M.E.P.
Halkyonische Tage
Als ich mich umdrehte, sah ich etwas, über das ich nie Worte verlor. Die Ereignisse müssen sich, unterschiedlich benannt, wiederholen; Schall (Ausbreitung von Druck, Dichte, Temperatur, Geschwindigkeit). Ich sah den Winter in allen Gefilden, Halkyone und ihr Gatte Keyx bereits in Eisvögel verwandelt. Kein Ruf, den man der Nachtigall stiehlt, nur zwei Menschen sind alle Menschen, nur eine Insel ist ihr Bett und nur das Schweigen ist ihr Tod, das Geräusch deiner Bewegung, wenn du nicht mehr bei Sinnen bist, wenn du glaubst, dass die Tore sich bald weit öffnen werden, große Tore, so groß wie hoch wie weit, da kommen wir her, aus dieser Erinnerung, es entsteht ein Vorhang mit eisigen Nüstern (das Pferd von Füssli entsteht).
Die Träume sind die Gattung, der Alptraum ist die Art (Rose, Maske, Münze, Verbrechen, Liebe, Tanz, Furor). Um im Traume den Schaden abzuwenden, wiederholt man dreimal die sehr berühmten Worte des Götz von Berlichingen. Die Bleichweiber zeigen indes dem Hagel den nackten Hintern, auf demselben lassen sie sich das Brot kneten, doch da ist etwas an den Büchern (wenn man den Frosch nicht küsst, den Apfel nicht reibt). Nichts als Gaukelei, vielleicht der letzte Ort. Sonderbare Zeichen hinter der Schulter. Das Jahrzehnt hat sich nicht gänzlich zu verabschieden gewusst, tief in der Erde fließt noch Blut, pulsiert ein Herz aus Granit, unterschiedliche Töne und Szenarien, die lose von der Decke herunterhängen wie Lappen, die auf einen Tisch geworfen wurden. Europa, der alte Kontinent, der seine überaus wirksame Magie an seine Außenränder hinausdrängt. Der Versuch, unter der Eisdecke die Einbruchstelle wiederzufinden, wie du dagegen gepocht und geklopft hast, um von unten ein Loch zu hauen, die Augen aufgerissen, schon wie ein Gespenst, die Haare Algen, die um ein Kalkgesicht schweben, haariges Wasserschweben, im Wasser schwebendes Haar, jedes Wort, jeder Ruf eine Sprechblase ohne Worte darin, nur angefüllt mit ranzigem Leben, als die Gestalten, die du sonst nur träumtest, plötzlich durch Zeit und Raum brachen.
Unter der Chamäleon-Sonne
Im Traum kam ich jedes mal ein bisschen südlicher der dampfenden Lichter heraus, aber immer in der Wüste. Das Schillern und Glimmern vor mir war unermesslich; als wäre der Sternenhimmel auf die Erde gefallen loderte die Atmosphäre wie mit Gold-, Silber- und Diamantenstaub erfüllt. Natürlich war es nur ein Traum, zu jener Serie gehörend, die ich seit meiner Kindheit fantasierte. Ich überflog aus großer Höhe ein farbenprächtiges Gebiet, das sich ausdehnte und verwandelte. Der Traum schien ein Verbindungsstück zu allen möglichen Welten zu sein, also nicht von jener Art, wie er den Rationalisten so viel Rätsel aufgab, dass sie darüber verrückt wurden. Ich betrat ihn wie einen Flur, dessen Wände hin und her zucken, auf- und ab schwirrten. Von dort aus konnte ich überall hingelangen. Dieser Traum-Flur erinnerte an ein Intestinum mit lichtdurchfluteten Wänden. Man gab hier seinen Körper ab, hängte ihn entweder selbst an den Haken der Somnium-Garderobe, oder man übergab ihn der Garderobiere, einer Dame mit langem, beweglichem Hals, bekam dann eine Nummer zugewiesen, die man sich leicht merken konnte, weil man selbst von der Art dieser Nummer war. Während also der Körper hier hängt wie ein Mantel, liegt er in Wirklichkeit irgendwo herum, eingemummelt in Decken, schnarcht oder atmet nur ganz leicht.
Wegweiser gibt es dort nicht. Das ist der Grund, warum man sich allzuleicht verirren kann. Abertausend Türen locken mit überirdischen Farben, manche sogar mit Musik oder Gerüchen, mit Bildern aus der Vergangenheit oder dem Unterbewusstsein, dem man ja augenblicklich sehr nahe ist. Es ist oftmals schwer, zu widerstehen, denn manche Dinge sind für unseren befreiten Geist zuckersüß, und doch so ungeheuerlich gefährlich. Solange man den Traumkorridor jedoch nicht eine Richtung verlässt, die nichts mit der Form der eigenen Nummer zu tun hat, gelangt man durch das Erwachen des Körpers binnen des Augenaufschlags wieder in die Wirklichkeit zurück. Es fühlt sich an wie das Absinken einer Schwingung, durch die wir schließlich auch die ganze Materie geschaffen haben.
Geht man jedoch einem Ziel entgegen, das der eigenen Nummer widerspricht, wird es kompliziert, weil man dann die ›falsche‹ Zahl zur eigenen hinzuaddieren muss, um zurück in den Flur zu gelangen, manchmal aber muss man eine Subtraktion anwenden, womit das Glücksspiel beginnt, weil es keinen Hinweis darauf gibt, was das Richtige ist. Folgt man jedoch stets nur seiner eigenen Nummer, ist die größtmögliche Sicherheit gewährleistet, ganz egal, wie viele Türen man hinter sich lässt.
Ich selbst kannte meinen Weg, ich war seit langem darauf vorbereitet, aber ich traf auch jene, die irrsinnig waren vor Angst, die in einer Ecke saßen und wie Kinder, wenn sie zu rechnen beginnen, Finger hoben und wieder fallen ließen. Ihr Blick sprach dabei Bände.
Pellkartoffelzucht
Einen Körper haben bedeutet: Raum; im Raum sein. Leiber, die wir sind, sind wir der Ort, zu dem wir gehen, sobald es unsere Schuhe zulassen, die vergänglich sind. Unter verschiedenen Umständen gleichbleibende Tätigkeiten, die von den jeweiligen Inhalten völlig unabhängig sind, eine senkrechte Achse also, kein System, keine logische Folgerung, Brutschutz und Adaption des Unsagbaren, gerne ein Schloss, auf die Zähne gebaut, güldene Zopfprinzessinnen darin einquartiert, oder eine Hunde- und Pellkartoffelzucht zugelassen. Sie wissen es wahrscheinlich besser als ich: man wird sich nicht für etwas entscheiden, vor allem deshalb nicht, weil noch nie darüber in den alten Dampfkesseln, dem Urquark, gesprochen worden ist, eine Einigung stets zweifelhaft, ein Ehering ist nicht schlechter als ein Gebiss, nach alter Herren Sitte geschmiedet.
Trümmer des Schlafs
Trümmer des Schlafs: ich komme hoch, zerteile die Oberfläche (noch nicht), sehe ein abgeschmacktes Licht, einen wartenden Tag, er wälzt wälzt wälzt sich, im Bett, der Tag, und träumt, hält fest an dem Traum, der Wahnsinn; du Wahnsinniger! (auch ich bin ständig mit dem Trommelrevolver unterwegs). Nein, ich fasse mich an, der Instinkt des Traumes ist stets erotisches Schweinelager, stets voll … und voll … die Laken: stinkendes, krustiges Blut – und Nahrung (oder Rätsel). Das Fass, das der Böttcher botticht hat nichts zu tun mit dem Böttcher, der den Bottich fasst.
Schwerkraft zum halben Preis
Nebenan, beinahe in der Hinterstube, so aber doch noch im Wintergarten, verkaufte Frau Emsrente Schwerkraft zum halben Preis. Es ist da in den letzten Jahren gehörig etwas ins Wanken geraten, und da man zu keinem Zeitpunkt wusste, was Schwerkraft überhaupt ist, wusste freilich auch niemand, wie man ihr Fehlen kompensieren sollte. Aber Frau Emsrente hatte einen Schwerkraftmixer, eigentlich ein zylindrisches Haushaltsgerät, das von außenliegenden Solarringen umschlossen wurde, und auf dessen Innenseite eine mit Sauerstoff gefüllte Biosphäre angelegt war.
Man kaufte Frau Emsrentes Schwerkraft, wenn man etwas im Umland Spazierengehen wollte.
Der Troubadour, die Kaltmamsel, und die Dame
Der Troubadour kniet nieder, greift ihre Hand mit wonnevollem Blick, der dem Ausdruck höchster Pein in nichts nachsteht, so als wäre er mit dem offenen Schneid des Tuzakmessers geeint.
„Meine Dame“, knistert es aus seinem Hals. „Meine Dame – ich bin Ihr ergebener Diener, völlig fertig bin ich, aber Ihr Diener!“
„Hast Du das gehört, Mamsell“, sagt das engelsgleiche Geschöpf. „Er sagt, er sei mein Diener!“
„Das sagt der doch nur so, das meint der doch nicht.“
„Aber ich meine es! Im Staub mein Knie, so schaut!“ ruft der Versemacher und plärrt, die freie Hand auf die Brust gelegt und einen Kropf blasend, los:
Nichts schimmert mehr, wenn es Dein
Antlitz ergafft, das so hell
wie die Sonne es neidet!
Nichts glimmt in den Feuern der
Kesselkanonen, die Gulasch
den Marschallen brühen…
„Jetzt seien Sie aber start! das Mädel erschrickt ja, wenn Sie so einen Käse herumbrüllen – und rot wird sie nicht, weil Sie ihr schmeicheln, sondern weil jeder zuschaut, wie sie da mit Ihrem Flickenteppich an ihre Hand wie einen abgeschlagenen Hühnerkopf halten! Haben Sie keine Heimstatt?“
„Meine Heimstatt ist das Herz der Dame und nur für sie will ich verdampfen im Nebel, der aufsteigt und die Lust mit sich hinan nimmt in den Himmel, der…“
„Jetzt geh, sag doch Du auch mal was!“ unterbricht die Kaltmamsell das mit allerhand Spuckwerk einhergehende Liebesgeschnurre.
„Was soll ich denn sagen. Er liebt mich halt.“