bestehend aus Dead Zone, Feuerkind und Cujo. Für welches man sich auch entscheiden will: zu diesem Zeitpunkt ahnte die Welt noch nichts von Cujo …

Das Haus in der Half Moon Street

Leo Stanhope ist der neueste Serienheld aus der Feder von Alex Reeve, und  Das Haus in der Half Moon Street ist der erste Band einer viktorianischen Krimiserie aus dem Jahre 2018, die bei Knaur erschienen ist.

Der zweite Band wird im April 2022 erscheinen, was mich ungemein freut, weil so etwas ja immer auch am Publikum liegt. Der Autor hat es sich nämlich nicht ganz einfach gemacht.

Vielmehr hat er von Beginn an gewusst, dass er mit seinem außergewöhnlichen Helden in ein Wespennest stechen könnte und zum Teil ja auch hat. Das war auch der Grund, warum er im Anhang noch einmal auf seine Absicht hinweisen wollte und dem Leser erklärt, was ihn an der Sache reizte und wie sich Leo schließlich aufdrängte, obwohl Reeve immer wieder mit dem Gedanken spielte, ihn nur am Rande zu beachten.

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Am liebsten mag ich Monster / Emil Ferris

Die Erstveröffentlichung in den USA – der Comic schlug ein wie eine Bombe – fand am 14. Februar 2017 statt. Zu uns kam er am 25. Juni 2018 und ist bei Panini Comics erhältlich.

Emil Ferris

Es ist Emil Ferris‘ Erstlingswerk. Ca. zehn Jahre hat sie es mit sich herumgetragen und daran gearbeitet, sogar als sie zeitweise obdachlos war. Über 400 Seiten zählt der mehrfach prämierte (unter anderem Gewinner des Eisner Awards: in drei Kategorien) erste Teil dieses Meisterwerkes. Eines, an dem eine in die USA eingeschleppte infizierte Stechmücke nicht unwesentlich ihren Anteil hatte. Mit dem West-Nil-Virus infiziert, der Ferris von der Hüfte abwärts lähmte, auch der rechte Arm (wie auch ihre Hand) war betroffen, eroberte sie sich zeichnend ihren Körper weitestgehend zurück und machte sogar einen Abschluss im „Kreativen Schreiben“ an der School of the Art Institute of Chicago und erhielt zudem 2010 das Toby Devan Lewis Fellowship in den Bildenden Künsten. Emil Ferris, die wie ihre zehnjährige Protagonistin Karen Reyes selbst in den turbulenten 1960er Jahren aufgewachsen ist und dort heute noch lebt, war in einem früheren Leben Illustratorin und Spielzeugdesignerin für diverse unterschiedliche Kunden. Nach eigener Aussage liebt sie alles, was mit Monstern oder Horror zu tun hat.

Große Arbeit haben auch geleistet: Alessio Ravazzani, der für das Lettering zuständig war, wie auch Torsten Hempelt, der sich um die deutsche Übersetzung gekümmert hat.

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