Das Tribunal zu Wilem

So war es nicht erstaunlich, dass ein Riese mich vor die Tür setzen wollte. Energie war er, sonst nichts, unhaltbar groß, erschienen aus dem Nichts, durch Gedanken in die Materie gezwungen. Nun erbat ich mir aus, mich noch ankleiden zu dürfen, denn der Anstand gebietet Kleidung. Noch während ich mich bemühte, alle Kluft zusammenzurühren, um hineinsteigen zu können, erschien – ebenfalls aus dem Nichts – mein eigenes Energiespektrum, klingelte aber wohl an der Eingangstür, denn von dort aus hörte ich einigen Tumult. War es verwunderlich, dass zu meiner Verteidigung ausgerechnet ein Renommist erschienen war? Der freilich, denn er kam ja aus meinem eigenen Dunstkreis, man frage nicht, wie, war mir, obwohl ich ihn als relativ machtlos gegenüber der anderen Partei entlarvte, war mir kein bloßer Unsympath; abgesehen davon hatte ich nichts anderes aufzubieten. Durch sein Auftauchen war die Angelegenheit nicht mehr so einfach und schnell durchzusetzen, was meinem Energieverteidiger dann doch anzurechnen war. Es sollte zu einem Tribunal kommen, was mehr war, als ich erwarten konnte, und das mich gleichzeitig erstaunte. Zielort: Wilem; ein Zimmer dort, wie tausend andere Zimmer. Immer mehr Menschen drängten herein: Anwälte, Stenotypistinnen, solche und solche, deren Funktion gar nicht auszumachen war. Ich würde verlieren, mit Verzögerung zwar, aber verlieren würde ich. Oder auch nicht, denn ich hatte eine Verbündete, die zu erreichen das ganze Bestreben meiner Traumreise war.

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    Man könnte sich mit der Natur verbinden, und wann immer ich – selten genug – einmal umringt bin vom Rauschen des Wassers, von Vogelstimmen und Bäumen – klärt sich mein Blick für ein Damals, das ich zur Gänze hinter mir weiß. Obwohl ich nicht mehr obsessiv an einer Erinnerungskunst festhalte, die für mein eigenes Schreiben essenziell war, bin ich weiterhin nur an der Vergangenheit interessiert. Und das, obwohl gerade jetzt die spannenden Dinge geschehen, wo die Wissenschaft am Boden liegt und zugeben muss, nichts erreicht zu haben. Gut, sie haben Schlaftabletten erfunden … und die professionelle Zahnreinigung.

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    Hawkins schreibt:

    Als ihre Eltern sie am nächsten Morgen abholen wollten, bekam sie eine Riesenpanik. Sie wollte nicht mit ihnen mitgehen und klammerte sich heulend an die Stationsschwester. Sie war davon überzeugt, dass das nicht ihre wahren Eltern waren, dass ihre echten Eltern sie im Stich gelassen hatten, dass sie sie nicht mehr wollten und an ihrer Stelle diese Eltern-Darsteller gekommen waren.

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  • Das Haus am Meer

    Die Tatzen zitterten über den Sand, bevor das blaue Meer folgte und die Abdrücke wieder verschlang. Nur das Flackern einer jahrtausendalten Geschichte, die sich so lange wiederholt, bis der Strand abgeschliffen ist. Doch vorher muss der Brunnen werden. In Wirklichkeit zieht sich nämlich das Meer zurück und hinterlässt nur seine Schattenwelten.

    Sehr früh schon huschte sie in Kleidern aus dem Haus, gefolgt von der dünnen Luft, die sich über Nacht in ihrer Kammer aufgetürmt hatte ohne entweichen zu können. Natürlich wusste sie auch diesmal nicht, wo sie graben sollte, ein Traum aber hatte ihr gesagt, die Tiefe warte bereits auf das Eisen des Spatens.

    Das Meer rauschte unbekümmert ihres angestrengten Gebarens vor und zurück. Nichts deutete auf eine kommende Wüste hin, doch sie hatte sie bereits im Salz geschmeckt. Einen Tag mehr, einen anderen weniger. Vor und zurück. Einen Brunnen vor dem Meer zu bauen schien die einzige Lösung zu sein, also hieb sie so fest sie konnte in den Sand, aber schon waren die Tatzen über der ersten kleinen Kuhle und ebneten alles wieder ein. Wenn sie doch nur wüsste, wo sie graben sollte.

    Noch bevor sich die Sonne sehen ließ, eilte sie zurück ins Haus, denn wer immer sie im Tageslicht gesehen hätte, würde sie eingefangen haben wollen. Drinnen saß sie still, aber nicht regungslos. Niemand kam vorbei und neimand klopfte an die Tür.

    Sie war durch einen einsamen Wald gehetzt und verfing sich mit ihren wehenden Haaren so oft an den plötzlich auftauchenden Ästen, dass sie fürchten musste, bald keine mehr zu besitzen, aber zumindest blieb ihr Gefieder intakt. Sie lief im Kreis, aber das wusste sie bereits, bevor sie eine Begegnung mit einem ihrer ausgerissenen Haarbüschel hatte. Es war noch ein weiter Weg bis zum Meer.

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    Was sie aber sah, war Staub, von dem sie glaubte, das er ebenso alt war wie sie selbst. Er bedeckte zentimeterdick den Boden, tanzte vor den Fenstern im einfallenden Sonnenlicht und legte sich auf die zurückgebliebene Einrichtung, die aussah, als wäre sie älter als das Haus. An den Wänden klebten Salzablagerungen, aber das Meer hatte hier keinen Anspruch geltend machen können. Die Trockenheit war keines natürlichen Ursprungs.

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    Seltsame Paarungsrufe bekommt man nicht selten als Enkel zu hören. Eine Anekdote, wie sie Anverwandte gerne zwischen zwei Schnäpsen erzählen. Meine Großmutter väterlicherseits – die dunkle Linie also – erzählte eines Tages, wie mein Großvater sich mutwillig einen Knopf von der Strickjacke riss und dachte: Hoppalla | sich unbeobachtet wähnte und doch gesehen wurde von seiner zukünftigen Braut, die ihm den Knopf dennoch annähte, denn sie wollte ja geehelicht werden.

    „Und eine Frau, die keinen Knopf annähen kann, heirate ich nicht.“ Ein Satz wie aus alten Fallstricken zusammengeleimt. Interessanterweise fiel mir dieser Satz wieder ein, als ich am Cornelius Schlehenfeuer saß, also ohnehin in den satten Sprachfarben des romantischen Zeitalters fläzte. Ich neige zur Kürze, zu den Augenblicken eines Bildes, einer Szene oder die eines versponnenen Gedankens. Das ist mir mehr wert als eine Erzählung, die erläuternd begleitet wird.

  • Zeichen meines schlechten Geschmacks

    In Zeiten von KI und einem widerlich abstoßenden deutschen Kulturbetrieb, bleibt dies hier ein klassisches Weblog, das nicht darauf ausgerichtet ist, irgendjemanden nach dem Maul zu reden. Auch eine wie auch immer geartete Leserschaft ist völlig unerheblich, und tatsächlich ist es besser, wenn niemand von diesem Weblog weiß. Das bedeutet aber nicht, dass es nicht zugänglich gemacht werden soll. Es mag noch Leser geben, die – so wie ich – diese Welt mit Stumpf und Stiel ablehnen und nach interessanten Geschichten suchen. Manche Artikel (Stories, Poems, Essays, Übersetzungen) mögen elitär erscheinen, andere als reiner Trash. Und so ist es. Ein Empfinden ist immer nur so gut wie das Gehirn des Betreffenden. Die VERANDA war stets eine Art Steckenpferd, den eigenen Interessen nachzugehen.

    Nachdem ich nun das Online-Magazin PHANTASTIKON endgültig eingestellt habe (das geschah fürwahr schon öfter, hielt aber nie lange an), sortiere ich die relevanten Artikel hier ein und verwerfe Überholtes oder Irrelevantes. Doch es bleibt genug übrig. Auch die Audiospuren werden nach und nach eingepflegt. Die VERANDA ist und bleibt ein Zeichen meines schlechten Geschmacks.