Verschütt in schwarzen Wäldern

Ich hatte damals nur die Müdigkeit,
keine andere Substanz. Und die Musik.
Kein anderes Geräusch. Und ein Brot aus fernen Tagen,
die Jacke meiner Großmama
über der Lehne nah am Fleischbrett
und die Anrichte voller Pulver und Vitamine,
eine Schaukel am Baum vor dem Fenster,
ein Bad mit altem Schaum, ein Rasierwägelchen.
Also begann ich, auf Papier zu schreiben,
als handle das Leben von Liedern,
die man nur beim Tanze hört.

Ich arbeite im dunklen Milieu der Vampire, deren
abgepacktes Blutpulver und Hexenkosmetik zu stapeln und
in Bücher einzutragen war.
Die Illusion ging definitiv von diesen großen weißen Säcken aus.
Ein Wohlgeruch entfernte sich ungesehen, wurde
dann mit einer Peitschenlegende zusammengetan und
die Ruhe war wieder mein.
Ich erzürnte den Hort mit dem Diebstahl eines Herzens.
Der Ausklang der Nacht erfüllte sich durch das Erlöschen
der Kerzen. Drei Türme stachen in die höchsten Punkte
hinein, angetrieben vom Getöse zähnefletschender Motoren,
ein Knebel links, ein Knebel rechts. Schleifen bildeten sich
an den Fensterscheiben, die mit Kalk verunstaltet
anderweltliche Blumen nachformten.
In wenigen Jahren werden wir vergangen sein,
ich arbeite dann nicht mehr im dunklen Milieu der
Vampire, weil ihre schwarzen Wälder verschütt
gegangen sein werden. Die Ewigkeit hat vorgesorgt; sie
will kein blasses Antlitz in die Nacht entschwinden sehen.

Die Idee des Geschmacks

Nachts um drei sind alle Katzen grau, aber auch alle Grauen sind grau und man selbst. Es ist die Phase des Grauens im allerwörtlichsten Sinn. Die vibrierende Haut ist dann ganz dünn, Erlebnis des Überlebens, wenn dir gesagt werden muss, aus welcher Quelle sich dein Wasser speist. Drüben der Geschmack, hier die Idee des Geschmacks.

Die Welt des Domino

Ich spreche lieber von Meilen als von Kilometern, weil Entfernung nun einmal kein Rechteck ist, aber eine Gerade. Das ist natürlich die sinnloseste Erklärung, die je ein Mensch von sich gegeben hat. Bleiben wir dabei, gehen wir weiter: Die lässlichste Geschwindigkeit beträgt das Doppelte dessen, was am schnellsten Menschen im Sprint gemessen wurde, also 32,9 km/h. Was dabei herauskommt sind sagenhafte 65,8 km/h. Geht man darüber, löst sich etwas auf, das keine Reise wieder gutmachen kann.

Phantasma

Um drei Uhr bricht die Hölle los, aber sie ist, anders als das Klischee geht, leise. Ich erwache eine Minute später, aber ich bemerke binnen Sekunden eine Kälte, die sich nicht mit der Haut aufhält. Besteigt man um diese Stunde eine Kutsche, wird sich die bekannte Zeit im Kreise drehen, auch wenn man sein Ziel sicher erreicht. Man könnte früher angelangen, als man losgefahren war. Oder man kam Tage, Wochen oder sogar Jahre zu spät zu einer Verabredung, die ebenfalls nur in der Erinnerung existiert. An was erinnere ich mich, wenn ich so salopp fragen darf? Einen Traum? Eine Einbildung? Oh – das letzte Wort verlangt Abhandlungen, Tumulte, Apologien und derlei mehr Fachbegriffe. Aber nicht so plump wie es da steht.
Ich zum Beispiel phantasmiere. Ich bilde mir nichts ein. Lacan spricht von einer Abwehr, die dem Phantasma zugrunde liegt. Geister und Gespenster, die Schrullen der Nacht als Konsequenz einer Bedrängnis durch das Leben selbst.

Stell dir vor, der Postbote will etwas von dir. Er will dir einen Brief aushändigen, aber deine Hand geht nicht zum Brief, während die des Boten bereit ist, das Papier in der ausgestreckten Hand sofort fallen zu lassen, aber er will die Erde nicht beschmutzen, und keine Hand ist da. Wahrscheinlich wird er etwas sagen wie „Nun nehmen Sie schon, es ist Ihre Post!“ Und du denkst dir, dass du ja gar keine Post hast, dass dir ein Zettel, an dich gerichtet, nicht als Besitz angedichtet werden kann. IHRE POST. Ach leck mich doch am Arsch, was soll das heißen?

Wenn der Höllenhund die Hölle beißt

Niemand erinnert sich:
Es waren mächtige Wogen, aber sie waren leer in ihrer Gestalt. Sie hofften auf einen Morgen der niemals kam, wie man gesagt hat, denn wie so oft legt man sich hin, stirbt, erhebt sich erneut, läuft wie ein versengtes Tier (mit ähnlich vielen geheimnisvollen Taschen, die unsichtbar vom Leibchen baumeln) durch Prärien und Tundren und überall dasselbe: Flucht ist des Menschen bester Instinkt im Angesicht seiner selbst. Du wirst eines Tages dem Bösartigsten gewidmet sein, dem nackten Fleiß mit Keule, Laus und Hammer. Dein Haar wird sich jeder Spannkraft erwehren, dein Haus dich nicht willkommen heißen.

Niemand erinnert sich:
Manch Automobil überrollt den Leib leichtfertiger als andere, als zöge es das Metal immer zum Fleisch, als trenne sie nicht Welten. Der späte Mensch wird sich seiner Erinnern als plumper Happen außerirdischer Gäste, als Mantel freilich auch. Schon lange vor der Brut rissen wir uns in Stücke und kosteten das seichte Blut auf Fußböden aus Sand. Doch mit den Maschinen wurden wir stiller, wir sahen nicht mehr aus, als würden wir Pilze suchen. Wir marterten jeden Tag redlich und zementierten unliebsame Gedanken auch mal ein, nur um einen halbseidenen Gedanken daran zu verschwenden, dass wir unser ganzes Gepäck verloren hatten.

Niemand erinnert sich:
Der Boden war gesalbt mit unterschiedlichstem Unrat unbekannter Herkunft. Eine Sitzgelegenheit gab es nicht. Durch ein hohes, gelb verblendetes Fenster drang ein Lichtstrahl voller Elfenstaub, in den sich der ordinäre Staub verwandelt hatte. Die Gestalten auf der anderen Seite waren kaum zu sehen in ihren Kloken, deren Kapuzen tief in die ohnehin schon finstere Stirn gezogen waren. Die Besichtigung beginnt in einer halben Stunde.

Edber Shakin und … der Rharbarbermops des Frühlings

Wenn Edber Shakin eins konnte, dann war es warten. Bis die Straße leer ist und die Lichter anspringen. Bis die edlen Damen der Stadt schmuckbeladen im Handstreich von ihren Galanen durch die Tanzlokale gezerrt werden. Bis jemand wieder rauskommt. Oder nie mehr rauskommt, weshalb Shakin aber dann trotzdem weiter wartete, um zu sehen, wer den Rhabarbermops des Frühlings abholen kam. Der Name des Prinzen. Durchlaucht Rhabarbermops. Der erste, soweit ich weiß.

Überspringt man die ganzen lästigen Einzelheiten, dann lässt sich justamente in diesem Augenblick feststellen, dass Edber sich überhaupt noch nicht groß bewegt hatte. Offenbar nutze sein Gehirn auch die letzten Tropfen seiner Blase, um Wahrscheinlichkeiten zu berechnen. Er hätte garnichteinmal sagen können, wie lange er schon saß und auf den Eingang starrte.

Natürlich trug er einen Hut; das tun alle Detektive

Aussterbende Detektive bedeuten immer auch den Untergang der Hutindustrie der jeweiligen Region.

Der Detektiv benötigt seinen Hut aus drei äußerst spezifischen Gründen:

  1. damit es ihm nicht ins Gesicht regnet
  2. Haarbüschelausfall tut sich schwer, ihn mit Argumenten zu verteidigen
  3. damit sich manchmal Vögel auf ihn setzen

Abgesehen davon macht ein Hut unsichtbar und im besten Fall – also, wenn es ein wirklich guter Hut ist – unverwundbar. (‚Unverwunderlich‘ wäre eigentlich das Wort gewesen, das er suchte:  „Ich verwunder‘ mich, wie wunderlich!“ – das alles schnell gesprochen und so oft, bis es keinen Sinn mehr ergibt.

Der Rharbarbermops des Frühlings war tot, und natürlich versammelte sich der ganze Versailler Hof hier vor dieser Einfamilienhütte in der Schlitterschiergasse 63a (wobei die Sektoren b/c/d und e direkt angebaut waren). Nicht überall wurden schon genügend Breithäuser gebaut. Sie zu beobachten war schwer. Alles sah gleich aus, also sahen alle Bewohner ebenfalls gleich aus. Shakin fragte sich, ob er das früher schon einmal bemerkt haben könnte. Die Sonnenfinsternis für einen kleinen nichtssagenden Ort, in dem zufällig der Prinz ermordet wurde. Shakin hatte es gesehen, indem er es nicht gesehen hatte. Er war dabei, obwohl er eigentlich nur in der Nähe weilte, stoisch wie ein … Stoiker.

Shakin sah das prall angefüllte und in Seide gehüllte Pusteblumensofakissen auf des Prinzen Gesicht sich stürzen, und ganz ohne Zähne, Rachen, Schlund den Sack zumachen. Törichte Wolken schoben sich zwischen Edber Shakins Phantombilder und der schlichten Kammer, in der ein Prinz von einem Blumenkissen gemeuchelt verschied.

Das hatte er hervorragend zusammengepasst. Er hatte den Fall gelöst und würde niemandem etwas davon erzählen.

Modellbau

»Das sieht alles so roh und verletzlich aus …«
»Nunja, es ist ja auch frisch geschlachtet.« Ogreiner grinst sein fleischiges Mundwerk zur Kundin hin. Im Hintergrund die Poster mit den Hellebarden, eins mit dem Porträt des alten Perdix, Sägemotoren zu seinen Füßen. Im Öl schwimmen Rinderhüften, Haut, Horn. Auf einem großen abgeschabten Holztisch Schlachtschussapparate, eine Wanne voll Blut, auf der einige blau perlende Blasen wippen, zumindest sieht das so aus. Die Knochen … »wenn Sie die nicht zerhacken, können wir sie wieder zusammenbasteln. Die Kinder hätten ihre Freude daran, wollten schon immer ein Skelett. Klar, die Kuh ist ziemlich groß (oh ja), die paßt nicht in ein Kinderzimmer … Wissen Sie, wir haben ja beide Bankert in nur einem Zimmer unterbringen können (verstehe), andererseits wäre es doch mal was anderes …«
»Ich kann Ihnen aber auch ein Kalb von den Knochen schälen, wenn Sie das …«
Sie schürzt die Lippen, ihr Atem will raus. »Ich hätte da aber eine Bitte. Wenn es Ihnen nichts ausmacht.«

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Die Strümpfe bei Hofe

Nick ertappte sich selbst dabei, wie er im Regen saß, und das Schauspiel der fallenden Tropfen beobachtete. Nichts hätte ihn heute Abend zurück in seine Kammer gebracht, denn er wollte nicht etwas hören, was nicht gleichzeitig zu beobachten war.

Wärst du unsichtbar, mein lieber Regen, ja, auch dann müsste ich mir eine Gestalt für dich ausdenken. Vermutlich würde ich Fingerknöchel nehmen, ich wüsste ja nicht, dass du Wasser bist.

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Der Pfeifer an den Toren

Langform

Gleich pfeift er die Winde los, das hat er versprochen. Vorher will er jedoch den Kompost nach draußen bringen. Die Hitze hier am Ende der Welt macht aus einem beim Essen übriggebliebenen Blumenkohl einen entsetzlich stinkenden Nachtisch, um den die Fliegen kreisen, in dem sie auch geboren werden. Schlecht ist es um mich bestellt, sagt sich Rupert, schnappt das schlanke Körbchen mit dem organischen Zerfall und verläßt für einen der wenigen Momente die Höhle der Guanchen. Das ist auch schon genug der Flucherei : »Schlimm ist es um mich bestellt!« – nachdem ihm Graf von Spiegelberg im Traum erschienen ist. Da lag er wie angewurzelt in seinem Bett, die Augen – das wettet er heute noch – aufgerissen wie unter dem Einfluß von Atropin – um ihm zu sagen, daß er selbst zwar 1557 in der Schlacht bei Saint-Quentin gefallen sei, aber das mitnichten bedeute, daß damit derer von Spiegelberg der Erdscheibe abhold geworden seien. »Eingemündet sind wir in derer von der Lippe, die unser Hab und Gut und die Stühle und das Silber und das alles wiederum nach derer von Nassau verschacherten. Oder was glaubst du, warum unser Hirsch in deren Wappen gepfercht ist, häh?«

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