Kältekontainer (Reprise)

Der Todesnebel wuchert, und
die Schweineleiber erzittern in diesem Dunst.
Darunter liegt gefesselt die Nackte, tot ist sie noch nicht.
Ihre Gedanken schweifen in dieser merkwürdigen Stunde
einem Leben entgegen, das sie glaubt, einst gehabt zu haben.

Sie denkt: „War ich nicht ein Mädchen von stillem Gemüt?
Nie aufsehenerregend eilte ich um die Eckpfeiler eines ganzen Lebens,
durch die Tore hindurch, die von den Träumen gebaut wurden,
die gleichen, die mich in die Welt entließen.“

Ähnliche Beiträge

  • Dass sich hinter meinem Rücken selbst viele Rätsel aufgestaut haben

    Mir sind jene Geschichten lieb, in denen jemand nach seiner verlorenen Vergangenheit sucht. Herausgefunden habe ich diese Vorliebe für diese spezielle Form der Queste, als ich vor Jahrzehnten Tabucchis Indisches Nachstück las. Es war mir stets ein Ereignis, von einer melancholischen Vergesslichkeit zu träumen, die unmittelbar auf die Vergänglichkeit verweist.

    Mehr lesen „Dass sich hinter meinem Rücken selbst viele Rätsel aufgestaut haben“
  • Jeder Spuk ein Manifest

    Ich weiß nicht, ob es hier begann. Denke ich darüber nach, gibt es weder einen Anfang noch ein Ende, nur die sichere Entropie.

    Jeder Spuk ist, für sich genommen, ein Manifest der Aufzeichnung gewaltiger Gefühlsregungen, die im Augenblick des äußersten Schreckens eine unauslöschliche Spur hinterlassen. Aber auch die Zeugnisse, die nicht der Tragödie oder dem Grauen entspringen, sind noch vorhanden. Sie sind nur nicht dazu gedacht, wahrgenommen zu werden, damit die schwarzen Blüten selbst besser zur Geltung kommen. Doch diese Spielart der Ewigkeit ist nichts im Vergleich zu jenen Vorkommnissen, die keine andere Neigung zu haben scheinen, als die Tore ins Chaos zu bilden – hinaus und hinein. Diese Tore haben eine ähnliche Funktion wie das Filtersystem, das unser Bewusstsein vom Unterbewusstsein trennt. Es ist eine Sache, über die Möglichkeiten der Materie zu sprechen, aber es ist etwas völlig anderes, über die Möglichkeiten des ganzen Universums zu sinnieren. Möglichkeiten, die nirgendwo anders hinführen als in den Wahnsinn.

  • Der wilde Wind -1-

    Anna Schikowski hatte es sich angewöhnt, ihre ›große Wäsche‹  in die Nachtstunden zu verlegen. Ihre in jungen Jahren lapidare innere Unruhe hatte sich Laufe der Zeit zu einer ausgemachten Schlaflosigkeit gesteigert, die auch der zermürbende Haushalt nicht zum Erliegen bringen konnte. Sie hatte dem entgegenzuwirken versucht, indem sie immer etwas mehr tat, und das, was sie tat, zu beschleunigen. So wuchs ihr Garten zu einem majestätischen Kräutergarten heran, Kohl, Karotten, Sellerie, Zwiebeln, Knoblauch, Schwarze Johannisbeeren, Äpfel, Quitten und Zwetschgen gediehen neben Majoran, Dost und Echtem Thymian, sie extrahierte ätherische Öle, Bitterstoffe, Gerbstoffe, Schleimstoffe, Alkaloide und herzwirksame Glykoside, Anthrazenderivate und Flavonoide. Im Zuge ihrer Kenntnisse hatte sie aufgehört, für die Wäsche Buchenasche und abgestandenen Urin zu verwenden, und mischte Soda mit Zitronenöl und Schmierseife zusammen, die sie mit Ätzkali und Sonnenblumenöl ebenfalls selbst anrührte.

    Mehr lesen „Der wilde Wind -1-„
  • Maskenpampe

    In einem maskierten Universum ist der klare Verstand eine Verwässerung der Illusion, so machen wir ihn unrein und der Schmutz will unsere Augen schützen vor den Dörfern, die nach uns geworfen werden.

    Man kann sich dann am besten sehen, wenn man sich nicht erwartet, ein Flirren in den Winkeln der Dimensionen, die ihre Handtücher falten. Diese ganzen Farben schau schau. Im Innern der Blutbahn fängt man sich an den Wänden wieder ein. Ich habe schon einmal gesagt, dass ich es brauche. Ein Heldenepos liegt auf dem Küchentisch. Bring es doch bitte nach nebenan.

  • Warum ein wilder Ritt nicht zum Ufer führt

    Das Irrsein spricht in glatten Talern,
    es biegt Bäume im Wind und achtet nicht auf das
    Ungemach, verborgen noch in Schloten und hinter
    mesmerisierenden Worten. In der Nacht stehen die
    Stühle still auf all ihren vier Hufen, gereinigt von
    den Ärschen des Tages, die sich im Sitzen Visionen
    ihrer Zukunft erdenken. Unter den Brücken gefriert
    die Luft in den Lungen, ein Ziel ist auch ihnen
    unbekannt. Sie beben stets über einem Orkan,
    zwischen den Gliedern nur ein Seufzen.

    Lichter, wunderdicht
    Armengebein, Finder von
    Trassen

    Die Szenarien der Taubheit sind angebrochen – nichts bleibt
    außerhalb einer endlos rollenden Straße gesichtsreif, nichts
    streitet sich über den Tag oder das darin verborgene Wunder.
    Als gäbe es nichts zu tun scheinen die Häuser leer, so
    legen sich die Dörfer in die Mitte, dorthin, wo früher
    die Muttersau ihren Ferkeln zum Brunnen wurde. Um die
    Gassen wird ein Gedanke geführt – Halt sucht er vergeblich
    am blanken Mauerwerk, dem Holzgestade ringsherum.

    Die Knochen könnte der Mörtel geben, ritzenfest und
    weniger schmuck als vorgesehen. Die tastbaren Hindernisse
    fehlen, die Scharten waren nie dazu gedacht, Fenster zu
    werden. Das Auge glüht sich in ein Bild, ein Streifen
    der Weltfedern fern der Hieroglyphen auf Toren, Portalen,
    Stelzen und geschnitzten Männchen. Ich setze mich auf diesen
    unzugänglichen Stuhl, betrachte über mir die Launen der
    verirrten Sträucher, gekennzeichnet durch Knoten in den
    neu erwachten Trieben, mit denen sie die Pfosten sprengen.

    Die Menschheit ist ein Klumpen
    und die Worte reduzieren sich
    sie sind ein Bestandteil des Irrationalen
    das alles bestimmt

    manchmal feiert sich eine Zusammenkunft der
    Klicklaute

    (Das eines Tages zu sprechen ist ein
    ständiges Bewegen der Lippen)

    Ich weiß auch nicht, was sie alle hatten,
    auf einmal waren sie fort, ein Ring
    aus Düften haftete wie Schnee an
    den Ketten, weiß und Begierig darauf,
    kalt zu sein
    Kältebrausen – aber nur farblich – ihr
    Fragment blieb ihnen erhalten