Die Wünscheltruhe

Das kalte Gemäuer hat den Vorteil,
auch die Helligkeit davon abzuhalten,
kleine Unebenheiten in jeder Ritze
ins Rampenlicht zu treten. Auf dem
Boden steht – ganz plump – eine Truhe.
Aber sie birgt nur den Wunsch,
den du in ihr hast. Ein Vorher wird dich
nicht retten, keine Erfahrung klafft hinter
dir auf. Das Holz dringt in dich und
schlägt dir viele Dinge vor – allesamt nutzlos
und trocken – ein Kamin, der
nicht nach Asche riecht.

Es ist nur der Gedanke einer
langen großen Überfahrt, ein Verschwinden
und ein beinahe-verschollen-sein.
Eine reisende Truhe nimmt stets ein wenig
Luft der alten Welt mit sich, und dadurch
auch ein Stück unerzählter Geschichten, die
sich mehr und mehr auflösen – es verdünnisiert
sie der Trubel, manuell und ohne große
Maschinenträume.

Ein weißer Schutz gegen die noch heißeren
Sommernachtsträume. Es geht wohl überall hin
mit dieser Barke – ein Drops auf steiler Bahn. Doch
der Standort verändert sich nicht, er hat den Anspruch
der Ewigkeit, konserviert durch das Vergessen
monumentaler Merkwürdigkeiten.

Ich bin die Nacht: 6 Schnackelhupfer

Der Jüngere hatte nicht nur physisch zu Helmut aufgesehen, langhaarig, schmutzig, es hatte Roland auch nicht sehr bekümmert, dass Helmut, das Denk- und Sprachrohr, gern ein anderes Rohr in seinen Mund steckte, während Roland ihm Äste in sein Zweitloch, wie er es nannte, stecken sollte, Zweigerl am Astl, Astl am Ast; Helmut sah dabei wie ein Beamter auf seine Armbanduhr, sachliche, aufgeräumte Geräusche von sich gebend, ein Experiment im Schatten der Jugend, man nimmt, was man bekommen kann. Aus Meidlin machten sie sich nichts, prahlten sie sich gegenseitig vor (auch wenn das nicht stimmte und nur ihr Ungeschick und Unverständnis dem anderen Geschlecht gegenüber kaschieren sollte). Was waren das für Wesen?

»Die sind nicht zu verstehen, und zu allem Unglück beginnen sie, schrecklich zu bluten, wenn man ihnen etwas zwischen den Beinen herumfummelt, wo es nichts sonst zu finden gibt. Scharm-Lippen, versteht du?«

Roland hatte das noch nicht gesehen, aber er vertraute Helmut, wenn er von seinen jüngeren Schwestern sprach, wie ihnen ständig die Wunde wieder aufriss und sogar nachts das Bett mit Blut tränkte, die sich dann einen Lappen in die Unterhose legten, oder eine von Luckis alten Baumwollwindeln. Ihre Väter würden sich der Sache annehmen, sagte er – und meinte damit auch Rolands alten Meister, der sich häufig bei den Finners herumtrieb, um sich die Sache mit dem Blut anzusehen. Einmal hatte Roland Helmut gefragt, ob er das nicht auch einmal sehen dürfe, aber Helmut ließ gynäkophobisch keinen Zweifel daran, dass er sich vor seinen Schwestern ekelte und er unmöglich mit jemandem befreundet sein konnte, der sich dafür ernsthaft interessierte.

Es war einmal ein guter Tag, um baden zu gehen, die Sonne brannte das Blau aus dem Himmel heraus, grillte die wenigen Schäfchen, die da oben herumlungerten und sich nicht von der Stelle bewegten. Auf dem Feld hinter der Fabrik, wo die ruinenhaften und gespenstischen Wasserbassins mit all den ertrunkenen Ratten standen, ratterte der Unimog des Schäfers Herold (seinen wirklichen Namen hörte man nie) über die trockenen Stoppeln und wendete das Heu, dessen Geruch wie Getreidedunst über Wendenschuchs Mühle lag. Die Vögel kreischten und tschilpten heute besonders laut. Die Nacht schien keinen Einfluss auf diese gleißend hellen Sommertage zu haben, an denen selbst die Schatten wie helle Oasen wirkten. Aber sie war da. Sie beobachtete. Sie spähte aus Kellern, hockte in versteckten Winkeln der Dachkammern, der Brutstätte von Spinnen und Käfern herum, lauernd und aufmerksam.

Adam stand am alten Apfelbaum, den Unimog, in dem er oft mit über die Felder fuhr, hatte er verpasst, als Roland, Helmut und Lucki hinter dem langgezogenen, leichengelben Hausklotz hervorkamen.

»Kommst du mit?«, rief Helmut schon von weitem. (Es wäre ein Leichtes gewesen, die Stimme als lauernd zu erkennen, nur: wie will man angemessen reagieren, wenn der ganze Kosmos speit?)

Der Badeweiher: eigentlich kein zum Plantschen angelegter Tümpel, sondern einer der drei Fischteiche der Kaländers, ein richtiges Biotop mit meterhohem Schlamm, Libellen, die unentwegt über die Spiegelfläche propellerten, mit Fröschen und natürlich mit schleimigen Fischen: Karpfen und Hechte. Man musste sich überwinden, vom seichten Rand aus ins Wasser zu gleiten, loste die zu opfernde Extremität aus, wedelte Entengrütze und Wasserläufer plantschend hinfort, aber war man erst einmal drin, war das Wasser schlammig frisch und ölig angenehm. Richtig warm wurde es allerdings nicht einmal im Hochsommer. Die anderen Teiche kamen erst gar nicht in Frage. Man hätte sich selbst bis zu den Knien (und noch weiter) im Morast versenkt, bevor man dem Wasser auch nur nahe gekommen wäre. Außerdem lauerten Hände im Schlamm, die einen nicht mehr los ließen. Grünblaue, aufgedunsene Finger mit langen Krallen. Der Schlamm war ja überhaupt die eigentliche Bestie, ein Torwächter zu noch tieferen Regionen. Wer wusste schon, was sich wirklich in der Erde abspielte? Nichts kam hier ohne Geschichten aus. Die einen nannten das Wesen, das hier herumschlich, und dem die zahlreichen Schlammhände am Grund der Fischteiche gehörten, den ›Hägelmoo‹ oder den ›Nachtkrapp‹. Das war die mystische Variante, die auf den Geschichten vom Schwarzen Mann beruhte, die den Kindern erzählt wurden, wenn sie nicht schlafen wollten. Ganz abgesehen davon, dass man im Turnunterricht ein gleichnamiges Spiel spielte. Ein wildes Durcheinander, bei dem manche sich in der Menge versteckten, um nicht erwischt zu werden. Es gab jene, die den Schwarzen Mann neckten, ihn mit Grimassen aufforderten, sich an ihnen zu versuchen. War der Fänger ein guter Fänger, ließ er sich von nichts und niemandem beeindrucken, hatte sich sein Ziel schon bevor das Spiel begann ausgesucht, und jagte nur den Einen, egal, ob er sich versteckte oder ihn herausfordern wollte. Nur der Eine war wichtig – und den würde er hetzten, bis er ihn hatte.

Die andere Geschichte nannte sich die vom ›Schnackelhupfer‹, und die entstammte keiner archaischen Resteverwertung. Vielleicht war sie einst wesentlich harmloser als das Märchen vom Hägelmoo gewesen, zumindest aber war sie realer. Und sie spielte um den Badeweiher herum. Nackt, nur mit Gummistiefeln an den weißen dürren Beinen, hieß es, tanzte dort ein alter, ekelhafter Schmerbauch herum, sobald sich Kinder sehen ließen, knetete seinen riesengroßen Sack und schlenkerte sein Gemächt durch die Luft. Er meckerte wie ein Ziegenbock und roch wie verdorbene saure Sahne. Aber wirklich gesehen hatte ihn niemand – und das war das Schlimmste an der Geschichte. Es blieb der eigenen Phantasie überlassen, was aus ihm geworden war und wo er jetzt wohl stecken mochte.

Ich bin die Nacht: 4 Talon

In früheren Epochen stand die Gemeinschaft voller Ingrimm um den gezwieselten Baum herum wie um einen Scheiterhaufen, das Vieh starb, die Freunde starben, das Land verödete: »Du stinkst wie deine Sünden!«, rief man im Chor. Damals. Ein Wort, das mächtige Welten aus der Vergangenheit herbeizitiert, als hier noch die Holzknechte drahtig und zerlumpt in ihren Hütten, aus Rinde gebaut, lagerten, um den gewaltigen Bedarf an Brenn- und Bauholz zu gewährleisten. Die pumpenden Essen der Hammerwerke verschlangen dabei genauso viel fruchtiges saftiges Tann wie die Glashütten. Außerdem benötigte man Bauland in dieser nahezu lichtungsfreien, waldreichen Gegend, in der fürstlich der Hof der Jagd huldigte oder ausritt, um sich in Ekstase zu bringen durch den Klang prallender Hufen, und demzufolge in recht guter Stimmung ins Schloss zurückkehrte, ob mit oder ohne Beute. Heute handelte man das Vergehen ohne Spott ab, ließ die Muse des Prangers walten, um den Talon zu vollziehen, und der Sünder sollte es für sich allein ausmachen.