Die Katakomben von Paris

Katakomben

Unter den belebten Straßen von Paris liegt eine schattenhafte Unterwelt, über die oft in Geschichten über das Makabre und das Übernatürliche geflüstert wird. Die Katakomben von Paris mit ihren dunklen Tunneln und düsteren, mit menschlichen Überresten gefüllten Kammern haben Besucher aus der ganzen Welt lange Zeit fasziniert und abgestoßen. Legenden über Spuk und unheimliche Begegnungen haben sich mit der Geschichte der Katakomben verwoben und sie zu einem Magneten für alle gemacht, die sich für das Paranormale interessieren.

Der offizielle Name der Katakomben lautet l’ossuaire municipal; der Friedhof umfasst einen kleinen Teil der unterirdischen Tunnel, die die „les carrières de Paris“ (die Steinbrüche von Paris) bilden, der gesamte Tunnel wird als „Die Katakomben“ bezeichnet. Seit der Römerzeit begrub Paris seine Toten am Rande der Stadt. Mit dem Aufkommen des Christentums änderte sich die Praxis, die gläubigen Toten in geweihten Anlagen und in den angrenzenden Kirchen zu bestatten.

Katakomben

Mit der Ausdehnung der Stadt im 10. Jahrhundert gab es viele Friedhöfe, doch mit dem Bevölkerungswachstum in Paris wurden die Friedhöfe überschwemmt und eine Erweiterung war nicht möglich. Zu dieser Zeit konnten sich nur die Wohlhabendsten Kirchenbestattungen leisten, was im 12. Jahrhundert zur Eröffnung eines zentralen Friedhofs führte. Ende desselben Jahrhunderts waren die Menschen auf die Kirche St. Opportune in der Nähe des zentralen Pariser Stadtteils Les Halles angewiesen, die später in Saint Innocents umbenannt wurde und eine eigene Kirche und Gemeinde erhielt.

Die gängige Praxis für die Bestattung der toten ärmeren Menschen war die Massenbestattung. Wenn ein Teil des Friedhofs voll war, wurde er zugedeckt und ein anderer Teil angelegt. Nur sehr wenige der Toten hatten Särge, häufiger wurde ein Sarg für die nächste Bestattung wieder verwendet. Die Rückstände der Verwesung, ein Prozess, der durch die Verwendung von Kalk, der direkt in die Erde eingebracht wurde, chemisch beschleunigt wurde, stellten ein ernstes Problem für eine Stadt dar, die auf Brunnenwasser angewiesen war.

Katakomben

Im 17. Jahrhundert, am Ende der zweiten Welle der Pandemie des Schwarzen Todes, liefen die Pariser Friedhöfe so über, dass die Leichen wegen Überfüllung freigelegt wurden. Die Geschäftsleute der Stadt begannen, sich über den starken Geruch von verrottendem Fleisch zu beschweren, doch es wurde nichts unternommen, bis 1780 Regenfälle eine der Mauern zum Einsturz brachten und die Leichen auf ein Nachbargrundstück schoben.

Da die Leichen nirgendwo untergebracht werden konnten, brachte Paris sie in ein Labyrinth von Tunneln aus dem 13. Jahrhundert, die unter den Straßen der Hauptstadt lagen. Langsam begannen sich die Friedhöfe zu leeren, aber es sollte zwölf weitere Jahre dauern, bis man alle Knochen in die ehemaligen Steinbruchstollen gebracht hatte, in dem heute die Überreste von über sechs Millionen Menschen ruhen.

Die Katakomben können im Rahmen von Führungen besichtigt werden. Sie gehören zu den 10 am meisten von Spuk heimgesuchten Orten der Welt. Besucher haben behauptet, dass sie „von unsichtbaren Händen berührt“ wurden, andere behaupten, das Gefühl gehabt zu haben, verfolgt zu werden, kalte Stellen in bestimmten Bereichen zu spüren, einige Fälle von hysterischen Zusammenbrüchen wurden registriert, andere haben behauptet, gewürgt worden zu sein. Bei so viel Unruhe und Respektlosigkeit gegenüber den Toten ist es kein Wunder, dass es in den Straßen von Paris spukt.

Eine der berühmtesten Erzählungen ist die von Philibert Aspairt, der 1793 in den Katakomben verschwand. Seine Leiche wurde angeblich 11 Jahre später gefunden, nur wenige Meter von einem Ausgang entfernt, und seine Kerzen waren längst ausgebrannt. Viele behaupten, dass sein Geist noch immer in den Gängen umherwandert, auf der ewigen Suche nach einem Ausweg.

Säufer und Sonnenkönig

Die letzte Woche war eine der Dunkelheit, ein Herstellen von Gedankenweite. Die Karfunkel-Zeitungen wahrscheinlich ungeeignet, aber einen Säufer und den Sonnenkönig ausgerupft. Was gäbe es auch schöne Kommentare zur Syphilis, wenn sie nur in Bildern sprächen. Die Technik völlig aus den Augen zu verlieren könnte ein Trost sein.

Es ist erstaunlich, was Altpapier kostet, früher am Straßenrand keines Blickes gewürdigt, nicht ein Gedanke ging zum Kunstwerk, das im sumpfigen Papiermatsch auf seine Erweckung lauert. Wie alles Ästhetische ist kein Tiefenschauplatz je von heute. In seiner Zeitlosigkeit ist er allerdings auch nicht von gestern.

Das Geheimnis von Windsor Castle (Oscar de Muriel)

Oscar de Muriels sechster Band der Frey-&-McGray-Reihe markiert einen entscheidenden Wendepunkt in der wohl besten viktorianischen Serie, die bisher meisterhaft die Grenze zwischen rationaler Kriminalistik und übernatürlichen Phänomenen ausbalanciert hatte. „Das Geheimnis von Windsor Castle“ führt die beiden ungleichen Ermittler in ihre bisher persönlichste und gefährlichste Konfrontation, während gleichzeitig die narrative Architektur der Serie fundamentale Veränderungen durchläuft, die sich allerdings schon die ganze Zeit über angekündigt hatte.

Um diesen Band vollständig zu verstehen, muss man zu den Ereignissen von „Der Fluch von Pendle Hill“ zurückkehren, dem zweiten Band der Serie. Dort jagten Frey und McGray einen entwichenen Irrenhauspatienten, Lord Joel Ardglass, durch einen mörderischen Schneesturm bis zum Pendle Hill – jenem legendären Ort in Lancashire, wo 1612 die berüchtigten Hexenprozesse stattfanden. Der Fall führte die Ermittler in Kontakt mit einer geheimen Gesellschaft von Hexen, die behaupteten, Nachfahren der ursprünglichen Pendle-Hexen zu sein und deren Macht durch die Jahrhunderte bewahrt zu haben.

Das Geheimnis von Windsor Castle (Oscar de Muriel) weiterlesen

Pinocchio (Der hölzerne Junge)

Ikonische Filme und Geschichten, die sich tief in die Erzählung der Gesellschaft eingegraben haben, verlieren oft mit der Zeit ihre substanzielle Wirkung. Das trifft vor allem immer dann zu, wenn der Disney-Konzern sich eines eigentlich düsteren Märchens annimmt und dieses in ein zuckriges, ungenießbares Substrat verwandelt. Eines der besten Beispiele ist Dornröschen. Der Film basiert natürlich auf dem Märchen, in dem ein verheirateter König ein schlafendes Mädchen findet, das er nicht aufwecken kann und stattdessen vergewaltigt.

Die 1940er Version von Pinocchio ist da keine Ausnahme. Der Film basiert auf einer Geschichte, die 1881 und 1882 von Carlo Collodi als Fortsetzungsgeschichte mit dem Titel Die Abenteuer des Pinocchio in einer Zeitung veröffentlicht wurde. Jiminy Cricket erscheint im Buch als Sprechende Grille und spielt keine so große Rolle.

Er taucht zum ersten Mal in Kapitel 4 auf, in dem die Binsenweisheit veranschaulicht wird, dass Kinder es nicht mögen, wenn ihr Verhalten von Leuten korrigiert wird, die viel mehr wissen als sie selbst. Als die sprechende Grille Pinocchio sagt, er solle wieder nach Hause gehen, springt Pinocchio wütend auf, nimmt den Hammer von der Bank und wirft ihn mit aller Kraft nach der Grille.

Baccis Pinocchio
Pinocchio (Der hölzerne Junge) weiterlesen

Die viktorianische Alchemie des Oscar de Muriel

Es dürfte allgemein unter Kennern als ausgeschlossen gelten, Arthur Conan Doyles Sherlock Holmes auch nur ansatzweise nahe zu kommen. Dieser Kanon ist gesetzt wie die Frage nach der Nummer 1 der Rockgitarristen, die immer nur von Jimi Hendrix belegt werden kann. Zu seiner Zeit musste sich Doyle, der seine Figur noch nicht einmal leiden konnte, über Konkurrenz auch keine Sorgen machen. Poe war schließlich tot, dem Mann, dem er vielleicht nicht alles, aber doch vieles zu verdanken hatte. Manche Schreiber mögen es für literarische Nostalgie halten, dass sich heute Autoren und Autorinnen auf der ganzen Welt um die viktorianische Zeit verdient machen. Die Qualität ist selbstredend eine ganz andere Sache. Die Quellen der Kriminal- und Schauerliteratur liegen genau hier und nicht etwa in den sintflutartig skizzierten Fernsehkrimis oder True Crime-Perversionen mit elend billigen Titelbildern, auf denen man stets nur den Rücken einer Person zu sehen bekommt, weil die Verlage gar keine Zeit haben, sich den Inhalt genauer anzuschauen und ihnen ihr Produkt ohnehin völlig egal ist.

Scherenschnitte

Bei Oscar de Muriels Buchserie bekommen wir jedoch Scherenschnitte. Die mögen zunächst nicht besonders reizvoll erscheinen. Vergessen wir aber nicht, dass Scherenschnitte während der viktorianischen Ära extrem populär waren, namentlich als schnelle, erschwingliche Methode, Porträts von geliebten Menschen zu erstellen. Da die Frey & McGray-Reihe im Jahr 1888 beginnt, befinden wir uns genau in dieser Übergangszeit – Silhouetten waren noch im kulturellen Gedächtnis, aber bereits im Niedergang begriffen. Das verleiht den Covern eine nostalgische, leicht melancholische Note, die dann auch perfekt zur gotischen Atmosphäre der Bücher passt.

Es gibt Autoren, deren Biografie sich wie ein Laborprotokoll des Unwahrscheinlichen liest. Oscar de Muriel, 1983 in Mexiko-Stadt geboren – ausgerechnet in jenem Gebäude, in dem sich heute das Ripleys Believe it or Not Museum befindet – ist einer von ihnen. Er ist promovierter Chemieingenieur, Geigenspieler, Übersetzer und schließlich Chronist viktorianischer Verbrechen geworden. Heute (ich nehme an, dass er es heute noch tut) pendelt der Autor zwischen Manchester und Mexiko-Stadt, aber sein literarisches Schaffen entsteht in einem Gartenschuppen im Norden Englands.

Die viktorianische Alchemie des Oscar de Muriel weiterlesen

Im Bann der Fledermausinsel / Oscar de Muriel

Oscar de Muriels „Im Bann der Fledermausinsel“ ist ein Roman, der wieder einmal die Grenze zwischen historischem Kriminalfall, Schauerliteratur und psychologischer Studie verschwimmen lässt. Das Werk, erschienen 2018 als vierter Band der Reihe um die Ermittler Ian Frey und Adolphus “Nine-Nails” McGray, entfaltet seine Handlung diesmal in den schottischen Highlands, in der Einöde um Loch Maree. Schon der Titel – mit seiner eigentümlichen Verbindung aus landschaftlicher Präzision und morbidem Versprechen – kündigt an, dass hier Natur und Tod, Mythos und Rationalität untrennbar ineinandergreifen.

Im Zentrum der Geschichte steht ein Auftrag, der zunächst unscheinbar wirkt: Eine junge Frau namens Millie Fletcher bittet die Ermittler, ihren Sohn Benjamin zu beschützen, der als unehelicher Nachkomme eines Adligen plötzlich zum Erben erklärt worden ist und nun anonyme Morddrohungen erhält. Was zunächst wie ein klassischer Krimianfang klingt, öffnet sich bald zu einem tiefen psychologischen und symbolischen Raum. Die Ermittler reisen in das schlossähnliche Landhaus der Familie Koloman am Loch Maree – ein Ort, der fast wie ein eigener Organismus wirkt, ein düsterer Körper aus Stein, Nebel und Schweigen. Der See selbst ist dabei nicht bloß Kulisse, sondern ein Spiegel der inneren Vorgänge. Seine Wasseroberfläche ruht trügerisch, unter ihr aber sammeln sich die Schatten der Vergangenheit, verdrängte Schuld und das Unheimliche, das jederzeit wieder auftauchen kann.

Im Bann der Fledermausinsel / Oscar de Muriel weiterlesen

Die Todesfee der Grindlay Street / Oscar de Muriel

Oscar de Muriels Die Todesfee der Grindlay Street (2016) führt die ungleichen Ermittler Ian Frey und Adolphus „Nine-Nails“ McGray in ein Edinburgh des Jahres 1889, das von winterlicher Kälte und einem unterschwelligen Schaudern durchzogen ist. Im Irrenhaus von Edinburgh entkommt die Insassin Irma Starling nach einem blutigen Mord und lässt die Stadt in Aufruhr zurück. Die Jagd nach ihr führt Frey und McGray hinaus aus der urbanen Enge in die verschneiten Highlands, wo sich die Spuren von moderner Wissenschaft und uralten Mythen kreuzen. Wie schon im ersten (Die Schatten von Edinburgh) und zweiten (Der Fluch von Pendle Hill) Band nutzt de Muriel das klassische Gerüst des viktorianischen Kriminalromans, um es mit Elementen des Schauerromans zu verschränken.

Die Todesfee der Grindlay Street / Oscar de Muriel weiterlesen

Der Fluch von Pendle Hill / Oscar de Muriel

Oscar de Muriel führt sein Ermittlerduo Frey & McGray im zweiten Fall (zum ersten) noch tiefer in die Grauzonen zwischen Rationalität und Aberglauben. „Der Fluch von Pendle Hill“ ist zugleich viktorianischer Polizeithriller, Folk-Horror und Milieustudie über Medizin, Macht und Mythen – temporeich erzählt, atmosphärisch dicht und mit spürbarer Lust am Schauerroman, aus dem sich der Kriminalroman ja dann auch herausschälte.

Neujahr 1889: In der Irrenanstalt von Edinburgh gelingt einem Patienten die Flucht, eine Krankenschwester stirbt – und die sture, scharfzüngige Lokallegende „Nine-Nails“ McGray sowie der nüchterne Londoner Exilant Ian Frey nehmen die Verfolgung auf. Der Fall ist von Anfang an von Gerüchten über Okkultes umflort; die Spur führt schließlich über verschneite Landstriche hinweg in den Schatten von Pendle Hill, dem sagenumwobenen Schauplatz der Lancashire-Witchcraft-Prozesse.

Der Fluch von Pendle Hill / Oscar de Muriel weiterlesen

Bringt mir einen Becher Sekt!

Es ist ein Klischee, dass Shakespeare einer der großen Erfinder der englischen Sprache ist, ein weit verbreiteter Irrtum, dass sein Wortschatz größer war als der jedes anderen Schriftstellers, und eine einfache Tatsache, dass er wahrscheinlich der am häufigsten zitierte Autor im Oxford English Dictionary ist. Weniger bekannt ist sein Beitrag zur Sprache der deutschen Trinkkultur.

Falstaff
Falstaff mit einem Krug „sack“ (Foto:en.wikipedia.org)

Eine der populärsten Figuren Shakespeares ist der große Antiheld Falstaff, ein unverbesserlicher Schurke, dessen Vorliebe für Alkohol nur noch von seiner Fettleibigkeit übertroffen wird. Im Deutschland des frühen 19. Jahrhunderts war kein Schauspieler in dieser Rolle bekannter als Ludwig Devrient, dessen späteres Leben entweder eine starke Sympathie für den Stil seiner Figur oder ein frühes Beispiel für hartnäckiges Method Acting erkennen lässt. Es war Devrients Angewohnheit, nach einer Vorstellung als Falstaff von der Bühne in die Kneipe zu gehen und einen der charakteristischen Sätze seiner Figur zu brüllen: „Bring mir einen Becher Sekt!

Zu Shakespeares Zeiten hieß Sekt „Sack“ und war ein sehr beliebter Sherry und das Lieblingsgetränk seiner Trinker. Sack war jedoch kein übliches Getränk in deutschen Kneipen, und was Devrient eigentlich verlangte, war höchstwahrscheinlich Champagner – der natürlich eine deutsche Erfindung ist, wenn auch auf französischem Territorium.

Dry Sack

Champagner gilt heute als Getränk der gehobenen Klasse, wurde aber zur Zeit der Romantik in großen Mengen von Künstlern getrunken, die sich aus finanziellen Gründen keine wirklich anständigen Getränke leisten konnten. Devrient, der durch Deutschland reiste, wiederholte seinen Auftritt in einer Kneipe nach der anderen – und das Ergebnis war ein billiges, kaum trinkbares Gebräu, das im Deutschen noch heute als „Sekt“ bekannt ist, dank Friedrich Wilhelm Schlegel, der bekanntlich als erster Shakespeare übersetzte und aus „Sack“ „Sect“ machte. Was hätte er sonst tun können? Das Sprachgefühl lässt „Sact“ nicht zu.

Die Totenfrau von Edinburgh / Oscar de Muriel

Der Okkultismus nimmt in Die Totenfrau von Edinburgh nicht nur die Funktion eines dekorativen Motivs ein, sondern bildet die tragende Struktur, auf der der gesamte Roman ruht. De Muriel nutzt das Übernatürliche nicht als bloßen Reiz des Viktorianischen, aber auch nicht als triviales Grauen, das sich am Ende rational auflöst. Der Okkultismus ist vielmehr die Bruchstelle, an der sich die geistigen Welten seiner Figuren reiben: jene der etablierten Wissenschaft, die sich im späten 19. Jahrhundert zunehmend als Hoheitsmacht verstand, und jene des Spiritismus, der damals keineswegs als Randphänomen galt. De Muriel spielt bewusst mit der historischen Tatsache, dass Séancen, Geisterfotografie und mediale Zirkel gerade für die gebildeten Schichten faszinierend waren, weil sie zugleich Trost, Unterhaltung und metaphysische Antwortversprechen boten.

Im Zentrum steht Madame Katerina, die das Medium verkörpert, aber nicht als Scharlatanin gezeichnet wird. Ihr Status bleibt immer in der Schwebe: Sie ist weder eindeutig Betrügerin noch eindeutig Verbindungsglied zu einer jenseitigen Welt. Genau in diesem Schwebezustand entfaltet sich der Roman. Der Okkultismus ist hier weniger eine Sammlung von Ritualen als ein Weltzustand: eine Art Zwischenreich, in dem Schuld, Trauma und gesellschaftliche Konflikte eine Stimme finden. Die Séance, in der sechs Menschen sterben, wirkt wie ein düsteres Sakrament, in dem die Vergangenheit der Familien – ihre gegenseitigen Kränkungen, Erbstreitigkeiten, verborgenen Verletzungen – plötzlich Gestalt gewinnt. Der Geist, den Katerina beschwört oder zu beschwören vorgibt, ist letztlich die materialisierte Summe all dessen, was verschwiegen wurde. De Muriel zeigt damit sehr fein, dass der Okkultismus im Viktorianischen nicht nur ein exotisches Hobby war, sondern psychologisch funktional: Er bot eine Sprache für das Unsagbare.

Die Totenfrau von Edinburgh / Oscar de Muriel weiterlesen