Bogel

Ronnie Teint war davon überzeugt, dass manche Vögel in Wirklichkeit Bögel seien. Um das zu beweisen, fing er einen ein, schnitt ihn auf und wurde bestätigt: ein Bogel glich einem Vogel bis auf das letzte Organ. Der einzige Unterschied war der Name.

Cocktail

»Es tut mir leid, es Ihnen auf diesem Wege mitteilen zu müssen …« sagte der Butler, und stand da, wie ein Stock eben dasteht »aber Ihre Frau lässt ausrichten, ich solle Ihnen eine in die Fresse hauen und sie ließe sich scheiden. Da ich zu ersterem nicht erzogen bin, muss ich leider Fehl gehen, und kann Ihnen nur die zweite Botschaft sachgetreu übermitteln.«
Da standen sie, gaben an, und tranken Cocktails, die sie noch nie in ihrem Leben getrunken hatten. Eine Gesellschaft voller Pärchen, die sich scheiden ließen. Wenn man es treiben wollte, ging man nach oben; dort war alles mit blödem Plüsch ausgarniert, aber die Betten quietschten nicht. Handschellen gab es für zwanzig Mäuse zum ausleihen.
»Danke, Bernie. Das ist nett!« Ich schob ihm einen Geldschein in die hohle Hand. »Das haben Sie gut gemacht!«
Ohne das Geschehen mit den eigenen Augen zu begleiten, verschwand der Schein in einer der unzähligen Taschen, die alle beschriftet waren. Ich konnte nicht lesen, was darauf stand, und hätte mich vorbeugen müssen, um es dennoch zu tun.
»Sir! Außerdem wartet jemand auf Sie, ebenfalls eine Miss. Diese aber will nun, dass ich Sie zu ihr führe. Sie lässt ausrichten, sie sei nackt, und darüber hinaus überglücklich, dass Sie das mit Ihrer Scheidung nun endlich regeln wollen. Sie sagt, Sie sollen sich beeilen, sie friere entsetzlich.«
»Danke, Bernie. Das ist nett!« Ich schob ihm den nächsten Geldschein in die hohle Hand. Das mechanische Getriebe begann erneut leise zu schnurren, und das Geld verschwand, jedoch in einer anderen Tasche.
»Was steht da eigentlich auf Ihren Taschen?« Ich hatte lange genug gewartet, und wollte mich noch immer nicht vorbeugen.

Eine alte Dame geht aus

Manchmal stellte sie das Radio an. Es kam ihr dann so vor, als wäre jemand bei ihr im Raum und spräche sie an. Antworten müsste sie ja nicht, aber sie tat es trotzdem. Oft sagte sie: »Ihnen auch!« Oder: »Das haben Sie wieder einmal fein ausgedrückt!« Sie ging in der ganzen Wohnung umher und betrachtete die Wände, die Figuren auf manchen Regalen, die Teller in der Vitrine. Manchmal gab es im Radio ein Lied, das sie kannte. Das akustische Fenster, das sie davon überzeugte, dass es eine Welt außerhalb ihrer Küche gab. Lange war sie nicht mehr raus gekommen, woher sollte sie also wissen, ob die Straße vor ihrer Haustür überhaupt noch existierte? Vielleicht war da schon längst eine Autobahn entstanden. Sie hätte televisionieren können, damit kannte sie sich allerdings nicht besonders gut aus; sie wusste nicht, wie man zuschaut, und deshalb gab es für sie nie ein Bild, dem sie hätte folgen können.

Das Radio war die Lebendigkeit in Person, darin war die ganze Welt vertreten, sogar das ›Weiße Rauschen‹, das sie sich manchmal ebenfalls einstellte. Und heute – heute wollte sie wieder einmal ausgehen. Dafür hatte sie ihr einziges bestes Kleid im Bügelofen bügeln lassen. Manchmal aber wollte sie Stille. Es kam ihr dann so vor, als sei sie die letzte Überlebende eines großen Irrtums. Dann sagte sie in die Stille hinein: »Ich habe es schließlich gewusst!« Oder: »Es ist schon merkwürdig!« In der Stille hörte sie den Boden an manchen Stellen knarzen. Ab und zu, wenn ihr danach war, küsste sie eine der Wände, anstatt sie nur anzusehen, die Figuren in manchen Regalen. Jetzt aber nahm sie ihr Kleid, zog es an – und auch ihre einzigen besten Schuhe vergaß sie nicht, bevor sie sich ins Bett legte. Im Radio lief ein altes Lied.

Modellbau

»Das sieht alles so roh und verletzlich aus …«
»Nunja, es ist ja auch frisch geschlachtet.« Ogreiner grinst sein fleischiges Mundwerk zur Kundin hin. Im Hintergrund die Poster mit den Hellebarden, eins mit dem Porträt des alten Perdix, Sägemotoren zu seinen Füßen. Im Öl schwimmen Rinderhüften, Haut, Horn. Auf einem großen abgeschabten Holztisch Schlachtschussapparate, eine Wanne voll Blut, auf der einige blau perlende Blasen wippen, zumindest sieht das so aus. Die Knochen … »wenn Sie die nicht zerhacken, können wir sie wieder zusammenbasteln. Die Kinder hätten ihre Freude daran, wollten schon immer ein Skelett. Klar, die Kuh ist ziemlich groß (oh ja), die paßt nicht in ein Kinderzimmer … Wissen Sie, wir haben ja beide Bankert in nur einem Zimmer unterbringen können (verstehe), andererseits wäre es doch mal was anderes …«
»Ich kann Ihnen aber auch ein Kalb von den Knochen schälen, wenn Sie das …«
Sie schürzt die Lippen, ihr Atem will raus. »Ich hätte da aber eine Bitte. Wenn es Ihnen nichts ausmacht.«

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Die Strümpfe bei Hofe

Nick ertappte sich selbst dabei, wie er im Regen saß, und das Schauspiel der fallenden Tropfen beobachtete. Nichts hätte ihn heute Abend zurück in seine Kammer gebracht, denn er wollte nicht etwas hören, was nicht gleichzeitig zu beobachten war.

Wärst du unsichtbar, mein lieber Regen, ja, auch dann müsste ich mir eine Gestalt für dich ausdenken. Vermutlich würde ich Fingerknöchel nehmen, ich wüsste ja nicht, dass du Wasser bist.

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Schwerkraft zum halben Preis

Nebenan, beinahe in der Hinterstube, so aber doch noch im Wintergarten, verkaufte Frau Emsrente Schwerkraft zum halben Preis. Es ist da in den letzten Jahren gehörig etwas ins Wanken geraten, und da man zu keinem Zeitpunkt wusste, was Schwerkraft überhaupt ist, wusste freilich auch niemand, wie man ihr Fehlen kompensieren sollte. Aber Frau Emsrente hatte einen Schwerkraftmixer, eigentlich ein zylindrisches Haushaltsgerät, das von außenliegenden Solarringen umschlossen wurde, und auf dessen Innenseite eine mit Sauerstoff gefüllte Biosphäre angelegt war.
Man kaufte Frau Emsrentes Schwerkraft, wenn man etwas im Umland Spazierengehen wollte.

Der Troubadour, die Kaltmamsel, und die Dame

Der Troubadour kniet nieder, greift ihre Hand mit wonnevollem Blick, der dem Ausdruck höchster Pein in nichts nachsteht, so als wäre er mit dem offenen Schneid des Tuzakmessers geeint.
„Meine Dame“, knistert es aus seinem Hals. „Meine Dame – ich bin Ihr ergebener Diener, völlig fertig bin ich, aber Ihr Diener!“
„Hast Du das gehört, Mamsell“, sagt das engelsgleiche Geschöpf. „Er sagt, er sei mein Diener!“
„Das sagt der doch nur so, das meint der doch nicht.“
„Aber ich meine es! Im Staub mein Knie, so schaut!“ ruft der Versemacher und plärrt, die freie Hand auf die Brust gelegt und einen Kropf blasend, los:

Nichts schimmert mehr, wenn es Dein
Antlitz ergafft, das so hell
wie die Sonne es neidet!
Nichts glimmt in den Feuern der
Kesselkanonen, die Gulasch
den Marschallen brühen…

„Jetzt seien Sie aber start! das Mädel erschrickt ja, wenn Sie so einen Käse herumbrüllen – und rot wird sie nicht, weil Sie ihr schmeicheln, sondern weil jeder zuschaut, wie sie da mit Ihrem Flickenteppich an ihre Hand wie einen abgeschlagenen Hühnerkopf halten! Haben Sie keine Heimstatt?“
„Meine Heimstatt ist das Herz der Dame und nur für sie will ich verdampfen im Nebel, der aufsteigt und die Lust mit sich hinan nimmt in den Himmel, der…“
„Jetzt geh, sag doch Du auch mal was!“ unterbricht die Kaltmamsell das mit allerhand Spuckwerk einhergehende Liebesgeschnurre.
„Was soll ich denn sagen. Er liebt mich halt.“

Untersuchung der Werwölfe

Ich bin schon wieder ein Wolf, und ich muß mich dafür entschuldigen. Jetzt kommen sie, ich muss verschwinden! Geben Sie auf sich acht, auch wenn (mich der Jäger holt mit dem Schießgewehr) ich nicht mehr bin. Die Gefahr lauert überall, selbst bei Ihrem Barbier, der Ihnen die Zöpfe wringt.

Seit Lykaon die Götter solange frevelte, bis Zeus höchstselbst bei ihm einen halben Krug Wein nahm, ist doch alles nur noch Wolf. Darauf läuft es schließlich hinaus. Dem Zeus war zu schelten angeraten vom Rest der olympischen Maculmacher – und schelten wollte er – nach dem halben Krug Wein. Will sich ja nicht den Schank verderben, bloß weil einer Sauereien plärrt, die Göttinnen vernuttet, die Götter verschwult.

Lykaon war wohl Atheist, riss zeuselnde Witze, ganz unbeeindruckt von göttlichem Feuerwerk und transzendaler Geruchlosigkeit. Einer der Witze verstand sich auf die Pointe, Zeus hinmetzeln zu lassen, ihn zu richten für die Taktlosigkeit, sich eben für Zeus zu halten.

»Und so eine Hinrichtung überlebt der nimmer!« nuschelt der Hof, und rührt in den Pötten, um das Geschmalz so schmalzig zu bekommen, dass es nachher auf den Braten aufgetragen werden kann. Kräuter und Schmalz, dann Salz, dann Pfeffereien, stoßen, stoßen … mit dem Stößel stoßen und rühren, den Topp packen, dreimal auf den Tisch wumpen und nebenher nuscheln: »Das überlebt der nimmer, wenn der König dem Zeusvagabunden den Kopf abspricht!«

Sollte Zeus überleben, wäre wohl der Beweis erbracht, dass die Blitze wirklich ihm gehören, und dass er auch ein recht prachtvoller Ficker sei. Zeus, der olympische Herrenzimmerbesitzer. Doch tafeln wollen wir, wir wollen ja immer nur tafeln, ob König, ob Gott, ob Wolf.

Die Gaudriole jedoch war, dass Lykaon seinen siebenjährigen Sohn schlachtete, um diesen als Henkersmahlzeit, bestrichen mit der feinen Paste, zu servieren. Es vergingen an die zwei Stunden am Spieß, innen rein kamen Äpfel und Nüsse (auch ein Wenigelchen von der Paste). Nun mundet Menschenfleisch freilich nur, wenn es noch keine geschlechtsspezifischen Merkmale in sich veredelt hat. Wäre der Sohn 14 gewesen, würde man sprachlos bleiben, oder sagen müssen, das Mahl wäre ja nur symbolisch, das würde ja doch niemand essen im Angesicht des Ernstes der Lage. Und doch: Das Bürschchen war 7 und triefte nur so vor Saft und Schmackes. Zeus nun mochte viel über sich ergehen lassen, wenn es sich um seine Mitgöttinen handelte, die ihn da schnörkelpiepen wollten. Er konsumierte auch viele von ihnen (wobei sein hauptsächliches Interesse den Reben dieses Fremdlings aus Kleinasien galt), aber hier spielte er nicht mehr mit. Lykaon mochte ein Frevler sein wie er wollte, er mochte brandschatzen und foltern und spießen und hinraffen lassen, wie es ihm beliebte, aber eine derart ungöttliche Gräueltat wollte er nicht dulden. So verwandelte Zeus Lykaon in einen Wolf, der sich stets zur Vollmondnacht seinem Bluttrieb – dann, wenn das Blut rieb – hingeben musste.