Colin Dexters Inspector Morse ist in Großbritannien zu einem Phänomen geworden. Die Originalserie ist aus unerfindlichen Gründen bis heute nicht synchronisiert worden (das Prequel und das Sequel aber schon), und zog – wie das immer so ist – die bereits sehr guten Buchverkäufe weltweit noch einmal kräftig nach oben (außer natürlich in Deutschland), so dass Morse zeitweilig sogar zu einer echten Gefahr für das Heiligtum Sherlock Holmes wurde.
Very British: Endeavor weiterlesenAutor: M.E.P.
Micky Maus (Die Ikone der Popkultur)
Micky Maus gehört sicherlich zu den bekanntesten popkulturellen Persönlichkeiten der Geschichte. Seit seiner Einführung im Jahre 1928 ist Disneys legendäres Wahrzeichen in ausschließlich allen Medien und Variationen zu haben. Künstler von Saul Steinberg bis Andy Warhol haben ihn gefeiert und kritisiert. Für manche ist die Micky Maus sogar der Comic-Charakter schlechthin. Auch wenn in den vergangenen Jahrzehnten der Stern etwas zu verblassen scheint, wäre es noch untertrieben, hier einfach nur von einer Erfolgsgeschichte zu sprechen.
Vielmehr ist Micky Maus ein Symbol, das über sich hinausragt, der Grundstein für eine einzigartige amerikanische Kunst, die Innovationen in Film, Musik und Malerei vereint (und sogar geschaffen) hat. Micky ist von einer Cartoon-Figur zu einer beeindruckenden Kulturmaschine geworden, die sich auch heute noch mit nichts vergleichen lässt. Diego Rivera bezeichnete Micky als echten Helden der amerikanischen Kunst und Walter Benjamin schrieb, dass sich die Öffentlichkeit bei Micky in seinen Handlungen wiedererkennt.
Die erste Maus war ein Kaninchen

Wären die Dinge in den 1920ern jedoch ein wenig anders gelaufen, wäre die große Ikone der Popkultur vielleicht ein Kaninchen gewesen. Disney war ein noch junger Animator, der eine Serie namens Alice Comedies produzierte, Kurzfilme, die echte Darsteller mit animierten Bildern kombinierten. Aber er war der Serie überdrüssig geworden und wollte komplett zum animierten Film übergehen. 1927 ging dieser Wunsch in Erfüllung und er durfte für Universal eine Cartoon-Serie produzieren. Disney wählte ein Kaninchen, dessen Name bei Universal tatsächlich aus einem Hut gezogen wurde.
Micky Maus (Die Ikone der Popkultur) weiterlesenMord im Gewächshaus / Elizabeth C. Bunce

Wenn man bedenkt, dass ich jeder guten Geschichte hinterher jage, die es verdient, gelesen zu werden, ein Faible für den englischen Krimi habe – für das Englische überhaupt -, und mich am liebsten im Zeitalter der viktorianischen Gaslaternen herumtreibe, dann wird vermutlich klar, warum ich mich auch für die Ermittlungsarbeit der Myrtle Hardcastle interessieren könnte, einer brillanten jungen Dame aus gutem Hause, ins Leben gerufen von der amerikanischen Schriftstellerin Elizabeth C. Bunce.
Natürlich ist Myrtle nicht die erste jugendliche Detektivin, das war „New York Nell“, die in den 1880er Jahren ihre Fälle als Junge verkleidet löste. Es folgte Nancy Drew, die in den 30ern von Edward Stretemeyer erschaffen wurde. 1948 kam dann Trixie Belden hinzu, und nicht vergessen werden darf Enola Holmes, die jüngere Schwester von Sherlock Holmes, die seit 2006 von sich reden macht. (Diese Reihe ist übrigens auch beim Verlag Knesebeck erhältlich). Es gibt noch zahlreiche andere sogenannte Mädchendetektive, wobei mir das Wort nicht gefällt. Es sind Detektivinnen mit einer feinen Spürnase und einer erfrischenden Intelligenz. Tatsächlich sind sie immer die klügsten Personen im Raum, und ihre waghalsigen Heldentaten haben es Mädchen ermöglicht, Identitäten zu erforschen, die im wirklichen Leben kaum erreichbar sind.
Mord im Gewächshaus / Elizabeth C. Bunce weiterlesenDie okkulte und symbolische Dimension von James Bond
Laut Adam Howard von der National Broadcasting Company ist jeder Bond ein interessanter Spiegel seiner Zeit. So spiegelte Sean Connery zum Beispiel die sanfte Kraft wider, die die Kultur während des Kalten Krieges benötigte. Wer hat schon Angst vor Kommunisten, wenn es so elegante Operateure wie Bond gibt? Nach Watergate war jedoch Roger Moores pingeliger Bond ein großer Gegenpol zur Ernüchterung der damaligen Zeit.

Was Timothy Dalton betrifft, so tauchte sein weniger sexualisierter 007 auf der Leinwand etwa zur gleichen Zeit auf, als Amerika anfing, sich mit der zunehmenden AIDS-Krise auseinanderzusetzen. Und mit seinem Schwerpunkt auf Gadgets und extravaganten Stunts repräsentierte Pierce Brosnan den Tech-Boom der 90er Jahre. Heutzutage hat Daniel Craig uns eine Post-9/11-Version gegeben.
Wenn man Ian Flemings James Bond betrachtet – diesen scheinbar makellosen Gentleman-Agenten, der mit kalter Präzision tötet, trinkt, liebt und überlebt –, scheint man zunächst einer reinen Pop-Ikone gegenüberzustehen, einem Archetypus des modernen Abenteurers. Die Romane haben sich über 100 Millionen Mal verkauft, und das Film-Franchise ist das zweiterfolgreichste der Geschichte, nachdem es durch die Harry Potter-Reihe abgelöst wurde. In den Romanen und Filmen gibt es jedoch tiefere Unterströmungen, Themen, Symbole und Botschaften, die in eingehenden Analysen bestätigt wurden und die vor allem der Semiologe und Autor Umberto Eco akribisch untersuchte. Erst ab diesem Zeitpunkt wurde Bond zum Gegenstand des akademischen Interesses und der literarischen Seriosität. Und unter der glänzenden Oberfläche seiner Maßanzüge und Aston Martins verbirgt sich noch ein weiteres, dunkles Narrativ: Bond als Werkzeug einer verborgenen Ordnung, als Symbolfigur einer metaphysischen Auseinandersetzung zwischen Licht und Finsternis. Der Mythos des 007 ist weniger eine Spionagegeschichte als vielmehr ein modernes Mysterium – und Ian Fleming war sich dessen sehr bewusst.
Die okkulte und symbolische Dimension von James Bond weiterlesenPeter Straub stirbt mit 79 Jahren
Peter Straub, einer der besten Autoren unserer Zeit, der unsere jahrzehntelange Faszination für Horrorgeschichten mitbegründet hat, verstand es, makabre und herzzerreißende Prosa in einem Satz zu verweben. Selbst Geschichten über Geistererscheinungen, unheimliche Paralleluniversen oder grausame Morde konnten in Straubs Händen schwermütig, sensibel und kathartisch wirken.
Peter Straub stirbt mit 79 Jahren weiterlesenStephen King Re-Read: Brennen muss Salem
In den agnostischen und sexuell freizügigen 1970er Jahren war der Vampir bereits seiner Mythologie beraubt und zu dem verkommen, was King „die Bedrohung durch das Lächerliche“ nannte. In deutlicher Abkehr von dieser Tradition reduzierte er den sexuellen Aspekt des Vampirs und verlieh dem Archetyp eine völlig neue Bedeutung, indem er seine Anziehungskraft auf den menschlichen Wunsch ausrichtete, seine Identität in der Masse aufzugeben.
Kings wichtigste Neuerung bestand jedoch darin, dass er eine mythische Kleinstadt im Sinne der amerikanischen Schauerliteratur imaginierte und diese Stadt selbst zum Monster machte; die Bevölkerung, normalerweise Opfer des Vampirs, wird hier als hirnlose Masse zur Bedrohung, als Pestwolke oder primitive Horde.
Stephen King Re-Read: Brennen muss Salem weiterlesenEiner, der in den Katakomben schläft
Ich hatte mich am Denken gehindert
und stopfte alles in mich hinein, das mich
an ein Zwiegespräch erinnern könnte.
Es war wie ein Frieden, auf einmal war Frieden.
Mir sollten die Tage nicht lang genug werden,
denn die Dämmerung zog früh schon heran.
Ich genieße die Beschreibung, aber ich selbst fülle nur
die Korridore aus, nie die Zimmer. Ich bin
noch keinem Leuchten begegnet, das mir nicht auswich.
Es liegt das Fremde nie weit entfernt,
es setzt sich in der Nähe an den nächsten Tisch.
Und an den nächsten. Es kann alle Fassaden erklimmen
und in allen Gläsern zuhause sein, so lange man
nur nicht weit entfernt erspäht werden kann.
Ich könnte mich hinabwinden in die Katakomben von Paris,
die dem Schlund der Hölle entsprechen. Ich werde nicht
ankommen in meinem verlorenen Paradies, aber wenn ich
dort eine kleine Bastion in Form eines Appartements
hätte, mit Licht und einer gemütlichen Uhr,
die nicht nur den Staub vertreibt – die finsteren
Momente wären nur noch Willkür. Ich dürfte nur
nie versuchen, wieder an die Oberfläche zu kommen,
denn der Weg wäre mörderisch und führte
direkt in den Wahnsinn.
Stephen King: Fairy Tale

Wenn ein Roman in jüngster Zeit sich gut in das hier besprochene Stephen-King-Multiversum einfügt, dann ist es dieser, den man am ehesten im King-Kanon in eine Reihe mit „Die Augen des Drachen“, die Romane um den dunklen Turm, dem Talisman oder „The Wind through the Keyhole“ (bei uns „Wind“) stellen kann.
Die alternative Märchenwelt des Buches kombiniert Grimmsche Märchenelemente mit Lovecraftschem kosmischem Horror, aber es dauert eine Weile, bis man dort ankommt. Charlie Reade, der Protagonist des Buches, beginnt seine Reise durch den Weltbrunnen erst nach etwa einem Viertel des Buches. Zunächst aber baut King das sorgfältige Porträt von Charlies Leben in der kleinen Stadt Sentry in Illinois auf. Dann aber fließt alles von Rumpelstilzchen bis zu den drei kleinen Schweinchen über Star Wars und den Hunger Games in diese mitreißende Coming-of-Age-Geschichte, die eine Erzählung von menschenfressenden Riesen, elektrischen Zombies, Duellen auf Leben und Tod, einem grausamen Herrscher und einer schönen Prinzessin umspannt.
Stephen King: Fairy Tale weiterlesenStephen King Re-Read: Susannah
Deutlich kürzer als „Wolves of the Calla“, ist „Song of Susannah“ ein rasantes Sammelsurium an Verrücktheiten mit dem Hauptziel, den Höhepunkt der Serie vorzubereiten.
Zusammen mit dem vorherigen ist dieses Buch in einem fast schon irrwitzigen Tempo entstanden. Bis dahin ließ sich King zwischen den einzelnen Teilen sehr lange Zeit, aber zwischen der Veröffentlichung von Glas und Wolfsmond geschah etwas Entscheidendes im Leben des King. Bei einem Spaziergang in der Nähe seines Hauses wurde er von einem Lieferwagen angefahren und so schwer verletzt, dass er das Schreiben aufgeben wollte. Das tat er nicht, er ist einer der wenigen Besessenen, aber er machte sich Sorgen darüber, den Dunklen Turm niemals abschließen zu können, wenn er jetzt nicht dran blieb. Die letzten drei Bücher wurden deshalb in halsbrecherischer Geschwindigkeit geschrieben und veröffentlicht, alle innerhalb von zwei Jahren.
Stephen King Re-Read: Susannah weiterlesenCarrie – Ein universelles Märchen
Der Roman erschien etwa zur gleichen Zeit wie Rosemaries Baby und Der Exorzist. Es war die Zeit, in der die Menschen begannen, sich mehr für das Unheimliche und Paranormale der menschlichen Existenz zu interessieren und sich nicht mehr mit Gespenstern und Geistern abzufinden.
Der Archetyp
Man mag sich fragen, was an Stephen Kings Carrie so besonders ist, dass es überhaupt sein Erstlingswerk werden konnte. Ein großer Teil der Legende beruht auf der Tatsache, dass dies bereits Kings vierter Roman war, den er an Verlage schickte. (Die ersten drei waren Amok, Todesmarsch und Qual, die alle später unter dem Pseudonym Richard Bachmann veröffentlicht wurden.) Gerne wird auch die Geschichte erzählt, dass King den einzigen Entwurf in den Papierkorb geworfen habe, bis seine Frau ihn überreden konnte, ihn wieder herauszuholen und zu beenden. Tatsächlich hatte er nicht nur das Manuskript in den Papierkorb geworfen, er wollte das Schreiben überhaupt aufgeben. King konnte einfach nicht glauben, dass eine Geschichte über ein dünnes, blasses Mädchen mit Menstruationsproblemen die Leute interessieren würde. Das wäre sicher die richtige Einschätzung gewesen, aber Carrie entsprach voll und ganz dem damaligen Zeitgeist.
