Verdrehte Nacht

Heute Nacht schlief ich zum Beispiel erst ein, als ich bereits wieder aufstehen wollte, gegen vier Uhr. Das sind ziemlich extreme Verlagerungen, und dementsprechend bin ich heute auf den Beinen. Aber die Sonne scheint gerade zum ersten Mal auf diese Weise durch die Fenster und kündigen den baldigen Frühling an. Zumindest ist das der Plan.

Verblüfft bin ich gegenwärtig von der baskischen Schriftstellerin Eva García Sáenz, deren „Stille des Todes“ von 2016 ich gerade lese, aber dazu werde ich gesondert noch kommen.

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Jazzuela als Morgenroutine

Ich habe also jetzt begonnen, meine Artikel und Übersetzungen von anderen Seiten abzuziehen und sie in die Veranda einzupflegen. Gestern schon; und heute gelang mir der Sprung tatsächlich wieder um 4 Uhr. Ich muss allerdings zugeben, dass ich mir gestern sehr früh eine halbe Zopiclon verabreichte.

Jazzuela
Jazzuela

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Voltaires Kalligraph / Pablo De Santis

„Voltaires Kalligraph“ erzählt die Geschichte von Dalessius, der im Alter von 20 Jahren von Voltaire als Kalligraph und Archivar eingestellt wird. Obwohl der maschinelle Druck die Handschrift bereits weitgehend verdrängt hat, ist sie für viele Dokumente nach wie vor unverzichtbar – insbesondere für eilige oder einmalige Schriftstücke. Dieser Konflikt zwischen Mensch und Maschine zieht sich wie ein roter Faden durch den Roman.

Dalessius beginnt seinen Bericht Jahrzehnte später mit einem eindrucksvollen Bild: Er reist mit wenig mehr als ein paar Hemden, den Werkzeugen seiner Schreibkunst und einem in einem Glas konservierten Herz – dem Herzen Voltaires. Doch sein Bericht konzentriert sich auf die Zeit, als das Herz noch schlug. Die Geschichte, wie es schließlich in seinen Besitz gelangte, ist leider weniger dramatisch, als man vielleicht erwarten würde.

Als Waisenkind wächst Dalessius bei seinem Onkel auf, der ein florierendes Geschäft mit Leichentransporten betreibt. Er sorgt dafür, dass Verstorbene in ihre Heimat überführt und dort beigesetzt werden – ein besonders lukratives Geschäft in Kriegszeiten, wenn viele Soldaten fern der Heimat sterben. Dalessius, ein begabter Kalligraph, verliert seine Stelle als Gerichtsschreiber und findet stattdessen Arbeit bei Voltaire. Doch schon bald wird er mehr als nur Schreiber: Voltaire setzt ihn als eine Art Spion ein, um den historischen Fall des angeblich zu Unrecht verurteilten Jean Calas zu untersuchen. Während Voltaire in Wirklichkeit bereits gründlich recherchiert hat, entwickelt De Santis daraus eine viel größere Verschwörung, als es sie in Wirklichkeit gegeben hat.

Der Roman ist ein unterhaltsames Katz-und-Maus-Spiel voller Intrigen. Die Kirche spielt eine zentrale Rolle, aber besonders faszinierend sind die lebensechten Automaten – Maschinen, die so täuschend echt gebaut sind, dass man sie für Menschen halten könnte. De Santis füllt seinen Roman mit farbenprächtigen Details: von den raffiniert gebauten Automaten über die verschiedenen Tinten der Kalligraphen – darunter unsichtbare oder gar giftige – bis hin zum makabren Geschäft mit den Toten. Die Atmosphäre ist düster und geheimnisvoll, geprägt von engen Gassen, verwinkelten Herrenhäusern, Friedhöfen und der allgegenwärtigen Welt der Bücher – Bibliotheken, Buchhändler und Manuskripte spielen eine wichtige Rolle.

Auch das Personal des Romans ist vielfältig: Henker und Schergen der Mächtigen sorgen für blutige Momente – aber nicht jeder, der geköpft wird, blutet auch wirklich. Eine weitere zentrale Figur ist die weltfremde Clarissa, Tochter des übervorsichtigen Mechanikergenies von Knepper, der eine Romanze zwischen ihr

„Voltaires Kalligraph“ ist ein kurzer, aber rasanter Roman, der den Leser von einem Schauplatz zum nächsten führt. Auch eine Reise im Sarg bleibt Dalessius nicht erspart – allerdings kontrastiert De Santis das hohe Tempo mit langen Wartezeiten an verschiedenen Schauplätzen, die oft humorvoll in Szene gesetzt werden. Manchmal wirkt der Roman etwas überfrachtet, und an manchen Stellen hätte eine genauere Ausarbeitung gut getan. Aber gerade weil er sich nicht in übertriebener Detailverliebtheit verliert, bleibt er immer spannend und unterhaltsam. Ein solider historischer Thriller mit originellen Ideen und einer gelungenen Mischung aus Verschwörung, Technik und Abenteuer.

Unionsverlag

Neuer Aktionismus

Now spinning: Herbie Hancock / Inventions & Dimensions. Zwar habe ich das Vinyl, aber die CD im nachhinein in einer Box noch einmal nachgekauft. Man kommt so wenig zum Plattendrehen.

Mein Aktionismus, täglich um 4 Uhr von der Matratze zu springen wurde auch heute wieder um zwei Stunden verlängert. Es scheint mir nur jeden zweiten Tag zu gelingen. Indes halte ich all meine Tätigkeiten mittlerweile für absurd. Aber mein Wesen ist natürlich auch völlig zerfetzt und verteilt über andere Seiten und Podcasts. Überall tauchen die gleichen Unzulänglichkeiten auf: das zersplittern in Themenfragmente, die ich nicht zusammenbekommen kann (oder will). Die Veranda war einst ein Hort, an dem sich alles fügte, aber mit der Zeit wurde die Themenpalette zu einem unkontrollierbaren Monster. Trotzdem bin ich versucht, das Ur wieder zu erreichen, aus dem dann folglich alles entspringt (oder wieder zurückkehrt). Da ich niemand bin, der mit seinen Inhalten Massen begeistert (dieser Kelch ist an mir vorübergezogen), dürfte es mir an und für sich (als Kind verstand ich immer „an und Pfirsich“, sobald meine Großmama diese Trope bemühte) egal sein, und ich bin bis heute nicht dahintergestiegen, warum es mir im Innern dann doch zu widerstreben scheint.

In den letzten Jahren habe ich mich (abgesehen von einigen Erzählungen für Magazine oder Bücher) mehr und mehr dem Essai verpflichtet gefühlt als meiner originären Arbeit, die gegenwärtig für mich abgeschlossen scheint. Es entstand vor in paar Tagen noch das „Tollhaus“, aber auch das war eher der Versuch, die Ebene hinter einem Essai zu erfassen und sie mit meiner Stilistik zu verknüpfen, als ein persönliches Werk der Wahrnehmung. Das ist vielleicht das, worauf ich mein Augenmerk künftig richten sollte: von Innen nach außen zu gelangen. Und das Journaling wieder aufzunehmen.

Kostüm der Felsformation

Die fürchterliche Trauer über ein vergangenes
Tonikum erstrahlt so viele Schritte weit im Westen;
die Fesseln tragen die Schuld an der vorübergehenden
Bewegungslosigkeit, die so gar nicht beabsichtigt war.
Jemand nennt das Spektakel beim Namen, weiß
aber den genauen Wortlaut nicht mehr, so dass sich
ein zufälliger Reim ergibt, der alles geändert hätte,
befänden wir uns auch nur ein Stäubchen weiter links.

Am Kostüm der Felsformation ändert sich nichts. Die
Mineralien treiben nahtlos wie am ersten Tag, und nur die
Höhlen, die wir im Dunst nicht erkennen, haben die
Kommunikation bereits eingestellt. Es wäre zumindest denkbar,
einen weiteren Schritt zu tun, ohne Schirm, ohne Schranken.
Ich sehe den Schlund noch vor mir, aber bäte man mich
um eine zuverlässige Beschreibung, würde ich lügen.
An diese sonderbare Aussicht wird man sich gewöhnen müssen.

Der menschenfressende Baum von Madagaskar

Die Kryptozoologie und Kryptobotanik sind voller schillernder Erzählungen über mysteriöse Kreaturen und ungewöhnliche Pflanzen. Während das legendäre Ungeheuer von Loch Ness und der sagenumwobene Bigfoot in der Öffentlichkeit weit bekannt sind, gehören die erzählten Geschichten über menschenfressende Bäume auf Madagaskar oder die gefürchteten mongolischen Todeswürmer zu den weniger verbreiteten, aber nicht minder schaurigen Legenden.

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Pastos von der Nachbarin

Vielleicht schafft einer ein Gedicht
in einem Jahr, schreibt es so nieder,
wie er sitzt, und hat dann Worte gemacht,

über die er nachdenken muss, früh und spät
(nur mittags ruht er sich aus),
nach zwei Wochen hat er bereits ein Wort verändert,

nichts, von dem er weiß, vielleicht
ist er nicht verantwortlich für sein Gedicht,
vielleicht sind seine Spuren nicht so wichtig,

seine Gestalten im Laternenlicht,
zum Gruß erhob’ne Hand, die Mittelstreifen
existieren noch, die Häuserschluchten,

die ihn verlachen, weil er
Buchstaben ohne Statik bildet,
wenn er zur U-Bahn wechselt,

die Straße unterquert, alle Warnungen
im Schutt der Stadt entdeckt, wie sie
Karten spielen, sich wie kleine Köter balgen,

wenn einer auftaucht, den sie vorher noch
nie geseh’n. Am Abend berichtigt er das Wort,
um am nächsten Tag jene Dinge vorzufinden,

die er zum Leben benötigt, als da wären :
zwei Koteletts vom selben Schwein wie immer
und eine Kaffeepflanze, die ihren Samen Namen gibt,

so dass er sich über ein entgangenes Zwiegespräch
nur dann ärgern muss, wenn seine Nachbarin
klingelt, um ihr Porzellangeschirr

für einen langen Nachmittag abzugeben.
Nie kommt sie über die Schwelle, sagt nur :
„Sie haben nicht vergessen, Ihr Wort zu ändern“,

während er bereits den Kopf schüttelt.
Sie überwacht ihn, weiß, wann er eine
schwache Minute aus dem Schrank holt,

aber mit ihrem Nachschlüssel gelangt sie nur
bis zur Miniatur einer Toilette in Antwerpen,
was sie ängstigt. Was wäre denn, wenn er das schriebe?

Ihren Kopf ist sie ohnehin bereits los,
aber sie würde gerne ihre Hände behalten,
um ihm weiter das Geschirr zu bringen.

Was wüsste sie sonst von der Welt – allein
und ohne Türspion? Gedichte sind nun genau jene
Partikel, aus denen sich die Welt zusammensetzt.


			

Locusta

Im alten Rom, einer Welt voller Machtspiele und Intrigen, tauchte im ersten Jahrhundert eine Frau auf, die die Kunst des Tötens zur Perfektion brachte. Ihr Name war Locusta, und sie war eine Giftmischerin aus Gallien, die zu den berüchtigtsten Persönlichkeiten ihrer Zeit werden sollte. Trotz der begrenzten Aufzeichnungen über sie ist eines gewiss: Locusta war nicht nur eine tödliche Bedrohung für ihre Feinde, sondern auch eine der ersten Serienmörderinnen der Geschichte.

Gift war in jener Zeit ein lautloser Killer, ideal für die heimlichen Machenschaften der römischen Elite. Ohne Kampf und ohne Blutvergießen konnte ein Opfer so aus dem Leben scheiden, und kaum jemand wusste, wer wirklich dahintersteckte. Die Angst vor Vergiftung wuchs daher stetig, und Kaiser sowie andere mächtige Römer schützten sich mit Vorkostern und Dienern, die jede Speise prüften, bevor sie serviert wurde. Besonders berüchtigt war Atropa Belladonna, die Tollkirsche, deren tödliche Wirkung dazu noch Halluzinationen hervorrufen konnte. Schriftsteller der damaligen Zeit notierten sogar genaue Dosierungen, um zwischen Qual und einem schnellen Tod zu entscheiden. Die Kunst des Vergiftens reifte zu einer erlernbaren Wissenschaft heran, und Locusta beherrschte sie meisterhaft. Antike Historiker wie Tacitus und Cassius Dio erzählten von ihrer tödlichen Begabung, die sie schon bald zu einer gefürchteten Figur machte.

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