Ich bin die Nacht: 4 Talon

In früheren Epochen stand die Gemeinschaft voller Ingrimm um den gezwieselten Baum herum wie um einen Scheiterhaufen, das Vieh starb, die Freunde starben, das Land verödete: »Du stinkst wie deine Sünden!«, rief man im Chor. Damals. Ein Wort, das mächtige Welten aus der Vergangenheit herbeizitiert, als hier noch die Holzknechte drahtig und zerlumpt in ihren Hütten, aus Rinde gebaut, lagerten, um den gewaltigen Bedarf an Brenn- und Bauholz zu gewährleisten. Die pumpenden Essen der Hammerwerke verschlangen dabei genauso viel fruchtiges saftiges Tann wie die Glashütten. Außerdem benötigte man Bauland in dieser nahezu lichtungsfreien, waldreichen Gegend, in der fürstlich der Hof der Jagd huldigte oder ausritt, um sich in Ekstase zu bringen durch den Klang prallender Hufen, und demzufolge in recht guter Stimmung ins Schloss zurückkehrte, ob mit oder ohne Beute. Heute handelte man das Vergehen ohne Spott ab, ließ die Muse des Prangers walten, um den Talon zu vollziehen, und der Sünder sollte es für sich allein ausmachen.

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    Manchmal stellte sie das Radio an. Es kam ihr dann so vor, als wäre jemand bei ihr im Raum und spräche sie an. Antworten müsste sie ja nicht, aber sie tat es trotzdem. Oft sagte sie: »Ihnen auch!« Oder: »Das haben Sie wieder einmal fein ausgedrückt!« Sie ging in der ganzen Wohnung umher und betrachtete die Wände, die Figuren auf manchen Regalen, die Teller in der Vitrine. Manchmal gab es im Radio ein Lied, das sie kannte. Das akustische Fenster, das sie davon überzeugte, dass es eine Welt außerhalb ihrer Küche gab. Lange war sie nicht mehr raus gekommen, woher sollte sie also wissen, ob die Straße vor ihrer Haustür überhaupt noch existierte? Vielleicht war da schon längst eine Autobahn entstanden. Sie hätte televisionieren können, damit kannte sie sich allerdings nicht besonders gut aus; sie wusste nicht, wie man zuschaut, und deshalb gab es für sie nie ein Bild, dem sie hätte folgen können.

    Das Radio war die Lebendigkeit in Person, darin war die ganze Welt vertreten, sogar das ›Weiße Rauschen‹, das sie sich manchmal ebenfalls einstellte. Und heute – heute wollte sie wieder einmal ausgehen. Dafür hatte sie ihr einziges bestes Kleid im Bügelofen bügeln lassen. Manchmal aber wollte sie Stille. Es kam ihr dann so vor, als sei sie die letzte Überlebende eines großen Irrtums. Dann sagte sie in die Stille hinein: »Ich habe es schließlich gewusst!« Oder: »Es ist schon merkwürdig!« In der Stille hörte sie den Boden an manchen Stellen knarzen. Ab und zu, wenn ihr danach war, küsste sie eine der Wände, anstatt sie nur anzusehen, die Figuren in manchen Regalen. Jetzt aber nahm sie ihr Kleid, zog es an – und auch ihre einzigen besten Schuhe vergaß sie nicht, bevor sie sich ins Bett legte. Im Radio lief ein altes Lied.

  • Edith

    Ich kann nicht sagen, wie viele Hände ins große Spargelfeld meiner
    zweiten Mutter gesickert sind, und ob sie dort noch liegen.
    Ich erinnere nur das:

    Stets zur Mittagszeit refelten sich feinflechtig, an vier schwebenden
    Stühlen aufgespannt, zwei rote Beine auf.
    Ich blieb, um zu sehen, wie sie sich verflüchtigten.
    Konvex blieb um mich herum der Wald als große Lungenblase
    berstend gegen die Ortschaft stehen.
    Es dauerte bis in den Abend hinein bis die Spannung seiner
    Oberfläche einen Riss bekam, und er mir so sein dunkles Nadelmeer vor Augen spülte.

    Es war wie eine gewaltige Traube, die barst.
    Ich fand mich unter den Rücken der Tannen wieder.
    Von Weitem rief Edith nach mir.
    Ich lief zu ihr.
    Sie nahm mich an ihre rechte Hand, einen schwarzen
    Eimer, gefüllt mit Spargeln, in der linken.
    Mich mit ihren durch die dickwandigen Gläser, die sie trug, stark
    vergrößerten Augen anschauend, nahm sie mich mit sich.

  • Schemenform (Proto)

    Wieder lief ich des Weges, den ich einst nahm.
    So oft warf ich meine Hände dabei ins Feuer.
    Und jedes Mal in jeder Mitte dieses Waldes ließen
    sie mein Haus, auf das sie mit ihren nachtlangen Fingern zeigten,
    erneut in diesem großen Kessel versinken.
    So lange habe ich dich hier nicht mehr gesehen.
    Die Bäume brachen ihre Borken durchgehend stumm auf.
    Fleischweiß ist es hier geworden. Einzig hinter der Tränenmauer
    gingen Wölfe auf Zehenspitzen auf und ab.

  • Cocktail

    »Es tut mir leid, es Ihnen auf diesem Wege mitteilen zu müssen …« sagte der Butler, und stand da, wie ein Stock eben dasteht »aber Ihre Frau lässt ausrichten, ich solle Ihnen eine in die Fresse hauen und sie ließe sich scheiden. Da ich zu ersterem nicht erzogen bin, muss ich leider Fehl gehen, und kann Ihnen nur die zweite Botschaft sachgetreu übermitteln.«
    Da standen sie, gaben an, und tranken Cocktails, die sie noch nie in ihrem Leben getrunken hatten. Eine Gesellschaft voller Pärchen, die sich scheiden ließen. Wenn man es treiben wollte, ging man nach oben; dort war alles mit blödem Plüsch ausgarniert, aber die Betten quietschten nicht. Handschellen gab es für zwanzig Mäuse zum ausleihen.
    »Danke, Bernie. Das ist nett!« Ich schob ihm einen Geldschein in die hohle Hand. »Das haben Sie gut gemacht!«
    Ohne das Geschehen mit den eigenen Augen zu begleiten, verschwand der Schein in einer der unzähligen Taschen, die alle beschriftet waren. Ich konnte nicht lesen, was darauf stand, und hätte mich vorbeugen müssen, um es dennoch zu tun.
    »Sir! Außerdem wartet jemand auf Sie, ebenfalls eine Miss. Diese aber will nun, dass ich Sie zu ihr führe. Sie lässt ausrichten, sie sei nackt, und darüber hinaus überglücklich, dass Sie das mit Ihrer Scheidung nun endlich regeln wollen. Sie sagt, Sie sollen sich beeilen, sie friere entsetzlich.«
    »Danke, Bernie. Das ist nett!« Ich schob ihm den nächsten Geldschein in die hohle Hand. Das mechanische Getriebe begann erneut leise zu schnurren, und das Geld verschwand, jedoch in einer anderen Tasche.
    »Was steht da eigentlich auf Ihren Taschen?« Ich hatte lange genug gewartet, und wollte mich noch immer nicht vorbeugen.