Als Vorbereitung auf den Re-Read der Drei Detektive kann das Portrait über Robert Arthur dienen. Jugendbücher sind für mich erst in den letzten zwei Jahren wieder (oder überhaupt) in den Fokus gerückt, weil dort Erz
Bevor es also mit Das Gespensterschloss losgeht, hier noch einmal eine kleine Übersicht, die ganz allgemein gehalten ist. Ich muss dazu sagen, dass ich alles außerhalb der 43 Originalbände ignoriere und deshalb die Vergangenheitsform benutze.
Justus Jonas, Bob Andrews und Peter Shaw waren ein Trio von dreizehnjährigen Jungen, die sich durch die Pubertät kämpften und gleichzeitig ihre eigene (äußerst effektive) Junior-Privatdetektei betrieben. Just war der Anführer der Gruppe, ein ehemaliger Kinderschauspieler, der früher als Baby Fatso in Die kleinen Strolche bekannt war (ein Spitzname, den er verständlicherweise verachtete), und der nie zögerte, mit seinen endlosen intellektuellen Fähigkeiten und seiner Neugier zu protzen. Peter war derjenige von den dreien, der am ehesten an einen der in Deutschland völlig unter den Tisch gefallenen Hardy Boys erinnerte (nun, nicht ganz, denn 6 Bände von 127 wurden von Schneider-Buch herausgegeben). Aber die waren eine ganz andere Nummer. Bei den drei Detektiven war von vornherein die Atmosphäre raffinierter als in einem gewöhnlichen Hardy-Boys-Krimi.
Ich schlage die Nacht nicht aus, die jetzt die Stunde läutet und Sunna noch einmal übers Land winken lässt, die körperlos darauf verzichtet, alles aus den Schatten zu heben. Die Zeit ist nur im Gewölk am blutblauen Himmel auszumachen: ein Blick – und das Geschmier des Tages bekommt seinen Epitaphen mit der Erscheinung dieses Altostratus. Ich bin zur Nacht gerüstet, mein Mantel ist ein Zeugnis der wandelnden Finsternis, und nur meine Laterne, deren Licht sich in die engen Gassen schlägt, spült kurze Helle in ihre Magenkehle, die der Schattenfürst ebenso duldet wie mich als einen ihrer Protagonisten, der durch ein postsündgeflutetes Metropolis wankt, um den Schläfern einen Anhalt für ihre Träume zu geben. Als Poet bin ich nur wortmächtiger Kadaver, angelangt im Schutt, im Abraum der Ewigen Gärten.
Vielleicht bleibe ich unter einem Fenster stehen und bilde mir die Vision einer einsamen Existenz heraus, die dort im dämmrichten Erker ihre Sonette niederschreibt, nicht ahnend, dass die Unsterblichkeit kein Archiv besitzt, jetzt, da Bibliotheken fallen und die Erinnerung nur noch bis gestern reicht. Unter Brüdern bin ich auf Friedhöfen, grüße die Wurmlebendigen, die Simse umflappt von Falterstaub, ein letzter Kerzenschimmer über den Giebeln bleckt ein langes Gesicht, darunter gähnen Schluften und Hohlwege, Grottendämpfe zerwehen, vergehen an den Nostern, ausgeschnaupt und angesogen. Ich weiß viel von dunklen Wanderherzen, die sich vom Mondenschein zerklüften lassen, niederlassen an den Strecken, an den Bäumen, leisberauscht vom Zeiselwind. Dichtet euch hinfort, ihr Scharen lappiger Lappsäcke! Vom Frohn bestuhlt erschlafft euch die Zunge im Maule: Mistel, Kinster, Mahrentacken, Mahre, Gaul und Roß! In meinem Sehnen spinnt er sich ein, der Bruder Wurm – und verweigert sich den Zöglingen der Verderbnis. Er schreibt; steht ganz sinnlos und allein vor seiner Wirtin, die ihm den Mietzins aus dem letzten Auge sticht.
So nenne ich dem leeren Fenster die Zeit und streune weiter, während die letzten ausgerufenen Sekunden zu mir zurückfließen wie Sternentaler. Denn wenn’s den Poeten nicht mehr gelingt, in dieser prosaischen Welt ein Herdfeuer zu entdecken, stirbt jeglicher Geist in den Dingen für immer hin, ersteht nie wieder, hebt nicht mehr den Odemkorb des letzten Hauchs. Ich finde mich im Nachtwind wohl, beobachte durch die kleppernden Läden das Zuendegehen eines Lebens, das noch Duft genannt werden kann, denn der da liegt freut sich offenkundig an der ewigen Wiederkunft und hält und bekommt gehalten das Händchen im Kreise seiner liebsten Kerzen, die so lichterloh scheinen und ihm das Angesicht wie einen Motor vorglühen, auf daß er ohne zu stottern und murren über den Gjöll blicken kann, zur Holle, dem Holunder hin. Noch ist der Jüngling nicht hinüber, beharrt, man kann es sehen, auf sein Recht, das Kissen aufgeschüttelt zu bekommen, um Freund Hein gebührend empfangen zu können, sodann nach einem Trunk mit ihm gemeinsam hinzufahren.
Ich bin nachtwach, ein Schläfer bei Tage. Ich trage den Traum wie einen Anzug. Ins tiefere Tief hinein weht mich die Melange der späten Stunde, ein zerklüftetes Bäumelein auf einer Insel umgeben von Staub, die Raschelblätter in den ewigen Raum gebeugt.
Dort hindert den noch Lebenden das Leben selbst am Scheiden. Die Kammer gehört ihm als Gast, der sich um den Abschied kümmert. Fragt ihn die Liebste nicht schon, wohin er gehe? Seine Lippen bewegen sich wie zum Gedicht, man meint, sie küssen sich in Bälde, doch wölbt sich sein Mund hin an ihr Ohr, und der Wiederschall meiner Rufe zersplittert wie ein gläsernes Wolkenschaf an einer Kerkerwand. Um die Errettung der Seele ist’s niemanden mehr, man weiß nichts mehr vom Tod zu sagen, als dass er nach wie vor verlässlich steht wenn aller Schmerz nicht mehr das Leben lindert.
Im Herbst 1974 befanden sich Stephen King und seine Frau auf der Durchreise nach Estes Park, einer Stadt in Colorado, 80 Kilometer von Denver entfernt, ein beliebter Sommerurlaubsort und der Sitz des Rocky Mountain National Park, der am Big Thompson River liegt.
Wegen der zunehmend verschneiten Straßen waren sie gezwungen, sich eine Unterkunft zu suchen. Das Stanley, das einst zu den großen alten Damen des Westens gehörte, hatte schwere Zeiten hinter sich und war nur noch ein Schatten der Edwardianischen Zeit, um nicht zu sagen, es war alt und heruntergekommen. Als die Kings ankamen, erfuhren sie, dass das Hotel für den Winter geschlossen war – die Saison hatte ohnehin nicht viel hergegeben – und nur noch eine Notbesatzung war übrig, die den sanften Puls des Gebäudes in Betrieb halten sollte. Zahlende Gäste konnte man jedoch unter keinen Umständen ablehnen, und schon gar nicht, wenn es sich um jemanden handelte, der die Aura einer mächtigen Zukunft ausstrahlte Das Paar wurde als einzige Gäste in der Präsidentensuite einquartiert, dem heute berühmten Zimmer 217.
Hier werden sie mich nicht finden. Hier werden sie mich endlich für eine faulende Leiche halten; doch keiner ahnt, dass nicht die Maden mich, sondern ich immer noch die Maden fresse.
Die Scheiterhaufen brennen, die Henkersknoten tanzen. Dolche werden in die Leiber versenkt, aber ich, ich bin dem Leben längst entflohen.
Meine Balladen werden sie in Schenken plärren, am Galgen noch ein letztes Wort, solange ihnen der Kragen noch nicht zu eng geworden. Rühmen werden sie sich, mich gekannt zu haben, den Vagant und Desperado, den einen oder anderen Körper mit mir zusammen bestiegen zu haben. Doch geliebt habe ich immer alleine. Welch üppige Mahlzeit bereitete mir ein rotes Weib! Wie ergoss ich mich in den Sommern! Man erkannte mich lange genug an der Henkers-schlinge um meinen Hals, die ich zum Spott in jede Stadt hineintrug wie ein kostbares Schmuckstück, das ich in Wirklichkeit nie besaß. Da gafften sie, nicht wahr, ihr gafftet alle! Denn soviel Frevel schien euch der Allmächtige nicht in eurem Verstand unterzubringen. Ich bin der Rotz, der Deibel, der Aussatz. Habt ihr das nicht gesagt? Von der Brut aller Huren! Und das Leben ergab sich mir wie ein Geschenk, es wollte gelebt werden von mir, denn es galt, einen Pakt zu erfüllen: Mir das Leben, dafür aber Acht und Bann! Mir den Gesang, dafür eine durstige Kehle! Mir die guten Fötzlein, dafür niemals eine Gefährtin!
Aber wer im Nehmen konnte besser sein als ich, denn ich nahm den freien Himmel und ich nahm jedes Stückchen Staub in diesem Räuberkessel der Welt. Wenn es eine Hölle gibt, dann haben sie sich dort eingerichtet mit ihrem Silber und Gold, denn an welchem Platze könnte man seinem Lotterleben besser frönen, als unter den Verängstigten und Eigenen? Dahin haben sie mich nie gebracht und nun sind sie mich los, weil ich verschwunden bin. Spurlos. Nein, ich werde nicht die geringste Spur von mir hinterlassen, nicht eine! Ich werde verstummen, denn mein Testament wurde längst geschrieben.
Oh Guillaume! Nur an dich gedenke ich noch in Freundschaft! Deine verzeihende Hand lässt mich auch in dieser Stunde nicht los und berührt mich da, wo auch ich das Herz sitzen habe, Hund und Ungeheuer, das man mich schimpft. Ja, Guillaume! Dein missratener Pflegesohn steht in diesem Herbst vor den geöffneten Toren des Abyssos und träumt. Und er wird den Weg gehen, hinaus aus des Menschen Pfuhl. Wie oft habe ich ihnen meine Venusinen vorgetragen? Daran werden sie noch denken, wenn sie dem Schwulst und der Schnörkel der Dichter überdrüssig sind, jenen gansigen Männlein, die noch nie ein Elend angefasst, außer ihrem eigenen! Die sich in der Wirklichkeit flüchten, weil ihnen die bunte Welt nicht taugt und sich Doktrin über Doktrin geben lassen von Parteien und Gemeinschaften, die ihnen Schnallen ums Maul binden. Was wären diese doch für armselige Kreaturen, dächten sie einmal nur der Freiheit Sinn und verlören ihren Brotherrn! Denen sprechen sie nach dem Maul in fetten Versen und herzloser Schmiererei! Aber mich wollen sie zum Schund und Schmutze werfen. Ja, genau! Das Leben ist eine kostbare Vulgarität, das kann man sich nicht abwaschen im Bade, im Parfum. Laben sich an des Königs Lambretten und ich trag tagein tagaus den Bettelsack, weil ich doch sehen will, woʼs hingeht und woʼs ankommt, was ich aus meinem Bauch herausfließen lasse. So istʼs ein Teil von mir, dem ich nicht abscheulich bin.
Die Troubadoure, die scheißen und die pissen nicht, die schwitzen es sich durch die Haut, die genauso fahl wie jede andere aus ihren feisten Kleidern spickt. Aber hätten sie jemals nur den Aufruhr des Blutes erlebt und besungen, dann rutschte das, was in ihrem Kopfe klingt, eine Etage tiefer, dort hinein, wo die echten Glocken sitzen. Aber selbst der Vollmond, der mit dem Gesicht eines sehr schönen Mädchens im Verse gefüllt wird, glotzt dumpf wie ein Schaf von oben herab und fühlt die Liebe nur im Taschentuch, das bedauerliche Tränen auffängt, weil es juckt unterm Kleid und das Jucken in keiner Strophe abgehandelt wird. Man möchte ihnen gerade helfen und sie zusehen lassen dort im Stroh, wo die Stute nass läuft. Da hat aber doch der ärmste Stallknecht noch mehr Freude daran. Die Liebe! Die Liebe! Das ist ein unnützes Ding aus Brokat für diese feinen Wichte mit ihren Schmalzlippen und starren Strümpfen.
Tharanne! Gib du gut acht auf meine Moritaten und Bänkellieder, die dir stets sagen, wo ich gefunden, was ich je gesucht und alles, was mir sonst noch widerfahren genannt werden kann.
Jetzt habe ich euch alle zurückgelassen, auch dich, Marie, die du mir die Backen rundfüttern wolltest bis die Pflaumenbäume blühen. Aber ich musste hinaus, ja ich muss hinfort und auch der Freunde nur mehr gedenken, als dass ich sie mich wiedersehen lassen könnte. Ich bin ein Blatt im Wind, der ewig bläst und mir die Haare längst schon hat vom Kopf gefressen. Mein Gesicht kann er gut erkennen, hat er es doch höchstselbst die Jahre modelliert. So wird er mich denn immer finden und singt mit mir, den dennoch Trauer stets begleitet. Du hast es in mir gesehen, Marie und wolltest mein Blut nur kochen lassen, um neue Balladen zu sinnen. Doch ich bin stumm, weil keine Zeit mich Neues lehrt, als dass der Mensch ein Lügenwurm und die Lügen sich gerne verstecken mögen in Hochwohlgeborenen und Tonangebern. Denen traut man nicht, wenn man auch nur etwas versteht. Hier findet man mich nicht und keinen Ort mehr will ich nennen, wenn es nicht mein geliebtes und glühendes Paris sein kann. Die Verbannung wird sich nicht mehr kehren lassen und an einem anderen Ort möchte ich nur, dass ein Strauch mich krault, bevor ich ihm zum Abschied winke. Denn keine Frau auf Erden küsst so süß wie die schönen Frauen von Paris.
1972 befand sich Lou Reed an einem Scheideweg. Zwei Jahre zuvor hatte er mit The Velvet Underground eine der bahnbrechendsten Rock-Bands aller Zeiten verlassen und musste nun heftige öffentliche und kommerzielle Kritik einstecken, weil sein erstes Soloalbum ein Flop war – einer Sammlung von älteren Outtakes seiner ehemaligen Band, dem es an der thematischen Brillanz seiner besten Arbeiten mangelte.
In Großbritannien hatte jedoch ein neues Phänomen die Oberhand gewonnen: Glam Rock. Eine Bewegung, die Elemente des rebellischen Charakters des Punk aufnahm, aber mit Pailletten und Androgynität versah. Eine Bewegung, die sich außerdem stark auf den Einfluss von Velvet Underground stützte.
Heute habe ich das Vergnügen, euch den vierten Band der Myrtle Hardcastle-Reihe vorzustellen. Wir haben bisher alle Abenteuer von Myrtle hier begleitet und wenn ihr noch mehr Informationen über die Hintergründe der Reihe haben wollt, dann findet ihr die Sendungen kompakt und informativ ebenfalls im Magazin oder überall dort, wo ihr eure Podcasts hört. Heute geht es um Eine Schifffahrt, die ist tödlich von Elizabeth C. Bunce. Der Originaltitel ist wie immer sprechend und lautet diesmal In Myrtle Peril, abgeleitet von In Murder Peril, denn Bunce setzt in in ihren Titel für Murder stets den Namen Myrtle ein, was in der deutschen Übersetzung leider nicht so funktioniert.
Obwohl die Reihe um die zwölfjährige Myrtle Hardcastle, die im viktorianischen England ihre Fälle löst, für Kinder gleichen Alters angepriesen wird, hege ich starke Zweifel, ob eine junge Leserschaft tatsächlich das Zielpublikum sein kann. Ich kann mir nicht vorstellen, dass irgendjemand in diesem Alter begreift, was überhaupt vor sich geht. Das ist nicht etwa eine negative Kritik, ganz im Gegenteil. Elizabeth C. Bunce hat auch im vierten Buch einen ganz hervorragenden Stil, der ziemlich viele Bücher der sogenannten Erwachsenenliteratur alt aussehen lässt. Tatsächlich haben wir es hier mit Cozy Crime zu tun, eine jugendliche Detektivin ändert daran nichts.
Szene vom Originalcover; Algonquin Young Readers
Bunce recherchiert ihre Hintergründe stets sehr gut, und wenn man ihren kleinen Zusatz am Ende des Buches liest, dürfte es sich wie ein heimliches Vergnügen anfühlen, all die historischen Details zu kennen. Die Fußnoten, in denen die Etymologie bestimmter Wörter erklärt wird, geben dem Leser einen Einblick in Myrtles Denken und bilden ihn ebenso weiter wie die lateinischen Überschriften der Kapitel.
Inspiriert von dem in der Realität verschollenen Schiff Mary Celeste, das sich zum Zeitpunkt der Veröffentlichung von Eine Schiffahrt, die ist tödlich zum 150. Mal jährte, hat Elizabeth in ihren Krimi ein verschollenes Schiff namens Persephone eingebaut, eine britische Brigantine, deren kleine zehnköpfige Besatzung zusammen mit dem Rettungsboot des Kapitäns verschwindet, darunter auch die junge Tochter des Kapitäns, eben genau wie damals bei der Mary Celeste.
Das aufzudeckende Geheimnis in diesem Buch ist, wie in den anderen Myrtle-Bücher auch, recht vielschichtig. Es ist auch diesmal gar nicht so einfach, vor Myrtle herauszufinden, was genau vor sich geht. Das ist bei Krimis, die sich an Erwachsene richten, wesentlich einfacher. Ein befriedigendes Rätsel allerdings ist heutzutage ein wahrer Schatz. Und auch das macht dieses Buch zu etwas Besonderem, auch wenn ich zugeben muss, dass es nicht mein Lieblingsabenteuer der Reihe ist. Aber das sind eher Fragen des Geschmacks und keine der Qualität.
Myrtles Vater, Staatsanwalt von Swinbourne, ist in einen heiklen neuen Fall verwickelt, und Myrtle und Miss Judson werden gebraucht, weil es hierbei um ein junges Mädchen geht, deren Nöte erst einmal verstanden werden müssen. Vor etwa 10 Jahren verschwand das Schiff Persephone auf dem Weg nach Australien, und an Bord des Schiffes befanden sich Kapitän Snowcroft, seine Frau Audrina und seine kleine Tochter Ethel. Mr. Hardcastle wurde gebeten, sich um den Nachlass von Viscount Snowcroft zu kümmern, der ohne Erben starb – es sei denn, Mrs. Snowcroft oder die kleine Ethel werden irgendwie doch noch gefunden. Wenn nicht, will die Eisenbahn das Land haben und die Suche nach Erben könnte Jahre dauern.
Bunce greift hier im kleinen auf ein Motiv aus Charles Dickens Bleak House zurück, wo im Fall Jarndyce gegen Jarndyce genau das passiert und das Erbe schließlich von den Anwaltskosten aufgezehrt wurde.
In unserem Fall wurde ein Mädchen namens Sally Cooke, das der vermissten Ethel sehr ähnlich sieht, ausfindig gemacht. Sally behauptet, keine Erinnerungen an das Schiff zu haben, sondern nur, dass sie als Kaufmannstochter in Australien aufgewachsen ist, aber wenn sie beweisen kann, dass sie tatsächlich Ethel ist, wird sie ein Vermögen erben.
Während ihr Vater außer Gefecht gesetzt ist, will Myrtle genau das herausfinden. Eine schlimme Mandelentzündung und eine Operation bringen Mr. Hardcastle ins Krankenhaus, wo er kurz darauf behauptet, Zeuge eines Mordes gewesen zu sein. Die Krankenschwestern und der Arzt schieben das als Halluzination aufgrund des Morphiums, das er gegen die Schmerzen bekommt, beiseite.
Diesmal ist es an Myrtle, die verantwortungsvolle Erwachsene zu sein und ihren Vater vor Schaden zu bewahren. Die Frage ist: Können sie und Miss Judson das Rätsel lösen und ihren Vater beschützen? Kann sie beweisen, dass Sally in Wirklichkeit Ethel ist? Gibt es einen Zusammenhang zwischen den beiden Fällen und was haben die Broschüren für die Internatsschule in Vaters Schreibtisch zu suchen?
Dies ist ein weiteres unterhaltsames Myrtle-Abenteuer, auch wenn es etwas zögerlich beginnt. Erst nach der Hälfte des Buches gibt es tatsächlich eine Leiche. Es dauert sogar noch länger, bis man die Identität des Opfers und das Motiv für den Mord herausfindet.
Myrtle macht in ihrer altklugen Weise erneut richtig Vergnügen. Diesmal verzichtet sie auf kindisches Verhalten, das in den letzten Büchern ihre Glaubwürdigkeit durchaus untermauern konnte. Schließlich ist sie ja ein Kind.
Diesmal wird der Spieß jedoch umgedreht und Myrtle ist gezwungen, sich wie die Erwachsene in der Familie zu verhalten. Ihr Vater ist derjenige, der sich diesmal kindisch verhält, Wutanfälle bekommt und darauf besteht, dass er Zeuge eines Mordes geworden ist, obwohl erst einmal nichts darauf hindeutet. Dann aber wendet sich das Blatt und es liegt an Myrtle, ihren Vater in Sicherheit zu bringen, bevor der Mörder es auf ihn abgesehen hat.
Myrtles Gouvernante Miss Judson steht auch diesmal mit ihrem gewohnt gesunden Menschenverstand an ihrer Seite. Köchin ist diesmal ebenfalls in die Detektivarbeit involviert und sie ist wirklich gut darin. Sie ist es, die die Leiche an einem sehr ungewöhnlichen Ort findet. Tante Helena ist erneut so formidabel wie früher. Sie ist besessen von der möglichen Snowcroft-Erbin und himmelt das Mädchen an. Caroline Munjal spielt kaum eine Rolle in der Geschichte, aber Mr. Blakeney ist wieder dabei, um Mr. Hardcastle bei seiner Arbeit zu helfen und die Damen ebenfalls bei ihrer Detektivarbeit zu unterstützen. Die Reporterin Genie führt ihre eigenen Ermittlungen über die richtigen Nachrichtenkanäle durch, hat aber ansonsten nicht viel beizutragen.
In der ersten Dekade des zwanzigsten Jahrhunderts veröffentlichte der französische Schriftsteller Maurice Leblanc „Arsène Lupin kontra Herlock Sholmes“, einen Kriminalroman, in dem sein beliebter Gentleman, Arsène Lupin, vorgestellt wurde. Was „Arsène Lupine“ von Leblancs anderen Lupin-Romanen unterscheidet, ist der Untertitel: „Eine Aufzeichnung über ein Duell der Intelligenz zwischen Arsène Lupin und dem englischen Detektiv .“ Der verquaste Titel von Lupines Gegner ist kein Tippfehler, sondern eine Vorsichtsmaßnahme gegen eine eventuelle Urheberrechtsverletzung. Wir sehen, dass es dieses Thema bereits 1910 zu beachten galt.
Betrachten wir die Arbeit des Meisterdiebes. Wenn ihr mit Lupin nicht vertraut seid, stellt euch einfach Cary Grant in „Über den Dächern von Nizza“ oder George Clooney in den „Ocean“-Filmen vor. Er ist kein einfacher Einbrecher. Begeistert von einem Moment poetischer Inspiration über eine einzigartige Gelegenheit, beginnt der Meisterdieb damit, mit Hingabe und Vertrauen in seine Fähigkeit, die Erwartungen, Wahrnehmungen und die Realität derer zu manipulieren, die er zu täuschen versucht, nämlich seine Leser. Während sein ursprüngliches Konzept vielleicht ein anderes war, weiß er, dass seine Fähigkeit darin liegt, verschiedene Masken und Identitäten anzuwenden. Das schließlich führt ihn zum Erfolg. Und das ist auch sein Plan. Außerdem ist das die eigentliche Handlung. Und manchmal ist das auch genug.
Elizabeth C. Bunce erzählte einmal die Geschichte, wie wie auf den Namen Myrtle kam. Das ist deshalb interessant, weil alle Titel im Original das Wort „Myrtle“ anstelle von „Murder“ beinhalten, was in der Übersetzung leider verloren gegangen ist. So heißt der erste Band, der bei uns bei Knesebeck erschienen ist „Mord im Gewächshaus“, in Wirklichkeit aber „Premediated Myrtle“ anstatt von Premediated Murder, also vorsätzlicher Mord. Der zweite Band – „Mord im Handgepäck“ heißt „How to get away with Myrtle“ anstelle von „Wie man mit Mord davonkommt“ – und der Band, um den es heute hier geht, nennt sich „Cold Blooded Myrtle“, anstelle von Kaltblütiger Mord. Übersetzt wurde der Titel mit „Das Geheimnis des Glockenturms“.
Myrtle war tatsächlich ein simpler Versprecher ihres Ehemanns, der Elizabeth Bunce einen Artikel über einen vorsätzlichen Mord vorlas und das Wort „Murder“ so herausbrachte, dass es sich wie der Name unserer Detektivin anhörte. Es dürfte klar sein, dass Myrtle etwas zu sagen hatte und sich auf diesem Wege bemerkbar machen wollte.
Bunce kanalisiert in ihren Romanen geschickt die Energie britischer Detektivgeschichten aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Damit ist sie zwar nicht allein, aber während zum Beispiel Robin Stevens in seiner Wells und Wong-Reihe eher den Stil von Agatha Christie als Vorbild nimmt, arbeitet Bunce feministische Themen ein, die häufiger bei Dorothy L. Sayers zu finden sind. Myrtle selbst ist ihrer Zeit weit voraus und kann sich mit Hilfe von Miss Judson, Dr. Munjal und einigen anderen sympathischen Erwachsenen auf eine Weise weiterentwickeln, die vielen Mädchen ihrer Zeit verwehrt blieb – und wir sprechen hier vom viktorianischen Zeitalter.
Szene vom Originalcover; Algonquin Young Readers
In „Das Geheimnis des Glockenturms“ stößt unsere Ermittlerin auf ihren ersten ungeklärten Fall aus der Vergangenheit, etwas, das sich als Cold Case in unseren Jargon gearbeitet hat. Vor Jahren verschwand eine Studentin des örtlichen Colleges unter mysteriösen Umständen, und es wurde nie eine Spur von ihr gefunden. Ein Mord zu Beginn des Romans erinnert an dieses alte Geheimnis, und Myrtle, Miss Judson und die Katze Peoney machen sich auf den Weg, um eine verwickelte Geschichte von Geheimgesellschaften, kryptischen Botschaften, lang vergrabenen Geheimnissen und einem auf Rache sinnenden Mörder zu entwirren.
Diese Folge spielt in der Weihnachtszeit in Myrtles kleinem englischen Dorf Swinbourne. Festtagskrimis haben eine lange Tradition in der Kriminalliteratur, und viele unserer modernen Festtagsbräuche haben ihren Ursprung im viktorianischen Zeitalter.
Myrtle ist immer noch so impulsiv, entschlossen und unnachgiebig wie eh und je. Aber nachdem sie nun bereits mit mehreren Morden konfrontiert wurde, hat sich ihre Sicht auf die menschliche Natur definitiv erweitert. In mancher Hinsicht scheint sie verständnisvoller zu sein, aber manchmal ist sie sogar noch misstrauischer gegenüber jedem. Jeder, dem sie begegnet, scheint mörderische Absichten zu haben. In „Das Geheimnis des Glockenturms“ wird Myrtle in ihren bisher persönlichsten Fall hineingezogen, in dem es auch um ihre verstorbene Mutter geht. Myrtle ist in einem Alter, in dem sie beginnt, ihre Eltern als Menschen mit Vergangenheit und Geheimnissen zu sehen, und vielleicht auch mit weniger liebenswerten Eigenschaften. Sie lernt ihre verstorbene Mutter hier aus einer anderen Perspektive kennen.
Die Myrtle-Hardcastle-Krimis bringen jungen Lesern nicht nur den Spaß an klassischen Detektivgeschichten nahe, sind aber so hervorragend geschrieben und recherchiert, dass sie auch von erwachsenen Liebhabern der gemütlichen Krimis mit Gewinn gelesen werden können. Zum Beispiel sind den einzelnen Kapiteln wie gewohnt Auszüge aus Myrtle Hardcastles Handbüchern vorangestellt. Das sind in jedem Buch andere und in diesem Roman konsequenterweise jene mit dem Titel „Die moderne Julzeit – Ein historischer und wissenschaftlicher Diskurs über Weihnachten & seine altehrwürdigen Traditionen“. Myrtle gibt auch gleich das Datum an, wann sie dies notiert hat, nämlich 1893.
Ihre Erzählung in der ersten Person zeigt – wie auch besagte Notizen und zahlreiche Fußnoten – ein äußerst aufgewecktes, sehr gebildetes und intelligentes Mädchen, von dem man auch deshalb gerne etwas erfährt, weil sie einen sehr feinen Humor besitzt. Auch dieses Buch ist vollgepackt mit historischen Kuriositäten, neuen Charakteren, neuen Blickwinkeln auf vertraute Mitglieder der bereits bekannten Besetzung und weiteren fabelhaften Schauplätzen des 19. Jahrhunderts, denn englische Dörfer haben viele Geheimnisse, denen es sich lohnt, auf den Grund zu gehen.
Es versteht sich von selbst, dass ich auch den dritten Band der hervorragenden Myrtle-Hardcastle-Reihe nicht nur jüngeren Lesern, sondern allen, die klassische Krimis lieben, ans Herz legen will. Die Bände erscheinen bei Knesebeck.
Prospero jagt der Gestalt hinterher, die durch jeden einzelnen Raum schreitet, bis sie schließlich den letzten Raum erreicht. Prospero stellt die geheimnisvolle Gestalt dort, die sich zu ihm umwendet und dieser schließlich tot zu Boden sinkt. Die Adligen reißen dem Fremden die Maske herunter und müssen erkennen, dass er kein Gesicht hat. Er ist der Rote Tod persönlich. Selbstverständlich sterben sie alle.
Durch die Art und Weise, wie Poe in fast allen seinen Arbeiten mit Zeichen, Hinweisen und Symbolen arbeitete, beeinflusste er die europäische Avantgarde, hauptsächlich die französische, maßgeblich. Ein Beispiel. Sehen wir uns die sieben farbkodierten Räume etwas genauer an, die von Osten nach Westen verlaufen. Sie sind so beschrieben, das sich leicht der Lauf des Lebens aus ihnen herauslesen lässt. Beginnend mit der Geburt (blau), Kindheit (purpur), Jugend (grün), Reife (orange), Alter (weiß), dem nahen Tod (violett), und dem Tod selbst (schwarz/rot).
Der siebte Raum, in den Prospero den Fremden jagt, repräsentiert also den Tod. Zunächst stirbt Prospero selbst, am Ende der Geschichte aber alle, die den Raum betreten haben.
Poe machte keinen Hehl daraus, dass er Allegorien verabscheute, weil diese den Leser von der Wirksamkeit des Effekts ablenke. Und dieser Effekt ging ihm bekanntlich über alles. Aber wie so oft, hielt sie Poe nicht an seine eigenen Prämissen, die er aufstellte (um genau zu sein, hielt er sich an keine einzige).
Die Erzählung weist keine Charaktere auf, die die glaubwürdige Auslegung einer Allegorie zuließen. Nur Prospero spricht. Sein Name deutet auf Glück und Fröhlichkeit hin, was ironischerweise natürlich nicht der Fall ist. Innerhalb seiner Abtei hat er sich eine Welt nach seinen Vorstellungen erschaffen, mit Masken, die seinen eigenem Geschmack angemessen sind. Diese „Figuren“, die um ihn herum tanzen, sind so sehr ein Produkt des Prinzen Phantasie, dass Poe sie eine „Vielzahl an Träumen“ nennt.
Trotzdem gibt es Deutungsmöglichkeiten. Die Farben der Räume wurde bereits angesprochen, aber auch die Zahl 7 offenbart ihre Symbolik recht eindeutig. Sieben Stationen kennt das Leben, die alte Welt kannte sieben Wunder, man kannte sieben Zeitalter, es gibt sieben Totsünden – überhaupt ist die Zahl 7 eine mystische Zahl. Der Maskenball (oder Tanz) erinnert an die Totentanz-Motive in der bildenden Kunst, die seit dem 14. Jahrhundert immer wieder bearbeitet wurden; hier führt ein Skelett die Leute ins Grab, so wie Prospero seine Gesellschaft ebenfalls in den Tod führt.
Eindrücklich unterbricht das Schlagen der gewaltigen Uhr aus Ebenholz die Erzählung gleichermaßen wie die Feierlichkeiten auf dem Papier. Und obwohl die Uhr ein Objekt ist, gibt Poe ihr menschliche Züge, wenn er von „Lungen, aus dem ein Ton kommt, der überaus musikalisch ist“ und von einem „Gesicht“ spricht.
Poe ist bis in die heutige Zeit hinein ein unfassbares Genie, auch wenn die Untersuchungen über ihn und sein Werk selbst ganze Bibliotheken füllen. Gerade diese Unfassbarkeit macht auch die lang anhaltende Faszination aus, die gleichermaßen von ihm wie von seinem Werk ausgeht. Es ist das Rätsel seines Geistes, in dem sich wie bei keinem anderen Schriftsteller der latente Wahnsinn in einer Begabung äußert, die nie wieder erreicht wurde und wohl auch nie wieder erreicht werden kann.