Es ist, wenn man über Bücher schreibt, nicht anderes, als ob man über sich selbst schriebe; nur ein Vorwand zwischen sich und dem Gedanken, den man formuliert. Auch sucht man selbstverständlich sich selbst, wenn man nach Büchern sucht, die man zu lesen beabsichtigt. Man wartet auf ein Signal, eine Merkwürdigkeit, die aus einem selbst kommt. Bücher sind natürlich keine Lebewesen, auch wenn das ab und zu behauptet wird, sie können nichts leisten ohne unser Zutun, und was wir tun, ist ein Abgleich unserer Selbst mit dem, was ein anderer stellvertretend für uns gedacht hat. Im günstigsten Fall gibt es keine Distanz zwischen dem Leser und dem, der für ihn, unwissentlich, geschrieben hat. Es ist nie verkehrt, wenn der Autor, den man liest, bereits verstorben ist oder zumindest ganz und gar unerreichbar, weil er etwa auf einem anderen Kontinent lebt. Auf diese Weise kann man sich am besten vor ihm schützen und vor all dem, was er über uns weiß.
M.E.P.
Die seltsamen Geschichten des Robert Aickman
Robert Aickman ist selbst in seinem Heimatland England ein vergessener Autor. Der 1914 geborene und 1981 an Krebs gestorbene Schriftsteller ist für Peter Straub der “tiefgründigste Verfasser” von Horrorstories des 20. Jahrhunderts. Eine Leserschaft, die ihn über den Kultstatus hinaus brachte, fand er zu seinen Lebzeiten nicht. Der renommierte britische Verlag Faber & Faber hat das zu Aickmans Hundertsten Geburtstag 2014 geändert und veröffentlichte eine Sammlung seiner lang nicht mehr in Druck befindlichen Erzählungen.
Bei uns brachte der DuMont-Verlag zu Beginn der 1990er Jahre zwei schmale Büchlein mit willkürlich zusammengestellten Geschichten heraus und bis zum heutigen Tag galt es als ziemlich unwahrscheinlich, dass wir mehr von diesem brillanten Autor bekommen. Doch manchmal geschehen tatsächlich Wunder, und so hat sich der Festa-Verlag der Sache angenommen und bringt in 6 Bänden die Werke des englischen Genies heraus.
48 strange stories, wie er seine Geschichten selbst nannte, sind von Robert Aickman bekannt. Für seine “Pages from a Young Girl’s Journal” bekam er 1975 den World Fantasy Award.
Stephen King Re-Read: Cujo

Das Buch, das King nach Firestarter angehen sollte, bekam den Namen Cujo, und es handelte nicht von Gespenstern oder übernatürlichen Machenschaften. Ähnlich wie damals, als er nach Colorado zog, um Shining und Das letzte Gefecht zu schreiben, war er auf der Suche nach Inspiration. Im Herbst 1977 besuchte er zu diesem Zweck England und schrieb dort einen experimentellen Thriller, der bis heute seines gleichen sucht. Und obwohl er in einem Interview sagte, dass er verrückt würde, wenn er ständig über Maine schriebe, siedelte er Cujo in Maine an, in einem Sommer, der äußerst heiß daher kam.
England war jedoch nicht das, was King erwartet hatte. Seine ganze Familie hatte dort keine gute Zeit, und er selbst brachte kein Wort zu Papier. Er fühlte sich ausgebrannt und uninspiriert. Das Haus, in dem sie lebten, war nicht warm zu bekommen, und so brachen sie ihren Aufenthalt, der ein ganzes Jahr dauern sollte, ab und kehrten nach bereits drei Monaten nach Hause zurück. Allerdings hatte King das entscheidende Detail zu Cujo in England erhalten. Dort nämlich las er einen Artikel in der Zeitung, der davon handelte, wie ein Kind in Portland von einem Bernhardiner getötet wurde. King war schon immer ein Meister darin gewesen, die Dinge miteinander zu verknüpfen, und so dachte er an seinen Motorradausflug, den er im Jahr davor unternommen hatte, als sein Motorrad im Nirgendwo plötzlich stehen blieb. Ihm gelang es gerade noch, das Bike zu einem Mechaniker in der Nähe zu bewegen, bevor es endgültig den Geist aufgab. Von der anderen Straßenseite hörte er ein unheimliches Knurren und sah einen riesigen Bernhardiner, der sich gerade bereit machte, ihn anzugreifen. Der Hund gab nur nach, weil der Mechaniker zu ihm hinüberschlenderte und ihm einen Schlag mit dem Steckschlüssel gegen die Hüfte verpasste.
Das Prinzip der Zwillinge in Kai Meyers „Das zweite Gesicht“

Heute schaue ich mir einen der besten und erfolgreichsten Erzähler der deutschsprachigen Phantastik etwas näher an, zumindest eines seiner Bücher. Die Rede ist von Kai Meyer und seinem Roman „Das zweite Gesicht“, das ursprünglich 2002 bei Heyne erschien und im Blitz-Verlag 2012 als schön gestaltetes Hardcover neu aufgelegt wurde und als solches leider längst schon wieder vergriffen ist. Das mag auch daran liegen, weil die Neuauflage im selben Jahr den Vincent Preis für den besten Horrorroman gewonnen hat, obwohl es sich gar nicht um einen Horroroman handelt, aber es sei jedem selbst überlassen, das zu beurteilen.
Besonders stark ist Kai Meyer immer dann, wenn er historisch wird und seine Fabulierlust mit geschichtlichen Ereignissen verquicken kann. So ein Buch haben wir hier vor uns.
Eine Mythologie für England: J. R. R. Tolkiens Herr der Ringe
Es gibt sogar unter den gebildeten Leuten (oder gerade dort) die nie versiegenden Stimmen, die raunen, Tolkien habe sich bei seinem epochemachenden Werk vom zweiten Weltkrieg inspirieren lassen; dann kam John Garth und erklärte in seiner Tolkien-Biographie der Welt, es handle sich um den ersten Weltkrieg, den Tolkien da verarbeite. Tolkien selbst waren diese Verweise schon zu Lebzeiten suspekt – und das zu recht. Es ist nicht ungewöhnlich, dass die Analyse eines Literaturwissenschaftlers mehr über den Analytiker aussagt als über das eigentliche Werk. Das ist das eine. Das andere ist die Tatsache, dass man sich in Mainstream-Kreisen den Erfolg eines Fantasy-Werkes irgendwie erklären muss, um sich ihm bedenkenlos widmen zu können.
Der Hexenschuss am Abend
Es ist die dritte Nacht, in der mich die Poltergeister drangsalieren. Heute war es die Hexe mit ihrem Hexenschuss (wahrscheinlich habe ich mir einen Nerv im Steiß eingeklemmt), so dass ich bei jeder Drehung aufwachte. Als ich schließlich den Abort aufsuchen musste – ein Drang, der weißgott nicht zu ignorieren ist, will man überhaupt noch ein Auge zutun – kam ich nicht in die Höhe. Nach einer Viertelstunde hatte ich mich zumindest an der Bettkante aufgesetzt. Es gelang mir, mich in die Küche zu schleppen, um etwas Voltaren aufzutragen und siehe da, es wurde zumindest in der Weise erträglich, dass ich mich Bewegen konnte.

Tagsüber war davon überhaupt nichts zu spüren, das Flanieren über den Flohmarkt an der Allgäuhalle war sogar wieder sehr ertragreich. Drei Plattenstände abgegrast und bei jedem fündig geworden. Selbst Raritäten wie Larry Coryells The Restful Mind waren zu finden. Eine wirklich erstaunliche Entwicklung für Kempten.
Selbst ein kleines Spitzweg-Gemälde fand seinen Umschlag. Der gute alte Biedermeier-Stil – hier der „ewige Hochzeiter“, was ja nun wirklich kein unbekanntes Gemälde ist. Interessant ist die Rahmung, die aus alten österreichischen und schweizer Abbruchhäusern aus dem 16ten bis 19ten Jahrhundert rührt und zusammengesetzt wurde. Leider ist das Gemälde nicht komplett gefasst, sondern nur die Blumengabe an der Treppe. Natürlich ist ein Begriff so gut wie der andere; wenn man bedenkt, dass der Biedermeier vor dem „Realismus“ angesetzt war – eine Epoche, die im Grunde zur Verlogensten überhaupt gehörte (was der Name „Realismus“ ja schon aussagt), ist es kein Wunder, dass in permanenter Unstetigkeit ein Elysium aus Behaglichkeit auch heute noch bei empfänglichen Menschen durchschlägt, vor allem deshalb, weil sich heute mehr das Irrationale und völlig Menschenverachtende des Realismus durchgesetzt hat.
Traum vom Zahnarzt-Urinal
Zum Zahnarzt kam ich durch eine dünne, aber hohe Hintertür, die in einer billigen hellen Pappwand eingelassen war. Zunächst sah ich überall nackte Patienten auf Tragen und Tischen liegen, teils mit in die Höhe gereckten Extremitäten. Der Arzt erschien in Schweiß gebadet, mit fettigen Haaren und vollkommen übernächtigt.
Ich musste aufs Klo, betrat die Praxis also zunächst nicht, sondern das Damenklo, wo eine dicke Frau in der linken äußersten Kammer in einem schwarzen Kleid auf dem Boden lag und sich entleerte. Allerdings war nur ihr Arm zu sehen, der aus der Tür lugte. Ich pisste in ein Urinal, was in einem Damenklo merkwürdig fehl am Platze wirkte. Es erhob sich – aus braunem Sandstein – vor einem großen Schaufenster, an dem Leute auf der Straße vorbei gingen, die aber nicht ihren Kopf in meine Richtung wendeten. Später rutsche ich vom Dach, hielt mich fest und erinnerte mich, dass ich schon einmal da war, allerdings mit einem Freund, der mich wieder nach oben zog. Diesmal blieb mir nichts anderes übrig, als hinunterzuklettern. Ich wusste allerdings, dass es mir nicht gelingen und ich fallen würde.
Das Ende eines Plattenspielers
Der Fisher, dessen Direktantrieb seit 1979 rotiert, hat nun Schwierigkeiten bekommen, mitzuhalten. Was sich so belanglos anhört, ist nichts weiter als das Ende eines alten Plattenspielers, der jetzt einem Pro-Ject weichen muss. Sicher könnte ich mir eine alte Maschine zum Ausschlachten besorgen – was ich zunächst auch wollte; aber auch dieser Motor wird 40 Jahre auf dem Buckel haben, das Ende also nur verschleppt. Außerdem wird es ohnehin Zeit für ein Lift-Off. Das war all die Jahre nicht klar, aber es stehen einige Blue Note-Veröffentlichungen an, die ohne eine Verbesserung der ganzen Anlage kaum ihren Preis wert wären. Mehr später.
Jim Butcher: Kleine Gefallen (Die dunklen Fälle des Harry Dresden 10)

Endlich kann Chicagos einziger offen praktizierender Berufszauberer, Harry Dresden, aufatmen, denn seit langem hat niemand mehr versucht, ihn zu töten. Doch Harrys Ruhe wird jäh unterbrochen, als die Königin vom Winterhof der Sidhe auftaucht, um einen Teil seiner Schulden einzufordern. Harry hatte gehofft, dass dieser Tag nie kommen würde, als er sie vor Jahren um einen Gefallen bat, doch nun schuldet er der stets gefährlichen Mab gleich zwei.
Dies ist das zehnte Buch der dunklen Fälle, und wenn man Butchers eigenen Plänen Glauben schenken darf, sind die Dresden-Files jetzt ungefähr bei der Hälfte der geplanten Serie angelangt. So weit gekommen zu sein, ist eine beachtliche Leistung, vor allem wenn man bedenkt, wie schwer es einigen von Butchers Kollegen fällt, nach ein paar Büchern überhaupt noch etwas zu Papier zu bringen.
Die Stadt der gefallenen Engel
In „Kleine Gefallen“ sieht sich Harry wie gewohnt von allen Seiten mit Tod und Gefahr konfrontiert. Mab, die Königin der Winter-Sidhe, will, dass Harry John Marcone, den Anführer der größten organisierten Verbrecherbande der Stadt, aus den Klauen der gefallenen Engel befreit, die über unermessliche Macht und jahrtausendealte Erfahrung verfügen. Was sie mit Marcone vorhaben, ist unklar, aber man kann sicher sein, dass das Ausmaß ihrer Pläne weit über eine einfache Entführung hinausgeht.
Die beiden Geißlein
In der Zwischenzeit wird Harry von den Vollstreckern der Sommer-Sidhe angegriffen, aus Gründen, die niemand wirklich versteht, am wenigsten Harry selbst. Seine Angreifer sind legendäre Bestien, die berühmten Geißlein, die die Gabe haben, Trolle zu vernichten. Sie sind Brüder, und wenn du es schaffst, einen von ihnen zu besiegen, kannst du sicher sein, dass sein großer Bruder bald auftauchen wird, um sich um dich zu kümmern. Und mit dem ältesten der Brüder, Brausewind, willst du dich nicht anlegen. Er ist nett, aber er macht dich fertig, egal wer du bist.
Nun, es sieht nicht gut aus für Harry Dresden. Aber wann tut es das schon? Dass er es mit Mächten zu tun bekommt, die ihm weit über den Kopf wachsen, ist von Anfang an ein Thema in Harrys Leben, und obwohl wir ziemlich sicher sein können, dass er sich durchsetzen wird, wissen wir nicht, wie viel Schaden er dabei nehmen wird. Aber wer „viel“ vermutet, liegt gar nicht so falsch.
Schnee als Motiv des Romans
Wenn Schuldig vielleicht die beste Atmosphäre hat, so nutzt „Kleine Gefallen“ seine Umgebung wie kein anderer Roman der Reihe. Die ständige Verwendung von Schnee, sowohl im wörtlichen als auch im übertragenen Sinne, ist ein sehr wichtiges Motiv im ganzen Roman. Einige Figuren sind im übertragenen Sinne unter Schnee begraben. Sie sind isoliert, kalt und weit von der Gesellschaft entfernt. Die Figur Ivy (Das Archiv) veranschaulicht dies perfekt. Sie ist ein Mädchen, das, ohne zu sehr in die Tiefe zu gehen, ständig im System gefangen ist. Sie will natürlich ihre Kindheit leben, sie will ihre eigenen Entscheidungen treffen, es gibt eine Debatte über den freien Willen, darüber, ob es ethisch falsch ist, sie in Isolation zu halten, oder ob es dem Allgemeinwohl dient. In ihrem Fall hatte sie diese Wahl nicht und wurde gezwungen, das Archiv zu sein (keine Person, sondern eine mächtige Institution).
Das gilt für fast alle Bücher der Reihe. Harry ist ein Außenseiter, zumindest beginnt er als solcher. Auf seinem Weg hat er sich ein gewisses Maß an Autorität, Verantwortung, Respekt und Ansehen bei den Wesen dieser und anderer Welten erworben. Das macht es ihm etwas schwerer, ein Außenseiter zu sein. Statt einfacher Vampire, Werwölfe und gelegentlicher Geisterbeschwörer haben wir es nun mit den ganz Großen wie Mab, Titania und den gefallenen Engeln zu tun.
Das Archiv
Das Archiv wird ihrer Kindheit beraubt, weil sie so ist, wie sie ist, und das Fehlen von Führung (durch eine Familie) macht es noch tragischer. Im Fall von Ivy hat sie Menschen wie Dresden und Kincaid, die sie führen. Das letzte Kapitel mit ihr ist sehr emotional. Es sind auch die kleinen Momente, in denen Butcher brilliert. Das kann man manchmal leicht überlesen, weil Butcher nicht mit einem ausladenden, epischen Ton daherkommt, sondern immer Harry die Stimme überlässt.
Die Macht des Carpenter-Hauses
Um auf den Schnee zurückzukommen: Das sind natürlich nicht nur symbolische Hindernisse, mit denen Dresden konfrontiert wird, und Butcher schafft diese wunderbare Spannung zwischen Metaebene und realer Bedrohung. In diesem Zusammenhang müssen wir auch über das Carpenter-Haus sprechen. Dieser Ort ist so gemütlich, warm und unschuldig, als würde man mit einem Teddybären kuscheln. Im Gegensatz dazu wirkt der Roman durch und durch kalt und brutal. Das Haus der Carpenters wirkt wie ein sicherer Hafen für unsere Helden. Harry selbst hat kein solches Zuhause, sein Zuhause ist eher ein Arbeitsplatz, an dem er mit Bob übt. Wenn man an Dresden denkt, denkt man immer an Arbeit, und das hat etwas Kaltes. Es ist nicht einmal so, dass sich seine Wohnung nicht wie ein Zuhause anfühlt, sie vermittelt eher eine andere Art von Zuhause. Vielleicht liegt es daran, dass Dresden das Carpenter-Haus ganz anders interpretiert als sein eigenes Zuhause, was dieses Gefühl der Behaglichkeit erzeugt. Wenn man darüber nachdenkt, könnte es auch an gewissen religiösen Untertönen liegen. Es ist kein Geheimnis, dass die Carpenters Christen sind. Vielleicht ist es das Gefühl des Glaubens, das die Verbindung zu diesem Haus zum Klingen bringt. Jedes Mal, wenn Ritter Michael auftaucht, wird die Diskussion über das Wesen des Glaubens auf eine metaphysische Ebene gehoben.
Glaube als Thema
Der Glaube ist ein Thema, das in den bisherigen zehn Romanen immer wieder aufgegriffen wurde. Aber hier wird es so weit ausgelotet wie in keinem anderen Dresden-Roman bisher. Das macht die Gespräche mit Michael so interessant, weil es ein ständiges Hin und Her der Ideologien gibt. Es gibt natürlich auch andere Figuren, die sich diesem Konzept nicht entziehen können, vor allem Harry, der diesem System sehr skeptisch gegenübersteht, aber auch Murph, die kurz ein Engelsschwert in die Hand bekommt, und so weiter. Es gibt noch andere Szenen, aber diese sind die deutlichsten, wie der Glaube erforscht wird und wie die Umgebung genutzt wird, um diese wunderbaren Charaktere zu entwickeln.
Konzentration auf Thomas
Die größte Überraschung war die Konzentration auf Thomas in der ersten Hälfte. Denn obwohl Weiße Nächte technisch gesehen sein Roman ist, hatte ich trotzdem mehr Thomas erwartet. Das wird hier auch geliefert, das fängt schon bei den Gesprächen im Monstertruck an. Es ist immer das Thema der Versuchung, das diese Figur umgibt, und hier wird sie auf die Probe gestellt. Gerade nach „White Nights“ wissen wir, dass Justine sich relativ gut erholt hat, aber sie ist eine Doppelagentin geworden. Sie und Thomas lieben sich, können aber nicht zusammen sein, weil Liebe die Vampire des Weißen Hofes tötet.
Ihre Beziehung ist eher tragisch, was in der Geschichte durch den Schal veranschaulicht wird, den Justine trägt, um zu verhindern, dass Thomas ihre nackte Haut berührt. Dann kommt die Münze der gefallenen Engel ins Spiel. Wenn man sieht, wie Thomas die Münze betrachtet, weiß man, dass er einen großen inneren Kampf austrägt, der niemals enden wird. Die Münze ist die Versuchung, all seine Probleme zu lösen, und ironischerweise ist das Tragen von Handschuhen, um den Schal nicht mit der Haut berühren zu müssen, auch der Grund, warum er die Münze nicht in die Hand nimmt.
Harry Dresdens dunkle Fälle werden seit einigen Bänden immer erbarmungsloser, die Einschläge kommen immer näher, und was Butcher mit seinem leichtfüßigen, actiongeladenen Stil in die Gesamtgeschichte packt, ist wirklich beeindruckend.
Jim Butcher: Weiße Nächte (Die dunklen Fälle des Harry Dresden 9)
Chicago in Miniatur

Der neunte Band der Dresden-Files beginnt im Vergleich zu seinen Vorgängern etwas schleppend und erinnert mehr an die Wolfsjagd als an die späteren, actionreicheren Teile. Das ist an sich nicht schlecht, wirkt aber zunächst wie ein Rückschritt, wenn man bedenkt, wie weit wir in dieser abenteuerlichen Serie schon gekommen sind. Eine der großen Neuerungen ist jedoch Harrys Miniaturmodell von Chicago, das wirklich cool ist. Außerdem sehen wir ein bisschen mehr von Mollys Talent, vor allem ihre Vorliebe für Schleier. Mollys Rolle in „White Nights“ geht weit über die eines Handlangers hinaus, sie ist nicht einmal ein Lehrling. Obwohl sie nur in wenigen Szenen vorkommt, ist jede einzelne von großer Bedeutung für Harrys Charakterzeichnung. Die Lektionen, die er ihr beibringt, sind die Lektionen, die er selbst gelernt hat – oder gerade wieder lernt, weil er sich an all diese Dinge erinnern muss.
