Das Geistermädchen

Die Schupfentüren knarren auf und zu, die
Bienen schlafen, die Gänse schlafen, die Häuser schlafen,
nur ich schlafe nicht

und so stampfe ich in die fette Dunkelheit des Kellers hinunter
und bilde mir ein, hier sei die Nacktheit eine Präsenz, die nicht nur
vom Lummerlicht der Glühlampen repräsentiert wird, vom kalten, grauen Betonboden,
den Gattern der Parzellen. Sondern von der Vorstellung, dass jeder
einen solchen Keller auch in sich trägt

die Verwandtschaft des Körpers mit einem Haus ist nicht nur
sprichwörtlich als solche zu nehmen. Es spielt keine Rolle, wie viel Uhr es ist,
denn draußen prasseln die Jahreszeiten vorbei,
alles ein dunkelgrüner Fleck, dann Lichtung, dann Rhode, dann Dorf und Feld.

Als erster Mensch (oder letzter Überlebender) nehme ich mir ein Stück Seife
auf die nächtliche Straße hinaus, um mich, im Regen stehend, abzureiben,
während ich das schattige Schloss beobachte, ob es sich vielleicht bewegt. Natürlich
hätte ich auch unten im Fluss baden können, dort aber stank es abscheulich

Die schlafenden Vögel werden nass, aber ich sehe sie nicht, sie schlafen
und machen sich nichts daraus. Feine Nadelstreifen in der Nacht. Im Haus
ist es ruhig, und auch das Schloss bewegt sich nicht. Unvorstellbar ist mir der Gedanke,
dass in seinen zahlreichen Räumen die Zeit gefangen ist, ohne sich auch nur
ein einziges Mal bemerkbar zu machen, am Fenster zu winken, Luft durch den Schlot zu jagen, die Türen zu schlagen.
Lavendelwasser rinnt an mir herunter und verschwindet nur schwach schäumend im Gemenge der flüssigen Massen.

Ein Geistermädchen entschwindet in die Wälder,
morgen werde ich ihr folgen, um ihr zu erzählen,
dass eine Dusche unter freiem Himmel sie wieder lebendig machen kann.

Trügerischer Ballsaal

(Erster Absatz der Erzählung „Das süße Gift der Adoleszenz“, überarbeitet und herausgelöscht)


Da sind die schauerlichen Erscheinungen der verblichenen Ahnen, die Sauerkirschblätter oder Goldregen in ihren Porzellanpfeifen paffen, ansonsten aber still in ihren jeweiligen Ecken stehen, von wo aus sie alles überschauen können, was sich ihnen nähert oder von ihnen entfernt. Sie riechen trügerisch nach Puderzucker, dem einzig schmeichelhaften Firn, an den sie sich noch erinnern können. Komm schon, hübsch herüber! Auf allen Kuchen liegt der weiße Staub. Nimm dir nur und nimm dir weiter! Wir waren bereits all das, was du heute bist. Wir hatten nur die Dinge, die uns betrafen, nicht so sehr aus den Augen verloren. Ein Traum, den man nicht selbst ruft, ist eine schäbige Pflanze, die unter strengem Regen bricht. Ich erwache, sobald ich ein Ende erreiche, an dem die Wirklichkeit in ihrem trügerischen Ballsaal wartend zu erkennen ist.

Binde dein Haar hoch / Robert Aickman

Bei vielen von Robert Aickmans Geschichten bleibt uns nichts anderes übrig, als psychoanalytisch vorzugehen und die in den Erzählungen auftauchenden Symbole genauer zu untersuchen. Es ist offensichtlich, dass viele dieser „seltsamen Geschichten“ zahlreiche hocherotische Traumsequenzen enthalten. Andererseits sind alle Erklärungen reine Spekulation. Aickmans Erzählungen zu verstehen, ist eigentlich wie über die Träume eines anderen zu sprechen. (Das ist übrigens auch bei Bruno Schulz der Fall, auch wenn seine Geschichten ganz anders angelegt sind). Im Vorwort zu Fontanas Buch der großen Gespenstergeschichten schreibt Aickman:

„Die Geistergeschichte macht dasselbe wie Dr. Freud: Sie stellt einen Kontakt zu den unterdrückten neun Zehnteln unseres Bewusstseins her.“ Dies ist eine wichtige Aussage über Geistergeschichten im Allgemeinen. Und weiter: „In den meisten Gespenstergeschichten begegnet man gar keinem Gespenst. Vielleicht wird man einen anderen Namen für das Genre finden.“

Die Erzählung ist im ersten Band der Aickman-Ausgabe bei Festa enthalten.

Und tatsächlich nannte Aickman seine Erzählungen strange stories, denn auch die so bezeichnete weird fiction greift hier nicht zur Gänze.

„Binde dein Haar hoch“ ist eine perfekte Erzählung, in der es Aickman gelingt, die verführerischen Geheimnisse eines dionysischen Rituals zu würdigen und gleichzeitig die Schrecken eines Wochenendes mit den Schwiegereltern ironisch zu verspotten. Clarinda Hartley, langjährige Junggesellin, eine Frau, die „niemand zu verstehen schien„, hat sich endlich auf Dudley eingelassen, der sie für ein Wochenende zu seinen Eltern aufs Land eingeladen hat. Auf der Suche nach einem Zufluchtsort vor ihren zukünftigen Schwiegereltern, die „tief im Land lebten, aber keine Ahnung von der Wildnis hatten„, stößt sie in der fast immer nebelverhangenen Landschaft auf die orgiastischen Rituale einer Mrs. Pagani – mit Tierfellen bekleidete Körper, die sich in einer offenen Grube inmitten eines Hirtenlabyrinths winden. Nach anfänglichem Entsetzen deutet ein Abschiedsblick zwischen der Frau und ihrer priesterlichen Nachbarin darauf hin, dass wiederkommen wird. Clarinda, die Mrs. Pagani misstrauisch und ängstlich gegenübersteht, erkennt, dass sie sich in der lüsternen Grube der geheimnisvollen Frau besser amüsieren kann, als im „großen Hummertopf“ ihrer Schwiegereltern zu schmoren.

Weiterlesen

Auch nur ein Hund – Vorbereitung zur Lektüre

Seltsame Paarungsrufe bekommt man nicht selten als Enkel zu hören. Eine Anekdote, wie sie Anverwandte gerne zwischen zwei Schnäpsen erzählen. Meine Großmutter väterlicherseits – die dunkle Linie also – erzählte eines Tages, wie mein Großvater sich mutwillig einen Knopf von der Strickjacke riss und dachte: Hoppalla | sich unbeobachtet wähnte und doch gesehen wurde von seiner zukünftigen Braut, die ihm den Knopf dennoch annähte, denn sie wollte ja geehelicht werden.

„Und eine Frau, die keinen Knopf annähen kann, heirate ich nicht.“ Ein Satz wie aus alten Fallstricken zusammengeleimt. Interessanterweise fiel mir dieser Satz wieder ein, als ich am Cornelius Schlehenfeuer saß, also ohnehin in den satten Sprachfarben des romantischen Zeitalters fläzte. Ich neige zur Kürze, zu den Augenblicken eines Bildes, einer Szene oder die eines versponnenen Gedankens. Das ist mir mehr wert als eine Erzählung, die erläuternd begleitet wird.

Die Passage über die Art

Eine Recherche funktioniert auf die unterschiedlichste Art; und wenn ART wirklich eine Kunst ist, ist sie bereits eine Herausforderung. Man könnte doch weiterdrehen: Art – als Kunst gemeint –, stammt natürlich vom Lateinischen ars, und es verwundert nicht, dass die Brite schnell das s durch das t tauschten – es ziemt sich nicht für ein Empörium, den Allerwertesten mit dem angeblich Erhabenen zu kombinieren. Unsere Art und Weise hingegen stammt von der Erde ab, die im altenglischen noch eardian genannt wurde, zumindest, wenn man sie pflügte, Man braucht also durchaus eine Art, muss von einer bestimmten Erde sein, um das Leben auch in Art zu verschwenden, es artig zu vergeuden mit der nutzlosesten aller Fragen, was denn das Leben überhaupt sei.

Jeder, der sich als Eremit erkennt, weiß, dass er gemeint ist. Es ist ein Paradox, die Menschen tunlichst zu meiden, aber an ihren Abenteuern interessiert zu sein. Man will, dass das Ei zu Boden platscht, sobald man eintritt, aber man kann nicht ständig fallende Eier suchen, obwohl das Streben danach charakterlich sehr prägnant wirken würde.

Die Kunst, in diesem beklemmenden Gestade die Wirbel so zu koordinieren, dass ein Muttergesicht daraus wird, wo vorher nur helle und dunkle Schlieren saßen, hat zwar viel damit zu tun, den Traum von einer Wasserblase endgültig platzen zu lassen, aber die kurzen Stumpen, die aus einem herausragen, sind ganz nützlich, wenn es darum geht, den sommersüßen Saft gegen gefangene Haarbüschel zu tauschen, die auch noch Laute von sich geben.

Frau Nochntee

mikrowillis

Die Geschichte der Broteforderin Nochntee, von ihr selbst erzählt: „Stampf!“ (Geräusch des rechten oder wahlweise linken Fußes beim Auftreffen auf einen – ebenfalls beliebigen – Untergrund.

Kesse Frage

mikrowillis

Wenn man sich aus dem Schädel eine Trinkschale macht, aus welchem Teilstück macht man sie dann?

Castrum Montségur 1 (Die Ankunft des Heeres)

Vorläufiger Eingangstext; das ganze erste Kapitel der Erzählung in progress.

I. Die Ankunft des Heeres

In dieser Nacht würde das Leben sie verlassen. Es würde ihnen aus den Höhlen ihrer Brust gerissen werden, und ihre Gärten, die sie so liebevoll gepflegt hatten, würden zertrampelt und mit ihrem Blut getränkt die Ewigkeit hinter sich lassen müssen. Vor dem hoch aufragenden Kalkkegel stand das entschlossene Heer der Inquisitoren und brüllte Forderungen in die schwankende Luft, die den Montségur nicht erreichen konnten, gepaart mit Lügen, die aus ihren Mündern tropften und glühten wie das Feuer selbst, das sich auch in ihren Augen spiegelte und das sie ihre Fußtruppen bereits mit reichlich Holz vorbereiten ließen. Die Katharer sollten brennen! Ihre Häresie sollte ausgelöscht werden wie ein falsches Wort aus einem heiligen Manuskript.

Weiterlesen

Bedlam

Heute ist das Bethlem Royal Hospital in London eine moderne psychiatrische Klinik. Wer jedoch das Pech hatte, in früheren Zeiten dort eingeliefert zu werden, weiß, warum sein Name noch heute für Chaos und Wahnsinn steht. Das Bethlem Hospital (schon früh zu „Bedlam“ abgekürzt) war die erste Irrenanstalt Europas. Es wurde 1247 von der Kirche als Almosenhaus gegründet und war 1357 die erste Einrichtung, in der versucht wurde, psychisch Kranke zu behandeln. Der italienische Bischof Goffredo de Prefetti gründete die Einrichtung, um durch Almosen Geld für die Kreuzzüge zu sammeln.

Es ist unklar, wann sich der Schwerpunkt der Einrichtung ausschließlich auf die Behandlung von Geisteskranken verlagerte, aber um 1330 wurde sie als Hospital bezeichnet und um 1377 war sie hauptsächlich als Heim für Geisteskranke bekannt. Seit mehr als sechs Jahrhunderten werden in Bedlam Geisteskranke behandelt. Doch fast all diese Jahre lebten die Insassen unter fast unvorstellbaren Bedingungen des Grauens, des Schmutzes und des Missbrauchs.

Das alte Bethlem-Hospital um 1750

Einem Bericht aus dem 16. Jahrhundert zufolge war der Abwasserkanal unter dem Gebäude ständig verstopft, und an den Eingängen türmte sich der Schmutz. Damals gab es noch keinen Zusammenhang zwischen Gesundheit und Hygiene, und das Wasser musste mit der Hand geschöpft werden, so dass selbst normale Krankenhäuser schmutzig waren, und Bedlam war noch schlimmer. Gegen Ende des 16. Jahrhunderts erkannte man die dringende Notwendigkeit eines Umbaus – allerdings nicht, um die angebotenen Dienstleistungen zu verbessern. Stattdessen wurde das Hospital an einem Ort außerhalb der Stadt neu errichtet, wobei auch auf das äußere Erscheinungsbild beachtet wurde. Da keine öffentlichen Gelder zur Verfügung standen, musste sich das Hospital als Haus der Nächstenliebe und Hilfe präsentieren.

Der neue Entwurf für Bedlam stammte von Robert Hooke, einem städtischen Landvermesser, und sah korinthische Säulen und einen Turm mit Kuppel vor. Die Fassade war vom Tuilerien-Palast Ludwigs XIV. in Paris inspiriert. Sie gab den Blick auf formale Gärten mit baumgesäumten Promenaden frei. Das Innere des Krankenhauses zeigte sich jedoch als das, was es wirklich war: baufällig. Das schöne, verzierte Äußere war viel zu schwer, so dass die Rückseite des Gebäudes Risse aufwies. Jedes Mal, wenn es regnete, lief Wasser aus den Wänden. Da das Gebäude auf Trümmern errichtet worden war, begann auch das Fundament von Bedlam bald einzustürzen. Im 17. Jahrhundert inspirierte die berüchtigte Anstalt zahlreiche jakobinische Dramen und Balladen. Das Hospital diente dazu, die Bedeutung des Wahnsinns zu erforschen und die Frage zu klären, wer die Macht hatte zu entscheiden, wer überhaupt zurechnungsfähig war. In The Honest Whore, Part I wurde Bedlam zum ersten Mal als Bühnenbild verwendet. Als bekanntestes und größtes Irrenhaus wurde der Ruf von Bedlam als Hölle zu einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung. Je bekannter es wurde, desto schlimmer wurden die Zustände.

James Monro wurde 1728 zum Chefarzt von Bethlem ernannt; seine Familie sollte die Anstalt in den folgenden vier Generationen, insgesamt 125 Jahre lang, leiten. Unter der Schirmherrschaft der Familie verschlechterte sich die Behandlung drastisch, da sie ihre Methoden von den Ideen und Behandlungen der Apotheker auf die der Chirurgen umstellte. Viele Patienten wurden geschlagen, ausgehungert und in eiskalte Bäder getaucht. Die Ernährung der Patienten war unzureichend, viele verhungerten oder litten an Unterernährung. Die Leitung versäumte es, die Patienten mit nahrhaften Mahlzeiten zu versorgen, und verließen sich häufig auf Spenden von Grundnahrungsmitteln und die Mittel, die dem Verwalter für Einkäufe zur Verfügung standen. Die Patienten erhielten zweimal am Tag eine einfache und karge Kost, die der Humoral-Theorie entsprach, nach der eine rationierte Ernährung und der Verzicht auf üppige Speisen die Geisteskranken in die Lage versetzen sollte, ihren Körper wieder ins Gleichgewicht zu bringen und ihren Geist zu zähmen.

Ursprünglich öffnete die Einrichtung ihre Pforten für die Öffentlichkeit in der Hoffnung, Familienangehörige anzulocken, die ihre Verwandten besuchen wollten. Leider gelang das nicht … obwohl es sicherlich die Aufmerksamkeit der wohlhabenden Londoner erregte. Das Leid der Gefangenen wurde zur Unterhaltung für den Rest Londons. Obwohl dies nicht bestätigt werden kann, gibt es Spekulationen, dass die Entscheidung, das Krankenhaus für die Öffentlichkeit zu öffnen, durch die Notwendigkeit motiviert war, Geld zu beschaffen. Bei einem Eintrittspreis von 10 Schilling pro Person (natürlich eine empfohlene Spende) erwiesen sich die Führungen bald als lukrativ. Die Insassen wurden zur Schau gestellt, ihr bizarres Verhalten und ihre oft grausame „Behandlung“ als eine Art Theater betrachtet. Damen in feinen Kleidern und mit Taschentüchern vor der Nase führten durch die Säle wie durch ein Haus des Schreckens.

Als gefährlich eingestufte Gefangene wurden ständig angekettet. Andere durften frei herumlaufen. Handschellen, Einsperren in winzige Käfige, Untertauchen in eiskaltes Wasser – all das wurde als Heilmittel gegen Geisteskrankheiten erprobt. Ebenso Hunger, Aderlass, Schläge und Einzelhaft. Bei der „Rotationstherapie“ wurde ein Patient in einem von der Decke hängenden Stuhl so lange gedreht, bis er sich übergeben musste. Viele Patienten, die ihre Krankheit hätten überleben können, starben an den Folgen dieser Therapie. Patienten, die als zu schwach galten, um die Behandlung zu überleben, wurden sogar abgewiesen. Solange die Familie Munro über das Bedlam Hospital herrschte, gingen die Grausamkeiten weiter. Der letzte Superintendent der Munros war Thomas Munro. Er trat 1816 nach einem Skandal zurück, der darin gipfelte, dass ihm „mangelnde Menschlichkeit“ gegenüber den Patienten von Bedlam vorgeworfen wurde. Nach Munros Weggang wandte sich das Krankenhaus moderneren und weniger ausbeuterischen Methoden zur Behandlung von Geisteskrankheiten zu.

Natürlich umfasste unsere „moderne“ Behandlung psychischer Krankheiten bis in die 1960er Jahre Dinge, die wir heute als barbarisch empfinden, wie gepolsterte Zellen, Zwangsjacken und Lobotomien. Und auch eine moderne psychiatrische Klinik kann ein düsterer Ort sein. Aber das Elend und die Schande von Bedlam Hospital sind heute verschwunden, und nur das Wort erinnert uns daran, wie es wirklich war.

Licht

Sie drehte sich um und beobachtete, wie der Fremde an ihr vorbei ging,
fragte sich, was ihm zugestoßen sein mochte. Im anständigen Teil
der Stadt beteten sie die Wirklichkeit an. Es brannte nicht mehr, als er
einige Stunden später erwachte.