Als Dorothea das Zeitliche segnete, fielen in der Küche die Schöpfkellen und Siebe mit irrwitzigem Getöse von der Herdklappe, an der sie gewöhnlich an einem Haken hingen, weil in den Schubladen des Küchenschranks kein Platz mehr war.
In diesem Augenblick kam es mir so vor, als hätte jemand die Tür zum Fluss hin geöffnet und mit nebligen Geisterfingern in der Luft herumgetastet. Die Temperatur in der Wohnung fiel merklich, sodass wir alle fröstelten. Selbst die Möbel zitterten und drängten sich wie Schafe dicht aneinander.
Carlos und Noob saßen am Wohnzimmertisch und rauchten. Sie sagten kein Wort, aber ihre Augen rollten in ihren wässrigen Höhlen und waren gespannt auf das nächste Ereignis.
Ich saß nicht weit von ihnen entfernt auf dem Boden und lauschte den Fledermäusen, die den Wagen des Psychopompos zogen, um Dorotheas Seele zur letzten Fähre zu bringen. In die Stille, die stets einem lauten Knall folgte, mischte sich das Geräusch nahender oder sich entfernender Schwingen, das für gewöhnliche Menschen unhörbar war.
In unserer Familie war der Tod ein ungewöhnlich massiver Einbruch, womöglich der Preis für die Langlebigkeit, die neben der Unsterblichkeit, die kaum je zu erreichen ist, sämtliche Übergänge in ein anderes Stadium zu einem Gewaltakt herabwürdigte.
Diese Kommunikation mit dem Jenseits, die nicht über gewöhnliche Kanäle stattfand, widersprach der physikalischen Logik, mit der ich mich beispielsweise in unserer institutionellen, erlebnisarmen Schule auseinandersetzen musste. Ich hätte mich nie getraut, dort von gänzlich anderen Wahrnehmungen als den hinlänglich akzeptierten zu sprechen. Wenn ich mich über den Animismus ausgelassen hätte, dem ich in meinen jungen Jahren bereits häufig als Zeuge beiwohnte, hätte mich das in große Bedrängnis gebracht. Meine Mitschüler waren allesamt wahre Erben und zukünftige Säulen unserer fehlerhaft eingerichteten Welt. Ihre Naturgesetze waren wie ein loses Sicherheitsnetz angelegt: nicht zwingend falsch, aber unzulänglich und oft genug fadenscheinig.
M.E.P.
Letzte Horrorgeschichten
Dass ich diesmal an ein Verlagskonzept eher ruhiger herangehe, ist geschichtlich motiviert. Das geht auch nicht anders, denn wir leben in grundsolide bitteren Zeiten, die man sich nur durch eine gesunde Dosis Distanz und Tätigkeit urbar machen kann. Derzeit schreibe ich an meinen „letzten Horrorgeschichten“, was nicht meint, dass es wirklich die letzten sind, sondern sich mehr auf das beziehen, was sie stilistisch leisten. Sind das überhaupt Horrorgeschichten? Wenn man sich ansieht, was hierzulande darunter verstanden wird, dann eher nicht. Mit der Philosophie und dem Existentialismus scheinen unsere Autoren nicht sonderlich viel zu tun zu haben, den Existenzengrund sehe ich nirgends, eher nette Leute, die ihrer Kreativität eine unterhaltende Stimme geben. Das macht es einerseits unmöglich, Futter für eine Anthologie zu finden, die nicht nur aus Übersetzungen bestehen soll, andererseits kommt man ohne das, was gerne gelesen wird, nicht aus. Eine Debatte findet ohnehin nirgends statt. Das ist auch der Grund, warum ich auf eine Geschichte von mir in der MISKATONIC AVENUE verzichte (abgesehen von einer Kooperation mit Tobias Reckermann). Ich bin niemandes Kind und gehöre nicht einmal in meinen eigenen Entwurf. Tobias selbst sieht das anders (wie auch Albera Anders), aber der Hauptgrund des Verzichts: ich bin mir meiner überhaupt nicht sicher. DOROTHEA (erschienen im letzten IF-Magazin) mag da einerseits eine Außnahme als auch eine Bestätigung sein. Was also geschieht mit den „Letzten Horrorgeschichten“, dem „Schwarzenhammer-Zyklus“? Zunächst einmal ein neues Filmchen, das ich mit Albera plane, wobei noch nicht feststeht, welcher Text die Grundlage stellen wird. „Die Straße Malheur“, „Die Zentrifuge“ (die ich gerade ins Englische übertrage, um sie für den dortigen Markt flott zu machen), oder „Wuot“ – das sind die derzeitigen Möglichkeiten, und vielleicht werden noch mehr folgen. Seit Jahren sträube ich mich dagegen, eine eigene Sammlung herauszugeben, weil ich nicht glaube, Leser für diese artifiziellen Texte zu finden. Das könnte sich demnächst aber ändern, und es hängt paradoxer Weise viel von dieser ersten Anthologie ab.
Mit Piglias „Letztem Leser“
So erstaunlich es sich anhört, habe ich eine irrationale Angst davor, Bücher könnte es eines Tages nicht mehr geben und diese Möglichkeit käme noch zu meinen Lebzeiten zum Tragen. Das mag vielleicht ein Grund für meine Besessenheit sein: kaum habe ich ein Buch in meine Sammlung integriert, fehlt mir ein anderes schmerzlich. Und das geht immer so fort. Als Leser hat man immer zu wenig Bücher, auch wenn man eines Tages so viel hat, sie nie und nimmer alle lesen zu können. Doch das spielt keine Rolle und kann nur der Einwand eines Nichtlesers sein, denn manchmal besteht die Aufgabe eines Lesers gerade darin, nur zwischen den Büchern zu verweilen und nicht zu lesen. Es gibt keine andere Möglichkeit, das Universum zu uns einzuladen; sobald wir in den Nachthimmel sehen, zieht es sich zurück. Nur in einer Bibliothek offenbart es sich, wie das Leben, das man sucht, aber nur noch in der Erinnerung findet, einer Erinnerung, die sich nicht zuletzt aus Gelesenem speist.
Die völlige Vernichtung dieser Maschine
dabei wird es erforderlich sein, notwendig und wichtig, die Sprache von jedem Zweck fernzuhalten, von jeder Vereinnahmung, von jedem Ziel, von jeder Gesellschaftsfähigkeit; Sprache nämlich ist nichts über ihren Zauber hinaus, nichts außer die Magie unserer Existenz (wenn wir diese annehmen, was nicht ganz klar ist); wenn kein Körper mehr ist (wie auf einer Fotografie ist der Körper nur simuliert), bleibt eine Form bestehen, die „rein“ ist, vollkommen ungeometrisch zwar; in GrammaTau bringe ich Kunde von der Wirklichkeit, die verschwiegen wird (teils und häufig sogar aus Unkenntnis), weil sonst kein System sich mehr Sklaven generieren könnte. Es gibt durchaus einen Kampf, der hauptsächlich aus der Säuberung all dessen besteht, was unverständlich scheint, weil es nicht dem Dogma des Informationsgehalts dient, weil es dieses Dogma nicht nur umgehen will, sondern die völlige Vernichtung dieser Maschine anstrebt, weil
Das Trickster-Phänomen in „Mein Name ist Nobody“
Viele, die den Film heute noch mögen, verbinden Kindheitserinnerungen damit. Ein späterer Einstieg ist logischerweise möglich, wird aber von einer ganz anderen Sehgewohnheit dominiert. Als Hybrid zwischen Komödie und melancholischen Abgesang auf das ganze Westerngenre ist „Nobody“ jedoch einzigartig und hat mehr Tiefgang, als man das oberflächlich betrachtet vielleicht vermutet.
Das Tribunal zu Wilem
So war es nicht erstaunlich, dass ein Riese mich vor die Tür setzen wollte. Energie war er, sonst nichts, unhaltbar groß, erschienen aus dem Nichts, durch Gedanken in die Materie gezwungen. Nun erbat ich mir aus, mich noch ankleiden zu dürfen, denn der Anstand gebietet Kleidung. Noch während ich mich bemühte, alle Kluft zusammenzurühren, um hineinsteigen zu können, erschien – ebenfalls aus dem Nichts – mein eigenes Energiespektrum, klingelte aber wohl an der Eingangstür, denn von dort aus hörte ich einigen Tumult. War es verwunderlich, dass zu meiner Verteidigung ausgerechnet ein Renommist erschienen war? Der freilich, denn er kam ja aus meinem eigenen Dunstkreis, man frage nicht, wie, war mir, obwohl ich ihn als relativ machtlos gegenüber der anderen Partei entlarvte, war mir kein bloßer Unsympath; abgesehen davon hatte ich nichts anderes aufzubieten. Durch sein Auftauchen war die Angelegenheit nicht mehr so einfach und schnell durchzusetzen, was meinem Energieverteidiger dann doch anzurechnen war. Es sollte zu einem Tribunal kommen, was mehr war, als ich erwarten konnte, und das mich gleichzeitig erstaunte. Zielort: Wilem; ein Zimmer dort, wie tausend andere Zimmer. Immer mehr Menschen drängten herein: Anwälte, Stenotypistinnen, solche und solche, deren Funktion gar nicht auszumachen war. Ich würde verlieren, mit Verzögerung zwar, aber verlieren würde ich. Oder auch nicht, denn ich hatte eine Verbündete, die zu erreichen das ganze Bestreben meiner Traumreise war.
Viehmarkt
In erster Linie mochte ich es gar nicht glauben. So leicht wäre es über die Jahre bereits gewesen, die Reiseschreibmaschinen gegen eine zünftige Büromaschine (ein Arbeitspferd) einzutauschen. Ich hätte wohl nicht eine derartige Leidensstrecke zurücklegen müssen. Die Monikas waren mir aufgrund ihrer Robustheit bereits mehr an die Finger gewachsen als die anderen, dennoch gab es Makel, über die ich immer wieder berichtete. Jetzt ist der Koloss Olympia SG vor Ort, eingeritten und für tragfähig befunden. Zudem habe ich, sollte einmal etwas im Argen liegen, einen Mechaniker dazugewonnen, der auch mein zukünftiges Schreiben mit der Maschine gewährleisten kann. Drama beendet? Es sieht leicht danach aus.
Honey Baby
Von der Backfront : noch gestern (dunkel war’s, kein Mond schien helle) in den Herbstduft gestiegen, mich hingetastet (obwohl ich doch ein Elektrokleingerät zum Kneten) an den perfekten Honigbatzen, von dreien zwei nach Rachen=Erkenntnis genuß=gut, für die nächsten hellen Tage : noch mehr Honig, noch mehr Zimmet, etwas weniger Nelkenpulver; ach : und Hirschhornsalz fehlte auch diesmal. (Ob ich da mal selbst im Wald?)
Gestern die Milch, heute der Keller
Wir bleiben uns vor allem wahr. Und wenn du liegst, so beuge
ich mich stochastisch über dein weißes Rauschen, vermute nur,
und irre nicht. Du bist mir alle Erde dann, und alle Wärme dann.
Gestern hast du gesagt, du hast gesagt: Milch. Die ich von dir nahm,
die ich in dich leerte, die sich mit dir verband, die roch wie später dein Kleid.
Dein Fassen eine Zierart des weißen Trunks aus allen offenbarten Öffnungen.
Doch die Annahme des Gemolkenen. Der Lohensteinsche Himmelschlüssel,
und heute der Keller, in dem ich dich offenbarte, in dem du mir
zugeneigt zuneigtest dein Haupt, dein Haar, dein Angesicht. Und
in deiner Augen Glanz war’s mir, als sähe ich Erkennen strahlen,
durch allerlei Brimborium das Püppchen geknetet und zugerichtet,
doch sah ich’s nur und fühlte anders, denn fühlte –
und ich fühlte wie gestern die Milch, dich.
Durch die Rabenscheiße ins Glück
Zwischen dem Wort „Toilette“ und dem Wort „Leute“ gibt es eine ungemeine Verwechslungsgefahr. Doch der ähnliche Klang kommt nicht von ungefähr. Immer, wenn ich „auf die Toilette muss“, dann mache ich das, was Raben tun, wenn sie „auf die Leute
“, nämlich: scheißen.
„Ich muss mal kurz auf die Leute“, ist dann das Ergebnis einer gepflegt realistischen Wortwahl.