
Der Okkultismus nimmt in Die Totenfrau von Edinburgh nicht nur die Funktion eines dekorativen Motivs ein, sondern bildet die tragende Struktur, auf der der gesamte Roman ruht. De Muriel nutzt das Übernatürliche nicht als bloßen Reiz des Viktorianischen, aber auch nicht als triviales Grauen, das sich am Ende rational auflöst. Der Okkultismus ist vielmehr die Bruchstelle, an der sich die geistigen Welten seiner Figuren reiben: jene der etablierten Wissenschaft, die sich im späten 19. Jahrhundert zunehmend als Hoheitsmacht verstand, und jene des Spiritismus, der damals keineswegs als Randphänomen galt. De Muriel spielt bewusst mit der historischen Tatsache, dass Séancen, Geisterfotografie und mediale Zirkel gerade für die gebildeten Schichten faszinierend waren, weil sie zugleich Trost, Unterhaltung und metaphysische Antwortversprechen boten.
Im Zentrum steht Madame Katerina, die das Medium verkörpert, aber nicht als Scharlatanin gezeichnet wird. Ihr Status bleibt immer in der Schwebe: Sie ist weder eindeutig Betrügerin noch eindeutig Verbindungsglied zu einer jenseitigen Welt. Genau in diesem Schwebezustand entfaltet sich der Roman. Der Okkultismus ist hier weniger eine Sammlung von Ritualen als ein Weltzustand: eine Art Zwischenreich, in dem Schuld, Trauma und gesellschaftliche Konflikte eine Stimme finden. Die Séance, in der sechs Menschen sterben, wirkt wie ein düsteres Sakrament, in dem die Vergangenheit der Familien – ihre gegenseitigen Kränkungen, Erbstreitigkeiten, verborgenen Verletzungen – plötzlich Gestalt gewinnt. Der Geist, den Katerina beschwört oder zu beschwören vorgibt, ist letztlich die materialisierte Summe all dessen, was verschwiegen wurde. De Muriel zeigt damit sehr fein, dass der Okkultismus im Viktorianischen nicht nur ein exotisches Hobby war, sondern psychologisch funktional: Er bot eine Sprache für das Unsagbare.







