Spawn – Gegen Himmel und Hölle

EIN TOTER SOLDAT kehrt aus der Hölle zurück

Spawn #1.
Von Todd McFarlane.

Die Ursprungsgeschichte von Spawn zeichnet sich durch eine besondere Art von Direktheit aus, die man sonst eher selten im Superhelden-Genre findet. Der Elitesoldat und CIA-Auftragsmörder Albert Francis Simmons wird von seinem eigenen Vorgesetzten umgebracht. Daraufhin landet er in der Hölle, wo er einen Pakt mit dem Teufel schließt, genauer gesagt mit Malebolgia, einem Fürsten aus Dantes Inferno. Schließlich kehrt er als Spawn mit einem lebenden, symbiotischen Necroplasma-Kostüm zurück zur Erde. Eigentlich wollte er seine Frau Wanda wiedersehen. Doch er findet eine Welt vor, die sich fünf Jahre ohne ihn weitergedreht hat. Wanda hat inzwischen seinen besten Freund Terry geheiratet. Und sein eigenes Gesicht ist zu einer verbrannten Maske geworden.

Emotional betrachtet ist eher eine Tragödie als eine Superheldengeschichte. Er ist ein Mann, der alles verloren hat, was ihn ausmachte: seinen Beruf, seine Identität, seinen Körper, seine Geliebte, quasi seine gesamte Zukunft. Nun muss er mit den Resten seines Lebens zurechtkommen. In Interviews hat Todd McFarlane immer wieder betont, dass Spawn von Anfang an eine zutiefst persönliche Figur war: die Verkörperung des Gefühls, von einem System benutzt und weggeworfen zu werden. Als jemand, der jahrelang Spider-Man bei Marvel gezeichnet hatte, ohne angemessene Rechte und Anerkennung zu erhalten, kannte McFarlane dieses Gefühl aus erster Hand.

Die Biografie im Kostüm

TODD McFARLANE und die Revolution von 1992

Todd McFarlane autor, zeichner und verleger

Einer der einflussreichsten Comiczeichner seiner Generation. Sein Spider-Man-Run Ende der 1980er setzte neue Standards für dynamische Zeichensprache und verkaufte sich in Millionenauflage. 1992 gründete er mit sechs anderen Marvel-Starzeichnern Image Comics, und Spawn wurde das Symbol dieser Unabhängigkeitserklärung.

Die sieben Rebellen image comics mitbegründer 1992

McFarlane, Jim Lee, Rob Liefeld, Marc Silvestri, Erik Larsen, Jim Valentino, Whilce Portacio. Sieben der meistverkauften Zeichner Marvels verließen gleichzeitig den Verlag. Es war der größte kreative Exodus in der Geschichte des amerikanischen Comics, und er veränderte die Machtverhältnisse der Branche dauerhaft.

Todd McFarlane

Was Todd McFarlane als Zeichner auszeichnete und Spawn sofort unverwechselbar machte, war sein Verhältnis zum Raum, besser gesagt dessen Abwesenheit. McFarlanes Panels sind Schlachtfelder aus Tinte. Spawns Umhang, das ikonischste visuelle Element der Figur, ist lebendig und füllt die Seiten mit einer Dynamik, die kein Stoff einfach so erreichen könnte. Der Umhang ist tatsächlich ein eigenständiger Charakter. Er reagiert auf Spawns Emotionen, greift an, schützt und huscht als dunkle Welle durch Hintergassen. McFarlane hatte bei Spider-Man gelernt, Bewegung zu zeichnen. Bei Spawn ließ er den Stoff selbst denken.

Für das Verständnis der Figur ist es wichtig zu wissen, dass McFarlane in den frühen Jahren auch der Autor von Spawn war, bevor er Schreiber wie Frank Miller, Alan Moore, Dave Sim und Neil Gaiman für Gastausgaben einlud. Die frühen Spawn-Hefte haben eine emotionale Rauhheit, die von einem Zeichner stammt, der seine Geschichte zum ersten Mal in Worte fasst und dabei keine literarische Ausbildung als Background hat. Das wirkt manchmal etwas holprig, ist aber auch authentischer als alles, was ein professioneller Comicautor geschrieben hätte.

DIE REVOLUTION die die Branche veränderte

Im Jahr 1992 kam es zu einer bedeutenden Veränderung auf dem amerikanischen Comicmarkt: Image Comics sorgte für eine wahre Revolution. Bis dahin hatten Marvel und DC die Szene dominiert, und die Zeichner und Autoren gaben ihre Rechte an die Figuren immer an den Verlag ab, unabhängig von der Popularität der Werke. Jack Kirby zum Beispiel schuf Captain America, die Fantastic Four und die New Gods, und erhielt keine angemessene Kompensation für seine Schöpfungen. Bill Finger, der Batman mitentwickelt hatte, wurde jahrzehntelang nicht einmal namentlich erwähnt. Dieses System war so verankert, dass es als selbstverständlich angesehen wurde.

Als McFarlane und seine sechs Mitstreiter Image Comics gründeten, war das Grundprinzip radikal einfach. Jeder Schöpfer behält die Rechte an dem, was er erschafft. Es gibt keinen Verlag, keine Firma, keinen Editor – die Figur gehört dem Künstler, der sie zeichnet. Spawn war das erste und lauteste Produkt dieses Prinzips. Und die Verkaufszahlen konnte die Branche nicht ignorieren. Spawn #1 verkaufte sich in einer Erstauflage von 1,7 Millionen Exemplaren. Das war die meistverkaufte Erstausgabe einer unabhängigen Comicserie in der Geschichte des Mediums.

Image Comics bewies 1992, dass Leser einer Figur (oder einem Kreativen) folgen, nicht einem Verlagsnamen. Das ist eine Erkenntnis, die den Markt bis heute prägt, und die ohne McFarlane und Spawn in dieser Deutlichkeit nie gemacht worden wäre.

DAS LEBENDE KOSTÜM als Hauptdarsteller

Von Todd McFarlane

In der Comicgeschichte gibt es wenige visuelle Elemente, die so unmittelbar mit einer Figur verbunden sind wie Spawns Umhang. Er ist ein Symbiont, ein lebendiges Wesen aus Necroplasma. Er reagiert auf Spawns Gedanken und Gefühle, greift an und verteidigt, kann sich in riesige Flügel entfalten oder zu einem schützenden Kokon zusammenziehen. McFarlane hat ihn stets so gezeichnet, als würde er im Wind einer anderen Welt wehen, in einer Kombination aus Schwere und Leichtigkeit, die physisch unmöglich, aber visuell unwiderstehlich ist.

Was dieser Umhang erzählerisch leistet, ist subtiler, als es auf den ersten Blick scheint. Spawn ist ein gebrochener Mann, ein ehemaliger Soldat ohne klare Mission, Identität oder Zukunft. Der Umhang verleiht ihm eine überwältigende Präsenz, während der Mensch darunter langsam zerfällt. Dies ist die visuelle Artikulation eines klassischen Superhelden-Paradoxons. Die äußere Macht steht im umgekehrten Verhältnis zur inneren Zerrissenheit. Je imposanter der Umhang, desto verlorener der Mann darin.

Greg Capullo

ZWISCHEN HIMMEL UND HÖLLE

Spawn ist eine der bemerkenswertesten Mainstream-Comicfiguren, die das amerikanische Medium je hervorgebracht hat. Und das in einem Genre, das so großartige Figuren wie Doctor Strange, Etrigan und Phantom Stranger enthält. Was Spawn von diesen Figuren unterscheidet, ist die Radikalität seiner moralischen Position. Er verweigert beiden Seiten des kosmischen Konflikts die Gefolgschaft.

Himmel und Hölle kämpfen in Spawns Universum um die Kontrolle über die Menschheit, und beide sind korrupt. Die Engel sind bürokratisch kalt, jederzeit bereit, für einen strategischen Vorteil Millionen zu opfern. Die Dämonen sind offensichtlich böse, aber wenigstens sind sie ehrlich, was ihre Natur betrifft. Spawn lehnt beide Seiten ab. Er kämpft für konkrete Menschen in konkreter Not, obwohl er ein Werkzeug der Hölle ist. Schon gar nicht kämpft er für irgendeine Ideologie.

Diese Position hat eine philosophische Konsequenz, die McFarlane in den besten Phasen der Serie voll auslotet. Wenn beide Seiten des kosmischen Konflikts unmoralisch sind, dann ist Moral keine Frage der Zugehörigkeit, sondern der individuellen Entscheidung. Das macht Spawn zu einer Figur des radikalen Individualismus, allerdings nicht der libertären Version davon, sondern der ethischen. Er kennt nur einen einzigen Maßstab: das, was er war, bevor das System ihn korrumpierte.

Spawn fragt das Genre: Was, wenn beide Seiten des Kampfes zwischen Gut und Böse unrecht haben? Was bleibt dann als Grundlage für eine Entscheidung, außer dem einzelnen Menschen und dem, was er liebt?

DER ERSTE SCHWARZE SUPERHELD im Mainstream-Rampenlicht

Al Simmons von Todd McFarlane

Al Simmons ist ein schwarzer Amerikaner, und das ist in der Geschichte des Superhelden-Comics von entscheidender Bedeutung. Als 1992 Spawn erschien, gab es im Mainstream-Comic kaum schwarze Protagonisten in eigenen Serien. Black Panther existierte seit 1966, Blade seit 1973, aber beide lebten in den Randzonen des Verlagsbetriebs. Bei Spawn war es das erste Mal, dass ein schwarzer Superheld in einer eigenständigen Serie und in hoher Auflage erschien.

McFarlane hat in Interviews gesagt, dass er sich bewusst dafür entschieden hat, Al Simmons‘ Identität anders zu gestalten. Er wollte eine Figur erschaffen, die anders aussieht als die weißen Helden des Mainstreams. Was er damit auslöste, war mehr, als er gedacht hatte. Der Kinofilm von 1997 mit Michael Jai White war einer der ersten großen Superheldenfilme mit schwarzem Protagonisten. Das war sechs Jahre vor Blade (1998) in seiner bekanntesten Form und neun Jahre vor dem schwarzen Superhelden als Massenphänomen.

ANGELA UND DIE GRENZEN des Creator Ownership

Angela im Spawn-Sonderheft. Gezeichnet von Greg Capullo

Die Geschichte von Neil Gaimans Beteiligung an Spawn ist eine der lehrreichsten und schmerzhaftesten Anekdoten der Comicgeschichte. Lehrreich deshalb, weil sie zeigt, dass selbst das System, das gegen Ausbeutung gegründet wurde, in Ausbeutung enden kann.

Gaiman schrieb 1993 Spawn #9 und erschuf dabei zwei Figuren: Medieval Spawn und Angela, eine Engeljägerin. Die Ausgabe war sowohl ein kritischer als auch ein kommerzieller Erfolg. Was dann kam, war ein jahrelanger Rechtsstreit darüber, wem diese Figuren gehören. McFarlane war der Meinung, sie seien Bestandteil des Spawn-Universums und damit sein Eigentum; Gaiman argumentierte hingegen, er habe sie erschaffen, also seien es seine Figuren. Der Streit landete vor Gericht, endete in einem Vergleich, und Angela wanderte schließlich zu Marvel, wo sie heute als Thor-Schwester im Avengers-Universum existiert.

Die Ironie ist ziemlich bitter. Image Comics wurde gegründet, um genau diese Art von Konflikt zu verhindern, um sicherzustellen, dass Kreative die Rechte an ihren Figuren behalten. Dass ausgerechnet das erste große Creator-Ownership-Unternehmen des amerikanischen Comics einen solchen Rechtsstreit produzierte, ist dann doch recht armselig.

KEITH DAVID, DUNKELHEIT und das beste Spawn-Produkt außerhalb des Comics

Keith David

Die HBO-Animationsserie (1997–1999) ist in der langen Geschichte der Spawn-Adaptionen das einzige Produkt, das dem Comic in seinen besten Momenten ebenbürtig ist. Das liegt an einer Reihe von Entscheidungen, die damals recht mutig waren, denn die Serie war für ein erwachsenes Publikum konzipiert und machte keine Zugeständnisse an eine jugendliche Zuschauerschaft. Sie zeigte Gewalt, Prostitution, politische Korruption und religiöse Ambiguität mit einer Ernsthaftigkeit, die für das Animationsformat äußerst ungewöhnlich war.

Keith David als Spawns Stimme passt an dieser Stelle perfekt. Seine Stimme klingt tief und traurig, aber auch kraftvoll. Er klingt wie jemand, der schon viel erlebt hat und trotzdem weitermacht, weil es niemand sonst tut.

Dass die Serie nach drei Staffeln eingestampft wurde und bis heute keine würdige Fortsetzung gefunden hat, ist ein großer Verlust. McFarlane arbeitet seit Jahren an einem Neustart, einem düsteren, horrororientierten Spielfilm, der Spawn als Monster behandeln soll, aber bist zum heutigen Tag hat man von dieser Idee nichts mehr gehört.

DAS SYMBOL einer Generation

Spawn kam 1992 in einer Zeit auf den Markt, in der sich die Comicbranche in einer Krise befand. Einige Zeichner wollten das alte System nicht mehr akzeptieren. Das Publikum war inzwischen groß genug, um diese Entscheidung mit seinem Geld zu unterstützen. Dieser Moment ist zwar vorbei, aber seine Auswirkungen sind noch da. Image Comics existiert. Creator Ownership ist ein anerkanntes Prinzip. Schwarze Superhelden haben Kinofilme, Fernsehserien und eigene Universen.

All das begann nicht mit Spawn. Aber Spawn war das sichtbarste Argument für diese Entwicklungen, ein Manifest in Tinte und mit einem Umhang, der sich in den Panels entfaltete.

DER SOLDAT der nie nach Hause kommt

Al Simmons wollte Wanda wiedersehen, und als er sie sah, wurde ihm klar, dass sie ohne ihn ein besseres Leben führte als mit ihm. Das ist die eigentliche Tragödie von Spawn. McFarlane kehrt immer wieder zu ihr zurück, weil sie das ehrlichste Stück Schmerz in der gesamten Serie ist, der Moment, in dem man erkennt, dass die eigene Rückkehr kein Happy End, sondern eine Komplikation im Leben anderer ist.

Seither kämpft Spawn für Menschen, die ihn nicht kennen, in Gassen, die kein Held besucht, gegen Bedrohungen, die keinen Pressebericht wert sind. Es ist das Heldentum eines Menschen, der nichts mehr zu verlieren hat, und der genau deshalb frei genug ist, um das Richtige zu tun.

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Er kam aus der Hölle zurück und erkannte, dass sich die Welt ohne ihn weitergedreht hatte. Seither dreht er sich mit, aber nach seinen eigenen Regeln.