Honey Baby

Von der Backfront : noch gestern (dunkel war’s, kein Mond schien helle) in den Herbstduft gestiegen, mich hingetastet (obwohl ich doch ein Elektrokleingerät zum Kneten) an den perfekten Honigbatzen, von dreien zwei nach Rachen=Erkenntnis genuß=gut, für die nächsten hellen Tage : noch mehr Honig, noch mehr Zimmet, etwas weniger Nelkenpulver; ach : und Hirschhornsalz fehlte auch diesmal. (Ob ich da mal selbst im Wald?)

Gestern die Milch, heute der Keller

Wir bleiben uns vor allem wahr. Und wenn du liegst, so beuge
ich mich stochastisch über dein weißes Rauschen, vermute nur,
und irre nicht. Du bist mir alle Erde dann, und alle Wärme dann.
Gestern hast du gesagt, du hast gesagt: Milch. Die ich von dir nahm,
die ich in dich leerte, die sich mit dir verband, die roch wie später dein Kleid.
Dein Fassen eine Zierart des weißen Trunks aus allen offenbarten Öffnungen.
Doch die Annahme des Gemolkenen. Der Lohensteinsche Himmelschlüssel,
und heute der Keller, in dem ich dich offenbarte, in dem du mir
zugeneigt zuneigtest dein Haupt, dein Haar, dein Angesicht. Und
in deiner Augen Glanz war’s mir, als sähe ich Erkennen strahlen,
durch allerlei Brimborium das Püppchen geknetet und zugerichtet,
doch sah ich’s nur und fühlte anders, denn fühlte –
und ich fühlte wie gestern die Milch, dich.

Durch die Rabenscheiße ins Glück

Zwischen dem Wort „Toilette“ und dem Wort „Leute“ gibt es eine ungemeine Verwechslungsgefahr. Doch der ähnliche Klang kommt nicht von ungefähr. Immer, wenn ich „auf die Toilette muss“, dann mache ich das, was Raben tun, wenn sie „auf die Leute …“, nämlich: scheißen.
„Ich muss mal kurz auf die Leute“, ist dann das Ergebnis einer gepflegt realistischen Wortwahl.

Befreiung von Zweck

„Wenn nun ein höherer Mensch über das geheime Wirken und Walten der Natur eine Ahnung und Einsicht gewinnt, so reicht seine ihm überlieferte Sprache nicht hin, um ein solches von menschlichen Dingen durchaus Fernliegendes auszudrücken. Es müsste ihm die Sprache der Geister zu Gebote stehen …“ (Goethe)

Als ich ansetzen wollte zu einem Hohelied der Geistersprache, gerate ich an Heinz Schlaffers ebenso benanntes Buch, 2012 bei Hanser, gerate dann wieder in die Situation, erst einmal widersprechen zu wollen, mäßige mich aber, weil dem Lyriker bewusst sein muss, dass er sich einer archaischen und vollkommen autonomen Form anheimgibt, indem er auf Kommunikation mit seiner Umwelt pfeift und pfeifen muss, indem er davon profitiert, was ein jahrhundertelanger Kampf war, Herr (und Dame) über sein Kunstwerk zu sein, zum ersten Mal wirklich frei (nun jetzt schon etwas länger), aber auch nicht zu lang, wo messen wir schließlich, wir messen 1 am Kosmos, wir messen 2 dann erst am pille-palle-existierenden Menschen(ge)schlecht. & wenn die Götter das hören, werden sie dachsteufelslustig, denn sie haben’s ja schon immer gesagt, wo sind denn ihre Schamanen hin, ihr Joghurtesser und Baumhöhlenbewohner, wo sind die denn hin in ihren Betongsiedlungen. & wem hören sie da zu. & wollen zu allem Abfluss auch noch gelesen werden. Das Sangesfeuer ist die Inspiration, Begeisterung hört sich da nicht schön an, Besessenheit ist besser, herausgefallen aus dem Geniekult, der aber im Kleinen weiterschlüpft, herausschlüpft aus dem Kescher, dämonisches Werden, ganz anders sein, weil da zu trennen ist zwischen dem wie ich sein könnte und dem wie ich werde. Befreiung von Zweck, aufatmen : sooooog; ausatmen : faaaach!

Wir preschen die Spuren

Nur die Lyrik ist dazu imstande, uns zu befreien. Dass wir überhaupt befreit werden müssen, daran ist ein Phänomen schuld, das wir „modern“ nennen. In Wirklichkeit meinen wir jedes Mal, wenn wir dieses Wort benutzen „Entfremdung“, und doch lässt sich mit dieser Entfremdung hervorragend arbeiten, vor allem, wenn wir akzeptieren, dass wir niemals irgendwohin zurückkehren können. Wir alle sind den Orten unserer Vergangenheit fremd. Indem wir über Vergangenes nachdenken, verfremden wir die Vergangenheit, bedienen uns eines Stilmittels, das im Gedicht sein Königreich erfährt. Das ist ein Vorgang der Evokation, unser Gedächtnis ist ein Schuttgedächtnis, und wir rufen uns in Erinnerung, was wir längst nicht mehr parat haben, das aber unsere Träume beeinflusst, die wiederum ein Gefühl in uns zurücklassen, als hätten wir etwas Bedeutsames vergessen. Wir erinnern uns an die Lücken des Gewesenen, treffen also mit der Gabel nie das Fleisch, das uns stets entwischt, obwohl der Teller endlich scheint. Natürlich: auch das ist immer nur Schein. Wir preschen in die Spuren, die wir selbst nicht angelegt haben.

Eilmeldung aus der Antike

Vom Frischrahmaufstrich Cäsars
wird erzählt, er sei schon
damals an Tankstellen
erhältlich gewesen

die man nicht sehen konnte
weil es keine Autos gab.

Vashti Bunyan: Train Song

Tatsächlich ist die Frühe ein Schauspiel Eiter-entzündlicher Wolken, tiefliegender Bewässerung, die gestern begann und mit einem rasanten Trommelfeuer eisiger Kleinbrocken die Straße kurz in einen Bach verwandelte. Nichts gegenüber den überschwemmten Tälern, die es im Sommer in anderen Regionen gab, aber ich dachte kurz an meine Bücher im Keller. Der ist über der Waschküche jedoch höher gelegen, ungefährlich, so lange nicht das völlige Szenario einer Kapitalisten=(statt „Sint=“)Flut ausbricht. Der Sommer, der dieses Jahr ekelhaft war, neigt sich dem Ende, das ist bereits anhand von Kleinigkeiten zu spüren. Kein Freund der klimatischen Massenunterhaltung bin ich. Wollte mir um 6 nur das Wasser abschlagen, da war Albera schon auf die Gleise konzentriert -gen Klondike in der Falz – Goldmeuble abzuholen. Blieb dann aber wach, nachdem ich gestern vor lauter Hitzemigräne nicht an die Sandsteinburg konnte. Nun, es wird spät in den letzten Wochen, spät wie jahrelang nicht (ich bin doch meist zwischen 8 und 9 gestartet; jetzt wird es öfter auch 10 oder 11 weil nachts 2 oder 3). Nachher aber Flohmarkt (und Paket vom DHL, der gestern wieder mal nur einen Zettel hinterließ … ich brauche dem Post=Diener wohl zu lange, bis ich aus meiner Kemenate heruntergestiegen komme).
Zum Sandsteinburg-Soundtrack:

Die Kraft einer an sich einfachen Aussage, die ihre Wucht durch die Repetitio bekommt, wie sie ja in solchen Beispielen nicht gerade selten ist. Der Text aber wäre banal, wenn ihn nicht dieser ferne Gesang zu einem atmosphärischen Ungeheuer machen würde, ihm einen emotionalen Schub verpassen würde. Der Vortrag gibt perfekt das wieder, was der Text bedeutet, und zwar in seiner nackten Vollendung.

Travelling north, travelling north to find you
Train wheels beating, the wind in my eyes
Don’t even know what I’ll say when I find you
Call out your name, love, don’t be surprised

It’s so many miles and so long since I’ve met you
Don’t even know what I’ll find when I get to you
But suddenly now, I know where I belong
It’s many hundred miles and it won’t be long

Nothing at all in my head, to say to you
Only the beat of the train I’m on
Nothing I’ve learned all my life on my way to you
One day our love it’s over and gone

It’s so many miles and so long since I’ve met you
Don’t even know what I’ll find when I get to you
But suddenly now, I know where I belong
It’s many hundred miles and it won’t be long

Manusprickt

Noch habe ich den Katarrh und bin im Verzug mit den Sandsteinburg-Lesungen, das Manusprickt bearbeite ich jedoch ausgiebig. Der Beiname „Possenspiel“ ist jetzt das offizielle Element dieser multiplen Dampframme. Ich muss gestehen, dass ich die Sandsteinburg nie fertig zu machen beabsichtigt hätte, wenn nicht Albera seit einem Jahr die Weichen stellte. Oft hatte ich den Text in seine nahezu 1000 Einzelteile zerlegt, selbst überzeugt von der Unmöglichkeit dieses „absoluten Buches“, manchmal ertappte ich mich dabei, dass ich an einen idealen Leser dachte, überhaupt an Leser, was ich mir jedoch erfolgreich wieder austreiben konnte. Es geht um Kunst und nicht um Leser. Zwei Begriffe also, die sich beißen. Man darf nicht feige sein, wenn man sein Leben ausschließlich der Literatur widmet, wenn man selbst ein Kunstwerk ist und man jegliche Grenzen schon vor Jahrzehnten überschritten hat. Aber es ist die Eger mein Rubikon. Und es ist die Sandsteinburg meine Nemesis.

Bitte bringen Sie eine Kottüte mit!

siss kempten

Cambodunum war bereits eine Weltstadt als es noch gar keine Welt, geschweige denn eine Stadt gab. Der ewige Streit mit Trier, welche Stadt denn nun wirklich die älteste Deutschlands ist, kann sich sehen lassen, ist aber unbegründet. Kempten macht selbstverständlich das Rennen. Auch wenn man sich, um den Streit zu schlichten, fragen muss, auf welche Quelle man sich bezieht, kann man doch ganz leicht Folgendes ins Feld führen: Ich lebe in der ältesten Stadt Deutschlands. Ich lebe in Kempten. Ergo ist Kempten die älteste Stadt Deutschlands. Wer das komisch findet, der versteht nichts von den alten Griechen; und wer nichts von den Griechen versteht, wird wohl auch nichts von den Römern wissen. Aber die gab es (nachzulesen in jedem Asterix-Heft). Und sie hatten echt Bad. Thermen nannten sie das; Hitzelinchen. Kaugummi hatten sie nicht, aber sie waren trotzdem Imperialisten. Wie oft steht man auf einem Hügel und denkt: „Mensch, hier!“ Hier haben die Kelten 50 vor moderner Zeit herumgesiedelt, bis 14 vor moderner Zeit Tiberius anrauschte und das Allgäu römisch wurde. Man muss aber sagen, dass die keltischen (und alamannischen) Einflüsse heute noch recht umtriebig vorhanden sind, von den Römern sind nur noch überteerte Straßen und Steinwälle da. Und Bad, denn – yes – die Römer hatten echt Bad!

Der Archäologische Park ist für einen Erstkontakt mit der antiken Welt nicht uninteressant. Es gibt Gewürzwein, Steine, mehr Steine, und Toiletten, auch wenn man auf der Webseite gebeten wird, Kottüten mitzubringen. Es gibt vermutlich zwei Gründe dafür: erstens, man führt sein Hündchen mit und das kackt dann vor die Statue des Hercules, oder man hält es vor lauter Spannung selbst nicht aus, pillert und bollert für sich selbst, während man sich gar nicht von der Aussicht trennen kann, und hat dann was für die Vitrine daheim: eine Tüte voller besuchtem Cambodunum!

Epitaph für Leon

Leon
Leon 2010, kurz nachdem wir beide leider deutschen Boden betreten mussten.

Leon war, als wir noch in der Schweiz lebten (genau genommen hat er die eidgenössische Staatsbürgerschaft nie abgelegt), der erste Kritiker meiner Gedichte. Denn wer sonst wäre in Frage gekommen, sich einen ernsthaften Eindruck über meinen Geisteszustand zu verschaffen? Leon durchstreifte mit mir die Nächte in Lichtensteig (als ich an Die Gilde der pechschwarzen Liebe arbeitete, gingen wir jede Nacht um drei Uhr über die Thur zum Automaten, um Skumkantarell zu besorgen) und später in Winterthur, wo wir der Einsamkeit einer Stadt lauschten. Leon hat das nicht weiter gestört, Hauptsache wir waren unterwegs.

Leon hat die letzten Jahre dort verbracht, wo er wohl seine beste Zeit hatte. In Biesen, dort wo wir früher im Studio arbeiteten, wo das Ouroboros Straum, Timber, und Der Regenschirm entstand. Und wo er schließlich zu Hause war. Zum Schluss war er ein alter Mann, aber ich glaube, er war glücklich. Das Problem ist, dass mich seine Heimkehr seltsam hart trifft. Ich werde tiefer in die Nacht fliehen.

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