Szenische Essays

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    Esset nicht davon

    Teil 1

    Teil 2

    Vom christlichen Satan über den islamischen Iblis bis hin zum zoroastrischen Angra Mainyu taucht die Idee eines singulären Wesens, das das Böse repräsentiert, als kulturelle Allgegenwart immer wieder in den Annalen der Menschheit auf. Eine gegnerische Kraft, die sich im Kontext bestimmter Traditionen und Gesellschaften auf einzigartige Weise als Archetyp manifestiert. Der hinduistische Ravana etwa, jener zehnköpfige Dämonenkönig, der die Göttin Sita entführte – auch er trägt die Züge des ewigen Widersachers, der Ordnung in Chaos verkehrt. Zehn Köpfe und darin zehn Münder mit zehn verschiedene Versprechen, die alle auf dasselbe hinauslaufen: die Grenze überschreiten, die nicht überschritten werden darf.

    Julius Nisle
    Zeichnung von Julius Nisle

    Der Pakt mit dem Teufel ist die formalisierte Variante dieser Überschreitung. Wenn man so will, ist er die Vertragsform der Sünde, ihre juristische Kodifizierung. Was im Garten Eden noch eine spontane Geste war – der Griff nach der Frucht –, wird hier zum Rechtsakt, komplett mit Gegenleistung, Bedingungen und Unterschrift. Die Geschichte kennt viele solcher Pakte, dokumentiert und undokumentiert, und zwei davon tauchen jetzt vor mir auf und liegen dokumentiert auf meinem Pult. Jenen des Benediktinermönchs Herman im Jahr 1229 einging und jenen, den Elizabeth Knapp im Jahr 1671 verweigerte.

    Wir wissen so viel über Elizabeth Knapp, die in Groton, Massachusetts, lebte, weil die Schrift sie bewahrt hat – Reverend Samuel Willards akribische Aufzeichnungen machten sie unsterblich. Doch die Schrift, die sie für uns rettete, stand ihr selbst nicht zur Verfügung. Sie wusste nichts von jenem monumentalen Artefakt, das ihre Erfahrung hätte kontextualisieren können: dem Codex Gigas. Dieses kolossale Manuskript von 75 Kilogramm, angeblich in nur einer Nacht auf 160 Tierhäuten niedergeschrieben, existierte zu Elizabeths Zeit bereits seit über vierhundert Jahren. Es lag in einer Bibliothek, zugänglich nur für Gelehrte, für Mönche, für jene privilegierte Klasse von Menschen, die lesen konnten und durften. Welche Magd in Neuengland hätte je davon erfahren? Die Gelehrsamkeit war damals, wie heute, ein Privileg, und Elizabeth besaß davon so wenig wie von allem anderen. Sie konnte nicht wissen, dass Jahrhunderte vor ihr ein Mönch einen Pakt mit demselben Widersacher geschlossen hatte, unter anderen Umständen, mit anderen Bedingungen, doch mit derselben fundamentalen Struktur: die Seele als Währung, das Unmögliche als Preis. Sie musste glauben, sie sei die Erste, die Einzige, schließlich die Verdammte.

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