
In den Annalen der Geschichte gibt es einige Ereignisse, die sich einer rationalen Erklärung entziehen. Überhaupt scheinen wir nicht weit gelangt zu sein, wenn wir uns um die Antworten auf die wirklich wichtigen Fragen konzentrieren. Ein solches Ereignis ist die Tanzwut von 1518. Mehrere Menschen begannen in Strasbur aus heiterem Himmel unkontrolliert zu tanzen, so als sei etwas in sie gefahren, das nie wieder hinaus möchte. In den Chroniken wird eine Frau namens Troffea genannt, aber sie könnte genauso gut auch Baldegunde heißen. Ihr Beruf war zumindest der einer Holzschichterin, die gar keinen Grund hatte, ihren Körper an einem gewöhnlichen Tag unter der Woche aufjauchzen zu lassen. Die Füße überrennen sich und platschen rechts und links davon und Staub kriecht in die Nase. Der Rücken wiegt sich Stumpf, noch zaghaft eckig und von einer Buckelkraxe zusammengehalten. Fein. Jetzt müsste die Füße scheppern und der Tanz als völlig nutzlos zu erkennen sein. Stattdessen wir Baldegunde interessiert betrachtet, bevor man erst in ihre Fußstapfen stieg, und dann ihren völlig unzauberhaften Gang nachahmte. Wer sich sonst im Leben nie außer dem Notwendigen bewegte, suchte sich einen Anhaltspunkt. Und der einzige Anker war die Frau Troffea, die eindeutig tanzte, wenn auch sich ihr Gesicht nicht dazu entschließen konnte, mitzumachen. Sie verlor ihr Meckerchen und gewann ihr Neckerchen. Allerdings waren die sechs Tage, die ihr noch lebendig vergönnt waren von überhaupt keiner Pause geprägt. Nachbarn kamen vorbei und sprachen mit ihr, aber sie japste meistens nur. Die Fähigkeit ein ordentliches Gespräch zu führen, wenn der andere hopst und schwankt, ist dann doch recht eingeschränkt. Also stimmt man sich auf diesen unhörbaren Rhythmus ein, weicht aber so weit von den Windmühlen einiger weniger zurück, wie man überhaupt nur kann. Will man selbst aufhören, gelingt das nicht und das fremd geführte Fleisch dreht sich um Troffea herum.
Innerhalb einer Woche hatten sich 68 Personen Troffea bei ihrem Tanzmarathon angeschlossen. Die Zahl wuchs schnell weiter an, und innerhalb eines Monats waren etwa 467 Personen von dieser unerklärlichen Tanzmanie erfasst. Die betroffenen Tänzer machten keine Anstalten, aufzuhören, auch wenn ihre Körper müde und erschöpft allmählich ausfranste. Einige tanzten, bis die Erschöpfung einen Hieb gegen sie führte oder das Herz aus der Brustkutsche sprang. Straßburgs Straßen waren erfüllt von der Kakophonie der Schritte und den verzweifelten Schreien derjenigen, die sich nicht aus dem Griff dieses seltsamen Zwangs befreien konnte.
Das Jahr 1517 hatte neue furchterregende Krankheiten angekündigt, denn es war ein schlechtes Jahr mit Missernten und steigenden Weizenpreisen. Im darauffolgenden Sommer waren die Waisenhäuser, Hospitäler und Notunterkünfte überfüllt mit verzweifelten Menschen, denen die Astrologie keine guten Partien voraussagte. Der Stadtrat versammelte sich und diskutierte das Vorgehen unsichtbarer Geister, die sich der Menschen bedienten.
– Als man die Troffea nach ihrem Hinscheiden aufgeschnitten hatte, fanden die Ärzte keine Zeichen. Die Ärmste hatte keine Gelegenheit, Brot oder Wasser in ausreichenden Mengen zu sich zu nehmen; das schien alles zu sein. Kein letzter Seufzer, durch den sich die Seele befreit.
Aber der Rat ließ auch untersuchen, ob die Tänzer sich nicht einordnen ließen in Anhänger verschiedener Zunfthäuser wie Habsucht, Kleidermoden, Schwätzerei oder Ehebruch. Ein Ergebnis freilich konnte man nicht liefern, nur die Ärzte verwarfen diese Theorien schnell.
Im Nonnenkloster war derweil ebenfalls die Hölle los. Ein Miauen, Scharren, Gurren und Knarzen drang durch die mondlose Nacht. Wo Ruhe und ein heimeliges Blätterrascheln die Gewohnheit waren, gaben sich nun die felinen Lautäußerungen ein Stelldichein. War es denn eine Schande, das Gras mit bloßen Lippen zu rupfen? Die Backenzähne mahlen zu lassen? Dämonische Völlerei war ihnen ja dennoch nicht vergönnt in ihren kargen Kammern. Vielleicht einmal ein Veilchenschnaps. Und im Frühjahr eine entsetzlich süße Erdbeere. Schon kommt das Sündvolk geflogen und will mitfeiern.
Als Sebastian Brant, der Kanzler der freien Reichstadt, seiner Wege kam, um die letzten Kapitel seines Narrenschiffs zu vollenden, fand er in seiner Stadt ein begehbares Tableau der Narretei vor und begab sich zugleich zu den Ärzten, die mittlerweile die Planeten entlastet hatten und das Dämonische ohnehin nur für Geschmack in der Kindersuppe hielten, ein religiöses Gewürz, das man den Minderen beimengte, um ihnen gehörig Angst einzujagen und zu braven Bürgern zu erziehen, denen man das Stroh unterm Kopf wegziehen konnte, wann immer es notwendig war.
– Wir sind ratlos, was haben die Ekstatischen nur gegessen? Den Auslöser finden wir nicht, aber ich glaube – das glaube ich sehr wohl – dass es sich um einen großen Fall erhitzten Blutes handeln wird. Noch mehr tanzen wird da die Lösung sein!
– Aber wie sollte denn das nützen?, fragte Brant. Sie tanzen ja eh schon bis sie umfallen!
– Ja! Eh! Sie müssen aber noch weiter tanzen, auch wenn sie gar nicht mehr können. Da ist noch nicht alles Böse aus ihnen herausgeschwitzt. Der Fluch des Heiligen Vitus muss aber ganz und gar ausgetanzt werden. Deshalb heuern wir noch heute starke Männer an, die den Tanzenden beim weitertanzen behilflich sind.
In den nächsten Tagen wurden Bühnen neben dem Pferdemarkt gebaut, die Räumung des Getreidemarktes unter freiem Himmel angeordnet, Zunftsäle beschlagnahmt. Man sah viele großgeratene Bürger und Stadtwachen die verrückten Tänzer eskortieren. Pfeifer und Trommler waren gebucht, um dem stillen Zucken einem offensichtlichen Grund zu geben. Starke Männer hielten die Erkrankten aufrecht und krallten sich regelrecht in die unwilligen Leiber, die wirklich keine Sekunde still halten wollten. Alles wirbelte und schwankte; wie sollte ein Maler ein Gemälde davon nehmen können? Die pralle Sommersonne zürnte von oben herab, und es war bald klar, dass der Sensenmann heute ein geselliger Kumpan sein würde, der durch Kräuter und Klee fegt und dabei ein Mutterkorn zwischen seinen Zähnen zermalmt, um vielleicht auch ein wenig von dem Ringelreihen abzubekommen. So säbelte die Sense die Sprossen des tanzbaren Lebens hinfort, und der Rat sah seinen Fehler ein. Da lagen keine gebrutzelten Hirne auf der Gasse, denen der Dämon lässliche Sünden in die Glieder schickte, die man loswerden wollte wie die Kletten der Astern auf dem grob geschneiderten Leibchen. Dem Zorn des Heiligen kam man doch eher durch erzwungene Buße bei, schickte die Spielleute, die nicht selbst süchtig geworden waren, nach Hause oder zumindest dorthin, wo der Pfeffer wächst, verbot das Tanzen in der Öffentlichkeit und führte die Tänzer und Tänzerinnen zu einem dem heiligen Vitus geweihten Schrein, der sich in einer modrigen Grotte in den Hügeln oberhalb der nahe gelegenen Stadt Saverne befand, wo ihre blutigen Füße in rote Schuhe gesteckt und sie um eine Holzfigur des Heiligen herumgeführt wurden, den selbst die Löwen sich geweigert hatten, ein Leid anzutun. In den folgenden Wochen, so berichten die Chroniken, hörten die meisten von ihnen mit ihren wilden Bewegungen auf. Die Epidemie hatte ein Ende gefunden und auch im Kloster kehrte Ruhe ein, nachdem man Kohorten ganzer Mäuseleiber dort verscharrte, wo sie andere wieder ausgraben mochten. Das Wort „Miau“ durfte man fortan weder lesen noch aussprechen.
Kurta war die eine, die sich nicht ergeben wollte. Sie bestieg auch weiterhin die Bäume im Garten und kaute auf Dingen herum, die man zum Aufrechterhalten der geistigen Gesundheit nicht weiterempfehlen würde. Auch ihre Beine verabredeten sich ohne ihr zutun und sprangen und hopsten wie man es in den letzten Wochen auf dem Pferdemarkt bestaunen konnte. Für sie ließ man sich die später durch Isaak Newton bekannt gewordene Katzenklappe einfallen, ein Törchen im Tor eines der zahlreichen Hintereingänge, das wohl eher ein Loch im Boden war, um sich ghulisch unten durch zu quetschen. Kurta war auch die einzige Nonne, die nach einigen Wochen einen ganzen Wurf in die Klosterapotheke legte. Tanzende Kätzchen, die auf und nieder hüpften, den Rücken gebogen, um gleich wieder federnd abheben zu können. Die Angewohnheit, sich in die Milch zu legen, wurde Kurta Zeit ihres Lebens nicht mehr los.