Die Inszenierung des Unbewussten: Juan Carlos Onettis „Ein verwirklichter Traum“ (Un sueño realizado).

Juan Carlos Onettis Erzählung „Ein verwirklichter Traum” (1941) zählt zu den rätselhaftesten und atmosphärisch dichtesten Kurzgeschichten der lateinamerikanischen Literatur. In dieser meisterhaft komponierten Erzählung verschwimmen die Grenzen zwischen Traum und Wirklichkeit, Theater und Leben, bis sie vollständig verwischen. Die Geschichte einer namenlosen Frau, die den gescheiterten Theaterunternehmer Langman beauftragt, ihren Traum auf der Bühne zu inszenieren, wird zu einer tiefsinnigen Meditation über Sehnsucht, Selbsterkenntnis und Tod.

Langman, ein heruntergekommener Theaterdirektor, der in einer heißen Provinzstadt gestrandet ist, erzählt die Geschichte selbst. Eine mysteriöse Frau in Schwarz sucht ihn auf und hat ein ungewöhnliches Anliegen: Sie möchte ein kurzes Theaterstück aufführen – allerdings nicht vor Publikum, sondern nur für sich selbst. Das Stück, das sie „Ein verwirklichter Traum“ nennt, basiert auf einem Traum, der ihr einst ein Gefühl intensiven Glücks vermittelt hat, dessen Bedeutung sie jedoch nicht versteht.

Obwohl Langman die Frau zunächst für verrückt hält, willigt er ein, da er das Geld braucht. Er engagiert Blanes, den einzigen verbliebenen Schauspieler seiner Truppe, der ständig betrunken ist, sowie eine Prostituierte für eine kleine Nebenrolle. Die Aufführung findet im leeren Theater statt und zeigt eine simple Szene, in der Blanes der Frau über das Haar streicht, während sie auf dem Bordstein einer ärmlichen Straßenkulisse liegt.

Die Geschichte gipfelt in einem tragischen Finale: Während der Aufführung stirbt die Frau. Erst in diesem Moment begreift Langman die wahre Bedeutung ihres Anliegens – sie wollte einen Moment vergangenen Glücks noch einmal erleben, bevor sie starb.

Onetti konstruiert eine dreifache Verschränkung von Traum, Theater und Tod, die das Herzstück der Erzählung bildet. Der Traum der Frau ist keine fantastische Vision, sondern eine simple, alltägliche Szene – dennoch erfüllt er sie mit einem Glücksgefühl, das sie rational nicht erklären kann. Indem sie diesen Traum theatral inszenieren lässt, versucht sie, das Unbewusste ins Bewusste zu überführen, das Flüchtige festzuhalten, das Vergangene zurückzuholen.

Das Theater wird hier zum Medium der Selbsterkenntnis und zugleich zum Übergangsraum zwischen Leben und Tod. Die Frau benutzt die Bühne nicht zur Unterhaltung oder künstlerischen Expression, sondern als rituellen Raum, in dem sie ihre eigene Endlichkeit inszenieren und annehmen kann. Die theatrale Maske erlaubt es ihr paradoxerweise, ihre wahre Identität zu offenbaren – sie ist zugleich Hamlet und Ophelia, Regisseurin ihres eigenen Todes.

Die Figur der Frau: Rätsel und Interpretation

Die namenlose Protagonistin verkörpert jenen „dunklen weiblichen Kontinent”, den Onettis männliche Erzähler immer wieder zu ergründen versuchen, ohne je zu einem endgültigen Verständnis zu gelangen. Sie bleibt ein Rätsel: Ist sie verrückt, wie Langman zunächst annimmt? Oder ist sie eine Lehrerin aus gutem Haus, wie die Dorfbewohner berichten? Oder ist sie eine Frau, die ihren eigenen Tod bewusst orchestriert?

Onetti verweigert eindeutige Antworten. Die Frau besitzt ein Wissen, das sich der rationalen Erfassung entzieht: ein Wissen um den Tod, um vergangenes Glück und um die Notwendigkeit, bestimmte Erfahrungen zu wiederholen, um sie endlich verstehen oder loslassen zu können. Ihre schwarze Kleidung, ihre Ruhe und ihre Entschlossenheit deuten darauf hin, dass sie mit ihrem Schicksal längst abgeschlossen hat.

Die Geschichte wird konsequent aus der Perspektive Langmans erzählt. Er ist ein zynischer, gescheiterter Mann, der die Frau zunächst nicht ernst nimmt. Seine Blindheit ist symptomatisch für die männlichen Figuren in Onettis Werk, die unfähig sind, die Tiefe weiblicher Subjektivität zu erfassen. Langman sieht in der Frau zunächst nur eine „Verrückte”, eine Kuriosität, eine Geldquelle.

Blanes hingegen, der betrunkene Schauspieler, entwickelt eine intuitive Verbindung zu ihr. Nach einer gemeinsam verbrachten Nacht behauptet er, sie sei nicht verrückt. Durch seine körperliche Nähe zu ihr ist er in der Lage, sie jenseits der Worte zu verstehen, was Langman erst im Moment ihres Todes gelingt.

Die beiden Männer repräsentieren unterschiedliche Formen der Entfremdung: Langman ist durch zynische Rationalität entfremdet, Blanes durch Alkohol und gesellschaftlichen Verfall. Beide sind „gescheiterte” – entwürdigte, zerbrochene Männer in Onettis typischer Manier. Die Frau hingegen bewahrt bis zuletzt ihre Würde und Souveränität.

Onettis Prosa ist dicht, atmosphärisch und subtil mehrdeutig. Er arbeitet mit Andeutungen, lässt vieles im Unklaren und schafft so eine traumartige Stimmung, in der Vergangenheit und Gegenwart, Erinnerung und Wirklichkeit ineinanderfließen. Die drückende Hitze der Provinzstadt, das verfallene Theater und die nächtliche Aufführung vor leerem Publikum tragen zu einer Atmosphäre der Fatalität und Melancholie bei.

Die Erzählweise ist fragmentarisch und perspektivisch gebrochen. Langman erzählt retrospektiv mit dem Wissen um den tödlichen Ausgang, dennoch bleiben zentrale Aspekte der Geschichte unklar. Diese narrative Unsicherheit spiegelt die existenzielle Unsicherheit der Figuren wider: Niemand versteht vollständig, was geschieht; jeder interpretiert die Ereignisse anders.

Scheitern, Sehnsucht, Tod

Die Erzählung ist durchzogen von jenen existenziellen Themen, die Onettis gesamtes Werk prägen: die Last zerbrochener Träume, die Erfahrung des Scheiterns, die Sehnsucht nach einem verlorenen Glück, die Konfrontation mit dem Tod. Die Frau ist getrieben von dem Wunsch, einen Moment intensiven Glücks noch einmal zu erleben – nicht um ihn festzuhalten, sondern um ihn zu verstehen, um mit ihm abschließen zu können, um in Frieden sterben zu können.

In dieser Hinsicht erinnert die Geschichte an Albert Camus‘ Konzept des „glücklichen Sisyphos“: Die Frau akzeptiert die Absurdität ihres Unternehmens und findet gerade darin ihre Freiheit und Würde. Sie inszeniert ihren eigenen Tod nicht als Tragödie, sondern als Erfüllung – als Realisierung ihres Traums im doppelten Sinne des Wortes.

„Der verwirklichte Traum“ ist eine Erzählung von beunruhigender Schönheit und rätselhafter Tiefe. Onetti schreibt über die Grenzen menschlicher Erkenntnis, über die Unmöglichkeit, den anderen – insbesondere das „Andere“ des Weiblichen – vollständig zu verstehen. Zugleich ist es eine Geschichte über die transformative Kraft der Kunst: Das Theater wird zum Raum, in dem Leben und Tod, Traum und Wirklichkeit zusammenfallen, in dem eine letzte Wahrheit sichtbar werden kann.

War die Frau von Anfang an todkrank? Plante sie ihren Tod? Oder geschah er zufällig im Moment der intensivsten Erfüllung? Onetti lässt diese Fragen offen. Was bleibt, ist die Erinnerung an einen mysteriösen Moment, in dem ein Mensch seinen Traum verwirklichte – und dafür mit dem Leben bezahlte.

In ihrer Kompaktheit, ihrer atmosphärischen Dichte und ihrer existenziellen Tiefe gehört „Un sueño realizado“ zu den eindrucksvollsten Kurzgeschichten der lateinamerikanischen Literatur und zeigt Onetti auf dem Höhepunkt seines künstlerischen Könnens.

Ähnliche Beiträge

  • Der Abgrund (SSB-Version)

    Ich konnte mich zunächst ja kaum erinnern, zerschunden wie ich war, aber woher nur? Meine Augen kugelten in einem Sandlager herum, von dem aus gesehen das tränende Meer nicht weit entfernt liegt. Lichtspiele pochten hinter meiner Stirn gegen die Augäpfel, das boxende Känguru der Brüder Sklandanowsky, der einfahrende Zug in den Bahnhof von La Ciotat, die Umwelt klarte aus einem roten Nebel und ich stellte fest, dass ich lag und nicht etwa schwebte, wie ich es mir zunächst eingebildet hatte. Denn zu oft erwachte ich orientierungslos, noch eingenommen von einem Traum, an den ich mich genausowenig erinnern konnte wie an meinen Aufenthaltsort. Nur der reflexartige Schwung meiner Hand zum Wecker hin brachte mich dann zurück in mein Haus, in mein Bett, in dem ich schwer und heftig atmend wach lag, ohne mich wach zu fühlen. So wie ich lag, konnte mit meinen Händen gerade noch den Wecker erreichen, der durch die gleichmäßig vorherrschende Dunkelheit in Zahnradzungen zu mir sprach; ein Freund im Einklang mit meiner eigenen präzisen Unruhe. Ich zog ihn stets mit sieben Umdrehungen auf, nie bis zum Anschlag, jeden Tag, um in der Nacht, wenn ich wirklich nichts mehr sehen konnte, weil das Rouleau jeden Schimmer fern hielt, dem Funktionieren der Uhr zu lauschen. Ich wollte kaum atmen, weil ich ängstlich wurde, wenn ich nicht genau hören konnte, was mein einziger Fixpunkt im Gewirr der Unendlichkeit zu sagen hatte. So ähnlich waren sich die Töne, dass man sie leicht für das immer gleiche Auf und Ab halten mochte – ich aber hörte das Hin- und Herschwingen wie das Murmeln eines Geschichtenerzählers. Es erschien mir tröstlich, dass all die Erzählungen, denen ich lauschte, mit dem Vergehen der Zeit zusammenhingen. Ich wollte ja, dass die Zeit verging, wollte aber nicht, dass ein neuer Tag anbrach, denn der forderte neue Entscheidungen, die den einen Fluss ebneten, den anderen aber rasend werden ließen. Der Naturgewalt der eigenen Willkür war nicht beizukommen.

    Mehr lesen „Der Abgrund (SSB-Version)“
  • Die okkulten Detektive

    Sherlock Holmes ist eine der berühmtesten Figuren der Kriminalliteratur, die 1886 von dem britischen Autor Arthur Conan Doyle erfunden wurde. Seitdem hat er viele Nachahmer inspiriert und Variationen hervorgebracht, die sich in unterschiedlichen Zeiten, Orten und Berufen als Detektive betätigen. Doch schon vor Holmes gab es Geschichten, die sich mit Verbrechen und deren Aufklärung beschäftigten, wie zum Beispiel Georg Philipp Harsdörffers „Der große Schauplatz jämmerlicher Mordgeschichten“ aus dem 17. Jahrhundert oder die sogenannten Newgate-Romane von Edward Bulwer-Lytton im 19. Jahrhundert.

    Die Anfänge der Kriminalliteratur lassen sich bis ins 19. Jahrhundert zurückverfolgen, als Edgar Allan Poe seinen berühmten Detektiv Auguste Dupin in „Die Morde in der Rue Morgue“ (1841) erschuf. Diese Erzählung gilt als eine der ersten Quellen für das Genre, das sich aus der jahrhundertealten Tradition der Schauerliteratur entwickelte. Dabei wurde die Rolle des Gefühls von der Vernunft abgelöst, ohne jedoch auf die schaurige Atmosphäre zu verzichten. So entstand auch die Idee, Geister und andere übernatürliche Phänomene mit kriminalistischen Methoden zu erforschen. Das Genre der „Geisterdetektive“ oder der „okkulten Spürnasen“ war geboren, noch bevor Sherlock Holmes die Bühne betrat, und bewegte sich an der Grenze zwischen Rationalität und Mystik.

    Harry Escott

    Fitz James O’Brien war ein irisch-amerikanischer Schriftsteller, Soldat und Dichter, der oft als einer der frühen Vertreter der Science-Fiction angesehen wird. Er wurde als Michael O’Brien in Irland geboren und wanderte 1852 nach Amerika aus, wo er seinen Namen zu Fitz James änderte. Er schrieb für verschiedene Zeitschriften und Magazine und verfasste auch einige Theaterstücke. Sein bekanntestes Werk ist „Die diamantene Linse“ (1858), eine Geschichte über einen Wissenschaftler, der eine mikroskopische Frau in einem Wassertropfen entdeckt. Diese Geschichte war eine der Favoriten von H. P. Lovecraft . Aber O’Brien schuf auch einen der ersten okkulten Detektive in der Literatur, Harry Escott, den er in „The Pot of Tulips“ (1855) vorstellte. Escott war ein Detektiv ohne übernatürliche Kräfte, aber mit einem großen Wissen über Esoterik und Okkultismus, der rational und wissenschaftlich an paranormale Phänomene heranging. O’Brien schrieb nur noch eine weitere Geschichte mit Escott, „Was war es?“ (1859), die auch die erste Erwähnung einer unsichtbaren Person in der Literatur enthielt – und damit H. G. Wells‘ Der Unsichtbare um vier Jahrzehnte zuvorkam . O’Brien starb 1862 an den Folgen einer Verwundung im Sezessionskrieg .

    Dr. Hesselius

    Sheridan Le Fanu gilt als einer der Meister der klassischen Schauerliteratur und als einflussreicher Vorläufer des modernen Horrorgenres. Er war nicht nur ein begabter Erzähler, sondern auch ein innovativer Schöpfer von Figuren und Motiven, die bis heute faszinieren.

    Im Oktober 1869 veröffentlichte Le Fanu in der viktorianischen Wochenzeitschrift „All The Year Round“, die von Charles Dickens gegründet und herausgegeben wurde, eine Erzählung mit dem Titel „Grüner Tee“. Darin präsentierte er seinen Lesern zum ersten Mal Dr. Martin Hesselius, einen Arzt, Schriftsteller und Kunstfehler-Experten, der sich auf die Behandlung von übernatürlichen Krankheiten spezialisiert hatte. In „Grüner Tee“ untersucht er den Fall eines Geistlichen, der von einem dämonischen Affen heimgesucht wird, den nur er sehen kann. Die Erzählung ist eine spannende Mischung aus psychologischem Thriller, metaphysischer Spekulation und gotischer Atmosphäre.

    Le Fanu war selbst ein zurückgezogener und geheimnisvoller Mann, der nach dem Tod seiner Frau 1858 kaum noch das Haus verließ. Er litt unter Depressionen und Alpträumen, die sich oft in seinen Werken widerspiegelten. Er starb 1873 an einem Herzinfarkt in seinem Haus in Dublin. Sein literarisches Vermächtnis umfasst zahlreiche Erzählungen und Romane, die bis heute gelesen und verfilmt werden. Zu seinen berühmtesten Werken gehören „Carmilla“, eine Geschichte über eine lesbische Vampirin, „Uncle Silas“, ein meisterhafter Schlossroman, und „The House by the Churchyard“, ein historischer Roman mit einem Hauch von Horror.

    Dr. John Silence

    Der okkulte Detektiv ist eine literarische Figur, die übernatürliche Phänomene mit Hilfe von Magie, Esoterik oder Parapsychologie untersucht. Ein bekannter Vertreter dieses Genres ist Algernon Blackwood (1869-1951), ein englischer Autor, der sich selbst als Theosoph und Mystiker verstand. Sein berühmtester Charakter ist Dr. John Silence, ein Arzt und Psychiater, der sich auf Fälle spezialisiert hat, die eine psychische Invasion oder Besessenheit beinhalten. Silence ist eine ambivalente Figur, die einerseits als Retter und Heiler auftritt, andererseits aber auch als arrogant, dogmatisch und gefährlich erscheint.

    Ein Beispiel für seine umstrittene Rolle ist seine erste Geschichte „A Psychical Invasion“ (1908), die in deutscher Übersetzung als „Griff nach der Seele“ in dem Band „Besuch von Drüben“ in Suhrkamps Phantastischer Bibliothek enthalten ist. In dieser Geschichte wird ein Humorist namens Pender von einem bösen Geist heimgesucht, nachdem er eine Überdosis Haschisch genommen hat. Pender verliert seinen Sinn für Humor und wird von Angstzuständen geplagt. Silence wird zu Hilfe gerufen und erkennt, dass Pender von der Seele einer verstorbenen Schauspielerin besessen ist, die ihn für ihren ehemaligen Liebhaber hält. Silence setzt einen magischen Collie namens Flame ein, um den Geist zu vertreiben, und erklärt Pender seine Theorie über die Dynamik der Gedanken und die Fortdauer der Persönlichkeit nach dem Tod.

    Die Geschichte zeigt die gängigen Merkmale des okkulten Detektivs, wie zum Beispiel die Verbindung von Wissenschaft und Magie, die Verwendung von Symbolen und Ritualen, die Betonung der psychischen Ebene und die Konfrontation mit dem Bösen. Allerdings zeigt sie auch einige Probleme auf, die mit dieser Figur verbunden sind. Zum einen ist Silence kein sympathischer Held, sondern ein überheblicher Lehrmeister, der gerne bevormundet und belehrt. Er spricht in einem herablassenden Tonfall und benutzt pseudowissenschaftliche Begriffe, die seine Autorität untermauern sollen. Zum anderen ist Silence kein unfehlbarer Experte, sondern ein riskanter Experimentator. Er setzt den Humoristen Pender einer gefährlichen Droge aus, um ihn empfänglicher für den Geist zu machen, und lässt ihn allein mit einem magischen Collie, während er selbst das Haus verlässt. Er ignoriert auch die Möglichkeit, dass Pender selbst für seine Probleme verantwortlich sein könnte, und schiebt alles auf eine Geisterdame. Schließlich ist Silence kein moralischer Richter, sondern ein willkürlicher Zerstörer, der das Haus des Humoristen abreißen lässt, um den Spuk endgültig zu beseitigen.

    Die Geschichte zeigt also, dass der okkulte Detektiv nicht nur ein faszinierender Charakter ist, sondern auch ein problematischer. Er repräsentiert eine Form von Wissen und Macht, die nicht immer zum Wohl der Menschen eingesetzt wird. Er stellt auch die Grenzen zwischen Realität und Fantasie in Frage und fordert den Leser heraus, seine eigene Position zu bestimmen.

    Carnacki

    Carnacki wurde von dem englischen Autor William Hope Hodgson erschaffen. Er ist der Protagonist einer Reihe von sechs Kurzgeschichten, die zwischen 1910 und 1912 in den Magazinen The Idler und The New Magazine veröffentlicht wurden. Diese Geschichten wurden 1913 zusammen als Carnacki, der Geisterdetektiv gedruckt.

    Carnacki ist natürlich ebenfalls inspiriert von der Tradition fiktiver Detektive wie Sherlock Holmes. Er lebt in einer Junggesellenwohnung in der Nr. 427 Cheyne Walk, Chelsea; die Geschichten werden aus der Ich-Perspektive von Dodgson erzählt, einem Mitglied von Carnackis „streng begrenztem Freundeskreis“, ähnlich wie Holmes‘ Abenteuer aus der Sicht von Doktor Watson erzählt werden. Während die Holmes-Geschichten das Übernatürliche nie benutzen, außer als falsche Fährte, ist dies das zentrale Thema der Carnacki-Geschichten, obwohl einige der Geschichten nicht-übernatürliche Enden haben.

    Jede von Carnackis Geschichten erzählt von einer Untersuchung eines ungewöhnlichen Spuks, den Carnacki identifizieren und beenden soll. Er verwendet eine Vielzahl wissenschaftlicher Methoden bei seinen Untersuchungen, greift aber auch auf traditionellere Folklore zurück. Er verwendet Technologien wie Fotografie und seine eigene fiktive Erfindung, das elektrische Pentakel. Er ist nicht voreingenommen und zieht immer seine endgültigen Schlussfolgerungen aus Beweisen, so dass er in einigen Geschichten entscheidet, dass der Spuk echt ist, während er in anderen feststellt, dass er von einem Gegner aus verschiedenen Gründen inszeniert oder gefälscht wurde.

    Carnackis Fälle drehen sich genauso oft um Männer in Pferdekostümen wie um körperlose Dämonenhände, die ihn durch den Raum jagen. Mit einem völlig erfundenen System vokallastiger Magie (The Incantation of Raaaee, The Saaamaaa Ritual) verbringt Carnacki die meisten seiner Abenteuer zusammengekauert in der Mitte seines elektrischen Pentakels und macht Blitzlichtfotos von seltsamen Monstern wie einem Albtraumschwein („The Hog“), einem Fußboden, der sich in pfeifende Lippen verwandelt („The Whistling Room“), und einem Blutsturm im Haus („The House Among the Laurels“). Sein Markenzeichen ist es, seine Gäste am Ende seiner Geschichten aus dem Haus zu schmeißen und zu rufen: „Raus mit euch! Raus mit euch!“

    Manchmal ist sein Feind der Geist eines Hofnarren, manchmal sind es Iren, und manchmal stellt sich heraus, dass es ein mürrischer alter Seekapitän ist, der sich in einem Brunnen versteckt, oder ein nacktes Geisterbaby. Carnacki findet ebenso viele Betrüger wie Phantasmen, er liebt dumme wissenschaftliche Erfindungen (einen Anti-Vibrator, einen Traumhelm, das elektrische Pentagramm), und er liebt auch John Silence-artige Laser-Lichtshow-Zauberschlachten. Und obwohl er gelegentlich einen Raum zerstört oder ein Schiff versenkt, hat er nicht die Vorliebe für Chaos, die andere okkulte Detektive kennzeichnet.

    Flaxman Low

    Die Flaxman-Low-Geschichten sind ein weiteres Beispiel für die frühe Literatur des Paranormalen. Sie wurden von Kate Prichard und ihrem Sohn, dem Major Hesketh Hesketh-Prichard, unter den Pseudonymen „H. Heron“ und „E. Heron“ veröffentlicht.

    In „Die Geschichte von Baelbrow“ wird er zu einem Herrenhaus gerufen, das von einem rachsüchtigen Geist heimgesucht wird. Der Geist hat sich mit einer ägyptischen Mumie verbündet, die im Keller versteckt ist, und zusammen terrorisieren sie die Bewohner des Hauses. Flaxman Low stellt sich dem übernatürlichen Duo mit Mut und Entschlossenheit. Er schießt auf die Mumie, zertrümmert ihren Schädel und verbrennt sie schließlich.

    Er ist also alles andere als ein zimperlicher Geisterjäger. Er schreckt nicht vor Gewalt zurück, wenn es darum geht, das Böse zu bekämpfen. Seine Methoden sind oft radikal und zerstörerisch. Ob es sich um einen leprakranken Spuk aus Trinidad, einen griechischen Geisterkult oder eine tödliche Pilzinfektion handelt, Flaxman Low findet immer eine Lösung, die meist das Haus in Schutt und Asche legt.

    Die Flaxman-Low-Geschichten sind spannend, gruselig und manchmal absurd. Sie spiegeln die Ängste und Vorurteile der viktorianischen Zeit wider, aber auch den Wunsch nach Abenteuer und Entdeckung.

    … und andere

    Die okkulten Detektive des frühen 20. Jahrhunderts sind also eine bunte Truppe von Figuren, die sich mit dem Übernatürlichen befassen. Erwähnen sollte ich noch Sax Rohmers „Fu Manchu“, ein griesgrämiger Antiquitätenhändler, Moris Klaw, und sein seltsames Kissen, das angeblich okkulte Kräfte hat; Diana Marburg, eine Wahrsagerin und Ermittlerin des Paranormalen, die in „Die tote Hand“ einen sechs Fuß langen elektrischen Aal bekämpft, der für einen Mord missbraucht wurde; Aylmer Vance, ein Mann mit einer zerstörerischen Neigung; Jules de Grandin, ein französischer Detektiv aus New Jersey, der sich mit dem Übernatürlichen auskennt und gerne Ausrufe wie „Beim Bart des Goldfisches!“ und „Sie werden bald einem Schwein im Anzug begegnen!“ von sich gibt (auf Französisch klingt es besser); und John Thunstone, ein Abenteurer mit einem silbernen Schwertstock, der es oft mit einer alten Rasse von Vor-Menschen zu tun hat, die einst Nordamerika bewohnten. Diese Liga der okkulten Detektive ist oft rassistisch, gewalttätig und unwissenschaftlich. Sie zerstören Häuser, töten andere Wesen und sind im Grunde genommen eine Gruppe von schrecklichen Menschen, die keine Ahnung von dem haben, was sie tun.

  • |

    Die drei ??? und der Teufelsberg / William Arden

    Der Teufelsberg

    Wenn ein Autor eine Figur (oder mehrere Figuren) erfunden hat, die sich dann als dauerhaft herausstellen, kommt es immer wieder zu großen Konflikten, wenn die Fackel übergeben wird, meistens weil der Autor gestorben ist. Oft sind diejenigen, die mit dem Erbe des Werkes betraut werden, nicht in der Lage, gute Entscheidungen für das Franchise zu treffen, weil sie nur das Geld interessiert, das sich mit der Lizenzvergabe machen lässt. Wir kennen das von zahllosen Beispielen, ob nun bei Walt Disneys Imperium, Bob Kanes Batman oder Jerry Siegels Superman. Bei allen späteren Versuchen, eine geliebte Figur aus vergangenen Tagen weiter zu schreiben, dürfen wir nicht mehr den gleichen Standard erwarten, die das Original so erfolgreich gemacht hat. Die Qualitätslücke, die Arthur Conan Doyle mit seinem Sherlock Holmes hinterließ, ist wohl das berühmteste Beweis für diese These, auch wenn Kareem Abdul-Jabbar, John Dickson Carr, Colin Dexter, Mark Gatiss, Anthony Horowitz, Laurie R. King, Steven Moffat und zweifellos einige andere großartige Dinge mit den Bewohnern der Baker Street 221B anzufangen wussten.

    Mehr lesen „Die drei ??? und der Teufelsberg / William Arden“
  • Slade House

    Mitchell ist ein Autor, der seine Geschichten gerne faltet, für den die Wirklichkeit nicht von Zeiten und Räumen dominiert wird. Aber diese “Faltungen” sind immer auch Erlebnisfragmente der Protagonisten, die hier verdichtet werden.

    Für die Mitchell-Kenner gibt es gleich zu Beginn eine Begegnung mit der “mondgrauen” Katze, die bisher in jedem Buch auftaucht, aber diesmal ist sie tot, die Augen von dicken Fliegen besiedelt. Die Nachricht ist klar: Hier gibt es keine Hilfe, niemand wird kommen, um den Tag zu retten.

    Mehr lesen „Slade House“
  • Das Rätsel der Blechtrommel im Okkulten

    Es gibt Bücher, die sich dem Leser öffnen wie eine klare Landschaft: man erkennt Flüsse, Wälder, Häuser, die Menschen sind vertraut, die Geschichten leicht nachzuvollziehen. Und es gibt Bücher, die sind wie ein Spiegelkabinett. Jeder Schritt hinein verzerrt die Perspektive, die Dinge scheinen gleichzeitig vertraut und fremd, und ehe man sich versieht, blickt man nicht mehr in die Welt, sondern in die Abgründe des eigenen Bewusstseins.

    Eines dieser Bücher ist Günter Grass’ „Die Blechtrommel“, erschienen 1959, mitten in einer Epoche, in der Deutschland noch in den Scherben seiner Vergangenheit stand. Doch das Buch ist weit mehr als ein Nachkriegsroman. Es ist ein okkultes Rätsel, ein Text, der sich mit jeder Lektüre neu verwandelt und der uns auf eine Reise in das Reich des Geheimnisvollen führt.

    Beginnen wir mit der Trommel selbst. Oskar Matzerath, das drei Jahre alte Kind, das beschließt, nicht mehr zu wachsen, erhält sie zur Geburt. Von diesem Augenblick an ist die Trommel sein Begleiter, sein Werkzeug, seine Waffe. Sie ist Spielzeug und Orakel zugleich.

    Mehr lesen „Das Rätsel der Blechtrommel im Okkulten“
  • Der Winter in der Fantasy-Literatur

    Der Winter wird oft als die dunkle und unwillkommene Jahreszeit angesehen, und das ist auch verständlich – wenn man weit genug vom Äquator entfernt lebt, kann er längere Nächte, kalte Temperaturen, eisige Bedingungen, graue Gärten und blattlose Bäume bedeuten. Besonders hart kann es sein, wenn man kein warmes Zuhause hat, in das man sich zurückziehen kann. Doch die Jahreszeit hat auch ihre Reize: weiße Schneedecken, wärmende Feuer, herzhafte Mahlzeiten, dampfende Getränke und Feste wie Weihnachten machen sie zu etwas, auf das sich viele Menschen freuen. Diese positiven Aspekte können eine magische, fast fiktionale Qualität haben, die zweifellos durch Geschichten wie Dickens‘ A Christmas Carol, Märchen und Volksmärchen, in denen der Winter eine Rolle spielt, und die einfache Tatsache, dass warme Feuer und gemütliche Hütten die besten Schauplätze für fantasievolle Geschichten sind, hervorgerufen werden.

    Doch so sehr Winter und Magie auch Hand in Hand zu gehen scheinen, in der Fantasy kommt die Jahreszeit nicht gut weg. Vielleicht liegt das daran, dass das Genre oft auf ältere Traditionen und alte Symbolik zurückgreift. In diesem Artikel wird darauf hingewiesen, dass viele vorchristliche Weihnachtsmärchen düstere, weniger fröhliche Elemente und Figuren enthielten. Die Heiden sahen den Winter als eine Zeit der Dunkelheit und des Todes, in der die Grenzen zwischen den Welten am schwächsten waren.

    Mehr lesen „Der Winter in der Fantasy-Literatur“