Bedlam

Heute ist das Bethlem Royal Hospital in London eine moderne psychiatrische Klinik. Wer jedoch das Pech hatte, in früheren Zeiten dort eingeliefert zu werden, weiß, warum sein Name noch heute für Chaos und Wahnsinn steht. Das Bethlem Hospital (schon früh zu „Bedlam“ abgekürzt) war die erste Irrenanstalt Europas. Es wurde 1247 von der Kirche als Almosenhaus gegründet und war 1357 die erste Einrichtung, in der versucht wurde, psychisch Kranke zu behandeln. Der italienische Bischof Goffredo de Prefetti gründete die Einrichtung, um durch Almosen Geld für die Kreuzzüge zu sammeln.

Es ist unklar, wann sich der Schwerpunkt der Einrichtung ausschließlich auf die Behandlung von Geisteskranken verlagerte, aber um 1330 wurde sie als Hospital bezeichnet und um 1377 war sie hauptsächlich als Heim für Geisteskranke bekannt. Seit mehr als sechs Jahrhunderten werden in Bedlam Geisteskranke behandelt. Doch fast all diese Jahre lebten die Insassen unter fast unvorstellbaren Bedingungen des Grauens, des Schmutzes und des Missbrauchs.

Das alte Bethlem-Hospital um 1750

Einem Bericht aus dem 16. Jahrhundert zufolge war der Abwasserkanal unter dem Gebäude ständig verstopft, und an den Eingängen türmte sich der Schmutz. Damals gab es noch keinen Zusammenhang zwischen Gesundheit und Hygiene, und das Wasser musste mit der Hand geschöpft werden, so dass selbst normale Krankenhäuser schmutzig waren, und Bedlam war noch schlimmer. Gegen Ende des 16. Jahrhunderts erkannte man die dringende Notwendigkeit eines Umbaus – allerdings nicht, um die angebotenen Dienstleistungen zu verbessern. Stattdessen wurde das Hospital an einem Ort außerhalb der Stadt neu errichtet, wobei auch auf das äußere Erscheinungsbild beachtet wurde. Da keine öffentlichen Gelder zur Verfügung standen, musste sich das Hospital als Haus der Nächstenliebe und Hilfe präsentieren.

Der neue Entwurf für Bedlam stammte von Robert Hooke, einem städtischen Landvermesser, und sah korinthische Säulen und einen Turm mit Kuppel vor. Die Fassade war vom Tuilerien-Palast Ludwigs XIV. in Paris inspiriert. Sie gab den Blick auf formale Gärten mit baumgesäumten Promenaden frei. Das Innere des Krankenhauses zeigte sich jedoch als das, was es wirklich war: baufällig. Das schöne, verzierte Äußere war viel zu schwer, so dass die Rückseite des Gebäudes Risse aufwies. Jedes Mal, wenn es regnete, lief Wasser aus den Wänden. Da das Gebäude auf Trümmern errichtet worden war, begann auch das Fundament von Bedlam bald einzustürzen. Im 17. Jahrhundert inspirierte die berüchtigte Anstalt zahlreiche jakobinische Dramen und Balladen. Das Hospital diente dazu, die Bedeutung des Wahnsinns zu erforschen und die Frage zu klären, wer die Macht hatte zu entscheiden, wer überhaupt zurechnungsfähig war. In The Honest Whore, Part I wurde Bedlam zum ersten Mal als Bühnenbild verwendet. Als bekanntestes und größtes Irrenhaus wurde der Ruf von Bedlam als Hölle zu einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung. Je bekannter es wurde, desto schlimmer wurden die Zustände.

James Monro wurde 1728 zum Chefarzt von Bethlem ernannt; seine Familie sollte die Anstalt in den folgenden vier Generationen, insgesamt 125 Jahre lang, leiten. Unter der Schirmherrschaft der Familie verschlechterte sich die Behandlung drastisch, da sie ihre Methoden von den Ideen und Behandlungen der Apotheker auf die der Chirurgen umstellte. Viele Patienten wurden geschlagen, ausgehungert und in eiskalte Bäder getaucht. Die Ernährung der Patienten war unzureichend, viele verhungerten oder litten an Unterernährung. Die Leitung versäumte es, die Patienten mit nahrhaften Mahlzeiten zu versorgen, und verließen sich häufig auf Spenden von Grundnahrungsmitteln und die Mittel, die dem Verwalter für Einkäufe zur Verfügung standen. Die Patienten erhielten zweimal am Tag eine einfache und karge Kost, die der Humoral-Theorie entsprach, nach der eine rationierte Ernährung und der Verzicht auf üppige Speisen die Geisteskranken in die Lage versetzen sollte, ihren Körper wieder ins Gleichgewicht zu bringen und ihren Geist zu zähmen.

Ursprünglich öffnete die Einrichtung ihre Pforten für die Öffentlichkeit in der Hoffnung, Familienangehörige anzulocken, die ihre Verwandten besuchen wollten. Leider gelang das nicht … obwohl es sicherlich die Aufmerksamkeit der wohlhabenden Londoner erregte. Das Leid der Gefangenen wurde zur Unterhaltung für den Rest Londons. Obwohl dies nicht bestätigt werden kann, gibt es Spekulationen, dass die Entscheidung, das Krankenhaus für die Öffentlichkeit zu öffnen, durch die Notwendigkeit motiviert war, Geld zu beschaffen. Bei einem Eintrittspreis von 10 Schilling pro Person (natürlich eine empfohlene Spende) erwiesen sich die Führungen bald als lukrativ. Die Insassen wurden zur Schau gestellt, ihr bizarres Verhalten und ihre oft grausame „Behandlung“ als eine Art Theater betrachtet. Damen in feinen Kleidern und mit Taschentüchern vor der Nase führten durch die Säle wie durch ein Haus des Schreckens.

Als gefährlich eingestufte Gefangene wurden ständig angekettet. Andere durften frei herumlaufen. Handschellen, Einsperren in winzige Käfige, Untertauchen in eiskaltes Wasser – all das wurde als Heilmittel gegen Geisteskrankheiten erprobt. Ebenso Hunger, Aderlass, Schläge und Einzelhaft. Bei der „Rotationstherapie“ wurde ein Patient in einem von der Decke hängenden Stuhl so lange gedreht, bis er sich übergeben musste. Viele Patienten, die ihre Krankheit hätten überleben können, starben an den Folgen dieser Therapie. Patienten, die als zu schwach galten, um die Behandlung zu überleben, wurden sogar abgewiesen. Solange die Familie Munro über das Bedlam Hospital herrschte, gingen die Grausamkeiten weiter. Der letzte Superintendent der Munros war Thomas Munro. Er trat 1816 nach einem Skandal zurück, der darin gipfelte, dass ihm „mangelnde Menschlichkeit“ gegenüber den Patienten von Bedlam vorgeworfen wurde. Nach Munros Weggang wandte sich das Krankenhaus moderneren und weniger ausbeuterischen Methoden zur Behandlung von Geisteskrankheiten zu.

Natürlich umfasste unsere „moderne“ Behandlung psychischer Krankheiten bis in die 1960er Jahre Dinge, die wir heute als barbarisch empfinden, wie gepolsterte Zellen, Zwangsjacken und Lobotomien. Und auch eine moderne psychiatrische Klinik kann ein düsterer Ort sein. Aber das Elend und die Schande von Bedlam Hospital sind heute verschwunden, und nur das Wort erinnert uns daran, wie es wirklich war.

Licht

Sie drehte sich um und beobachtete, wie der Fremde an ihr vorbei ging,
fragte sich, was ihm zugestoßen sein mochte. Im anständigen Teil
der Stadt beteten sie die Wirklichkeit an. Es brannte nicht mehr, als er
einige Stunden später erwachte.

Wünschenswerte Apokalypse

Ich verhalte mich so, als gäbe es keine Menschen mehr – was von einer Tatsache nicht weit entfernt ist. Ich frage mich dann: würde ich schreiben und sprechen, wenn diese – für mich im Grunde wünschenswerte – Tatsache einmal eintreten sollte. und die Antwort ist: natürlich. Ja, das würde ich, denn ich tue es ja jetzt auch; und der Unterschied ist nur marginal.

Der Groll, den sie sich schenkten

 

In dem Nichts aller Zimmer, aller Räume, in denen weder alte Geschichten
mit ihren formalen Resten noch intakter Wandschmuck ihre Aufwartung machten,
zündeten sie Kerzen an und besahen sich schnüffelnd Mäusedreck und
zerschundene Türstöcke. Sie wieherten wie Tiere in einer brennenden Asinerie,
teilten sich auf und vermaßen halb erstickt vor Wut auf sich selbst
das großzügige Untergeschoss mit den nassen Wänden, die den Erdhang
nur scheinbar davon abhielten, eines Tages neugierig, dunkel und schwer
in ihr Leben einzugreifen;

vielleicht sehnte man sich bereits nach der gähnenden Schlucht. Niemand
sah sie, auch ich nicht, niemand sah sie je ganz, in ihrem Geschirr, in ihrem Stall, in
ihren Heuboxen, dem Groll, den sie sich schenkten und in dem die vielen
Ornamente der Düsternis flackernd zerfallen. Jeder stürzte
für sich den darmartigen Tunnel, dem kleinen Gescheide entlang, während
traubenartige Auswüchse auf sie zueilten. Das Ende des langen Flusses
vor ihrer gläsernen Haustür war in weite Ferne gerückt, der Boden schwankte
wie ein trunkenes Schiff.

Man stolperte nicht nur einmal, hielt sich an den rebenartigen Gewächsen fest,
die eine zähe Flüssigkeit absonderten, die keineswegs an Wein erinnerte,
Seidensekrete mochten eine ähnliche Wirkung erzielen, denn es wollte kaum gelingen,
seine Finger wieder von den Webstricken zu lösen. Dann aber sah man
das Leuchten der Kerzen näher rücken. Die Mädchen setzen sich
auf den zerfurchten Boden, ihre tiefen, verborgenen Seelchen sangen Lieder, die sie
den Grashalmen abgehört hatten. Wenn morgen die Möbel kommen,
wird es wieder so sein wie früher. Sie schliefen ein und träumten
von einer gigantischen Glocke, die in einem makellos blauen Himmel hing.

Die Magie der verborgenen Schuhe

Ein „verborgener Schuh“ ist ein Schuh, ein Stiefel oder eine Pantoffel, die in den Wänden von Gebäuden und Häusern versteckt sind – manchmal mit magischer Absicht durch Bauherren und Hausbesitzer. Aberglaube und spirituelle Überzeugungen veranlassten die Menschen, diese Gegenstände an geheimen Orten zu verstecken, um Hexen und böse Geister abzuwehren. Schließlich wurden so viele dieser Schuhe gefunden, dass Gelehrte und Archäologen erkannten, dass sie absichtlich aus Gründen dort angebracht wurden, die für uns im Dunkel liegen.

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Die Nacht

Die Nacht –
manchmal glaubt man, sie sei ein lebendiges Wesen. Sie bewegt sich, und wer ständig in Bewegung ist, hat etwas zu verbergen. Woher sollte diese Rastlosigkeit sonst kommen? Aber lassen wir die Nacht in ihrer bizarren Formlosigkeit verharren. Sprechen wir lieber von dem, was sich in ihr befindet – oder hinter ihr.

Die Nacht
ist ein Zauberer, gleichzeitig ist sie der Theatervorhang, der sich hebt und die Scheinwerfer auf das fallen lässt, was sie auf der Bühne schon vorbereitet hat. Wegen ihr kommen die Zuschauer in Scharen, wegen ihr zahlen sie jeden Preis. Die Nacht spricht durch Symbole, nie benutzt sie ihre eigene Stimme. Sie imitiert Ängste und verdrängt Gelüste.

Daniel Weber: Die unerwartete Zeugin

Bouquinist

Der zweite Band der „Phillipsdorf-Reihe“ von Daniel Weber wartet zunächst mit einer angenehmen stilistischen Überraschung auf, dass der Kern des Romans die Untersuchung eines äußerst skurrilen Mordes nachzeichnet. Ohne viel Federlesens beginnt das Abenteuer mit dem Interview eines Geistes, der weiß, was wirklich geschehen ist mit Christoph Biber, der nach dem bestialischen Mord an einer jungen Frau in einer Klinik für geistesgestörte Verbrecher selbst tot aufgefunden wird – erwürgt von seiner eigenen Hand. Der Geist – eine Dame mit dem Namen Leichtfried, meldet sich bei Stefan Hanns, weil ihr Gerechtigkeitssinn sie dazu treibt. Sie weiß zu berichten, dass Biber unschuldig ist. Und tatsächlich wissen wir es am Ende auch, was wir aber im Laufe des Romans erfahren, ist völlig unglaublich. Nun, im Grunde unglaublich, aber schauen Sie sich um, liebe Leser, liebe Leserinnen! Schauen Sie sich um und werden Sie sich gewahr, wo wir uns befinden! In Phillipsdorf, im Bezirk des Wahnsinns!

Im Laufe der Untersuchungen, die Stefan Hanns mit seinem besten Freund Raphael Kurzhaus führt (der ihm plötzlich ebenfalls wie ein Enigma erscheint aufgrund seiner schon im ersten Band „Die zweifelhafte Erbschaft“ überraschenden Qualitäten als Geisterjäger), erfahren wir die unausweichlich auf ein entsetzliches Ende zusteuernde Geschichte des Studenten, der im Alter von 20 Jahren nach Phillipsdorf kam und zum Spielball von Mächten wurde, die er zu keiner Zeit begreifen konnte.

Daniel überspringt Szenen, die andere Autoren wahrscheinlich in die Länge gezogen hätten, um die ganze Geschichte aufzublähen, die aber die Geschwindigkeit der Erzählung bremsen würden. Natürlich ist das eine Diskussion, die jeder Autor immer wieder mit sich selbst ausmacht, aber denken wir an die Welt des seriellen Erzählens, wie es in Comics üblich ist. Zwischen zwei Szenen (also in diesem Fall zwischen zwei Panels), existiert die Erzählwelt weiter und der Leser/die Leserin führt die Geschichte im Hintergrund selbst aus. Das bedeutet allerdings nicht, dass uns etwas in Phillipsdorf entgeht oder alles nur fragmentarisch erzählt würde. Ganz im Gegenteil ist hier die Einschränkung des Epischen eine Wohltat, weil sie vom Autor wohldurchdacht ist und sich alles auf das Wesentliche fokussiert.

Der stilistische Schwung, der diesem zweiten Band innewohnt, vertieft unsere Begegnung mit den skurrilen Charakteren und führt uns auf eine neue Ebene. Sie werden genau in der richtigen Dosis weitergesponnen und neue Figuren ins Rampenlicht gerückt. Wie bereits in „Die zweifelhafte Erbschaft“ ist David Grau im gesamten Werk eine Schlüsselfigur, bleibt aber mit seinen Machenschaften immer noch vage genug, als würden wir etwas nur durch die Augenwinkel beobachten. Er scheint überall seine Finger im Spiel zu haben, tritt aber nie in definitiver Form auf. Er ist einerseits freundlich, strahlt andererseits aber eine Kälte aus, hinter der mehr zu stecken scheint. Wir ahnen etwas, aber wir wissen es noch nicht genau, was es ist. Einerseits erinnert die Figur an den Grafen von Saint Germaine, scheint etwas von altem Adel, und genau wie der Graf eine Art Unsterblichkeit (zumindest Alterslosigkeit) an sich zu haben, die Rätsel aufgibt.

Andererseits ist er durchaus dämonisch, von Geheimnissen umhüllt und auf seinem Anwesen von zwei Dienern umgeben, deren Namen Bände sprechen: Ratte und Wurm. Seltsame Namen, nicht wahr? Aber vielleicht nicht so seltsam wie die Tatsache, dass er der vermeintliche Bruder der „Alten“ ist, einer durchaus mächtigen Hexe, deren dunkle Machenschaften überhaupt erst zum vorliegenden Geschehen führen. Ihr Tod wird nicht geschildert. Das ist eine der oben genannten Herangehensweisen des Autors und erscheint deshalb zunächst unspektakulär, nachdem sie doch bereits im ersten Band als äußerst Geheimnisvoll und gefährlich (wie ihr Bruder auch) dargestellt wird. Aber ihre Hinterlassenschaft ist alles andere als seicht. Sie wird sich – untot wie sie fortan ist – am Ende des Romans einreihen in die Gruppe bizarrer Mitbewohner des Erzählers Stefan Hanns, der das geerbte Haus seines Großonkels nun fast schon wie eine geisterhafte WG führt, die (ähnlich wie der Vergleich Graus mit Saint Germain) durchaus etwas von „What We Do In The Shadows“ hat, auch wenn sich diese Horror-Mockumentary um Vampire dreht.

Es ist speziell die Atmosphäre und der schwarze Humor, die alles unterlegen und die in dieser speziellen Geschichte die Tragik nicht melodramatisch erscheinen lassen. Denn dass es diese Tragik gibt, ist unzweifelhaft und beginnt bereits bei der Halb-Ghoula Helena, die sich wünscht, ein ganz normales pubertierendes Mädchen zu sein, was ihr auch gelingt (einmal abgesehen von ihren Essgewohnheiten, die recht viehisch sind). Es geht weiter über die titelgebende „unerwartete Zeugin“ – eines der Opfer der „Alten“, die rein aus Langeweile (und schon zu Lebzeiten) ihre Nase (und jetzt Geisternase) in die Angelegenheiten anderer Leute steckt. Einerseits wird hier zwar dieser typische Archetyp einer biederen Nachbarschaft parodiert, andererseits aber die erfrischende Idee dargeboten, einen Geist als – fast schon – Kronzeugen auftreten zu lassen. Am Ende werden Stefan und Raphael ihr in einer wunderschönen Szene Erlösung bieten, denn eines ist der Autor sicher nicht: ein Berserker. Daniel Weber ist vielmehr interessiert an den Konfliktpunkten, und es gibt eben Dinge, die sich nicht zwischen den Zeilen erledigen lassen, sondern die es wert sind, erzählt zu werden.

Fast schon am Rande bekommen wir immer wieder Hinweise auf eine Welt, die von H.P. Lovecraft erschaffen wurde. Es fallen Namen wie Arkham oder Nyarlathotep, aber doch ganz anders wie das Heer an Autoren des Lovecraftschen Horror diese Begrifflichkeiten nutzt. Daniel Weber verbindet seinen Bezirk des Wahnsinns zwar mit der Welt des Mythos, aber er macht das auf seine Weise, indem er nicht etwa seine Erzählwelt Lovecraft unterwirft, sondern ganz im Gegenteil Lovecrafts Fieberträume Teil von Phillipsdorf sein lässt.

Schmierige Tage

Es sind schmierige Tage, diese Tage – und die Nächte sind ein Dilemma für sich, die mich auch am Tag nicht loslassen. Wie sollten sie auch, wüssten sie doch mit ihren Klauen sonst nichts anzufangen. Das Unbekannte geht mir ungeheuer auf die Nerven. Wie kann man eine Fleischmaschine nur derart verhöhnen, ihr immer nur das Gefühl geben, sie hätte für sich selbst etwas entdeckt, für sich selbst etwas evaluiert, die schiefen Sandmäuerchen am Strand durch eigenes Denkmanöver vor das Meer gepflanzt, das nun gar nicht zu bemerken scheint, dass der Gegner an Land mit seiner Plastikschaufel unüberwindbar ist. Die Welt erinnert mich durchaus an eine Weißwurstpelle, die im Aschenbecher des Hofbräuhauses liegt. Ich habe die Geschichte schon erzählt, wie einst dort Beutelschneiderinnen, die sich als Klofrauen ausgaben, das Schwanzkommando, das gegen die Wände pisste, dirigierte. Nur waren das keine schmierigen Tage, sondern lebendige Höfe in einem Taschenuniversum. Zumindest von hier aus gesehen.

Spintisera

Zunächst war es nur seine rechte Hand, die in einem Buch verschwand, und er dachte sich nichts dabei, da er übermüdet und unkonzentriert las. Es musste ihm also nur so vorgekommen sein, als wäre die Hand beim Umblättern verschwunden. Im nächsten Augenblick war alles wieder wie gewohnt und er fühlte das raue Papier mit seinen Fingerkuppen. Doch blieb das eingenartige Gefühl zurück, für kurz eine Reise unternommen zu haben, und der Holzgeschmack auf seiner Zunge sprach ebenfalls dafür, dass etwas anders war als zuvor. Plötzlich glaubte er die Worte schmecken zu können, die er gerade gelesen hatte oder im Begriff war noch zu lesen, er wusste, wie vergänglich die Eindrücke von einer festen und gelehrigen Sprache waren, und wie es im Buch selbst aussehen musste, so beladen zu sein, übervoll an Bedeutung; und das alles nur wegen einer kaum zu bemessenden Zeitspanne, während der er sich eingebildet hatte, er griffe in den Kern der fremden Existenz, die er bisher nur als Fetisch oder Nutzobjekt verstand, als Medium, das den Geist in einer Trance badete, die selbstverständlich war und darüber hinaus voller merkfähiger Gedanken, aus der Gruft der Vergangenheit herangeweht, aus den Nischen der Körperlosigkeit und des bloßen Einfalls. Er versuchte es erneut, bei vollem Bewusstsein, aber das Buch, das wieder Gegenstand geworden war, wies seine erwartungsvoll tastende Hand zurück. Die Verhältnisse waren geklärt; und er konnte zwar tun, was immer mit einem Buch anzufangen ihm in den Sinn kam, das metaphysische Momentum jedoch schien verloren. Während er weiterlas,um zu erahnen, welche Zaubersprüche seine Hand durch Materie gezogen und seinen Geschmack entfacht hatte, bemerkte er, wie die Oberfläche des Blattes in eine Dreidimensionalität glitt und dahinter sich Buchstaben drehten und verrenkten wie im Veitstanz. Ein ganzes Alphabet an dicken Bäuchen und schlanken Hälsen räkelte sich auf einem gepflegten Rasen, zum Turnsport versammelt, bis er erkannte, dass es sich um Fracks und Ballkleider handelte, die um Leiber geschlungen waren, die geschnitzten Figurinen ähnelten. Ihre Bewegungen blieben abstrakt und im Grunde nicht nachvollziehbar. Außer diesem beweglichen Tableau sah er nichts, denn er wusste ja dass er las und sich die Zeichen in seinem Schädel eine merkwürdige Pläsanterie erlaubten. Auch schmeckte und roch er wieder Holz, zu dem sich Gallussäure und Speck gesellte, denn natürlich hatten seine unvorsichtig unsauberen Finger seit der letzten Mahlzeit kein Handwasser gesehen und etwas Fett auf die Kanten und den Umschlag übertragen. Doch das Atmen fiel ihm leichter in seiner ungelüfteten Stube, denn hier stand, dass jeder, der sich bewegte, auch etwas Luft zugefächelt bekam. Er sah, wie die Buchstaben atmeten, wie sie groß wurden und wieder in ihre ursprüngliche Form zurückfederten, wie sie Lerchenstimmen lauschten, um dann die Bedeutung für ihn zu turnen, weshalb er überhaupt wusste, dass es sich eben um diesen Vogel handelte.

Die Domäne der heißeren Zerstörung hatte das Land ergriffen, in das er jetzt hineintrat und ihm war es, als fiele er von einem heißen Sommermonat in ein kaltes Kneippbecken, um ihn vom Leben selbst zu kühlen, denn als er gerade noch das Grün einer wilden Botanik durchstreifte, war er von einer Sekunde zur nächsten der blühenden Pflanzengesellschaft verloren. Noch dachte er, dass sich das Land schnell verändert haben musste, während er in Gedanken war, denn der Keim aller Trostlosigkeit steckte in diesem abrupten Wechsel, und es wollte ihm gar nichts nützen, dass er zunächst instinktiv zurückschreckte und überrascht hinter sich blickte: der Eindruck blieb nämlich bestehen, so als habe er sich mit der Vorstellung des Üppigen selbst getäuscht. Er war wie so oft an eine Seifenblase gekettet, die von innen unzerstörbarer anmutete als das von außen der Fall war. Diese zerstobene Blase ließ ihn jetzt die Wahrheit erkennen und zum ersten Mal in seinem Leben fragte er sich, wo er war und wie er dort hin gekommen sein konnte. Seine Vergangenheit war ein plötzlicher Morast, bestehend aus Winkelzügen einer unzuverlässigen Erinnerung, die ihn bedrängte und zur Selbstbefragung nötigte, ob er sich nicht ebenfalls seine Wanderungen eingebildet haben könnte, ob er nicht wie im Traum nur durch Fassaden eines Gedankenpulvers gefallen war, dessen Millionen Körner ihm eine feste Welt vorgegaukelt hatte. Womöglich war er farbenblind geworden, oder war er es schon immer gewesen? War denn die Erinnerung überhaupt in einer Strecke zu fassen, im Vorbeigleiten der Geschehnisse, die wie Gebäude in Reih und Glied am Saum einer Straße aufgeknüpft standen, einer Trabantenstadt so ähnlich wie er selbst der fernen Beschreibung eines nur vage wahrgenommenen Tiers?

Nachgast-Omen (Strophe 11)

Das Firmament ist so nah und deutlich, dass man
sich eine Scheibe davon abschneiden könnte, mit einem
hohlen Messer mit viel Luft in der Mitte und einem
eigenständigen Glühen, das alles im Umkreis von kaum
zu berechnender Größe in ein Handtuch aus Licht beugt. Die
Schatten spenden Formen, wenn dieses Licht weicht, aber die
Dinge geben keinen Aufschluss darüber, wie sie wirklich beschaffen
sind, sie sind schwer zu tasten aber noch weniger zu sehen.
Mit verstopften Ohren hätten wir ein besseres Gefühl für ihr
Vorhaben. Wir könnten ihre Höhe berechnen und eine Parkbank
installieren, um immerfort daran zu erinnern.

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