Bartholmäus 3: Mechanismus der Sublimierung

Die Gedanken hat man früher Vögel genannt, mächtige Steinadler hoch im Himmel, insektenfleißige Wintergoldhähnchen weiter unten, beide verschwindend in der rauen Nacht. In kanutischen Kreisen produziert der Malstrom undenkbare Wirren. Weit ist das rettende Ufer; wer es erreicht, der hat sich deshalb noch lange nicht in Sicherheit gebracht, der lässt sich vielleicht täuschen von den Schwarzerlen, der artenreichen Krautschicht, die es hier zu finden gibt, der wird ganz versessen darauf sein, die Auwälder zu betreten, nachdem er gerade dem finsteren Schlund seiner eigenen Vergangenheit entkommen ist. Wo will er hin, Bartholomäus, der Wanderer? Er kommt von dort, wo man einst Monstren an die Wände malte, wo man statt der Säulen geriefelte Stengel mit krausen Blättern und Voluten malte, statt der Giebel Zierwerk, ebenso Kandelaber, die gemalte Ädikulen trugen. Auf deren Giebel wuchsen aus Wurzeln sich ein- und ausrollende zarte Blumen, auf denen dann ganz sinnlose Figürchen saßen. Und schließlich trugen die Stängelchen sogar Halbfiguren, die einen mit Menschen-, die anderen mit Tierköpfen.

Bartholmäus 3: Mechanismus der Sublimierung weiterlesen

Bartholomäus: 2 Ein Hasentod

Dann schlief er ein – und erwachte mit steifen Gliedern. Sein Magen begann augenblicklich laut zu knurren. Er raffte schnell seine Decke zusammen und blinzelte aus der Tür heraus den frühen Morgen an. Über dem Tal verflüchtigte sich gerade der Nebel. Es konnte nicht später als sechs Uhr sein. Die grüngestrichenen Fensterläden ließen kaum Licht in dem fünfeckigen Schuppen mit dem roten Dach; wäre er betrunken oder zumindest satt gewesen, wäre er bis mittags liegengeblieben, bis die dunstige Hitze ihn schließlich aus dem Bau gejagt hätte.

Bartholomäus: 2 Ein Hasentod weiterlesen

Bartholomäus: 1 Das Porzellanmädchen

Die zahlreichen Teiche dienten weitgehend als Stauteiche für Mühlen und Hammerwerke, die an den Bachläufen wie Perlen an einer Schnur aufgereiht waren.

Er wusste nicht, von wo er kam, konnte nicht einmal sagen, wer er denn eigentlich war. Da gab es diesen Nebel in seinem Kopf, wenn er versuchte nachzudenken. Sah aus, wie jeder andere Nebel auch, milchig, wie eine auf die Erde gestürzte Wolke. Hinter diesem Nebel befand sich seine Erinnerung, das Leben, das er gelebt hatte. Manchmal sah er in diesem weißen Nichts eine Frau stehen. Sie musste uralt sein, aber das erkannte er nicht richtig, weil der Nebel sie so stark umhüllte. Er sah einen schwarzen Rock und darunter nicht minder schwarze Beine. Strumpfhosen. Von mit Altersflecken besprenkelten Armen lappte die Haut herunter, als wäre kein Fleisch mehr darunter, sondern Gelee. Das Gesicht erkannte er nicht, fragte sich aber dennoch, ob er es schon einmal gesehen hatte, ob er sie kannte. Sie rief ihn, sagte etwas zu ihm, das sich wie ›Korm!‹ anhörte. Er wusste, dass es ›Komm!‹ heißen sollte, aber das brauchte man ihm nicht zu sagen. Er ging die ganze Zeit, er tat kaum etwas anderes. Da blieb es nicht aus, dass er irgendwo hinkam.

Bartholomäus: 1 Das Porzellanmädchen weiterlesen

Ben Aaronovitch: Die Flüsse von London (Peter Grant #1)

Auf den ersten Blick scheint es hier keine besondere Neuheit zu geben. Die Fragen sind: Was wäre, wenn es Magie wirklich gäbe, wenn sie von einem geheimen Club kontrolliert und dazu benutzt würde, die Öffentlichkeit vor bösartigen Geistern und übersinnlichen Feinden zu schützen? Aber Ben Aaronovitch bietet etwas Neues, indem er die Metropolitan Police in den Mittelpunkt seiner magischen Welt stellt, und schon haben wir das Beste aus zwei Welten der Urban Fantasy, so nahe liegend, dass man glauben könnte, diese Art der Literatur gab es schon immer. Da mag man vor allem an die berühmten okkulten Detektive wie Hodgsons Carnacki, Blackwoods John Silence oder an LeFanus Dr. Hesselius denken, aber damit hat Peter Grant, der Held der Reihe, gar nichts zu tun (übrigens auch nicht mit Harry Potter, wie oberflächliche Rezensenten behaupten). Am ehesten ist noch die Thursday-Next-Reihe von Jasper Fforde mit Peter Grant verwandt, aber auch die verfolgt einen gänzlich anderen Ansatz. Wäre noch Harry Dresden, die Königsreihe der Urban Fantasy; das gilt aber nur, wenn man Kategorien unbedingt braucht. Und Scott Mebus mit seinen Gods of Manhattan.

Ben Aaronovitch: Die Flüsse von London (Peter Grant #1) weiterlesen

Ein Hungerleider am Straßenrand: 1 Zahnlose Minka

Er kam über die pittoreske, aber unnütze Steinbrücke, die mit zinnenähnlichen und auskragenden Absätzen verziert war und die sich seit vielen Jahrzehnten nur noch über Gneisbrocken, Schiefer und Unkraut beugte. Sein angestrebtes Ziel war der Hof, der aus dem wolkigen Dickicht reckte, und der von seinem Standort aus gesehen ganz genauso verlassen wie alle anderen Höfe in dieser sinnlosen Zeit wirkte. Die abgestorbenen Brisen fanden keine intakte Höhlung mehr vor, die den windigen, feuchten und veränderlichen Tönen als Tanzplatz diente.

Ein Hungerleider am Straßenrand: 1 Zahnlose Minka weiterlesen

Das blaue Kleid

Seit langem schon wollten wir das verfallene Haus in der Mühlgasse aufsuchen, und obwohl uns der Mut der Gruppe schon an manche unheimliche Orte gelenkt hatte, fehlte uns dazu bisher die Unerschrockenheit. Von der Straße aus konnten wir es im Herbst oder Winter durch die laubfreien Äste betrachten, immer aber schien es uns kein richtiges Haus zu sein, sondern eine Karkasse, an der noch Fleisch und Hautreste hingen.

Das blaue Kleid weiterlesen

Der Weg nach Raha: 7 Evaluation

»Schau, wenn wir uns hier hinstellen, können wir den Zügen nachsehen!« Er träumt mit offenen Augen, erwartet kaum das sehnsüchtige Verlangen nach der Ferne, das reisende Objekte in ihm auslösen.

»Ich dürfte überhaupt nicht hier sein mit dir!« Sie spielt mit dem Zeigefinger in ihren Locken, ringelt sie auf, sieht verlegen drein, betrachtet ihre Schuhe, betrachtet seine Schuhe, seine Knie.

Der Weg nach Raha: 7 Evaluation weiterlesen

Der Weg nach Raha: 6 Adam und der Schatten (1)

Aufgesprungener Boden, Gesichter einer alten Erde, worüber sich Gleise erstrecken, die schon lange nicht mehr befahren werden von tonnenschweren Lebewesen, die man einst Dampflok oder Waggon nannte. Letztere die besitzlosen Sklaven, Gewichte schleppend, ohne Ziel, ohne eigene Interessen.

Der Weg nach Raha: 6 Adam und der Schatten (1) weiterlesen

Die Spindel in den Brunnen

Kam dann an einer stillen Ecke an, 
gesäumt von Kleidungsstücken,
Wollgarn schwarz, die um eine
brennende Tonne hockten. Aus den
offenstehenden Fenster drang Rauch,
die Haustüren ausgehängt, die Straße
leblos, mit Ruß beschmiert.

Wir verbrennen, was wir finden, wir
wärmen, was wir wärmen können. Die Nächte
sind kühl, aber dunkel. Nicht auszudenken,
wenn uns die Sonne schiene, besser ist es,
jeder schläft. Pfützenschnaps
erklärt dir alles Weitere. Die Spindel
in den Brunnen dort, dann bekommst du
deine Freiheit.

Aus den offenstehenden Fenstern
drang jetzt lauter Atem, die Haustüren
erwiesen sich als flachgewalzte R,
die Straße leblos, mit Rost geschmückt.
Die Spindel in den Brunnen dort, dann bekommst du
deine Kleider, du selbst musst dann entkernen dich,
den Körper unter Kannibalen teilen.

Sturm Alabasters

Die Augenbirnen in den Nussschalen,

in regengebadeten Prismen, also ein künstliches Land.

Ohne mich zu kennen, bin ich gerannt

und schüttelte Hände im Sturm Alabasters,

die Sagen vergessen, das Land unbekannt.

So stehen die Ritter bei Grabe

und schmettern Gewölk vom Gesicht in die Tiefe –

in die Höhlen der Mesmerei; dort hatten sie

einst Schafe erschaffen, mit Wolle,

durch silberne Lettern

und Angst an der Wand, stets in Blei.

Es scheint mir alles zu sein und ich weiß nicht:

es scheint eine Art Stille zu sein, die uns

in ein Vakuum fließen lässt

und ich weiß nicht:

es scheint eine Art Verzweiflung zu sein,

die uns einander näher bringt.

Sie erhob sich von ihrem Stuhl, als sie mich

aus dem Wandschrank kommen sah.

Außer Königen, Dichtern und Druiden erhebt sich jeder,

wenn er etwas für einen ehrlichen Gruß übrig hat.

Es war nicht leicht zu erklären, wie ich

dort hineingeraten war. Ihre starren Augen

nahmen die Rundungen eines Opfers an,

das sich nicht kampflos ergeben wollte.

»Wegen dir bin ich doch gekommen!«, sprach ich an ihr vorbei,

weil sich dort noch ein Platz für Worte fand, blieb aber ganz

der berechnende Geminus, ein kleiner Janus über den Türen.

In ihr Ohr hinein sagte ich Dinge, die sie hören wollte,

bis ihre feingeschwungene Muschel,

viel zu zart für ihren großen Kopf, überlief.

In der geheimen Höhle des Herzens

sitzen zwei an dem Brunnen des Lebens;

das abgetrennte Ich trinkt Süßes und Bitteres,

es mag das Süße und es mag nicht das Bittere.

Währenddessen trinkt das höchste Selbst Süßes und Bitteres.

Es mag noch mag nicht das eine oder andere;

das Ich tappt im Dunklen herum,

während das Selbst im Licht lebt.

In alten Sprachen sind Wind und Hauch

Böen aus Splitter, fragile Kommunikation.

»Du?«

»Ja. Ich bin es wirklich.«

Ich durfte sie Schranktüre schließen,

ohne dass die Gefahr bestanden hätte, dass sie davonlief.

Fraktale Welt, Frakturen des Erlebens;

hingestreckt erwachen ihre Finger.

Siziliumhände, Schwefelhauch,

Eisenknochen, Aluminiumhaar.

Von Vogelbanden begleitet

werde ich der Gottesanbeterin anheimfallen.

Höre, draußen geht ein Sturm; den rufen wir:

Los, Donnerhand! Den knechten wir mit Eisenband,

und führn ihn an der Lorelei vorbei

und lachen über dieses sich kämmende Monster.

Aus den Bechern rieselt Wort um Wort,

ein Regen ist geworden; und all das

fasst nicht an, womit das Herz bewohnt sein will.

An kalten Tagen spickt man aus der Nische

und wundert sich, wieʼs draußen geht. Doch hier

im Stübchen glüht der Herd,

bereitet warmen Mündern Speisen.

Wir segeln durch die Endlosigkeit der Himmel,

Sternenaugen, schwarz die Nacht;

sie seufzt den silbernen Baum-Mond an,

er fällt herab in Tränen, Licht der Nacht –

die Erde ein violetter Brand im Saphirdunst des Orbits,

während darunter Bäume in einer kühlen Brise baden.

Wir passieren das Karmesinauge des großen Gottes Mars.