Ich hege die Vermutung, dass meine andauernde Zeterei an einer geringen Fokussierung meines Kulturauftrags liegt. Damit ist selbstverständlich nicht das gemeint, was der öffentliche Rundfunk von sich hält. Der Kulturauftrag besteht vielmehr darin, alles Nötige zu tun, um die eigene Existenz zu erforschen, quasi von Geburt an. Ohne Richtschnur, eher im Sinne der Chaostheorie. Ich bin bisweilen sehr verblüfft, wie wenig mein Hinausreichen in die Welt dem eigentlichen Spiel entspricht. Das Spiel heißt freilich „gefallen“, aber wenn man das will, muss man die Kuh melken, wenn sie einem hingestellt wird. Da nützt es nichts, wenn man gerade lieber Fischen gehen will.
M.E.P.
Der falsche Preuße / Uta Seeburg
Uta Seeburgs Debüt um den Preußischen Sonderermittler Gryszinski, den es in die Landeshauptstadt Bayerns verschlagen hat, erschien im August 2020 und es war natürlich davon auszugehen, dass die Autorin bald ihrem zweiten Roman dieser überaus genussvollen neuen Reihe vorlegt. Der ist auch schon unter dem Titel „Das wahre Motiv“ erschienen und wir sehen uns auch den bald hier an.
Historische Kulissen sind bei Weitem nichts neues in der Literatur, aber in den letzten zehn Jahren ist das Genre regelrecht explodiert und während angelsächsische Erzähler an ihrem viktorianischen London arbeiten, Franzosen ihr pittoreskes Paris auspacken und auch in der Fantasy immer mehr auf historische Schlachten Bezug genommen wird, können deutschsprachige Autoren natürlich ebenfalls auf eine sehr erlebnisreiche Zeit zurückgreifen. Neben dem offensichtlichen Magneten zwischen den beiden Weltkriegen, hat sich Uta Seeburg für den nahenden fin de siecle entschieden, ein neunzehntes Jahrhundert, das mit reichlichen Innovationen zu Ende geht, die Elektrizität gerade auf dem Vormarsch ist und so eine Epoche des Übergangs markiert.
Dunkelheit der Seele
Als ich anfing, ist’s (dann doch) ein Köter geworden. Aber Mary hatte einen Zahn. Die Wiese ging nur bis zum Baum und verschwand in dem ein oder anderen Garten, schließlich waren wir alle nicht besonders rücksichtsvoll und wollten gemeinsam die Alte Mutter ausgraben, die hier irgendwo liegen sollte. Ich grub zuerst (und es ist – dann doch) ein Köter geworden, den ich fand. Knochig und gelöst von Würmern und Dingen, die so bizarre Namen trugen wie Triosephosphatisomerase.
Er kam mit mageren Lenden, magerem Beinwerk, gar keine Macken außer seinen zuckersaugenden Lippen (wenn er denn Zucker fand, zu einem Würfel zusammengehauft). Die Rippen eher die Adern eines Blattes, Spanten eines versunkenen Schiffes : so schritt er den Gurtbogen entlang des Tonnengewölbes, kratzte sich die Kehle frei und schmetterte wie ein Bügelhorn : Jetzt bin ich so weit gekommen, und wenn ich mich umdrehe, erkenne ich die Hand vor lauter Augen nicht mehr, so nebelicht scheint mir der Weg, versponnen mit der Dunkelheit der Seele!
Krempel
Ich komme mit dem Krempel der Weblogs nicht klar. Das heißt, dass ich seit Jahr und Tag an allem herumfummle, statt mich einfach auf den Content zu konzentrieren. Das hat etwas Exzessives. Ich bin mir nicht sicher, ob es daran liegt, quasi gar kein Publikum zu bedienen. Es gab eine Zeit – und die ist schon lange hinter der Couch verschwunden – da reimte ich mir die Zukunft schreibend aus. Immer nur schreibend, selbst (oder gerade), wenn es sich um Belanglosigkeiten wie gerade eben handelte. Da käme möglicherweise mehr Rätselhaftes zusammen als wenn ich einen Plan verfolgen würde. Ich dachte mir, dass es morgens, gleich nach dem Aufstehen geschehen könnte. Ohne nachzudenken erst einen Blogeintrag verfassen. Zum Zweck des Rituals. Die Tat ist ein mächtiges Instrument, hat sich aber immer mehr vom eigentlichen Erguss distanziert. Selbstverständlich arbeite ich noch genug an Übersetzungen und Artikeln für das Phantastikon, aber das ist eher Augenwischerei, gerade weil in diesen Artikeln versucht wird, einen Sachverhalt darzulegen. Nicht zu akademisch (am besten gar nicht), aber auch nicht zu unterhaltsam. Trotzdem. Es ist nicht das, was es herauszuholen gäbe. Es ist ziemlich verrückt, dass ich ein so großes Aufsehen um das Erscheinungsbild des Blogs (hier jetzt die Veranda) mache, aber aus irgendeinem Grund, muss ich den Text sehen und die Buchstaben schön finden; oder die Aufteilung; oder das Nichts um etwas herum. Ich habe mich zu sehr auf ein Magazin versteift. Die Veranda gibt es jetzt seit fast zwanzig Jahren, und was hätte das alles sein können. So ganz von vorne anfangen will ich nicht, weil einige Zeugnisse meiner tiefen Verwirrung durchaus Bestand haben müssen, um daran anknüpfen zu können. Der Reisegrund steckt im Geist, in der geistigen Zeit, in der Zeitlinie, die keine Grenzen kennt.
End of Story / AJ Finn

Seit seinem fulminanten Debüt haben viele von uns gespannt darauf gewartet, was A. J. Finn in seinem zweiten Roman veröffentlichen würde. Finns erstes Buch –The Woman in the Window – war in jeder Hinsicht ein Erfolg. Es eroberte die literarische Welt im Sturm und erreichte schnell den Status von Gone Girl. Es führte viele Menschen, die sich selbst als Gelegenheitsleser bezeichneten, in die Liebe zu psychologischen Thrillern und mörderischen Wendungen ein. Sein zweiter Roman erschien Anfang 2024, und ich fand, dass End of Story eine andere, aber nicht weniger spannende Richtung für Finn war. Sein erstes Buch war in jeder Hinsicht ein psychologischer Thriller mit kommerzieller Anziehungskraft, sein zweites Buch ist ein literarischer Thriller mit professioneller Planung, der Finns schriftstellerisches Talent unter Beweis stellt.
Nach dem sensationellen Erfolg seines Debüts konnte es nicht ausbleiben, dass sich Schmarotzer an seine Versen hefteten, woraus eine regelrechte Schmutzkampagne gegen ihn Fahrt aufnahm, 2019 abgedruckt im New Yorker. Das soll uns aber hier nicht interessieren, weil es tatsächlich auch uninteressant ist. Konzentrieren wir uns lieber auf ein Buch, das beweist, dass Finn eines der größten literarischen Talente der heutigen Zeit ist. Wenn Sie sich jemals gefragt haben, welche Bücher zeitgenössischer Autoren in fünfzig bis hundert Jahren als Klassiker gelten werden, dann ist End of Story mit Sicherheit eines davon.
Das blutrote Kleid
Jedes Bild in Das blutrote Kleid des Genreregisseurs Peter Strickland ist bis ins kleinste Detail stilisiert. Eine solche Stilisierung mag die Geduld mancher Zuschauer auf eine harte Probe stellen, aber hier ist ein Maß an schamlosem Selbstbewusstsein vorhanden, das man nur begrüßen kann. Die Handlung dreht sich um ein verzaubertes Kleid und seine unheimlichen Auswirkungen, wenn es von einer Trägerin zur nächsten weitergereicht wird. Das Kleid selbst ist wunderschön anzusehen – seine tiefrote Farbe und die drapierte Silhouette sind unbestreitbar sinnlich, während der Stil des Giallo, der Softcore-Pornografie und des klassischen europäischen Kammerspiels imitiert wird.
Wie schon Stricklands Vorgängerfilm The Duke of Burgundy spielt Das blutrote Kleid in einem Universum, das an die 1970er Jahre erinnert, aber letztlich aus der Zeit gefallen ist. Beide Filme sind üppig und karg zugleich. Stricklands Inszenierung ist von fetischistischen Details geprägt, und einige der auffälligsten Passagen in Das blutrote Kleid drehen sich um Schaufensterpuppen und vaginale Bilder.

Holmes Bd. 1: Abschied von der Baker Street
Eigentlich ist dem Kanon von Sherlock Holmes nichts mehr hinzuzufügen, vor allem auch, weil durch unzählige Filme und grauenhafte Weiterschreibungen mittlerweile ein recht dreckiges und unansehnliches Wasser entstanden ist. Es gab nach Arthur Conan Doyle nur wenige autorisierte Autoren, die sich diesem Kanon mit allem gebührenden Respekt näherten. Von allem anderen sollte man tunlichst die Finger lassen, wenn man sich wirklich für den Mythos interessiert.
Jetzt könnte man natürlich reflexartig auch das Werk von Luc Brunschwig, das von Cécil gezeichnet wurde als apokryphen Nonsense verwerfen, aber das wäre dann doch ein wenig verfrüht. Die Prämisse, die hier geboten wird, ist nämlich eine, die durchaus auch schon von den Sherlockians diskutiert wurde: Wie weit ging Sherlocks Kokainsucht? Was könnte daraus resultieren?

Am 4. Mai 1891 verschwand Sherlock Holmes in den Reichenbachfällen und nahm Professor Moriarty, seinen größten Feind, mit in den Tod. Doch ist der große Detektiv wirklich tot? Wenn ja, warum lässt sein Bruder Mycroft die Baker Street 221b räumen und alle Akten verbrennen, an denen er in den letzten zwei Jahren gearbeitet hat? Warum enthält die Moriarty-Akte, die Inspektor Patterson vom Yard ausgehändigt wurde, nur leere Blätter? Je mehr Dr. Watson ermittelt, desto größer wird das Rätsel…
Starte bitte neu und neu und neu und neu
Während des Voranschreitens überhole ich mich meist selbst. Was vor einigen Jahren noch als Traumidee galt, könnte ich jetzt besser machen. Es wäre zum Beispiel kein Problem, den Phantastikon-Podcast so hinzubiegen, dass er meinen gegenwärtigen Vorstellungen entspricht, aber nein, ich schaue mich gleich nach einer neuen Plattform um und will alles von vorne beginnen. Dabei geht es thematisch gar nicht um einen großen Wechsel. Interessante Geschichten sollen es sein, nicht länger als im Schnitt zehn Minuten. Dennoch werde ich das Gefühl nicht los, falsch begonnen zu haben; der Podcast sollte ein Zusatzangebot im Magazin sein, und so ist dieses jetzt ein Gewurstel aus Artikeln und Audiotexten, die ohnehin niemand liest. Und manche dieser Texte sind ja auch scheiße, was die Formulierungen betrifft. Nachzulesen ist das ja auch in manchen Artikeln, die ich hier in der Veranda eingestellt habe. Nur weil ich bereits über 200 Folgen produziert habe, bedeutet das nicht, dass es nur um die Erhöhung der Zahl geht. So eine frische Nummer 1 ist durchaus ein attraktiver Gedanke.
Schusters Gespenster: Eine spukhafte Kinderserie aus dem Jahr 1978

Wann immer ich eine Serie oder einen Film aus den guten alten Zeiten ansehe, dann fallen mir vor allem die Farben auf. Ich könnte auch über Düfte reden, aber die sind für Filme eher uninteressant. Die Realität – oder zumindest das, was wir so nennen – hatte andere Farben als heute. Und ich kann euch auch sagen, woran das liegt: es handelt sich nicht um die gleiche Welt. Nehmen wir zum Beispiel Schusters Gespenster. Erinnert sich noch jemand daran?
Diese Kinderserie war in den späten 70er Jahren ein Hit im deutschen Fernsehen und erreichte ziemlich gute Einschaltquoten. Die meisten dürften sie aber vergessen haben. Sie ist – wie vieles, das einen bestimmten Punkt in der Zeit abbildet – darüber hinaus völlig irrelevant.
Die Legende von Sleepy Hollow

Wenn ich heute von der Legende von Sleepy Hollow spreche, dann dreht es sich explizit um die Geschichte von Washington Irving, die ja bereits mehrere Male verfilmt und die direkt von der Sage beeinflusst wurde. Einen Artikel (und Podcast über den kopflosen Reiter gibt es bereits im Phantastikon). Die Unterschiede liegen auf der Hand. Hier wurde ein Stoff fiktionalisiert, der schon lange im Umlauf war.
Die Legende ist sowohl eine charmant-kuriose Geschichte über die Versuche eines unbeholfenen Lehrers, die Tochter eines reichen Gutsbesitzers zu umwerben, als auch eine Charakterisierung des gotischen Schreckens, wie er in Geschichten wie Das Schloss von Otranto, Der Käfer oder Dracula vorkommt.