Dennis Etchison: Blut und Küsse

Dennis William Etchison gilt als einer der originellsten lebenden Horror-Autoren Amerikas, gewann dreimal den British Fantasy Award als Autor und einmal den World Fantasy Award als Herausgeber.

The Blood Kiss (dt. Blut und Küsse) war Etchisons dritte Sammlung von Stories, die doch tatsächlich (und man wundert sich) von Bastei/Lübbe 1990 als bisher einzige Veröffentlichung des Meisters psychologischen Horrors auf deutsch erschien. Vermutlich ein Zufall, denn mit der Klasse, mit der Etchison aufwartet, lässt sich kein goldener Bart finanzieren. Das erklärt auch, warum er in Deutschland nahezu unbekannt ist und es kaum einer unserer Verlage angehen wird, diesen großartigen Autor für das hiesige Lesepublikum zu erschließen.
Der Reiz von Etchisons Geschichten, die er selbst so beschreibt:

„… ziemlich dunkel, bedrückend, fast pathologisch nach innen gerichtete Fiktionen über den Einzelnen und sein Bezug zur Welt,“

wird von ihrer Skizzenhaftigkeit erzeugt. Geschehnisse werden anders beleuchtet als gemeinhin üblich. Hinter den Zeilen entsteht eine Menge dunkler Raum, der angereichert ist mit Unbenennbarkeiten. Er lädt ein, sich in ihm zu verlieren, es gibt keinen Weg zurück. In diese Texte dringt man ein oder man bleibt außerhalb stehen. Einen Mittelweg gibt es nicht. Die Sätze nehmen den Leser weder bei der Hand, noch lullen sie ihn ein. Am Ende bleibt das trockene Gefühl auf der Zunge, das Gefühl, etwas Verbotenes beobachtet zu haben, das man nicht ganz versteht, obwohl man es doch gesehen hat; wie ein Alptraum, an den man sich am Morgen nicht mehr erinnern kann. Roh liegen diese Texte vor uns, scheinen keinen Körper zu besitzen, keinerlei Oberfläche, bestechen durch ihre raffinierte Tiefe und einen einzigartigen Stil.

Ähnliche Beiträge

  • Jim Butcher: Feenzorn (Die dunklen Fälle des Harry Dresden 4)

    Wenn man in eine lange Serie eintaucht, die über mehr als zwei Jahrzehnte geschrieben wurde, ist es fast immer eine gute Idee, auf die Ratschläge der Fans der Serie zu hören – vor allem auf diejenigen, die auch die Schwächen ihrer Lieblingsbücher kennen – und die definitiv wissen, wovon sie reden. Hier kommt Feenzorn, der vierte Band der Dresden-Files, ins Spiel. Denn die meisten Fans sind sich einig, dass die Serie mit diesem Band erst so richtig Fahrt aufnimmt.

    Ein schlechter Tag wird schlimmer

    Harry Dresden geht es ziemlich schlecht. Seine Ex-Freundin, die Reporterin Susan Rodriguez, hat die Stadt vor Monaten verlassen, nachdem der Rote Hof sie mit dem Vampirvirus infiziert hat, und Harry arbeitet unermüdlich daran, eine magische Lösung für ihr kleines Vampirproblem zu finden. Ohne Erfolg. Er ist deprimiert. Er hat sich zurückgezogen. Er ist ein verdammtes Wrack, buchstäblich und im übertragenen Sinn.

    Zu Beginn des Buches macht Billy (der Werwolf, den wir in Wolfsjagd kennengelernt haben) Harry die Hölle heiß: Er macht sich über sein Aussehen lustig, über sein selbstgewähltes Exil, über sein Desinteresse an Arbeit oder so etwas Ähnlichem wie Einkommen, über die drohende Zwangsräumung seiner Wohnung und seines Büros und über seine allgemein schlechte Laune. Dann versucht jemand, ihn umzubringen. Mehrere, um genau zu sein. Und es regnet Kröten. Kann Harrys Tag noch schlimmer werden? Ja, und er wird es.

    Mehr lesen „Jim Butcher: Feenzorn (Die dunklen Fälle des Harry Dresden 4)“
  • |

    Die drei ??? und die silberne Spinne / Robert Arthur

    Die silberne Spinne

    Interessanterweise verlassen die drei Detektive in diesem Buch zum ersten Mal Amerika und reisen in das siebtkleinste Land der Welt namens Varania. Wer sich jetzt fragt, wovon ich spreche: Genau. Die ohnehin schon schlechte Übersetzung der ganzen Serie setzt hier noch einen drauf und ändert unsinnigerweise gleich den ganzen Schauplatz und nennt ihn Magnusstad, das in Texas liegt. Diese Änderung macht die ganze Geschichte zu einem völligen Blödsinn, denn hier gelten eigene Gesetze, die in Texas sicher nicht so ohne weiteres gelten würden. Natürlich sind beide Begriffe fiktiv, aber so in ein Werk einzugreifen, zeugt von einer tiefen Respektlosigkeit, oder besser gesagt, man hielt die deutschsprachigen Kinder der damaligen Zeit wohl für komplette Idioten.

    Dabei ist die Geschichte ein wahres Vergnügen. Gleich auf der ersten Seite rammt Morton mit seinem vergoldeten Rolls Royce beinahe die Limousine von Lars Holmqvist, dem jugendlichen Erben der Magnus-Werke. Hier hat man aus dem jugendlichen Prinzen Djaro von Varania einfach einen Schweden gemacht. Und mit einem Prinzen aus Varanita macht die ganze Szenerie plötzlich mehr Sinn als mit einer schwedischen Enklave mitten in Texas!

    Mehr lesen „Die drei ??? und die silberne Spinne / Robert Arthur“
  • Da ist jemand in der Küche / Nancy A. Collins

    Nancy A. Collins ist ein Schwergewicht der Urban Fantasy (aber auch in Weird Western hat sie sich versucht und für den Giganten Swamp Thing getextet). In Deutschland ist sie – oh Wunder – gar nicht so bekannt, wie sie es eigentlich sein müsste, auch wenn es hier in diesem Fall zumindest die Sonja-Blue-Übersetzungen gibt. Tatsächlich ist es ja so, dass man sich um Kurzgeschichten nur in den besten Kreisen reißt. Und zu diesen besten Kreisen gehören hierzulande nur die wenigsten. Also gibt es auch keine Sammlung von ihr. Aber im Buch der Geister & Spukhäuser haben wir von Frank Festa die Geschichte „Da ist jemand in der Küche“ aus den 90er Jahren bekommen. Man mag zwar ahnen, wo diese Erzählung hinläuft, aber dennoch handelt es sich um eine kleine fiese Perle in Sachen Spukhausgeschichte.

    Die Geschichte handelt von George Pruitt, der sich ein Haus auf dem Land mietet, das im Stil der 50er Jahre eingerichtet ist. Er hat das Großstadtleben Manhattens, wo er arbeitet, satt und freut sich gerade an dieser Zeitreise, wenn er am Wochenende das Haus betritt. Allerdings ziehen dauernd wohlige Gerüche durch das Haus, die ihm das Wasser im Mund zusammenlaufen lassen. Zunächst denk er, es seien die Essensgerüche der Nachbarn, die er da riecht, aber die leben zu weit weg als dass sie es sein könnten. Irgendwann entdeckt er den Geist einer entstellten alten Dame, die in seiner Küche hantiert. Er kann sich den leckeren Speisen nicht entziehen, Geist hin oder her. Als er dann tatsächlich einem Nachbar bei der Gartenarbeit begegnet, erfährt er die tragische Geschichte, die sich im Haus abgespielt hat, die ihm auch den Beweis dafür liefert, dass es sich bei seiner Phantomköchin auch wirklich um einen Geist handelt. Zumindest speist er so gut wie noch nie in seinem Leben. das geht so weit, dass er selbst seinen Job in Manhattan aufgibt, weil er ja die nächste Speise verpassen könnte.

    Wie gesagt ist es einfach, sich vorzustellen, wie das alles endet. Ich werde es hier dennoch nicht erläutern, denn eine Geistergeschichte funktioniert oft wie ein Witz, was den stilistischen Aufbau betrifft, und auch den muss man hören, bevor man ihn analysieren sollte. Das mache ich zwar nicht immer, aber hier ist es durchaus angebracht. Sobald man das (nicht besonders überraschende) Ende kennt, kann man sich gleich noch einmal an den Anfang begeben und die verschiedenen Schritte noch besser genießen.

  • Huckleberry Finn (Der Aussteiger)

    Wie viele herausragende Ikonen ist auch Huckleberry Finn eine zutiefst amerikanische. Die Zeiten, in denen man die Figur halbwegs auch bei uns verstehen konnte, sind anscheinend vorbei, und doch führen seine Spuren durch die gesamte Kultur der westlichen Welt. Seine ursprüngliche Wildheit und Seltsamkeit mag Huck im Laufe der Zeit wohl verloren haben, er hat der heutigen Zeit jedoch mehr zu sagen, als man vermutet.

    Ein Jahrhundert voller Filme, Cartoons, Comics, versteckter und weniger versteckter Anleihen in Romanen, sagt vor allem eines aus: wie frei und unschuldig die Kindheit früher war. Aber es gab auch im viktorianischen Amerika Banden, Schulschießereien und die Ängste der Eltern, dass ihre Kinder der gewalttätigen Popkultur ausgeliefert sind. Mark Twain schrieb über all das. Für heutige Eltern, die sich um ihre Kinder und deren Kontakt zu dekadenten Medien sorgen, sich über die Natur oder eine standardisierte Bildung Gedanken machen, ist Huck Finn kein Rückfall in eine unschuldigere Zeit, sondern erinnert sie nur daran, dass die gleichen Debatten seit mehr als einem Jahrhundert stattfinden.

    Huckleberry Finn With Rabbit
    Mehr lesen „Huckleberry Finn (Der Aussteiger)“
  • Kleewald Robinson

    In der Staraba, einer Bar am Rande der Stadt, die bekannt war für ihre zwielichtigen Dienstleistungen – sogar eine Wochenzeitung gab man heraus, die gespickt war mit Kleinanzeigen, die ein Normalsterblicher nie hätte entziffern können – saßen Mention Handsome, der seine Frau umbringen lassen wollte und Carl Canal, der Chefredakteur besagter Wochenzeitung 23 Minuten vor der Sperrstunde am Tisch mit der Nummer 7. Die Zeitangabe ist nicht so wichtig, man sehe es mir als eine Marotte nach, die Tischnummer allerdings, die dürfen Sie sich merken, wenn Sie wollen.

    “Wenn du die Sache perfekt erledigt wissen willst, gibt es nur einen, den ich empfehlen kann: Kleewald Robinson“, sagte Carl.

    “Du weißt, dass ich so gut wie keine Erfahrung im Umgang mit … dieser Sache habe. Ich werde dir vertrauen müssen, auch wenn es mir nicht schmeckt.“

    Mention Handsome, der gerne etwas getrunken hätte, aber kein Geld bei sich trug, was er für die Zukunft zu ändern gedachte, befummelte die Tischplatte. Seine Finger hinterließen einen schmierigen Film auf dem Polymer.

    “Kleewald Robinson ist der, den du brauchst. Schlag ein oder lass es.“
    “Erzähl mir was über ihn.“
    “Hm. Das wird schwierig sein am Telefon.“
    “Telefon? Was für ein Telefon?“

    “Sagen wir so: ich fühle mich in deiner Gegenwart immer wie am Telefon. Und da rede ich nun mal nicht gern. Aber ich kann dich hinbringen. Vielleicht erzähle ich dir unterwegs, was ich weiß. Ich hol‘ dich in einer Viertelstunde ab. Ich leg‘ jetzt auf.“
    “Sag mal, Carl … übertreibst du das mit dem Telefon-Gefühl nicht etwas?“

    Mehr lesen „Kleewald Robinson“
  • Die Stille des Todes / Eva García Sáenz de Urturi

    Eva García Sáenz de Urturi entführt uns mit „Die Stille des Todes“ in die mystische Atmosphäre der baskischen Stadt Vitoria und in einen komplexen, vielschichtigen Kriminalfall, der Vergangenheit und Gegenwart miteinander verwebt.

    Ein Serienmörder kehrt zurück

    Vor zwanzig Jahren erschütterte eine grausame Mordserie die sonst so beschauliche Stadt Vitoria. Der brillante Archäologe Tasio Ortiz de Zárate wurde als Hauptverdächtiger verurteilt und sitzt seitdem hinter Gittern. Doch kurz vor seinem ersten Hafturlaub geschieht das Unfassbare: Die Morde gehen weiter. In der alten Kathedrale von Vitoria wird ein junges Paar tot aufgefunden, nackt und mit mysteriösen Bienenstichen in Mund und Rachen. Kurz darauf geschieht ein weiterer Doppelmord in einem mittelalterlichen Gebäude der Stadt.

    Der Ermittler: Ein Getriebener auf der Jagd

    Inspektor Unai López de Ayala, besser bekannt als „Krake“, ist Experte für Täterprofile und besessen von seiner Arbeit. Für ihn ist dieser Fall nicht nur eine berufliche Herausforderung, sondern auch eine persönliche Obsession, denn eine Tragödie aus seiner Vergangenheit lässt ihn nicht los. Gemeinsam mit seiner Kollegin Estíbaliz Ruiz de Gauna macht er sich auf die Suche nach der Wahrheit. Doch ihre unorthodoxen Methoden stoßen bei ihrer Vorgesetzten Alba Díaz de Salvatierra, die gerade nach Vitoria versetzt wurde, auf Skepsis. Während die Zeit gegen sie arbeitet, wächst die Bedrohung: Wer wird das nächste Opfer sein?

    Mehr lesen „Die Stille des Todes / Eva García Sáenz de Urturi“