Der Weg nach Raha: 6 Adam und der Schatten (1)

Aufgesprungener Boden, Gesichter einer alten Erde, worüber sich Gleise erstrecken, die schon lange nicht mehr befahren werden von tonnenschweren Lebewesen, die man einst Dampflok oder Waggon nannte. Letztere die besitzlosen Sklaven, Gewichte schleppend, ohne Ziel, ohne eigene Interessen.

Der Platz, antikfarben, ist in einer Art Ewigkeit zu verorten, die Vergänglichkeit gehört hier zum Ambiente, Unendliches zu verschweigen. Hier Wolken einbinden zu wollen, die über den Himmel ziehen, wäre Klischee. Statt dessen male ich den Himmel ebenfalls antik, so dass er sich nicht abheben kann, keinen Kontrast bildet, alles wirkt wie zusammengemischt in einer monochromen Badewanne, befüllt mit dem Putzwasser dreckiger Türen, die nirgendwo hinführen, die nur Begrenzung symbolisieren.

Ich nenne diesen Platz einen Bahnhof, wissend, dass es kein Bahnhof sein kann, nicht im Sinne eines Umschlagplatzes, nicht der Begegnung Mensch und Maschine gewidmet, gar nicht einmal von Menschen erdacht.

Große, hölzerne Scheunen beherbergen von Krausem Ampfer überwuchert zwei beerdigte Riesenwale aus Stahl. Schienenstränge sind vor lauter Giersch längst nicht mehr sichtbar, aber die Stahlkessel rangieren darauf, längst ausgeweidet. Disteln und Wildkraut überlagern ihren abgewetzten Nutzen.

Die eisernen Achsen schreddern über gewaltige Stränge: das war früher – dieses Wort, dieses furchtbare Wort, das Vergangenheit meint. Rost blättert ab, verbleibt Erinnerung auch hier.

Sehen Sie sich die Stadt an, hatte Madame Blandot gefordert. Das ist nun Wochen her. Seither habe ich nichts anderes zu sehen bekommen als eine Geisterstadt. Dem abgestandenen Geruch des Flusses ins Nebelherz hinein folgend, aus dem Nebelherz heraus tretend: keine Seele, nur Dinge, die, wenn sie weit genug entfernt sind, keinen Namen tragen. DIE DINGE. Wie hingehauen stehen zerfallene Lagerhallen, verlassene Wohnhäuser mit eingeschlagenen Scheiben ringsherum. Unebene Straßen schlenderte ich hellwach entlang, um in keines der Schlaglöcher, alle mit pfuhligem Wasser gefüllt, zu treten.

Ich hatte immer schon eine Schwäche für große Lagerhallen, die schon seit langer Zeit leer standen, wie mich überhaupt alle verlassenen Gebäude interessierten. Oft fiel mir auf, dass wir gut daran täten, die Zeit nicht in Sekunden, Minuten und Stunden (tropisches, siderisches, anomalistisches Jahr) einzuteilen, sondern in Staub, Staubschichten, Staubkonsistenz. Zeit war nunmehr nur Staub. Hier, im Innern eingeschlossener Vergangenheit, konnte man die Zeit wiegen, eine Handvoll Zeit zur Nase führen, dadurch ihr Aroma spezifizieren. Sie lag hier überall herum, ich durchpflügte sie mit den Füßen. Vor der Lagerhalle mit den beiden Lokomotiven lag ein ausgerupftes Feld vor einem Waldrand. Im Wald selbst war es seltsam still, nichts raschelte oder windete, nichts schlich durchs Unterholz oder benagte Rinde. Stille ist die Angst vor der Dunkelheit in den Antipoden der Seele, wenn jedes Geräusch den Kopf beruhigt, wenn es beteuert, dass man auch sehen könnte, was dieses Geräusch verursacht, dass es kein Geräusch von alleine ist. Man hörte das Unheil nicht kommen, wenn man auch nur eine Nuance lauter war als die Stille, die sich zu bewegen schien. Sie drang in das Denken, stachelte das Blut dazu an, in den Schläfen zu pochen. Die Urangst schuf sich Platz in der Brust, nistete sich ein, vermehrte sich. Stille ist nicht auszuhalten, insistiert vollkommene Orientierungslosigkeit.

Die Bäume standen tagein tagaus an ein und derselben Stelle, die Nacht wogte mit ihren Hirngespinsten in den Ästen, aber die Bäume wußten, dass ich da bin.

Furcht ist ein Kardinalsgefühl, sie zu überwinden ist die erste Tugend, draufgängerisch zu werden ist die erste Falle. Die Dunkelheit hat den entscheidenden Vorteil einer Leinwand; sie projiziert das Abbild der eigenen Seele in die Luft, eine Richtung oder eine bloße Dimension gibt es nicht mehr. Die Sinne sind ausgeschaltet, der Projektor des eigenen Selbst läuft auf höchsten Touren. Die Welt verändert sich, zieht ungesehen vorbei. Kein wildes Tier, kein Räuber lauerte in diesem Wald, aber was war mit den verlorenen Energien, die man ebenfalls in den alten Häusern spüren konnte? Bedienten sie sich nicht den eigenen Ängsten, führten sie dann auf wie ein Schauspiel? Impressionen und enigmatische Emanationen überdauerten die Jahrhunderte, weil sie unseren Zwang der Zeit gegenüber nicht kannten. Aber sie besaßen ein Gespür für starke Einbildungskraft; meist spielten sie mit den Geistern der Erde, dachten nicht über uns Menschen nach. Wenn sie uns begegneten, nahmen sie uns nicht ernst.

Manchmal wünschte man sich, ein Auto käme gefahren, um das Gemüt etwas zu beruhigen, Stille zu durchbrechen, Dunkelheit beiseite zu schieben. Während die Lichtkegel durch das Dunkel brachen, hatte man Schonzeit und wurde nicht von Spukgestalten überfallen. Doch dann stand man wieder auf einem Weg, den man nicht erkennen konnte. Geschichten drängen an die Oberfläche, von rätselhaftem Verschwinden, Phantome, Erscheinungen. Der Verstand kann uns nicht beruhigen, denn gemessen an den Rätseln der Welt hat er überhaupt keine Bedeutung. Die Wissenschaft ist nur ein kleines lächerliches Murmelspiel, ein Zeitvertreib unserer Neugierde.

Immer noch Emmas Bild vor Augen, Teil einer Erinnerung, die niemals ganz wahr wurde. Sie hätte jede andere sein können, doch die Worte, die sie sagte, hinderten die anderen daran, Emma zu sein.

Es bewegte sich etwas in der Dunkelheit. Ich konnte nicht erkennen, was es war, da es die Form eines Schattens angenommen hatte, um sich zu tarnen. dass es mir nachschlich, wusste ich gewiss; immer wenn ich mich umsah, blieb es stehen, gut getarnt zwischen den Sträuchern am Wegesrand. Ich beschloss, was immer es war, anzusprechen, um zu demonstrieren, dass ich es entdeckt hatte.

»Es wäre nützlich für mich, zu wissen, was Sie von mir wollen!«, rief ich. Keine Reaktion erfolgte; aber aus der merkwürdigen Schwärze kam zumindest eine Antwort : »Tut mir leid, ich kenne Sie nicht.«

»Kommen Sie doch heraus, dann können wir miteinander reden!«

Nichts. Also sprach ich weiter : »Sie haben mich ebenfalls noch niemals gesehen?«

»Nein… ich wüsste nicht…nein.«

»Das ist sehr schade, ich weiß nämlich nicht, ob ich schon einmal irgendwo gewesen bin.«

»Aber, dieses Problem habe auch ich; ich irre umher und ich erinnere mich an eine Welt, die es einst gab, in der es vor Menschen nur so wimmelte. Jeder ging dort einer unsinnigen Tätigkeit nach. Man nannte es die ›Realität‹. Haben Sie von so einer Welt schon einmal gehört?«

»Es könnte sein, ich erinnere mich an eine Liebesnacht, lachen Sie nicht! Es schien mir ernst! Ich erwachte und sie war verschwunden.«

»Sie verschwinden immer; eine neue Liebe, ein anderes und besser versprochenes Glück.«

»Ja, möglich, aber was soll ich tun, ich kann ohne sie nicht leben!«

»Das können Sie, Sie tun es gerade! Was hat sie mit Ihnen gemacht, wenn Sie eine ganze Welt dafür auslöschen?«

»Sie ging und kehrte nicht zurück.«

»Das tun alle.«

»Sie roch noch nach mir.«

Zögernd.

»Ich glaube, ich habe sie gesehen.«

»Ja?«

»Ja, sie roch noch nach Ihnen.«

»Woher wissen Sie, dass sie es war?«

»Sie war die einzige, die ich je getroffen habe, die nach Ihnen roch. Aber sie gehört Ihnen nicht, verstehen Sie, sie hat mir gesagt, dass sie Ihnen nicht gehören wird. Sie flieht vor Ihnen, Sie können sie nicht einholen, der Abstand bleibt immer der gleiche, sie ist sehr weit fort.«

»Aber sie war in meiner Nähe!«

»Das meinen Sie nur! Sie hatten Ihre Gelegenheit, Sie haben einen Fehler gemacht!«

»Aber mich verzehrt ein Feuer!«

»Sie und mich, die ganze Welt! Jetzt rufen Sie mich an und wissen noch nicht einmal etwas über mich, das ist sehr enttäuschend!«

»Aber Sie sind mir gefolgt!«

»Wir haben nur zufällig denselben Weg.«

»Warum kommen Sie nicht heraus?«

Es gab erneut eine Pause, dann : »Ich verstecke mich überhaupt nicht, falls Sie das meinen. Ich bin nur … unsichtbar«

Überall nur sie, in allem, was vergeht. In den Bäumen raschelt ihr Name, in jedem Gewässer ist sie Loreley, hinabgestürzt vom Fels, auf dem sie sich kämmte und für den Tod der Seefahrer herausputzte.

Hinab zogʼs Schiffer und Kahn. Ich weiß auch nicht, was soll es bedeuten!

Jetzt aber zieht es mich zum Geäst, dem Gewölle, der Blüte im Unterholz. Ihre Form löst sich von den Zweigen. Wohin mein Blick auch schweift, ich bin verloren. Denn es gibt merkwürdiges im großen Abgrund, und der Traumsucher muss aufpassen, dass er nicht das falsche aufstöbert oder ihm begegnet.

Davor: wenn wir gestaltlos nur Gedanke sind, vom Leben träumen, geträumt vom Leben träumen. Ich steige in den Trichter der Unendlichkeit. Was Zeit mir ist, das muss sie mir beweisen. Die Geschichte in der Schleife.

Im Gräsermeer gab es früher eine Liebe zu bestaunen. Ich glaube, jeder Landstrich, jedes Feld, jeder Busch, kurz: jeder Fleck in der freien Natur hat eine Liebesgeschichte auf Lager. Wenn ich hier außerhalb der großen morschen Halle umherstreune, kann ich sie erkennen wie einen Spuk, fasse durch die Gestalt eines kleinen melancholischen Mädchens, durch die Gestalt ihres schüchternen Begleiters.

»Sie müssten die Schwingungen viel wesentlicher empfangen können, wenn Sie noch hier sind!?

»Ich bin, wo Sie sind, wir haben den gleichen Weg!«

So eine unsichtbare Stimme hat etwas Provozierendes.

»Würden Sie die beiden für mich fragen, was aus ihnen geworden ist?«

Eine Stimme, die von überall zu kommen schien, sagte : »Wir sind schon lange nicht mehr hier. Dieser Platz hat sich sehr verändert. Wir lebten in einer Zeit, als hier noch Züge abfuhren; stets sahen wir ihnen nach, denn es war überhaupt unsere größte Freude, die Züge ankommen und abfahren zu sehen. Wir sind nicht hier und doch für immer gebunden, unser Gedächtnis wird über die Lande gleiten und sie sehnsuchtsvoll berühren. Im Wald hatten wir eine Kate in einem Krater, und im Sommer streiften wir durch die Vorgärten der Stadt, meistens aber spielten wir hier. Ein Bahnhof ist ja gar so interessant!«

Ähnliche Beiträge

  • Werwurm

    Schließlich hatte man sie einbestellt, eigens
    damit sie den Ort gewechselt hat. Manche
    schaffen gut und gerne zwanzig Jahre, um
    einen Monat nach dem anderen nebeneinander
    zu stellen. Es gäbe unerklärliche

    aber klare Kräfte, hört man sagen. Der Riss durch
    die Bande der Gewohnheit, genau so endet
    die Illusion in diesem räumlichen Sinne, an
    die sich ihre kleine Taubheit kuschelt.
    Tauschen wir mal die rotierende Säge gegen

    den Schiebspachtel. Die Nabensonne möchte
    von jedem ein Bildchen, bis nichts mehr
    übrig bleibt (ob es Zeichnungen sind oder
    nicht) in dieser all zu abgeklärten Nacht, mit
    ihren Bahnbrechern und Mördergruben. Ein

    Pult ist zum Ritzen da, die Ritze gehört zur Scham.
    Ein Wolkenbruch wäre dennoch von der
    Geduld abhängig, die man nicht hat. Auch
    Pfeile können eine Handtasche ergeben,
    bedeutend und einsam, aus großartigen

    Querelen gesponnen, geprägt durch feinmaschige
    Lethargie. Auf kalten Eisenbahnen gleitend
    sind sie stumpf aufgelegt, wirken morbide
    im Schlaf der gekoppelten Tennen. Dreimal
    bleiben die Hirsche stehen, passieren dann

    den Weberknecht mit seinen dunklen Marotten
    und Korkenziehern. Hinterfragt wird manches
    mit geöffnetem Mund, rundgepeitschten
    Händen (oder Zäune, die den Gast berühren), Ein-
    trübung der köstlichen Warteschlange, zur

    erneuten Geburt geladen. So ein Feldplanschbecken
    weiß sich auch als Tränke zu behaupten, ringelt
    das Gras an einer Spule entlang, die sich, nüchtern
    betrachtet, durch den ganzen Stau zieht, ohne
    Ausnahme, aber eben auch ohne Geschick.
  • Vor einem Regal der Toten

    Ich könnte singen von den unheilvollen und drohenden Dingen, den toten und vergessenen. Doch werde ich je wieder reisen durch den vom Wahnsinn gelb gefärbten Nebel des Vergessens, zu den Gestaden fremder Wirklichkeit? Fände ich überhaupt den Weg zurück, der mir damals so zufällig erschien wie einst Rip van Winkle sich über das Auftauchen einer flämischen Gesellschaft verwunderte? Mir selbst wurden keine Jahrzehnte durch einen sonderbaren Schnaps gestohlen, noch nicht einmal Jahre, aber von den merkwürdigen Festen wie in den Tiefen des verhängnisvollen Venusbergs könnte auch ich berichten. Doch wüsste ich nie zu sagen, was sich daran mit mit meinen halluzinatorischen Träumen mischte, denn eines ist mir klar geworden: Es gibt unterschiedliche Arten des nächtlichen Gespinstes und mindestens eines davon eröffnet uns das Jenseits mit seiner unendlichen Weite. Es ist für mich gar nicht ausgeschlossen, dass, sobald wir unserer so stabiles Sternensystem verlassen würden, wir auch außerhalb unserer fleißigen Schlaftätigkeiten dorthin gelangen könnten, allein deshalb, weil wir unsere Körper nicht behalten dürften und stürben; d.h., es stürbe das, was wir in unserer Welt so sehr benötigen, und wenn wir es verlieren, geistern wir umher, unfähig, weiter zu träumen, weil wir in einem derartigen Zustand schlicht all unsere Erinnerungen für einen Traum halten. So nötig haben wir den Schutzschild der Materie, dass wir um seinen Verlust so sehr bangen wie um nichts anderes. Es mag sein, dass wir die Geister deshalb fürchten. Sie zeigen uns, dass wir auch im Tode nicht entkommen können und endlos weiterspielen müssen. Sie zeigen uns durch ihre finsteren Auftritte, wie wichtig die Wiederholung ist und wie sich eben alles so lange wiederholt, bis das Wort Ewigkeit seine Berechtigung erlangt.

    Es gibt Geschichten, die man sich ausdenken möchte, um dann zu erkennen, dass sie wahr sind. Das gleiche gilt andersherum. Eine Erinnerung, auf die man Stein und Bein schwören möchte, erweist sich als falsch. Und dann gibt es die Mischverhältnisse in verschiedenen Abstufungen. Was die Realität ist, werden wir nie herausfinden, und das Geheimnis der Fiktion ist längst legendär. Ich erinnere mich an mein Leben wie an eine Geschichte, die ich gelesen habe. Es gab eine Zeit, da ich mit den Surrealisten in Paris träumte und vielleicht hatten sie, Jahrzehnte vor meiner Geburt, von mir gehört. 1990 las ich ihre Aufzeichnungen, Pamphlete und Manifeste, um zu sehen, ob ich irgendwo darin verzeichnet war. Dann aber fiel mir ein, dass ich lange vor meiner Geburt mit einem anderen Namen ausgestattet war. Zumindest hörte ich nichts von mir, wie ich mich kannte. Man erwacht und steht vor einem Regal der Toten. Alles, was von ihnen übriggeblieben ist, ist das, was man aus ihren Gedanken macht.

  • Amor und Psyche

    Die Stadt, die mich heimsuchte, ich wusste nicht welche, nichts über ihr Ausmaß, lag in einem dichten grünen Nebel getaucht. Schritt für Schritt nahm sie jeden meiner Füße derartig moosweich auf, dass ich bei jedem erneutem Kontakt das Gefühl hatte in einem unfassbar weiten Moor zu versinken. Die Glocke um meinen Kopf wog schwer. Der an ihr, auf Höhe meines Hinterkopfs, angebrachte spürbare Schlauch, der mir offenbar Sauerstoff zuführte, reichte anscheinend weit zurück. Wie weit jedoch, das kann ich nicht sagen, da ich mich nicht erinnerte, wie lange ich schon durchs Grün schritt, wie weit ich mich schon von einem Ausgangspunkt entfernt hatte, den ich in meiner Erinnerung gar nicht abrufen konnte. Mein Ausgangspunkt. Ein Ausgang, der doch vielmehr einen Eintritt bedeuten musste. In etwas, das ich immens wahrnahm. Obwohl ich zugleich dachte, das lag wohl an der Weise wie meine Schritte von ihr aufgenommen wurden, dass sie doch eher mich wahrnahm. Mich langsam in sie einverleibte. Es war mir als wäre Tag. Als ob Licht in diesem üppig grünen Nebel lag. Er schien in seiner Natur konvex zu sein, konvex zu funktionieren. Sich mir geradezu entgegen zu wölben in seinen ‚Bildern‘, setzte ich einen Fuß vor den anderen, und doch waren sie nie so nah, wie sie mir schienen, ja ich würde sogar sagen, wie ich sie sah. Denn ich sah in ihm tatsächlich etwas. Sah sich entwickelnde und verändernde Landschaften, Figuren und Formen, die sich mir darboten als wären sie Begleiter meines unbestimmten Weges, den ich nahm. Doch eigentlich bietet es sich an, sie eher als Begleiter meines Daseins zu bezeichnen, da von einem Weg ja nicht wirklich gesprochen werden kann. Ich ging schließlich nur. Ohne Ziel. Ohne irgend einen Anhaltspunkt. Hielt ich je an? Hatte ich geruht? Gar geschlafen? Ich weiß es nicht. Schritt ich überhaupt voran? Oder trat ich nur auf der Stelle?

    Immer wieder blitzten mir weiße Augen auf. Hier und da. Dort drüben. Milchig aus den sich zusammenziehenden Dickichten schauend. Dickflüssig weiß. Mit den Lidern in die fließend grünen Landschaften verwoben, die sich mir wellenweise wie Kontaktlinsen näherten. Als ob sie mich besahen. Sich ein Bild von mir machten, mich in Augenschein nahmen, sich mir in sich immer verändernder Weise zeigend, als ob sie mich aus jeder denkbar möglichen Form, die sie annahmen, wahrnehmen wollten. Und immer wenn sie das taten, vernahm ich an diversen Stellen meines Körpers Lidschläge, als würde ich meine Augen auch an anderen Stellen meines Körpers öffnen. Mal an meinen Beinen. Mal an meinen Oberkörper. Mal an meinen Armen. Ich versuchte meinen Körper abzutasten, nahm ihn jedoch in seinen Einzelheiten, seinen Untergliederungen und Extremitäten als einen einzelnen Vielkörper wahr. Das heißt: Wenn ich nach meinem Bein tastete, spürte ich eine Vielzahl von meinem Bein, die sich aus meinem ergab. Ich spürte also ein Vielbein. Gleiches nahm ich an meinen Armen wahr, berührte ich sie. Es war ganz gleich wohin ich fasste, einzig mein Kopf, der in der Glocke geborgen lag, blieb mir vom Versuch verschont auch ihn in einer Vielzahl wahrzunehmen. Jedoch wusste ich nicht, ob es sich dann ebenso verhielte, nähme ich die Taucherglocke ab, zumal ich auch nicht wusste, ob ich in dieser nebelgrünen Atmosphäre atmen konnte. Und ich brannte auch nicht gerade darauf es herauszufinden. Zu wahnsinnig erschien mir die Idee, meinen Kopf, meine Gedanken, alles, was ich wahrnahm und mir zu einer sich stetig verändernden Information einer Welt wurde, in der ich mich befand, potenzierter wahrzunehmen als ich es ohnehin schon tat. Und so konnte ich die Augen nicht tasten. Fand nur immer wieder diese Vielzahl von meinen Beinen und Armen bestätigt, versuchte ich mich erneut davon zu überzeugen, dass ich in den vorherigen Versuchen einem Missempfinden gefolgt war. Das Kuriose war, je länger ich konzentriert zu tasten und zu fühlen versuchte, desto schneller rasten die Beine und Arme aus meinen Beinen und Armen hervor. Als würde damit verhindert, dass eine Kette des Fortdauerns unterbrochen würde. Das hatte etwas sich Generierendes. Als brachte eine Blüte sich selbst immer wieder hervor. Eine Blüte die der Blüte dient, um überhaupt zu sein.

    Dieser Gedanke machte mich rasend, ebenso rasend wie sich mir die Vegetation des Nebels anpasste. Ich wusste nicht, ob ich es war, die sich dabei schnell bewegte, obwohl ich keinen einzigen Schritt tat, oder ob es diese fließend dickichte Landschaft war, die mich umgab, mich in sich hatte, so sehr war ich mit ihr verbunden, dass ich mir das nicht beantworten konnte, dass ich das Gefühl hatte, dass meine Haut nun ganz mit ihrer verwoben war. Es war ein von Anfang an warmes waberndes Empfinden. Klimatisch feucht. Doch jetzt, obwohl ich noch immer die Taucherglocke trug, hatte ich das Gefühl, dass es mir meinem Atem raubte, ich immer weniger Luft bekam, mich erdrückte, meinen Brustkorb fasste und engte. Ich blieb am Boden, versuchte mich zu sammeln, zu beruhigen, um erfassen zu können, was um mich herum passierte. Strengte meine Augen mehr an, indem ich sie leicht zusammenkniff, in der Hoffnung: doch noch etwas zu erkennen, das vielleicht hinter diesem konvex dickichten Nebel lag, den ich durchdrang ohne mich zu erinnern in ihn, diese Vegetation, eingedrungen zu sein, die mir undurchmessbar erschien. Als wäre ihre Weite eine Dauer, die mir zugleich jegliche Empfindung für Zeit nahm. Ich versuchte etwas zu erkennen, das mir einen Weg hier raus bedeuten könnte. Ich suchte allein mit meinen Augen. All meinen Augen, die sich aufschlugen, denn mir war klar, mich fortzubewegen, würde nichts nutzen, da ich ja überhaupt nicht wusste, ob ich es überhaupt getan hatte, mit jedem meiner Schritte. Zunehmend hörte ich meinen Herzschlag in der Glocke, meine Atmung wurde heftiger und kurzfrequenter. Das kleine Fenster beschlug nun im Innern. Ich konnte noch sehen, dass sich um mich herum Umrisse einer Stadt abzeichneten, die der grüne Nebel nach und nach freigab. Aber sogleich sie mir wie eine erlösende Fatamorgana erschienen war, wurde sie vom Kondenswasser meines Atems verdeckt, das sich an meinem, so dachte ich mittlerweile: kleinen Seelenfenster sammelte. Ich entschied mich auf allen Vieren zu ihr vorwärts zu krabbeln. Zu weich waren meine Beine vor Angst. Nur woher sollte ich wissen, dass ich mich immer noch in der richtigen Richtung befand. Ich kam mir vor wie eine heillose Eva in der grünen Hölle. Einzig der moosartige Boden unter meinen Händen und Knien blieb mir als etwas Reales, das mir Orientierung gab, mir versicherte, dass noch etwas außerhalb dieser Glocke, die nun die sichtbare Welt um mich herum bedeutete, existierte. Das war ein beklemmendes, kaum auszuhaltendes Gefühl, mit dem Körper in einer zu sein, die außerhalb derjenigen lag, die ich sehen konnte. Diese Zweiteilung: Der eigene Körper, der sich in einer für mich nicht (mehr) sichtbaren Welt die fortdauernde Existenz erkrabbelt, während mein Kopf, meine Gedanken in einer kleinen Taucherglocke festsaßen. Knie um Knie, Handfläche um Handfläche krabbelte ich voran. Der moosige Boden wuchs mich ein, mit jedem Zentimeter, den ich mich weiter traute, mich von ihm umschließen zu lassen. Näher den Umrissen der Stadt zu. Ich bewegte mich, je mehr es mich in sich nahm, weich und weicher werdend, spürte meine Kniescheiben, die Knochen und Muskeln meiner Hände kaum noch. Kam aber dennoch weiter, denn ich verlor auch an Gewicht, das ich zu tragen hatte. Ich wurde leichter und leichter. Bis keines mehr da war. Nur mein Kopf blieb durch die Taucherglocke unverändert schwer. Bald war nur noch er es, in dem ich mir bewusst war. Die inneren Ränder der Glocke wurden mir zum letzten Raum, in dem ich mir noch gewahr wurde. Das aber wurde mir im Nichts, in dem ich mich ansonsten befand, zuviel. Noch immer, das Fenster war weiterhin beschlagen und beschlug auch weiterhin, atmete ich. Was mir aus mehreren Gründen ein Rätsel war, da ich meinen Brustkorb nicht mehr spüren konnte, und auch nicht das Gefühl hatte, dass der Schlauch mich weiterhin mit Sauerstoff versorgte. Ich war einfach nur noch. War nur noch in dieser Taucherglocke. Sah weiter nichts als meinen eigenen Atem, der sich an dem kleinen Fenster zu Wasser kondensiert hatte. Ich ertrank an meinen eigenen Gedanken, die diese Hölle mir machte, die kein Mensch auszuhalten fähig wäre. Und so stieg das Wasser in ihr. Es wurde dunkler und dunkler. Ich sank. Erinnerte mich sogar mich noch dankbar empfunden zu haben. Doch je mehr ich sank, umso mehr spürte ich einen stärker werdenden Sog, der mir meinen Körper wieder ins Bewusstsein gab. Mit einer Gewalt, die zur Folge hatte, dass ich ihn wie ein tonnenschweres Gewicht wahrnahm, das mich in meiner Taucherglocke rasant in die Tiefe zog. Mir wurde kalt und kälter, umso mehr sich mein Körper rekonturierte. Mein kleines Seelenfenster gefror zunehmend bis es schließlich sprang und ich mich in vielen kleinen Spiegeln im Dunklen als ganzes Wesen sah: Nackt und klein. Ich versuchte die Spiegel mit den Händen aus meiner Glocke zu lösen. Einen nach dem anderen. Und mit jedem einzelnen, den ich löste, legte ich ein sonderbares Wesen frei, das sich hinter diesem Seelenfenster schon die ganze Zeit verborgen hielt. Ein Wesen in Nacht, das über mir beugte wie ein riesiger Falter. Das mich mit großen grotesk runden Augen puppig betrachtete, dessen Körper ich mit meinen Händen als einen männlichen tasten konnte. Es war als blickte ich in das personifizierte Kindchenschema der Natur, das den Blick nicht von mir nahm, mich ansah als würde es in mich hineinsehen, und je länger es schaute, desto mehr nahm es in seinen Gesichtszügen, ja gar in der Farbe seines Haaransatzes meine Erscheinung an. Es, dieser Scheme, verpuppte sich durch mich. Durch mein offenes Fenster muss er wohl eingedrungen sein. Oder war ich es mit fellnen Flügeln, die seine Gestalt annahm?

    Amor und Psyche von Johann Heinrich Füssli (um 1810)

    Ich kann es nicht sagen. Ganz grün die Lippen.

  • Das Singen niederstürzenden Regens

    Das Gelände zu betreten ist nicht das eigentliche Problem, die Stadt schläft und die Illusions-Programme laufen ohne Unterlass, schalten Träume hinzu, koordinieren die Nachtarbeit; auch ich selbst werde für gewöhnlich aus den Computern gespeist. Ein ganz hervorragendes Weltbild wird uns allen zuteil, es ist wandelbar, widersprüchlich und lernfähig, reagiert also auf unsere Vorstellung von der Welt mit präzisen und sofortigen Korrekturen. Ich bin an der Schönheit interessiert, nicht an der Harmonie, gespannt auf ein allgegenwärtiges Gestern, diesem ewigen Tag, wie ihn Mnemosyne überbringt. Ich begreife, wie wichtig die Zwiesprache der Vögel ist, die sich gegen den Bass des Donners abhebt, das Singen des niederstürzenden Regens. Da erkunden wir der Erde Klang. Auf den Feldern, die sich überschwemmen lassen, wo das Wasser männliche Attribute zeigt, überläuft, den Acker begießt, die Knollen des Goldregens, der Akelei, und jene rosa Wiesenblumen, die wir ›Zahnbürsten‹ nennen, tränkt. Die Schafe stehen in ihren Pullovern im Stall und warten in ihrer ausschließlichen Gegenwart auf das neue trockene Jetzt. Die Säfte beschleunigen sich in allen Rinnen, spülen die Staubjacken von den Steinen und Quadern, auch von mir, der ich mit einem Brocken Kernseife in der Hand unter dem Wassersturz ein kosmisches Bad zelebriere, während die tief hängenden Augen des Jagdschlosses auf mir ruhen, in der Ferne rauscht ein Schienenbus vorbei.

  • Pissstand

    Ach Du liebes Pisschen!, hier sah ich einst, die Schuhe wollten bei jedem Schritt kleben bleiben, zerbröckeltes Glas knirschte unter den Sohlen, bröselte weiter und nistete sich sogar tief in den Gummibelag oder das Leder ein, die Frischluft wollte gar nicht dazu kommen, den Qualm abzuwedeln, wenn sich die Türe öffnete, um einen neuen Gast in den Schankraum zu spülen, einen betrunkenen hinaus oder ins Pissoir, wo man den Kopf einziehen musste, um durch die Zarge – immer der Nase nach – zu treten, wo früher einmal hochhoheitliche Ponys ihre Äpfel fallen ließen – Jauchäpfel fallen nicht weit vom Stall, die Rinne von heute nimmt’s mit Segen -, eine Alte, die, obwohl in der Hocke befindlich, redlich schwankte, dabei sich abmühte, ihre Brunze in die Rinne zu schleudern und gleichzeitig nicht ihren dicken Moltonrock zu besudeln. Das Schauspiel, ganz und gar nicht stumm begleitet von ächzendem Kläffen, kam mir derart merkwürdig vor, dass jegliches Blasen-Völlegefühl keinen Bedarf mehr hatte, auf sich aufmerksam zu machen, und ich, erstarrt wie ein Porzellanmännchen, ein verhexter Voyeur, der Entleerung bis zum Ende beiwohnte, ohne wahrgenommen zu werden. Nun wusste ich in jener Zeit nur von Sagen und Legenden, dass sich die Frauenschaft immer und ausschließlich auf die Schüssel hockte, nämlich um beiderlei Notwendigkeiten von sich zu lassen, aber diese hier schien sich vielleicht nicht daran zu erinnern, oder in ihr kochte der reine Trotz ein Feuer, das doch eigentlich niemanden versengte, mir selbst auch nur ein weiteres Rätsel aller Existenz auftrug.

  • Orte

    Geschrieben von A. Anders

    Es gibt einen Zwischenraum, getragen von 8 Spinnenbeinen. Er bewegt sich hinter Zeitlupen. Zu langsam für ein menschliches Auge ihn zu erfassen. Zu schnell der Raum, in den es gewohnt ist zu blicken. Begehbar nur durch einen Steg, an dem er zu bestimmten Zeiten steht und ruht. Dann ist er sichtbar. Zwei nebeneinanderliegende Türen hat er, von gleicher Größe und Art. Beide sind sie weiß, mit einer blauen Raute in einer blauen Ellipse darauf. Sein Inneres ist rosig und warm. Kleine Spinnen sitzen auf den feuchten weiten Gewebswandungen, die, sich hinstreckend zu einer langen Passage, zeitüberwindend in die Welt zu allen Orten führen, die ich mir in Gedanken vorstelle. Städte, Wüsten, Berge, Seen, Wälder. Orte, die hinter immer neuen Spinnennetzen entstehen. Netze, die mich umschließen, sobald ich in sie gehe. Feiner als ein Taucheranzug, angereichert mit einem stundenausbreitenden Sauerstoff. Es ist ein Raum, verloren im Hier. Zeit, die ich ablege, wenn ich ihn, durch die rechte Tür tretend, verlasse. Weil ich muss. Um mich wieder schlafen zu legen. Nahe meines Netzes. Hinter dem sich im Wind die Welt abspult.