Und der Sterbliche steht da mit nassen, aber stumpfen Augen neben der überirdischen Szene, eingesponnen von Geisterraupen.
Ein Buch, vielblättriges Klee. Ein Buch, mit wilden Ergänzungen, neugefundenes Land, Noval-Acker im Broca-Hirn. Du musst – ich kann’s nicht mehr, sagt Richter, schiebt die Buttensuppe etwas unsauber zur Seite und fragt nach einem Humpen Bayreuther Bier, während die anderen die Tapeten befummeln.
„Brauchen die etwa Stifte?“
Und Schang dreht sich zu Hardenberg und Tieck. „Vielleicht fehlt ihnen der persönliche Bezug zur Tafel, die du feilhältst. Und ich bin’s nun auch leid. Es ist mitnichten angenehm, durch den Nebel zu schwirren, der ja von keinem Stoffe daran gehindert wird, in direkter Weise das Gemüt einzunässen. So ist’s als Geist. Wir hatten noch kurz vorher ein Gespräch, wie es denn wohl gewesen wäre, wenn man Lenzens Reformplan des Militärwesens in Weimar angenommen hätte, der aus einem kühnen Amazonenkorps von ledigen Edelhuren bestehen sollte, als die Nebulnis auch gleich nachließ und uns alle an ein Gasthaus denken ließ, das sich da wie ein zerrissener Traum auftat. Denk an, wir schliefen bis heut‘, und träumten, was wir jetzt würklich vor uns sehen. Eindrucksvoll und garstig. Gib ihnen Stifte, mir bitte einen Humpen! Alles ist mir recht, nur golden muss das Flüsschen sein!“
Im 19. Jahrhundert schrieb ein deutscher Psychiater und Schriftsteller ein Kinderbuch, das, würde es heute veröffentlicht, einen unerhörten Skandal hervorrufen würde.
Man schrieb das Jahr 1845, der Autor war Heinrich Hoffmann, und das Buch hieß Der Struwwelpeter. Es ist das verrückteste Buch, das je in Deutschland erschienen ist, in dem jede darin enthaltene Moralgeschichte darauf abzielt, kleine Kinder zu gutem Benehmen zu erziehen.
Heinrich Hoffmann
Während die meisten Eltern das Buch heute als verstörend empfinden würden, liebten die Eltern von 1845 das Buch und fanden es unglaublich lustig. Der Struwwelpeter enthält zehn sehr kurze, aber schonungslose Geschichten. Im Gegensatz zu anderen Gutenachtgeschichten werden hier kleine Kinder für bizarre Fehler und schlechtes Benehmen hart bestraft.
Wenn das Scheiterfeuer ausfährt, Arme in die Luft walzt und sündengeschwärzt die Grasnaben höllenheiß anlangt, trocknen die schweißverzerrten Gesichter, fallen in sich zusammen, blähen sich neu auf. Mit den Lippen springend führt die Hand den läppischen Wein zum Maule der offenen Kehlen. Aber auch Mineralwasser stehen bereit : Pyrmont, Eger, Karlsbad, Sauerbrunn, Seltz, Fachingen. Aus dem rembrandtschen Feuer hallen Rufe : Man will ins Diesseits brechen, die Aufgabe ist durchaus groß; so sind zwar die Gestalten der langen Nacht nur Boten, die Nachricht aber ist dringlich.
Da also verlassen sie ihre Schatten wie Pflaumen, die von Bäumen purzeln. Es sind all die toten Dichter und sie fordern ein Buch. Nur Goethe, der Verächter noch im Jenseits, fehlt. Dafür steht der kopflose Schiller Spalier gleich neben Richter, der mich, seinen Landsmann, neugierig anschielt.
Für diesen seltsamen Besuch habe ich mir einen Vorrat angelegt: Bärendreck, Hefekringel, Puffmais, Rahmstrudel, Zuckermus, Süßholz, Knusperflocken, gedeckte Apfeltorte, Molossol, „verlorene Gier“, Knuddelflecke, Buttensuppe, Pumpernickel. Für ein Bade sind’s zu viele der entrückten Musensöhne. Wer hätte nicht schon gern mit den Geistern der Vergangenheit Zeit in einem Nymphenkübel verbracht? Doch ich befinde mich in der Umgebung nur schlumpiger Moderne, wo Haarhecken und von der Schere abgenagte Nägel dem Abguss regelmäßig einen Pfropf aufsetzen.
Genre- und Subgenre-Labels gibt es aus gutem Grund – um die Leser mit der Art von Literatur zu verbinden, die ihnen gefällt. Zumindest heutzutage obliegt eine solche Kategorisierung eher den Vermarktern und Buchhändlern als einer tatsächlichen Unterscheidung durch Fans oder Autoren. Aber das war 1961 definitiv nicht der Fall, als Mitglieder der Robert E. Howard-Fangruppe, der Hyborian League, erkannten, dass sie einen Namen für jene besondere Art von Geschichten brauchten, die sie gerne lasen und schrieben. Die Frage, wie genau man diese Geschichten nennen sollte, stellte der junge Aufsteiger Michael Moorcock, und beantwortete der erfahrene Schriftsteller Fritz Leiber:
„Ich bin mir mehr denn je sicher, dass dieses Feld Schwert und Zauberei genannt werden sollte. Dies beschreibt die Punkte des kulturellen und übernatürlichen Elements genau und unterscheidet es auch sofort von Mantel und Degen (historischen Abenteuergeschichten) – und (ganz nebenbei) auch von den Mantel und Dolch (internationale Spionage)-Geschichten!“
Dashiell Hammett gilt als einer der Meister des Kriminalromans, doch seine literarische Karriere war kurz und intensiv. Er begann als Autor von Pulp-Fiction-Geschichten, die er in hohem Tempo und mit großem Geschick verfasste. Zwischen 1922 und 1927 schrieb er mehr als hundert solcher Geschichten für verschiedene Magazine und erfreute seine Fans mit spannenden Plots und scharfsinnigen Dialogen.
Obwohl er vor allem für seine Kurzgeschichten bekannt war, schuf Hammett auch fünf Romane, die zu Klassikern des Genres wurden. Nach seinem letzten Roman im Jahr 1934 hörte er jedoch auf zu schreiben und widmete sich anderen Aktivitäten, wie dem politischen Engagement und dem Verfassen von Drehbüchern. Er starb 1961 ohne weitere nennenswerte literarische Werke hinterlassen zu haben.
Sprecht mit mir, macht mir mein Geheimnis bitter! Nachtgespenster, lasst die Mitte mich an diesem Abend sein, die Mitte mich im Bette. Es sind Girlanden dort an jenen Schnüren festgemacht, die auf zum Galgen führen.
Die Frage, ob denn hier in der Rhode, im baumbestrumpften Reuth die Menschlein herausgeschwemmt, oder ob sie doch von hier in die Stadt gespült werden, auf den verborgenen Lippen. Die Startposition ist LOS, die Spielregeln ungültig, das Atemloch ganz rotplärrig schon. Im Wald und auf der Heide, Transport mit einem NSU Fiat 1100 in das Vakuum, in dem du der Beweis einer absoluten Leere bist, klitzeklein in der Wiege gehätschelt, starre Augen auf die Puppe, die eine Rasselschnur durch den Leib gespannt trägt. Es ist noch ein weiter Weg. Du könntest damit beginnen, zu kriechen, heute durchs Heute, morgen durchs Morgen, dich nicht von der Stelle rühren. Die Welt zieht an dir vorbei, strömt spielend durch dich, den nichtisolierten Leiter, hindurch. Strahlende Erlebnisse, mümmelnde Gesichter vor deinen runden Backen. Merke sie dir gut, es sind alles zukünftige Leichen. Du wirst sie nur auf Fotografien wiedersehen : Aufgestellt wie Zinnsoldaten, die jungen Fähnriche von Langemarck zu Beginn des ersten Weltkriegs, das Deutschlandlied auf den Lippen. In offener Formation, ohne Deckung marschieren sie in die feindlichen Gewehrsalven hinein und werden allesamt wie die Fliegen niedergemacht. Das Blut spritzt fröhlich über sich kräuselndes Gedärm, aus dem sich die marmorierte Scheiße herauswälzt, den jähen Pulvergeruch annimmt, um sich zu tarnen. Wer vollkommen ist, hat keinen Namen.
Schwarzer Mond über Soho ist der zweite Band der „Rivers of London“-Serie von Ben Aaronovitch und erzählt, wie es mit PC Grant weitergeht, einem anständigen Polizisten und dem ersten Zauberlehrling einer geheimen Abteilung der Metropolitan Police in London seit sechzig Jahren. Dieser Band ist eng mit dem ersten – Die Flüsse von London – verbunden und es wäre unsinnig, die Serie nicht von Beginn an zu lesen, in der Ben Aaronovitch recht unterhaltsam polizeiliche Ermittlungen nahtlos mit urbaner Fantasy vermengt und dazwischen kleine Exkursionen über London selbst einstreut, vorgetragen in einem durchweg klassisch englischen Sinn für Humor.
Jody Grind heißt eine seltene britische Perle, die von dem Londoner Keyboarder und Sänger Tim Hinkley angeführt wird (ein Musiker von großer Klasse, der im Studio als auch live mit Leuten wie den Rolling Stones, The Who, Van Morrison, Humble Pie, Alvin Lee, Bad Company oder Thin Lizzy gespielt hat). Begleitet wird er auf „Far Canal“ von Gitarrist Bernie Holland und Schlagzeuger Pete Gavin. Die Musik dieser Band könnte man als eine Fusion aus Rock und Jazz mit einer gewissen progressiven Ausrichtung bezeichnen, ganz im Sinne von Bands aus dieser Zeit wie etwa Atomic Rooster.
Die Band wurde Ende ’66 gegründet, und nach mehreren Besetzungswechseln nahmen sie ihr erstes Werk „One Step On“ auf, das Ende ’69 erschien. Hier wirkt der Renaissance-Bassist Louis Cennano bei einigen Stücken mit. Bemerkenswert ist der Titeltrack, eine lebhafte Suite von etwas mehr als 18 Minuten, die einen Auszug aus Paint It Black von den Rolling Stones bearbeitet. Aufgrund des geringen Erfolgs reformierte Hinkley die Band mit zwei neuen Mitgliedern, dem Gitarristen Bernie Holland und dem Schlagzeuger Pete Gavin, mit denen er das zweite Album „Far Canal“ aufnahm. Erst nachdem auch dieses Album keinen Erfolg einbrachte, löste Hinkley die Band auf, um sich „Vinegar Joe“ anzuschließen, während Bernie Holland weiterhin als Studiomusiker tätig blieb. Später schloss er sich Bobby Tench an, der nach der bereits aufgelösten Jeff Beck Group seine neue Band „Hummingbird“ auf die Beine stellt.
Welten – zwei, drei (ohne die unendlichen Nullen dahinter) – flirrten unruhig zitternd, szintilierten strahlend, gleißten über den Baldachin hinfort, bedachten das Erdlein mit keinem Blick (zu weit entfernt, zu wenig gespreizte Beine) und kümmerten sich um eine Verabredung drüben am Fluchtpunkt.
»Dance the Ghost with me!«
Ja, sie tanzten den ›Geist‹, so als ob überhaupt kein Körper da wäre, der die alleinstehende Bewegung hemmt, die Figur wichtiger als das Motiv, vergänglich (ein Jitterbug).
Yoruba und Bantu sämen das magmatische Blut.
Das Zimmer, der Schrank, die Kommode, die Parfümflaschen, das Zimmer (eine Puppenstube) : Schurwolle und handmarmorierter Märchenfilz, gibt es denn eine gedachte Rinne für schwitzende Kissen, einen theoretischen Abstell-Halbmesser für eine Tasse Kaffee ohne Untersetzer, mit Untersetzer, ein Develey-Senfglas?
Man kann nicht aufstehen und tanzen, es gibt keinen Radius in diesem Juke Joint für Grundschritt, Wegdrehen, Retourdrehen, Platzwechsel, Handwechsel, Licht lässt sich kombinieren, die Kerzen leuchten auch bei Tag; dann erzittern die Gegenstände, betatschen sich entlang der Wand als Schatten, vom nahen Wald dringt der Geruch der großen Fichten durch das geöffnete Fenster, die Schafe blöken zum Fließen der Eger, dicke Teppiche schlucken jeglichen Lärm und auch das Lustgeschrei der Mädchen. Manchmal riecht es nach Alkohol und nackten Menschen.
Sebastiana : »Wo im Wald bist du gewesen?«
»Ich war überall!« Wie recht er damit hatte : Über-All; die Unendlichkeit ist immer dann zugegen, wenn man keine Grenzen mehr wahrnimmt, über allem das Blau des Himmels, über allem das Vergessen, das Ende der Reflexion über einen Ort, an dem man sich aufhält.
»Doch nicht im Steinbruch?«
Was ist deine tiefste Angst, deine schlimmste Vorstellung? Was ist der Steinbruch für ein Symbol? Aufbruch, Abbruch, Spuk und Tod und Teufel.
Lebendiger Abfall, sein Ausdampfen : alles voller Symbole, verdaut und geschissen. Die Zivilisation setzte in dem Moment ein, als man kein Feld mehr mit seiner eigenen Jauche düngen durfte, wollte man der Pestorchidee aus dem Wege gehen.
»Ich war einfach nur im Wald!«
»Und der spricht mit dir?«
Eigentlich war es kein richtiges Sprechen, es war mehr ein Flüstern. Man hörte es auch nicht mit den Ohren, sondern mit dem ganzen Körper. Es ist nicht einfach zu erklären : Ich nehme anders wahr! Er erinnert sich an den ersten Schneefall seines Lebens. Das ist mein erster Schneefall, dachte er. In Wirklichkeit war es etwa der vierte oder fünfte, aber Schnee war ihm bis dahin nicht bewußt, und irgendwann in den letzten Tagen des Aprils krönte ihn die Welt zum König des Unglücks.
Es war ihm nicht gelungen, alles zu verhindern; einen Pakt mit der Zeit konnte er nicht gültig schließen, aber für Vergessen sorgen. Das gelang durch das Hineinziehen seines Gegenübers in seine Vision. Der Betroffene existierte dann zwar weiter, vielleicht etwas stumpfer an mentalen Prozessen; Wortkarg zumeist; verträumt, wie es in diesem Landstrich jedoch nicht weiter ins Gewicht fällt.
In den wenigen Fällen, da dies aus unbekannten Gründen misslang, halfen die Moiren mit der ganzen Verve eines unverfänglichen Unfalls nach.