Die sieben Tode der Evelyn Hardcastle / Stuart Turton

Bouquinist

Stuart Turtons Debütroman „Die sieben Tode der Evelyn Hardcastle“ ist ein origineller, hochkomplexer Kriminalroman, der als eine Mischung aus Robert Altmans Gosford Park und Christopher Nolans Inception beschrieben wird, allerdings in Anlehnung an Agatha Christies „Mord im Orient Express“, denn obwohl es sich hier um die Aufklärung eines Mordes handelt, ist der übergeordnete Hintergrund eher in der Phantastik zu suchen.

Als der Roman 2018 erschien, konnte es für viele Kritiker keinen Zweifel geben, dass dieser höchst originelle Krimi das beste Buch des Jahres sein würde, und so bekam Stuart Turton auch gleich den Costa Book Award für das beste Debüt.

Weiterlesen

Der Thriller – Ein durchdringendes Genre

Wer heute „Thriller“ sagt, meint zugleich ein Buch, einen Film, ein Videospiel, eine Playlist und vielleicht noch Michael Jacksons berühmtes Musikvideo. Kaum ein Gattungsbegriff hat eine vergleichbare kulturelle Inflation erlebt. Dabei ist das Wort selbst verblüffend jung und verblüffend klar in seiner Herkunft.

„To thrill“ bedeutet im Englischen so viel wie durchrieseln, erbeben, erschauern lassen. Wir stoßen bereits im frühen 14. Jahrhundert auf das altenglische Wort þyrlian, das „durchlöchern“ „oder durchstechen“ bedeutet. Der Begriff þyrel bedeutete im Mittelenglischen etwa „Nasenloch“. Und dann gibt es noch den Begriff þurh, der „durch“ bedeutet, vergleichbar dem mittelhochdeutschen „dürchel“, der ebenfalls „durchbohrt“ oder „durchlöchert“ bedeutet. In den 1590er Jahren entstand die übertragene Bedeutung des Thrillers als etwas, das „ein frostiges, aufregendes Gefühl vermittelt“, was auf die Vorstellung zurückgeht, von einer emotional durchdringenden Kraft erfasst zu werden.

Weiterlesen

Smoke City – Zwischen Heist-Thriller und Fantastik

Smoke City

Wenn sich düstere Gassen im Nebel verlieren, Gangster mit mysteriöser Vergangenheit auf übernatürliche Mächte treffen und ein Raubzug zur Reise ins Herz einer verkommenen Stadt wird, dann ist man in Smoke City angekommen. Das zweiteilige Comicwerk mit dem gleichen Titel stammt von dem französischen Duo Mathieu Mariolle (Autor) und Benjamin Carré (Zeichner) und ist ein stilistisch wie erzählerisch markantes Werk des frankobelgischen Comics der späten 2000er Jahre.

Weiterlesen

Dashiell Hammett

Dashiell Hammett lebte zwischen 1894 und 1961 und gilt allgemein als Pionier des Hardboiled-Krimis als literarische Form. Er schrieb eine Handvoll Romane, die die Aufmerksamkeit ernsthafter Leser auf sich zogen, und war ein früher amerikanischer Vertreter der literarischen Moderne und des literarischen Existenzialismus. Und doch wird er als Autor immer noch unterschätzt.

Dashiell Hammett Cov

Die Gründe sind einfach: Hammett schrieb Kriminalromane, die zunächst vor allem in Groschenheften erschienen; sein Publikum war über weite Strecken anspruchslos; seine Figuren waren oft (aber nicht immer) Bewohner von Armenvierteln. Es dauerte eine Weile, bis sich in der amerikanischen Literaturszene die Erkenntnis durchsetzte, dass große Literatur nicht auf geordnete Gemeinschaften beschränkt sein muss.

Weiterlesen

100 Jahre Hercule Poirot – Das fehlende Glied in der Kette

Bouquinist

Mit zwei Milliarden Büchern, die in über 100 Sprachen übersetzt wurden, ist Agatha Christie die unangefochtene Königin des Kriminalromans, die weltweit meistverkaufte Romanautorin und die wohl erfolgreichste weibliche Bühnenautorin aller Zeiten. Im Oktober 2020 jährte sich die Veröffentlichung ihres ersten Romans “Das fehlende Glied in der Kette” zum 100ten Mal, und damit auch das Erscheinen des legendären Hercule Poirot, des kleine Mannes mit dem tadellos gepflegten Schnurrbart, der mit Hilfe seiner  „kleinen grauen Zellen“ jedes Verbrechen lösen konnte. 

Obwohl er möglicherweise nach Sherlock Holmes der zweitberühmteste Detektiv der britischen Kultur ist, ist Poirot gar kein Brite, sondern ein Flüchtling. Er kam als Teil einer Gruppe von Belgiern, die durch den Ersten Weltkrieg vertrieben worden waren, nach England, doch seine Wiege liegt in Brüssel. Indem sie über diesen pensionierten belgischen Polizisten schrieb, der Fälle in ganz Großbritannien und auf der ganzen Welt löste, konnte Christie die Komplexität des Englischen und seine Beziehung zu Kontinentaleuropa erforschen (und sich manchmal auch darüber lustig machen).

Weiterlesen

Es geht noch ein Zug von der Garre du Nord / Fred Vargas

Bouquinist

Es geht noch ein Zug von der Garre du Nord ist der erste Roman, in dem der berühmte Kommissar Adamsberg 1991 auftauchte. Im Original deutet der Titel bereits auf das Thema hin: L’homme aux cercles bleus (Der Mann mit den blauen Kreisen). Wie so oft bei Übersetzungen ist kaum nachvollziehbar, warum man hier etwas völlig anderes aus dem Ärmel zieht, auch wenn der Übersetzer sich hier zumindest auf die poetische Seite des Buches verlagert hat, nämlich auf Adamsbergs merkwürdige Beziehung zu Camille, die er am Ende des Romans für zwei Stunden im Zug von der Garre du Nord nach Lille noch einmal wieder sieht. Zu behaupten, das hätte mit der Handlung des Romans gar nichts zu tun, stimmt nur insofern, wenn man ausklammert, dass Adamsbergs ganzes Wesen durchaus von Camilles Abwesenheit entscheidend mitgeprägt wird.

Fred Vargas und Jean-Baptiste Adamsberg

Jean-Baptiste Adamsberg ist ein nonchalanter, seltsam verträumter und scheinbar ungeordneter Mann, der sich auf den ersten Blick durch einen Mangel an Methode auszeichnet; er ist unfähig, eine längeren Beweiskette zu analysieren oder überhaupt erst aufzustellen. Dennoch erzielt er dank seiner Intuition und vor allem dank seiner großen Sensibilität, die anderen nicht immer geheuer ist, spektakuläre Ergebnisse. Letztere erlaubt es ihm, sich in die Lage der Menschen zu versetzen, auch wenn er manchmal ziemlich weit von ihnen entfernt ist. Als visuelles Vorbild schwebte Fred Vargas der Zeichner Edmond Baudoin vor, und es schadet nicht, sich den Mann einmal anzuschauen, um sich mit den ungewöhnlichen Beschreibungen, die Vargas für ihn findet, vertraut zu machen. Wenn der Winter des Commissario Richiardi ein durch und durch italienischer Roman ist, dann trifft das hier aus französischer Warte zu. Es lässt sich nicht verbergen, dass Vargas, die mit bürgerlichem Namen Frédérique Audoin-Rouzeau heißt, die Tochter von Philippe Audoin ist, der zum surrealistischen Kreis um Andrè Breton gehörte und später einige wissenschaftliche Texte über diese Bewegung verfasste (sowie eine Biografie über Breton selbst). Es ist völlig verständlich, dass eine wie auch immer geartete Begegnung mit dem Surrealismus nie wieder verschwinden wird (wie ich aus eigener Erfahrung weiß). Doch das darf man nicht falsch verstehen, Vargas bedient sich keineswegs der Techniken jener Zeit, sondern liefert hier den Erstling einer der originellsten Kriminalromane nicht nur der 90er Jahre ab (auch wenn sie selbst den Roman nicht für besonders gut hält), der das Unterbewusstsein herausfordert.

Bevor er zur Polizei geht, ist Adamsberg fast ein Wolfskind, das barfuß durch die Pyrenäen streift, bevor er seine Berufung bei der Polizei findet, ein wahrer Außenseiter, dem Wald mehr verbunden als irgendeiner Stadt. Aber schlussendlich landet er aufgrund seiner spektakulären Erfolge als Kommissar in Paris, einer Stadt aus Stein. Aber Adamsberg weiß, dass auch die mineralische Existenz in ihm ein Tor zu öffnen vermag.

Als Archäologin fasziniert die Autorin das Auffinden von Wahrheiten, und das ist im Grunde das, was auch das Handwerk des Kriminalschriftstellers erfordert. Mythen, Märchen und Legenden werden dann auch später in der Reihe eine große Rolle spielen. Bei all der dargebotenen Melancholie, die diese Buchreihe so besonders macht, ist es nicht zuletzt aber auch der Humor, der die Autorin berühmt gemacht hat. Es ist ein besonderer Humor, der kein Interesse daran hat, albern oder lächerlich zu sein und er entsteht aus den Kontrasten innerer und äußerer Ansichten, unterschiedlicher Wahrnehmungen und gedanklicher Freiheiten. Tatsächlich ist einer von Adamsbergs Inspektoren, Danglard – ein organisierter und enzyklopädischer Mensch immer wieder überrascht von Adamsbergs intuitiven Fähigkeiten, was manchmal nicht nach seinem Geschmack ist, weil er diesen Vorgang nicht versteht und ihm auch nicht vertraut. Vargas steigt dabei tief in ihre Figuren hinein, und das hat nicht selten etwas philosophisches, das aber nie zur wissenschaftlichen Musterung verkommt. Danglard ist manchmal erschüttert von Adamsbergs Gleichgültigkeit gegenüber seinen Nächsten, die er als Grausamkeit bezeichnet, die aber gar nicht da ist, weil Adamsberg auch der Grausamkeit gegenüber kein Interesse hegt. Er denkt über das nach, was in ihm ist, und selbst das ist, wie er oft genug sagt, eigentlich nichts. So ist er ein großes Mysterium, das sich selbst nicht zu erklären weiß, wie folgendes Beispiel zeigt:

„Also setzte er sich ins Café, zog ein Notizbuch heraus und wartete. Er überwachte die Gedanken, die sich in seinem Kopf bewegten. Sie schienen ihm schon eine Mitte zu haben, aber weder Anfang noch Ende. Wie also sie niederschreiben? Unwillig, aber noch immer gelassen, schrieb er nach einer Stunde: Ich habe nichts zu denken gefunden.“

Der Mann mit den blauen Kreisen

Seit vier Monaten zeichnet ein mysteriöses Individuum in den Straßen von Paris blaue Kreise auf den Bürgersteig. Dreiundsechzig, um genau zu sein. Diese mit Kreide gezeichneten Kreise umgeben immer ein Objekt, ohne dass sich daraus eine Hypothese ableiten ließe, da die Liste dieser Objekte völlig willkürlich ist; und immer steht ein Kommentar in diesem Kreis: „Victor, sieh dich vor, was treibst du jetzt noch vor dem Tor?“ Aber Kreise um verlorene oder unbedeutende Gegenstände zu ziehen, ist kein Verbrechen, sie mit einem Sinnspruch zu versehen, ebenfalls nicht.

Doch parallel zu einer eher klassischen Strafverfolgung interessiert sich unser Kommissar aus irgendeinem Grund für diesen Mann, der die blauen Kreise zieht. Eines Tages kommt dann die große Überraschung. Plötzlich befindet sich eine Leiche mit durchgeschnittener Kehle in einem dieser Kreise. Von diesem Zeitpunkt an erlebt der Leser den Rausch der Ereignisse, die durch Adamsberg hindurchwandern und wie er die Wahrheit quasi erschnüffelt, um alles um sich herum zu sondieren. Danglard gehorcht seinen Befehlen fast mit Bedauern, denn er versteht sie einfach nicht. Abgesehen davon, dass es ihn ärgert, dass Adamsberg verkündet, was geschehen wird, ärgert es ihn noch mehr, wenn diese Ereignisse auch eintreten.

Die Geschichte ist komplex, und auch wenn wir ständig daran zweifeln, dass der Mörder überhaupt gefunden wird, lassen wir uns von dem skurrilen und speziellen Kommissar mitreißen, auch wenn wir nie wissen, wohin Adamsberg uns führt. Sein Vorgehen verwirrt Danglar und den Leser gleichermaßen. Besonders herauszuheben sind auch die Dialoge, die sich durch ein wahrlich hohes Niveau auszeichnen. Man kennt sie auch aus guten französischen Filmen, wenn sie sich zufällig einmal nicht in bloßer Masse erschöpfen.

Auch die anderen Charaktere sind hervorragend gezeichnet, ob es nun der blinde Zyniker Charles Reyer ist, die seltsame Mathilde Forestier oder eben der rätselhafte Mann mit den blauen Kreisen selbst. Vargas setzt sie ein, um durch sie hindurch ein Porträt von Paris zu malen, wo nach Einbruch der Nacht alles möglich ist.

Kurz gesagt, dieses erste Buch der Reihe ist ein wahres Wunderwerk, sowohl in Bezug auf Handlung und Spannung als auch in Bezug auf den Stil und die Charaktere.

Der Tod und das dunkle Meer / Stuart Turton

Bouquinist

Ein unerwarteter Zwischenstopp im Jahr 2003 inspirierte Turton zu diesem fesselnden Kriminalroman. Nachdem er einen Flug nach Singapur verpasst hatte, saß der Autor, der freimütig zugibt, dass er nicht gut darin ist, Pläne einzuhalten, im australischen Perth fest. Um die Zeit totzuschlagen, besuchte er ein Schifffahrtsmuseum, wo er sich über den Untergang der Batavia im Jahr 1629 informierte. Jahre später beschloss er, die Geschichte des Schiffes auf seine Weise aufzuschreiben. Die wahre Geschichte sei so schrecklich, dass es „keinen Spaß gemacht hätte, sie zu lesen“, sagt Turton.

Bevor er dieses Buch schrieb, kehrte er nach Perth zurück, besuchte Indonesien (wo sein fiktives Schiff, die Saardam, den Hafen verlässt) und studierte Dokumente im British Museum und in der British Library. Er studierte Passagierlisten aus der Zeit um 1600 und entlehnte Namen für viele seiner Charaktere.

Weiterlesen

Der dunkle Bote / Alex Beer

Bouquinist

„Der dunkle Bote“ ist der dritte Band der August-Emmerich-Reihe erschien 2019, und wer sich vom Stil Daniela Larchers in den ersten beiden Bänden nicht davon hat abbringen lassen, in ein ausgehungertes Wien zwischen den beiden Weltkriegen zu tauchen, der findet den bisher stärksten Teil dieser Reihe vor. In der Zwischenzeit habe ich mir auch die beiden Isaak Rubinstein-Bücher von ihr zu Gemüte geführt, die nicht ganz so gelungen sind, aber ihr rasanter Stil bleibt doch relativ gesehen derselbe. Eine gute Figurenzeichnerin ist Alex Beer – so das Pseudonym der Autorin – nicht, dafür zieht sie mit ihrer Handlungsstruktur den Leser tiefer ins Geschehen. Ich habe mich bereits bei den anderen Emmerich-Bänden immer wieder etwas über die gewisse Leichtfertigkeit verschiedener Szenen beschwert, aber um ehrlich zu sein, ist in diesem dritten Band nichts mehr zu bemängeln. Die Atmosphäre steht und sie ist düster, der Horror sozusagen real.

Wer über Alex Beer schreibt, der fummelt schnell auch die Phrase „historisch korrekt“ aus den zuckenden Fingern, gerade so, als wäre das wichtig und auch so, als hätten diejenigen, die diese Phrase benutzen, überhaupt eine Ahnung von Geschichte, die tiefer geht als das, was man sich eben so anliest. Man kann immer nur von einer „gefühlten historischen Akkuratesse“ sprechen; wer das nicht tut, ist ein Quatschkopf, und vor allem jemand, der nicht versteht, wie Literatur funktioniert. Trotzdem ist es natürlich so, dass wir eine Zeitmaschine betreten, und diese Zeitmaschine, die funktioniert gut. Es ist eine Zeitmaschine in unseren Kopf hinein, denn dort finden sich schließlich alle Vorstellungen von Geschichte und Geschichten. Tatsächlich legt die Autorin großen wert auf Recherche und fügt in jedem ihrer Bücher einen umfangreichen Anhang hinzu.

Alex Beer hat eine unverwechselbare Stimme und das können nicht viele von sich behaupten. Und sie langweilt den Leser kein bisschen. Obwohl in der Emmerich-Reihe alle Fälle für sich stehen und auch abgeschlossen werden, gibt es eine klare Entwicklung was die fragile Karriere des Inspektors, aber auch sein Privatleben betrifft. Im Grunde setzt der Roman da ein, wo Die rote Frau aufhörte: auf der Suche nach seiner Familie. Erst dann kommt ein Mord dazwischen. Das war bisher anders gegliedert, die privaten Probleme eher eine eingeschobene Randerscheinung, aber bereits darauf ausgerichtet, zu eskalieren.

Weiterlesen

Auf den Spuren der Templer – Umberto Eco: Das Foucaultsche Pendel

Bouquinist
Das Foucaultsche Pendel

Umberto Eco war mit seinem „Foucaultschen Pendel“ nicht imstande, den unfassbaren Erfolg seines Debüts, „Der Name der Rose“ zu wiederholen, was kaum verwunderlich ist, schließlich wurden von diesem Buch seinerzeit 50 Millionen Exemplare verkauft, eine ungeheuerliche Summe. Das Buch wurde verfilmt, bekam sein Videospiel und drei Brettspiele obendrein, ganz zu schweigen von Baseball-Kappen, Kaffeetassen und einer Ecke im europäischen Disney-Park. Das Foucaultsche Pendel bekam nicht einmal ein lausiges T-Shirt, dabei ist es nicht weniger brillant inszeniert wie sein Vorgänger, enthält dabei jedoch mehr historischen Prunk und philosophische Spekulationen. Und da sind wir beim Kern: das Buch ist so gut, dass es für den Massengeschmack untauglich ist. Wie beim Namen der Rose geht es in diesem Roman um Bücher und die Schwierigkeiten, die sie verursachen können.

Ecos drei Protagonisten arbeiten in der Verlagsbranche, wo ihre Bemühungen hauptsächlich auf trashigen Büchern mit verrückten okkulten Spekulationen und Verschwörungstheorien basieren. Sie empfinden nichts anderes als Verachtung für die Autoren dieser Werke, aber aus reiner Langeweile beginnen sie, ihre eigene halbgare Verschwörungstheorie zu konstruieren.

Weiterlesen

Maurizio De Giovanni: Der Winter des Commissario Ricciardi / Maurizio De Giovanni

Bouquinist

„Ich will Blut, mein Zorn soll wirken, im Hass wird all meine Liebe enden.“

Das sind die letzten Worte, die der 31-jährige Luigi Ricciardi, Kommissar der Questura im faschistischen Neapel des Jahres 1931, von dem großen Tenor Arnaldo Vezzi hört. Sie stammen aus der Oper Pagliacci. Das wesentliche Detail, das die Fälle des Commissario Ricciardi seit Jahren in Italien zu einem großen Erfolg gemacht haben, besteht darin, dass der Tenor bereits tot ist, als Ricciardi diese Worte vernimmt, vorgetragen vom blutüberströmten und betäubten Geist des Opfers, der im Augenblick seiner Ermordung wie in einem Spuk gefangen ist. Ricciardi hat diese beunruhigende und unerwünschte Gabe seit seiner Kindheit: Die gespenstischen Bilder der Toten zu sehen. Nicht alle – nur die gewaltsam Verstorbenen, und nicht lange – nur in der Zeitspanne der extremsten Emotionen, in der die plötzliche Energie ihre letzten Gedanken offenbart.

Weiterlesen

Inhalte, Illustrationen, dargestellte Bilder & Fotos sind urheberrechtlich geschützte Werke ihrer jeweiligen Eigentümer*innen.

© 2026 DIE VERANDA | Alle Rechte vorbehalten.