Wir bezahlen den Wein natürlich

Der Empfang, dem man dem Triumphator bereitet, währt kurz, Io Triumphe, Thriambos, gesiegt hast du, Bacchus! Wolf zwitschert auf einem Grashalm ›Mull of Kintyre‹, die anderen sehen lieber zu, dass sie weg kommen: da brandet bereits der Ärger mit einer Schürze bekleidet heran, naht in Form einer Donnerwolke. Bloß zurück, zurück zu den Strohbundhäusern!

Adam verteilt die Flaschen, der schwarze Asphalt gibt ihren derben Tritten Geschwindigkeit.

»Wir bezahlen den Wein natürlich!«

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Vom Horizont walzt immer noch Licht

Der Mückenschwarm im Spätherbst singt sein Lied, eine Liebelei, ein Necken in den Lüften, in den Gräsern ein Berühren der Beine. Vom Horizont walzt immer noch Licht. Das Männchen hält das berührende Bein des Weibchens fest und beleckt den Kopf des Weibchens, rutscht nach hinten und beginnt mit der Kopulation, Summton und Duftstoff. Der Badeweiher quakt über seinen Fröschen. Zwei tote Schwimmer liegen nicht mehr im Gras. Vom Horizont walzt immer noch Licht. Wiesenschaumkraut zerdrückt, die Fischer schweigen in den Brodem des Räucherofens hinein, in dem ein weiterer Aal golden zwischen Backsteinen glänzt, aufgebaut im breiten Schilfgürtel, der den Weiher vom angrenzenden nassen Erlen- und Birkenbruchwald, sowie einem Gebüsch aus Weiden und Faulbäumen trennt.

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Der Weg nach Raha: 5 Die ganze Stadt verschwindet

Raha war ein verschwommener Zug, der am Horizont vorbeihastete, hinter diesem dicken Nebel verschwand, der sich wie Milch im Kaffee der Nacht ausbreitete. Raha war die perfekte Mischung aus Utopie und Historie, ein Gleichnis für die Archäologen und die Menschheit insgesamt, viel näher als ein anderes Paradies, viel wirklicher als eine erfundene Hölle, alle anderen großen Städte danach waren lediglich eine Kopie des Unfaßbaren. Diese Stadt war uralt; sie war so alt, dass nicht einmal die Patriarchen ihre Uranfänge kannten. Hier begann der Mensch zum ersten Mal Steine aufeinander zu schichten, sich von der Erde zu empören.

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Der Weg nach Raha: 3 Ränkespiel der Isobaren

Das leichte Gewand eines quälenden Schattens umzürnt meine Haut, als ich das Wasser verlasse, um halbiert im Zwielicht zu schaukeln, die Grenzfälle beim Rauschen störe, den Fluss am fortschnellen hindere. Ungeahnt die Nähe nichtanwesender Personen, unverstanden vom Tageslicht, geblendet vom Reflex bonbonfarbener Quellgeister; Symbole, konturlose Skulpturen, einer Firnis der Berührungslosigkeit entlaufen.

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Der Weg nach Raha: 2 Raha konnte überall sein

Die Erregung ließ so schnell nach wie sie gekommen war, und ich probierte mich vorsichtig, in Erwartung eines neuerlichen Lustschubs, noch einmal an der Tür. Diesmal schnappte sie auf und schwebte wie von selbst nach innen, kaum dass ich die Drehung im Schlüsselloch vollendet hatte. Ich blieb eine Weile stehen und blickte hinein. Natürlich war das Zimmer nicht auf dem neuesten Stand, das hatte ich auch kaum erwartet, aber es war längst nicht so schäbig, wie ich es mir vorgestellt hatte, es roch nach uraltem Holz an nassen Stein. Als ich hineingegangen war und die schwere Tagesdecke weggezogen hatte, kam ein gestärktes, aber gilbes Bettzeug zum Vorschein, etwas feucht verströmte es denselben modrigen Geruch, der den Raum dominierte. Weil er darauf zu warten schien, hier herauszukommen, öffnete ich das beinahe blinde Fenster über dem Bett, dessen Scheibe mit Schlieren und Einschlüssen in Bleistegen gefasst war.

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Der Weg nach Raha: 1 Madame Blandot

Madame Blandot richtete ihr Gesicht, als ich die schmierige Glastüre aufstieß, durch die noch nie ein heller Strahl gedrungen war; fummelte die widerspenstigen Ausreißer zurück ins Haarnestest, stand seit 100 Jahren da, harrend auf den Münzentwerter, den Freier ihrer Leiblichkeit, den Kunden des Etablissements (oder Käufer eingefallener Häuslichkeit).

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Die Geröllhalden von Herculaneum

Ich greife vor und sehe bereits die ganze Erzählmaschine anrumpeln und abraspeln, was dann in diesen ledernen Teig fällt. Ich sehe dich gehen, ich sehe dich gegangen, ich weiß nicht wann, noch weiß ich wo. So suche ich, ohne mich augenscheinlich zu bewegen, vor (der) mir, hinter mir – gilt nicht – ich komme! Die vertrunkene Löblichkeit des Scheiterns, fern von Sternen angereist, namenlos. Forscher Hemdentausch. Gartentanz Regenbalz. Kümmergrund im Regen, abfallwärts auf Stelzen gehen, Born-Ritter wachen nahe der geliebten Stadt, und brennende Vehikel rudern abwärts zu den Lagern. Die Geröllhalden von Herculaneum, Lava und Bimsstein in antiker Trockenheit, die Gefangenen erbauen hohe Gerüste mit ihrer Brust, ihren Schenkeln, den Armen. Mit den Fingern im Blut fremder Namen klingen die Jahrtausende an. Wer den Staub rieseln sieht, bekennt seine Torheit, spricht in Lumpen vor, erhofft das Getränk so weiter fremder Welten, die still im Nichts sich regen.

Wie ein unbewusster Nebel werde ich auftauchen, die Stimmen gleich hinter mir, nahe bei den Gestaden, die ich bewandle. Finde mich dort, Wanderer, auf der Suche nach den Stimmen, die dir sagen, was ich dir sage. Die Stimmen gleich hinter mir, von Eros und Thanatos, den Mysterien der Wirklichkeit. Der Nebel voller Licht, darin die Gewalt eines rein fließenden Chaos, Auftrieb, Abtrieb. Geschmeidiges Sein durchwebt die Stille. Ich sage : »Still jetzt!« Da du das Gespenst bist, das sich im Walde verirrt, da du der Bach bist, der neben mir geht. Ich fand die frisch erworbene Demut an meiner linken Seite herabtropfen, blutendes Weideland. Ich fand dich stehend; da du wie das Holz gekleidet warst, folgte ich dir. An den blitzenden Augen vorbei kam ich hinter dir her, verlor deinen Rücken. Auf den Fersen gehend sprengte Zeit aus dem weichen Boden, als wäre es noch dunkler geworden da im Nest. Das schwarze Licht verblasst zu hellem Grau, dunklem Weiß, vernebeltem Gelb, das aus der Erde sticht.

Pferdeköpfe aus Raha dachten Geister in die Wüste. Das Wallen der Mähne gestaltete sich ganz so, als könnte sie berührt werden. Freilauf der inneren Bilder. Im Schlaf erkannte er den Schatten der Besiegten, wie er um einen Kenotaphen hing, die Gebeine der Gefallenen ruhten nicht hier. Sie alle wurden dreimal beim Namen genannt und eingeladen, ihren Geist hier einziehen zu lassen. Er blickte auf den Sündenbock, der zugleich von diesem Heer der vielen Völker als Lichtgestalt gepriesen wurde, den Löwen der Völker, der jetzt verstummt. Er war das Krokodil in den Seen, hatte die Flüsse auf gepeitscht, das Wasser mit seinen Füßen verschmutzt, die Fluten aufgewühlt. Sein Fleisch wurde auf den Bergen ausgelegt und die Täler mit seinem Aas gefüllt, das Land ertrank unter der Flut seines Blutes und Finsternis legte sich darüber. Das Schwert von Babel war über den Fürsten von Rosch, Meschech und Tubal gekommen. Zyklopenhafte Wände und Mauerzüge im modellierenden Licht unsichtbarer Scheinwerfer überschwemmten das Bild der öden Wüste, deren Sand ockerfarben vom Blut in der plötzlichen Dunkelheit erkaltete. Eine seltsam bannende Kraft lag in diesen Mauerresten. Erdmasse aus Mergel. Treppenstufen ungeduldiger Habgier. Nymphen, Faune und Mänaden, ein Satyr auf einem Esel reitend, pralle Hüftstücke unbekleideter Damen in tolldreisten Spiegeln. Vollsaftige selige Ekstase folgte dem Tod, Perlhühner und Wägelchen mit Weintrauben gespannt. Enten, Pfaue, Feigenbäume. Säulen, Kapitelle, Gesimse, Grabdenkmäler, Reliefs und Skulpturen verschwimmen mit traumhaften Symbolen. Und immer wieder Pferdeköpfe, hetzend durch ein Nebelband, Schaum auf ihrem Geschirr, die Trense gespannt, die Augen konzentriert und starr. Diesmal änderte sich der Rhythmus ihrer Bewegung, die Pferde waren Isländer und ihre schnelle Gangart war der Tölt. Vor ihnen gab es nichts als eine große, gähnende Schlucht, Ginnungagap. Hier in dieser gewaltigen Leere, mitten zwischen Licht und Dunkel, sollte alles Leben seinen Anfang nehmen in der Begegnung zwischen Eis und Feuer. Langsam begann der Schnee zu schmelzen, geformt von der Kälte, aber von der Hitze zum Leben erweckt entstand ein seltsames Wesen, der Größte aller jemals existierenden Riesen mit dem Namen Ymir.