Der Groll, den sie sich schenkten

 

In dem Nichts aller Zimmer, aller Räume, in denen weder alte Geschichten
mit ihren formalen Resten noch intakter Wandschmuck ihre Aufwartung machten,
zündeten sie Kerzen an und besahen sich schnüffelnd Mäusedreck und
zerschundene Türstöcke. Sie wieherten wie Tiere in einer brennenden Asinerie,
teilten sich auf und vermaßen halb erstickt vor Wut auf sich selbst
das großzügige Untergeschoss mit den nassen Wänden, die den Erdhang
nur scheinbar davon abhielten, eines Tages neugierig, dunkel und schwer
in ihr Leben einzugreifen;

vielleicht sehnte man sich bereits nach der gähnenden Schlucht. Niemand
sah sie, auch ich nicht, niemand sah sie je ganz, in ihrem Geschirr, in ihrem Stall, in
ihren Heuboxen, dem Groll, den sie sich schenkten und in dem die vielen
Ornamente der Düsternis flackernd zerfallen. Jeder stürzte
für sich den darmartigen Tunnel, dem kleinen Gescheide entlang, während
traubenartige Auswüchse auf sie zueilten. Das Ende des langen Flusses
vor ihrer gläsernen Haustür war in weite Ferne gerückt, der Boden schwankte
wie ein trunkenes Schiff.

Man stolperte nicht nur einmal, hielt sich an den rebenartigen Gewächsen fest,
die eine zähe Flüssigkeit absonderten, die keineswegs an Wein erinnerte,
Seidensekrete mochten eine ähnliche Wirkung erzielen, denn es wollte kaum gelingen,
seine Finger wieder von den Webstricken zu lösen. Dann aber sah man
das Leuchten der Kerzen näher rücken. Die Mädchen setzen sich
auf den zerfurchten Boden, ihre tiefen, verborgenen Seelchen sangen Lieder, die sie
den Grashalmen abgehört hatten. Wenn morgen die Möbel kommen,
wird es wieder so sein wie früher. Sie schliefen ein und träumten
von einer gigantischen Glocke, die in einem makellos blauen Himmel hing.

Die Magie der verborgenen Schuhe

Ein „verborgener Schuh“ ist ein Schuh, ein Stiefel oder eine Pantoffel, die in den Wänden von Gebäuden und Häusern versteckt sind – manchmal mit magischer Absicht durch Bauherren und Hausbesitzer. Aberglaube und spirituelle Überzeugungen veranlassten die Menschen, diese Gegenstände an geheimen Orten zu verstecken, um Hexen und böse Geister abzuwehren. Schließlich wurden so viele dieser Schuhe gefunden, dass Gelehrte und Archäologen erkannten, dass sie absichtlich aus Gründen dort angebracht wurden, die für uns im Dunkel liegen.

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Die Nacht

Die Nacht –
manchmal glaubt man, sie sei ein lebendiges Wesen. Sie bewegt sich, und wer ständig in Bewegung ist, hat etwas zu verbergen. Woher sollte diese Rastlosigkeit sonst kommen? Aber lassen wir die Nacht in ihrer bizarren Formlosigkeit verharren. Sprechen wir lieber von dem, was sich in ihr befindet – oder hinter ihr.

Die Nacht
ist ein Zauberer, gleichzeitig ist sie der Theatervorhang, der sich hebt und die Scheinwerfer auf das fallen lässt, was sie auf der Bühne schon vorbereitet hat. Wegen ihr kommen die Zuschauer in Scharen, wegen ihr zahlen sie jeden Preis. Die Nacht spricht durch Symbole, nie benutzt sie ihre eigene Stimme. Sie imitiert Ängste und verdrängt Gelüste.

Daniel Weber: Die unerwartete Zeugin

Bouquinist

Der zweite Band der „Phillipsdorf-Reihe“ von Daniel Weber wartet zunächst mit einer angenehmen stilistischen Überraschung auf, dass der Kern des Romans die Untersuchung eines äußerst skurrilen Mordes nachzeichnet. Ohne viel Federlesens beginnt das Abenteuer mit dem Interview eines Geistes, der weiß, was wirklich geschehen ist mit Christoph Biber, der nach dem bestialischen Mord an einer jungen Frau in einer Klinik für geistesgestörte Verbrecher selbst tot aufgefunden wird – erwürgt von seiner eigenen Hand. Der Geist – eine Dame mit dem Namen Leichtfried, meldet sich bei Stefan Hanns, weil ihr Gerechtigkeitssinn sie dazu treibt. Sie weiß zu berichten, dass Biber unschuldig ist. Und tatsächlich wissen wir es am Ende auch, was wir aber im Laufe des Romans erfahren, ist völlig unglaublich. Nun, im Grunde unglaublich, aber schauen Sie sich um, liebe Leser, liebe Leserinnen! Schauen Sie sich um und werden Sie sich gewahr, wo wir uns befinden! In Phillipsdorf, im Bezirk des Wahnsinns!

Im Laufe der Untersuchungen, die Stefan Hanns mit seinem besten Freund Raphael Kurzhaus führt (der ihm plötzlich ebenfalls wie ein Enigma erscheint aufgrund seiner schon im ersten Band „Die zweifelhafte Erbschaft“ überraschenden Qualitäten als Geisterjäger), erfahren wir die unausweichlich auf ein entsetzliches Ende zusteuernde Geschichte des Studenten, der im Alter von 20 Jahren nach Phillipsdorf kam und zum Spielball von Mächten wurde, die er zu keiner Zeit begreifen konnte.

Daniel überspringt Szenen, die andere Autoren wahrscheinlich in die Länge gezogen hätten, um die ganze Geschichte aufzublähen, die aber die Geschwindigkeit der Erzählung bremsen würden. Natürlich ist das eine Diskussion, die jeder Autor immer wieder mit sich selbst ausmacht, aber denken wir an die Welt des seriellen Erzählens, wie es in Comics üblich ist. Zwischen zwei Szenen (also in diesem Fall zwischen zwei Panels), existiert die Erzählwelt weiter und der Leser/die Leserin führt die Geschichte im Hintergrund selbst aus. Das bedeutet allerdings nicht, dass uns etwas in Phillipsdorf entgeht oder alles nur fragmentarisch erzählt würde. Ganz im Gegenteil ist hier die Einschränkung des Epischen eine Wohltat, weil sie vom Autor wohldurchdacht ist und sich alles auf das Wesentliche fokussiert.

Der stilistische Schwung, der diesem zweiten Band innewohnt, vertieft unsere Begegnung mit den skurrilen Charakteren und führt uns auf eine neue Ebene. Sie werden genau in der richtigen Dosis weitergesponnen und neue Figuren ins Rampenlicht gerückt. Wie bereits in „Die zweifelhafte Erbschaft“ ist David Grau im gesamten Werk eine Schlüsselfigur, bleibt aber mit seinen Machenschaften immer noch vage genug, als würden wir etwas nur durch die Augenwinkel beobachten. Er scheint überall seine Finger im Spiel zu haben, tritt aber nie in definitiver Form auf. Er ist einerseits freundlich, strahlt andererseits aber eine Kälte aus, hinter der mehr zu stecken scheint. Wir ahnen etwas, aber wir wissen es noch nicht genau, was es ist. Einerseits erinnert die Figur an den Grafen von Saint Germaine, scheint etwas von altem Adel, und genau wie der Graf eine Art Unsterblichkeit (zumindest Alterslosigkeit) an sich zu haben, die Rätsel aufgibt.

Andererseits ist er durchaus dämonisch, von Geheimnissen umhüllt und auf seinem Anwesen von zwei Dienern umgeben, deren Namen Bände sprechen: Ratte und Wurm. Seltsame Namen, nicht wahr? Aber vielleicht nicht so seltsam wie die Tatsache, dass er der vermeintliche Bruder der „Alten“ ist, einer durchaus mächtigen Hexe, deren dunkle Machenschaften überhaupt erst zum vorliegenden Geschehen führen. Ihr Tod wird nicht geschildert. Das ist eine der oben genannten Herangehensweisen des Autors und erscheint deshalb zunächst unspektakulär, nachdem sie doch bereits im ersten Band als äußerst Geheimnisvoll und gefährlich (wie ihr Bruder auch) dargestellt wird. Aber ihre Hinterlassenschaft ist alles andere als seicht. Sie wird sich – untot wie sie fortan ist – am Ende des Romans einreihen in die Gruppe bizarrer Mitbewohner des Erzählers Stefan Hanns, der das geerbte Haus seines Großonkels nun fast schon wie eine geisterhafte WG führt, die (ähnlich wie der Vergleich Graus mit Saint Germain) durchaus etwas von „What We Do In The Shadows“ hat, auch wenn sich diese Horror-Mockumentary um Vampire dreht.

Es ist speziell die Atmosphäre und der schwarze Humor, die alles unterlegen und die in dieser speziellen Geschichte die Tragik nicht melodramatisch erscheinen lassen. Denn dass es diese Tragik gibt, ist unzweifelhaft und beginnt bereits bei der Halb-Ghoula Helena, die sich wünscht, ein ganz normales pubertierendes Mädchen zu sein, was ihr auch gelingt (einmal abgesehen von ihren Essgewohnheiten, die recht viehisch sind). Es geht weiter über die titelgebende „unerwartete Zeugin“ – eines der Opfer der „Alten“, die rein aus Langeweile (und schon zu Lebzeiten) ihre Nase (und jetzt Geisternase) in die Angelegenheiten anderer Leute steckt. Einerseits wird hier zwar dieser typische Archetyp einer biederen Nachbarschaft parodiert, andererseits aber die erfrischende Idee dargeboten, einen Geist als – fast schon – Kronzeugen auftreten zu lassen. Am Ende werden Stefan und Raphael ihr in einer wunderschönen Szene Erlösung bieten, denn eines ist der Autor sicher nicht: ein Berserker. Daniel Weber ist vielmehr interessiert an den Konfliktpunkten, und es gibt eben Dinge, die sich nicht zwischen den Zeilen erledigen lassen, sondern die es wert sind, erzählt zu werden.

Fast schon am Rande bekommen wir immer wieder Hinweise auf eine Welt, die von H.P. Lovecraft erschaffen wurde. Es fallen Namen wie Arkham oder Nyarlathotep, aber doch ganz anders wie das Heer an Autoren des Lovecraftschen Horror diese Begrifflichkeiten nutzt. Daniel Weber verbindet seinen Bezirk des Wahnsinns zwar mit der Welt des Mythos, aber er macht das auf seine Weise, indem er nicht etwa seine Erzählwelt Lovecraft unterwirft, sondern ganz im Gegenteil Lovecrafts Fieberträume Teil von Phillipsdorf sein lässt.

Schmierige Tage

Es sind schmierige Tage, diese Tage – und die Nächte sind ein Dilemma für sich, die mich auch am Tag nicht loslassen. Wie sollten sie auch, wüssten sie doch mit ihren Klauen sonst nichts anzufangen. Das Unbekannte geht mir ungeheuer auf die Nerven. Wie kann man eine Fleischmaschine nur derart verhöhnen, ihr immer nur das Gefühl geben, sie hätte für sich selbst etwas entdeckt, für sich selbst etwas evaluiert, die schiefen Sandmäuerchen am Strand durch eigenes Denkmanöver vor das Meer gepflanzt, das nun gar nicht zu bemerken scheint, dass der Gegner an Land mit seiner Plastikschaufel unüberwindbar ist. Die Welt erinnert mich durchaus an eine Weißwurstpelle, die im Aschenbecher des Hofbräuhauses liegt. Ich habe die Geschichte schon erzählt, wie einst dort Beutelschneiderinnen, die sich als Klofrauen ausgaben, das Schwanzkommando, das gegen die Wände pisste, dirigierte. Nur waren das keine schmierigen Tage, sondern lebendige Höfe in einem Taschenuniversum. Zumindest von hier aus gesehen.

Spintisera

Zunächst war es nur seine rechte Hand, die in einem Buch verschwand, und er dachte sich nichts dabei, da er übermüdet und unkonzentriert las. Es musste ihm also nur so vorgekommen sein, als wäre die Hand beim Umblättern verschwunden. Im nächsten Augenblick war alles wieder wie gewohnt und er fühlte das raue Papier mit seinen Fingerkuppen. Doch blieb das eingenartige Gefühl zurück, für kurz eine Reise unternommen zu haben, und der Holzgeschmack auf seiner Zunge sprach ebenfalls dafür, dass etwas anders war als zuvor. Plötzlich glaubte er die Worte schmecken zu können, die er gerade gelesen hatte oder im Begriff war noch zu lesen, er wusste, wie vergänglich die Eindrücke von einer festen und gelehrigen Sprache waren, und wie es im Buch selbst aussehen musste, so beladen zu sein, übervoll an Bedeutung; und das alles nur wegen einer kaum zu bemessenden Zeitspanne, während der er sich eingebildet hatte, er griffe in den Kern der fremden Existenz, die er bisher nur als Fetisch oder Nutzobjekt verstand, als Medium, das den Geist in einer Trance badete, die selbstverständlich war und darüber hinaus voller merkfähiger Gedanken, aus der Gruft der Vergangenheit herangeweht, aus den Nischen der Körperlosigkeit und des bloßen Einfalls. Er versuchte es erneut, bei vollem Bewusstsein, aber das Buch, das wieder Gegenstand geworden war, wies seine erwartungsvoll tastende Hand zurück. Die Verhältnisse waren geklärt; und er konnte zwar tun, was immer mit einem Buch anzufangen ihm in den Sinn kam, das metaphysische Momentum jedoch schien verloren. Während er weiterlas,um zu erahnen, welche Zaubersprüche seine Hand durch Materie gezogen und seinen Geschmack entfacht hatte, bemerkte er, wie die Oberfläche des Blattes in eine Dreidimensionalität glitt und dahinter sich Buchstaben drehten und verrenkten wie im Veitstanz. Ein ganzes Alphabet an dicken Bäuchen und schlanken Hälsen räkelte sich auf einem gepflegten Rasen, zum Turnsport versammelt, bis er erkannte, dass es sich um Fracks und Ballkleider handelte, die um Leiber geschlungen waren, die geschnitzten Figurinen ähnelten. Ihre Bewegungen blieben abstrakt und im Grunde nicht nachvollziehbar. Außer diesem beweglichen Tableau sah er nichts, denn er wusste ja dass er las und sich die Zeichen in seinem Schädel eine merkwürdige Pläsanterie erlaubten. Auch schmeckte und roch er wieder Holz, zu dem sich Gallussäure und Speck gesellte, denn natürlich hatten seine unvorsichtig unsauberen Finger seit der letzten Mahlzeit kein Handwasser gesehen und etwas Fett auf die Kanten und den Umschlag übertragen. Doch das Atmen fiel ihm leichter in seiner ungelüfteten Stube, denn hier stand, dass jeder, der sich bewegte, auch etwas Luft zugefächelt bekam. Er sah, wie die Buchstaben atmeten, wie sie groß wurden und wieder in ihre ursprüngliche Form zurückfederten, wie sie Lerchenstimmen lauschten, um dann die Bedeutung für ihn zu turnen, weshalb er überhaupt wusste, dass es sich eben um diesen Vogel handelte.

Die Domäne der heißeren Zerstörung hatte das Land ergriffen, in das er jetzt hineintrat und ihm war es, als fiele er von einem heißen Sommermonat in ein kaltes Kneippbecken, um ihn vom Leben selbst zu kühlen, denn als er gerade noch das Grün einer wilden Botanik durchstreifte, war er von einer Sekunde zur nächsten der blühenden Pflanzengesellschaft verloren. Noch dachte er, dass sich das Land schnell verändert haben musste, während er in Gedanken war, denn der Keim aller Trostlosigkeit steckte in diesem abrupten Wechsel, und es wollte ihm gar nichts nützen, dass er zunächst instinktiv zurückschreckte und überrascht hinter sich blickte: der Eindruck blieb nämlich bestehen, so als habe er sich mit der Vorstellung des Üppigen selbst getäuscht. Er war wie so oft an eine Seifenblase gekettet, die von innen unzerstörbarer anmutete als das von außen der Fall war. Diese zerstobene Blase ließ ihn jetzt die Wahrheit erkennen und zum ersten Mal in seinem Leben fragte er sich, wo er war und wie er dort hin gekommen sein konnte. Seine Vergangenheit war ein plötzlicher Morast, bestehend aus Winkelzügen einer unzuverlässigen Erinnerung, die ihn bedrängte und zur Selbstbefragung nötigte, ob er sich nicht ebenfalls seine Wanderungen eingebildet haben könnte, ob er nicht wie im Traum nur durch Fassaden eines Gedankenpulvers gefallen war, dessen Millionen Körner ihm eine feste Welt vorgegaukelt hatte. Womöglich war er farbenblind geworden, oder war er es schon immer gewesen? War denn die Erinnerung überhaupt in einer Strecke zu fassen, im Vorbeigleiten der Geschehnisse, die wie Gebäude in Reih und Glied am Saum einer Straße aufgeknüpft standen, einer Trabantenstadt so ähnlich wie er selbst der fernen Beschreibung eines nur vage wahrgenommenen Tiers?

Nachgast-Omen (Strophe 11)

Das Firmament ist so nah und deutlich, dass man
sich eine Scheibe davon abschneiden könnte, mit einem
hohlen Messer mit viel Luft in der Mitte und einem
eigenständigen Glühen, das alles im Umkreis von kaum
zu berechnender Größe in ein Handtuch aus Licht beugt. Die
Schatten spenden Formen, wenn dieses Licht weicht, aber die
Dinge geben keinen Aufschluss darüber, wie sie wirklich beschaffen
sind, sie sind schwer zu tasten aber noch weniger zu sehen.
Mit verstopften Ohren hätten wir ein besseres Gefühl für ihr
Vorhaben. Wir könnten ihre Höhe berechnen und eine Parkbank
installieren, um immerfort daran zu erinnern.

Daniel Weber: Die zweifelhafte Erbschaft

Bouquinist

s gibt Städte, die größer sind als ihre Landkarte. Wien ist eine davon. Unter den barocken Fassaden, den akkurat nummerierten Bezirken, den Grüften und Kaffeehäusern, rumort seit Jahrhunderten ein anderes Wien: ein Wien der Widergänger, der toten Engel, der verdrängten Träume. Daniel Weber hat diesem unsichtbaren Wien einen Namen gegeben: Phillipsdorf, den „verbotenen 24. Bezirk“.

Was Weber hier entwirft, ist kein Schauplatz im herkömmlichen Sinn, sondern ein lebender Organismus. Phillipsdorf ist das Übermaß der Stadt, das, was sie nicht aushält. Ein Bezirk, der nur existieren kann, weil er offiziell nicht existiert. Schon in dieser paradoxen Logik liegt sein phantastisches Prinzip: ein Ort zwischen Realismus und Wahn, zwischen Topographie und Mythos. Wo die Gothic Novel noch das Grauen in alten Mauern suchte und die Weird Fiction das Fremde als kosmischen Einbruch verstand, kommt bei Weber das Unheimliche aus der Ordnung selbst – aus Wien, das sich im eigenen Spiegel nicht mehr erkennt.

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Nachgast-Omen (Erweiterung)

Gesättigt sind die Trauben nur dann, wenn sie von
vielen Gläsern erzählen können. Eine Fertigkeit krönt
sich selbst, wenn sie funktioniert, durch vibrierende
Nerven Kontakt aufnehmen kann. Die Bravour des
Zerquetschens auf die richtige Weise. Der Geschmack liegt um
die Zuckermoleküle herum, aber der Kern wird dennoch
verfehlt, außer bei der passenden Musik. Sie darf von
Blaskolben stammen, aus Blech geformt wie ein Rohr
oder aus den Mineralien der Schlacht um Aufmerksamkeit.
Der kleine Nebel und ein Schloss – beides dürfte genug sein.

Ich hätte mir durchaus vorstellen können, die Kluft zu
überspringen, aber wer würde dann an meiner statt in
die Klamm fallen, wer würde zerschmettern an den Pilzen,
Dornen und Stacheln, an den Fieberabenden, den
lerchenfreien Tagen, nur um etwas Abstand zu gewinnen
vor der eigenen Unbekümmertheit, auf einer Gartenparty
eingeladen zu sein heißt nicht, sein Haus verlassen
zu müssen, man schickt einen Geist, der nie ermüdet,
aber zum Lohn verlangt, den Dachboden unter sich
aufteilen zu dürfen. Man müsste allein aus Vernunftgründen
fähig sein, ein fremdes Gewissen zu belasten,
während man selbst versucht, seine Lampe zu reparieren.

In alten Zeiten drehten sie Filme vor einem Scheunentor
und standen selbst nicht einmal hinter der Kamera, sondern verloren
sich an die blauen Wiesen rund um das Gehege perlmuttern
glänzender Faksimiles. Manches währt ewig, wenn man
nicht aufpasst. Am besten eignen sich Ersatzteile, die man
nicht füttern muss. Dabei kommt nichts anderes heraus als eine
mittelscharfe Praline, angefüllt mit all den wilden Worten,
die nie den Staub durchdrangen, die Farben sind schmutzig
und gerade deshalb schön, alles in einem gönnerhaften
Schwarz gelagert, bevor es sich im Schrank verliert.

Neu bezahnt

Ich bin neu bezahnt, nachdem meine Lücken absonderliche Zischlaute hervorbrachten, die es mir unmöglich machten, einen vernünftigen Satz zu vertonen, wobei gerade das Vertonen mir jetzt gar nicht mehr wichtig erscheint, schließlich habe ich genug Beispiele, Nebenspiele, Hauptspiele und Unsinnigkeiten vertont. Zu schweigen von den Podcasts, die noch nicht alle in der Veranda angekommen sind. Das hat Zeit, scheint unwichtig, gerade weil die Veranda im stillen vor sich hin wächst, selbst ein absonderliches Konstrukt ist – ziellos und im Grunde nur dazu da, Tinte zu sparen, die gar nicht gespart werden müsste (denn ich schmiere ohnehin erst in ein Heft, bevor ich taste). Es ist sehr viel Wandel im Gange und paradoxerweise scheint mir nichts wichtiger als ein Gedicht. Als ich mit dem Lorebuch 2018 begann, war es ein Gedicht, das jetzt zu einem Langgedicht wird. Andererseits widerspricht das meinen Momentaufnahmen, der Vorstellung (alles ist Vorstellung), dass ich niemals den gleichen Ton treffe, nachdem ich den Stift beiseite gelegt habe. Das bedeutet: selbst wenn ich fünf Gedichte an einem Tag schreibe (was vorkam, wenn auch selten), sind sie nicht unbedingt in der gleichen Fason, wenn auch doch im gleichen Stil. Das hat mit Zähnen sehr wenig zu tun, spielt sich aber in der gleichen Luft ab, im gleichen Luftraum, insofern man seine Träume nicht auslüftet.

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