Sinne schwinden (schwindet, Sinne!); so ein Lied der Früchte, so ein Lied der Frucht; aus deinem Füllhorn fließt stets und stets des Lebens Energie, der Boden säumt die ausbedungnen Schuh. Ein Schritt nur, und es wird die Späte richten, wie der Tag sich aus dem Tage schält. Das B des Bibberns, B des Bangens, B des Badens in olfaktorischen Genüssen. Auratisch schwebst in Windeseile, durcheilst den Luftraum windgeschwind und hebst dich in die offnen Arme, die Hände fächeln Tau herbei, und Kosung dreht sich zum Gerank, zum Wimperg über unsren Köpfen. Die Hand wird nur geküßt im Viert der Räume, auf den Steigen der Zeitenbahn. Uns ist das Fließen angedacht. Ich könnte, käme an, ich konnte, kam ich an, ich kann nicht von dir lassen, den Brautstein auf den Lippen tragend, der den Gesang des deinen Körpers in den Trichter des Gesagten, der Verheißung überführt.
Autor: M.E.P.
Tschu Tschu
Kempten leuchtet heute wie von einer Zweitsonne beschienen. 1023 meter bis zum Bahnhof (wenn man den Ring anders kreuzt, kann man die Distanz sogar unter 1000 drücken). Im Biergarten daneben und davor starren mich die Leute an. Was ist denn jetzt schon wieder? Ich bin mit dem Rad da, Herrschaften, völlig unauffällig. Also, entweder stimmt mit mir wirklich etwas nicht oder ich werde meiner Paranoia nicht mehr Herr.
Tschu Tschu weiterlesenGelbes Hemd
Ich habe gestern in mir herumgestochert und herumgeforscht, aber nichts gefunden. Der Bahnhof, an den ich dachte, ist mir oft ein flüchtiges Thema, in meiner Erzählung Martraum (Sandsteinburg) sogar ein großes Symbol, das mir aber auch keine andere Wahl lässt. Mit einem Bahnhof beginnt die Geschichte, die sich nicht schließen lässt, mit einem Bahnhof beginnt die Geschichte in der Mitte.
Gelbes Hemd weiterlesenIndem das Wunderbare und Übernatürliche genügt
Todorov, dem ich einige Dummheiten unterstelle, zählt Kafkas „Verwandlung“ zum Beispiel nicht mehr zur Phantastik, weil hier das Übernatürliche von Anfang an vorgesehen sei. Es geht ihm hier um das fehlende Überraschtsein angesichts der phantastischen Ereignisse. Dass die Psychoanalyse die phantastische Literatur ersetzt habe, ist eine weitere Merkwürdigkeit; doch angemerkt werden muss, dass aus heutiger Sicht selbst die Psychoanalyse ein überholtes Modell darstellt. Längst hat sich alles den Neurowissenschaften zugewandt. Es gibt natürlich andere Kandidaten, die Todorov widersprechen, aber auch sie überzeugen letzten Endes nicht. Hans Richard Brittnacher ist so jemand, wenn er behauptet, dass das Phantastische im Grunde kein ästhetisch innovatives Potential mehr entwickeln könne. Das Problem der deutschen Phantastikforschung wird da schon mitgeschrieben, denn sie stecken diese Begrifflichkeit einfach zu eng, weshalb unbedingt angeraten ist, den germanistischen Ansatz völlig hinter sich zu lassen und sich der angloamerikanischen Literaturwissenschaft anzuvertrauen. Es mag manchen staubigen Backen nicht gefallen, dass hier Phantastik und Fantasy im Grunde auf das gleiche abzielen, indem das Wunderbare und Übernatürliche genügt, um einen Text als phantastisch erscheinen zu lassen, denn „im Laufe des Jahrhunderts ist das Phantastische selbst zur Dominante des modernen Romans geworden“, wie Bernhard Cornwell feststellt.
Gestaltwandler
Jede Kreatur, die ihr Aussehen drastisch verändern kann, ist im Prinzip ein Gestaltwandler. Obwohl sie manchmal monströse Formen annehmen, sind Gestaltwandler nicht immer böse. Sie können blutrünstig, schelmisch, hilfreich oder irgendetwas dazwischen sein.
Natürlich ist es schwierig, das Aussehen eines Gestaltwandlers festzulegen. Als Individuen verändern sie ständig ihre Gestalt, und als Gruppe, die sich über Dutzende von Kulturen erstreckt, haben sie eine Vielfalt von Formen, die man gar nicht alle aufzählen kann.
Schönheit ist vielleicht der wichtigste Trend in ihrer Erscheinung. Die Figuren erscheinen oft als strahlende Jungfrauen oder starke Jünglinge, deren Schönheit jeden verzaubert, der ihren Weg kreuzt. Andere beliebte Gestalten sind wolfsähnliche Tiere und Schlangen.
So vielfältig wie ihr Aussehen sind auch die Fähigkeiten der Gestaltwandler. Der Gestaltwandel selbst ist manchmal eher ein Fluch als eine magische Fähigkeit.
Gestaltwandler weiterlesenHöllenkapinski
Ein Höllenkapinski. Das ist ein erfundenes Wort (der Witz liegt darin, dass alle Wörter erfunden sind). Die Sprache verändert sich. Liegt das an der Evolution der Zungen und Backen? Ich habe ein Instrument im Hals, das sich archaisch anhört, wenn ich normal-täglich spreche (ich rede schnell und vervollständige die Sätze nicht); sobald ich mich konzentriere, höre ich mich an wie ein Sprachanfänger; also bleibe ich beim Lallen. Nein, ich bin kein Redner. Wenn mir gerade nicht schwindelig ist, bin ich allerdings ein Quasselbold. Das ist ein Kompositum (der Witz liegt darin, dass man auf diese Weise tiefer und tiefer gelangen kann). Weil ich also eher still und scheu bin, bin ich laut und rumpelig. Ich nehme Witze für bare Münze und mit dieser bezahle ich mein Emmerkornbrot.
Anna Kavans Bazooka
Anna Kavans unverkennbarer, markanter Stil wurde von so unterschiedlichen Autoren wie Brian Aldiss, J.G. Ballard, Doris Lessing und Anais Nin bewundert.
Sie wurde als „Helen Woods“ in Cannes, Frankreich am 10 April, 1901 als Tochter wohlhabender Britischer Auswanderer geboren. Anna verbrachte ihre Kindheit in verschiedenen Europäischen Ländern, in Kalifornien und England. Sie heiratete Donald Ferguson und lebte eine geraume Zeit in Burma. Die Ehe scheiterte, aber es war dies die Zeit, in der sie mit dem Schreiben begann.
Anna Kavan heiratete noch einmal. Aufzeichnungen über diese zweite Ehe existieren nicht. Erneut lebte sie in verschiedenen Europäischen Ländern, bevor sie sich in England niederließ. Es erschienen in dieser Zeit einige Bücher von ihr, die sie unter dem Namen Helen Ferguson veröffentlichte. Zunächst waren das noch traditionelle Erzählwerke. Erst später entwickelte sie ihren einzigartigen und anspruchsvollen Stil.
Anna Kavans Bazooka weiterlesenGespräch mit einem Vampir
Im Jahre 1976 schrieb Anne Rice ein ikonisches Buch, das den Auftakt zu einer ganzen Vampir-Chronik bildete, um ihren Kummer loszuwerden. Und auch wenn Interview mit einem Vampir nicht der stärkste Roman der Reihe ist, sorgte er bei seinem Erscheinen für nicht gerade wenig Aufsehen.

In diesem mittlerweile klassischen Roman hat Anne Rice den archetypischen Vampirmythos für das Publikum des ausgehenden 20. Jahrhunderts aufgefrischt. Die Geschichte ist auf den ersten Blick einfach: Ein Plantagenbesitzer im Louisiana des 18. Jahrhunderts namens Louis Pointe du Lac verfällt nach einem schweren persönlichen Verlust in einen Alkoholrausch. An seinem emotionalen Tiefpunkt wird er mit Lestat konfrontiert, einem charismatischen und mächtigen Vampir, der Louis zu seinem Schützling macht. Die beiden machen Jagd auf Ahnungslose, geben ihre „dunkle Gabe“ an ein junges Mädchen weiter und machen sich in Paris auf die Suche nach anderen ihrer Art (vor allem nach dem alten Vampir Armand). Eine Zusammenfassung dieser Geschichte geht jedoch an den zentralen Reizen des Romans vorbei. Zum einen ist es die von Rice gewählte Erzählweise – Louis erzählt einem skeptischen Jungen aus der Ich-Perspektive sein Leben, was den Vampir von einem abscheulichen Raubtier in eine äußerst sympathische, verführerische und allzu menschliche Figur verwandelt. Zweitens konnte Rice durch das Eintauchen in die Erfahrung einer unsterblichen Figur, die mit einem tiefen katholischen Glauben aufgewachsen ist, tiefe philosophische Fragen – die Natur des Bösen, die Realität des Todes und die Grenzen der menschlichen Wahrnehmung – auf eine Weise erforschen, die aus der Perspektive eines begrenzteren Erzählers nicht möglich gewesen wäre.
Gespräch mit einem Vampir weiterlesenUglier Joyce

Dennis Etchison: Blut und Küsse

Dennis William Etchison gilt als einer der originellsten lebenden Horror-Autoren Amerikas, gewann dreimal den British Fantasy Award als Autor und einmal den World Fantasy Award als Herausgeber.
The Blood Kiss (dt. Blut und Küsse) war Etchisons dritte Sammlung von Stories, die doch tatsächlich (und man wundert sich) von Bastei/Lübbe 1990 als bisher einzige Veröffentlichung des Meisters psychologischen Horrors auf deutsch erschien. Vermutlich ein Zufall, denn mit der Klasse, mit der Etchison aufwartet, lässt sich kein goldener Bart finanzieren. Das erklärt auch, warum er in Deutschland nahezu unbekannt ist und es kaum einer unserer Verlage angehen wird, diesen großartigen Autor für das hiesige Lesepublikum zu erschließen.
Der Reiz von Etchisons Geschichten, die er selbst so beschreibt:
„… ziemlich dunkel, bedrückend, fast pathologisch nach innen gerichtete Fiktionen über den Einzelnen und sein Bezug zur Welt,“
wird von ihrer Skizzenhaftigkeit erzeugt. Geschehnisse werden anders beleuchtet als gemeinhin üblich. Hinter den Zeilen entsteht eine Menge dunkler Raum, der angereichert ist mit Unbenennbarkeiten. Er lädt ein, sich in ihm zu verlieren, es gibt keinen Weg zurück. In diese Texte dringt man ein oder man bleibt außerhalb stehen. Einen Mittelweg gibt es nicht. Die Sätze nehmen den Leser weder bei der Hand, noch lullen sie ihn ein. Am Ende bleibt das trockene Gefühl auf der Zunge, das Gefühl, etwas Verbotenes beobachtet zu haben, das man nicht ganz versteht, obwohl man es doch gesehen hat; wie ein Alptraum, an den man sich am Morgen nicht mehr erinnern kann. Roh liegen diese Texte vor uns, scheinen keinen Körper zu besitzen, keinerlei Oberfläche, bestechen durch ihre raffinierte Tiefe und einen einzigartigen Stil.