Der Weg nach Raha: 4 Adam bin ich, einz’ger Mensch

Ich habe mich wirklich an all das erinnert, und während ich hier stehe, springt mir ein Teufel ins Genick. Er meint es gut – Teufel meinen es gut, sie wollen ja alle nur, dass wir begreifen. Adam bin ich – einz’ger Mensch.

Wie ging es los? Das Wasser konnte man nicht mehr Wasser nennen, Wasser fließen, diese Wasser flossen nicht. Sie standen in ihrer Lake, nährten keine Lurche, nicht den Schilf, und der Faulschlamm zersetzte sich nicht mehr speisend. Tümpel waren die Bäche an ihrer tiefsten Stelle, Schiffe versenkten sich darin. Der Rest ist Gestein im Trockenbett. Wie mittelalterliche Pest stank die Luft, ein geheimer Zorn lag in den Dingen, den brachliegenden Augen. Alle Gräser schnitten Fleisch, wenn man mit freigelegten Knien darüber streifte, im Sommer aus Gewohnheit, die Sonne mehr ein fahles Licht. Da wächst nichts ihr entgegen, kräuselt sich insektengleich stattdessen. Einst die Augen aufgesperrt, um die Wunder der Welt zu sichten, liegt sie wie eine zerbrochene Puppe am Waldesrand in halb zerfetzten Kleidern, nicht wirklich spektakulär, nur wie ein Spielzeug im Dreck. Sie liegt da und ist beim Näherkommen nur Geäst, nichts weiter als Erinnerung, und ich, schon verdorben vom Unmöglichen, sehe zu den Wolken auf, hinein in das Gesicht einer längst vergessenen Liebe. Überall nur sie, in allem, was vergeht.

Raha, du große Stadt ohne Weintrauben! Falls aber doch Weintrauben da sind, dann nur als Abbild einer Kristallkugel, Spätlese, ein Haus, wie aus einem verdorbenen Magen gewürgt, Gallensteinfarben mit einem völlig verzweifelten Duktus gegen die tannengrüne Grundierung gemalt, als wir noch als Kinder durch den Garten der Welt das Fallen von Gegenständen beobachteten, nicht die Entzauberung der Welt vor Augen hatten, die Katastrophe nicht mitgedacht. Nur das Gefühl lehrt Wesentliches, roter Streif am Firmament bei Sonnenspielen : Mensch beschreibt sich und die Umwelt, die er sieht – hier Mensch, da Umwelt.

Ich sehe: ich habe Haut, die, wenn ich sie aufreiße, eine rote Substanz enthält. Die alten Poeten merkten sich das, was wir heute erschlafen. Auf den Wegen begegnen wir uns. »Hallo!«

Bachen und Keiler liegen im wohnlichen Dreck, von aller Sauberkeit befreit, Kissen aufgeschüttelt. Die ehrenwerten Hotelnächte, die sich in der Nähe eines defekten Fahrstuhls um den Flur herumwickeln, kenne ich nicht anders.

Ich male alles in Wachs, das Abc (man braucht kaum ein c), das Abd : »Aaaapfel!« Dann raus, man ist Schriftsteller. Apfel, Biene, Dach (man braucht kaum ein c). Cremé. Krem.

Der Wachsstift auf dem Tisch, meine Finger zum ersten Mal klebrig der Lust wegen.

Ähnliche Beiträge

  • Felder, verrutschende Äcker

    Es ist in mir eine Zerstörung im Gange, die Prospero in seinem Schloss schon kommen sah. Von Angesicht zu Angesicht stand er dem Übel gegenüber: der Pest.
    Ich kam von Wolken, aber sie gehörten mir nicht. In der Tat schaukelte der Mann sehr schön, und nach Art und Gewohnheit der Gehängten jener Zeit starb er als galanter Mann mit vorgestreckter Lanze.

    Felder, verrutschende Äcker – was sie freigeben, ist Zerwürfnis.
    O : Warum nimmst du mich nicht mit?
    T : Ich würde dich mitnehmen, aber du sagst gewisse Worte, die mich daran hindern, und solange du sie sagst, darf ich dich nicht anfassen.
    O : Welche Worte?
    T : Mit der Zeit wirst du sie vergessen, und dann bist du mir ausgeliefert.

    Sprecht mit mir, macht mir mein Geheimnis bitter! Nachtgespenster, lasst die Mitte mich an diesem Abend sein, die Mitte mich im Bette. Es sind Girlanden dort an jenen Schnüren festgemacht, die auf zum Galgen führen.

  • Wolf auf Erz: 2 The Golden Trumpet

    Adam betrachtet angestrengt das Foto in seiner Hand, das mit einer Instamatic, die nur zwei Belichtungseinstellungen kannte, aufgenommen wurde. Die Farben darauf wirkten rau und surreal – die Gesichter seiner Familie nicht weniger. Wie Geister blickten sie in die Kamera. Rückt zusammen, sonst bekomme ich euch nicht alle drauf! Geister, die sie damals noch nicht waren. Er hatte schon andere Bilder aus dieser Zeit gesehen, aber der Verdacht, dass es diese Vergangenheit überhaupt nie gegeben hatte, war dadurch nicht verflogen. Ganz im Gegenteil. Er konnte sich bedenkenlos Schwarzweißbilder ansehen, die seinen Vater beim Kartenspielen mit seinen Brüdern zeigten. Dabei bekam er nie dieses Gefühl eines verrückten Traumes. Fotografien bewiesen niemals die Gegenwart ihrer Objekte, war es nicht so? Es könnte also gut sein, dass er hier etwas in Händen hielt, das es nur in seiner Phantasie gab. Es war ja nicht so, dass er diesen Zustand nicht zur Genüge kannte. Hier wurde seine Erinnerung mit den abgebildeten Formen konfrontiert. Die Wartebank des Todes; schließlich waren alle in genau der Reihenfolge gestorben, in der sie an diesem festlich gedeckten Tisch saßen. Meine Güte, dachte er, wann war das? 1975, 76? Der Anlass war ein Weihnachtsfest, daran konnte er sich erinnern. Die Reste des fetten braunen Bratens standen noch in Anrichten auf dem Tisch herum, der, übersät mit Bierhumpen und Sektkelchen, die weiße Tischdecke kaum durchscheinen ließ. Adam wusste noch ganz genau, wie dieser Braten geschmeckt hatte. Das hatte sich ihm für alle Zeiten eingeprägt, und es war so ziemlich das Einzige, das er aus seiner Vergangenheit noch bei sich trug. Immer wenn er später den Braten selbst zubereitete, den Carisma – an diesem Tag mit Sebastiana gemeinsam wie in einer Alchemistenküche vorbereitete –, kam das einem Ritual gleich, das nahezu religiöse Züge annahm. Dabei hatte er das Rezept nie wirklich gekannt. Er erinnerte sich lediglich an den Geschmack, diesen satten, waldig-fleischigen und deftig-süßen Geschmack. Die Geister tanzten nicht nur auf seiner Zunge herum, sie spukten durch seinen ganzen Körper und beeinträchtigten seine Wahrnehmung, angesteckt von Gefühlen, die gar nicht die seinen waren.

    Mehr lesen „Wolf auf Erz: 2 The Golden Trumpet“
  • Die Einsamkeit langer Distanz

    Diese Allmacht der Augen; ich sehe mich wie folgt darin um: Donner rührt sich trocken. Nicht eingreifen in das Wahrscheinliche, das Wunder fordern, unverstehbar bleiben, Menschen auslachen, 1 Pudding kochen, während man sich von fern betrachtet. Zur Baba Yaga gehen auf einen Trunk, aber auch wieder fortkommen. Jede Sprache hat ihr Wort, da ist das Wort selber zur Sache geworden, sagt Hugo Ball. Heute am 14. Juli 1916. Omelette. Wichtig: Eier vor dem Mehl, die Füllung mit Pariser Champignons. Wir können sagen, was wir wollen (das ist das Eigentliche), die einen kümmert’s, die anderen kümmert’s nicht (das ist das Eigentliche), der eine sagt’s der andere hört’s (das ist das Eigentliche), von Mund zu Ohr (das ist so eigentlich). Da zittert die Luft vor lauter Gesagtem und eigentlich ist das gut gesagt. Kotelett erinnert den Speiser an seine urzeitliche Neigung, das Fleisch gleich aus dem lebenden Tier zu beißen, sehr umständlich diese Situation: dem Ren hinterherrennen, versuchen, es mit einem Brandeisen vorzugaren, noch im Laufschritt (das Kotelett macht es uns einfacher, hält still). Der Knochen stimuliert einige tiefe Stellen im Großhirn, im Primitivhirn, im Althirn klar: im Meisterhirn, im Sündengrau.

  • Dunkelheit der Seele

    Als ich anfing, ist’s (dann doch) ein Köter geworden. Aber Mary hatte einen Zahn. Die Wiese ging nur bis zum Baum und verschwand in dem ein oder anderen Garten, schließlich waren wir alle nicht besonders rücksichtsvoll und wollten gemeinsam die Alte Mutter ausgraben, die hier irgendwo liegen sollte. Ich grub zuerst (und es ist – dann doch) ein Köter geworden, den ich fand. Knochig und gelöst von Würmern und Dingen, die so bizarre Namen trugen wie Triosephosphatisomerase.

    Er kam mit mageren Lenden, magerem Beinwerk, gar keine Macken außer seinen zuckersaugenden Lippen (wenn er denn Zucker fand, zu einem Würfel zusammengehauft). Die Rippen eher die Adern eines Blattes, Spanten eines versunkenen Schiffes : so schritt er den Gurtbogen entlang des Tonnengewölbes, kratzte sich die Kehle frei und schmetterte wie ein Bügelhorn : Jetzt bin ich so weit gekommen, und wenn ich mich umdrehe, erkenne ich die Hand vor lauter Augen nicht mehr, so nebelicht scheint mir der Weg, versponnen mit der Dunkelheit der Seele!